Sigrid Nunez hat keine Scheu vor schweren Themen und schafft es in ihren Romanen immer wieder, hier und da eine Prise Humor einzustreuen und für eine gewisse Leichtigkeit und Unterhaltsamkeit zu sorgen. Geradezu beschwingt ist „Die Verletzlichen“ im Vergleich zu ihren anderen fantastischen Büchern wie „Der Freund“ (Vielleicht erinnern Sie sich, nach dem Freitod eines geliebten Freundes sorgt die namenlose Ich-Erzählerin für dessen Dogge und beide werden einander Trost spenden.) Auch in diesem Fall spielt ein Tier eine Rolle. Zu Beginn der Corona-Krise wird die (wieder) namenlose mittelalte Ich-Erzählerin, Schriftstellerin und New Yorkerin gebeten, im Luxusappartment von Freunden nach deren Papagei zu schauen, da Frauchen hochschwanger in Los Angeles gestrandet ist. Diese Art der Fürsorge lenkt sie ein wenig von Sorgen und Gedanken bezüglich Viren und einer Schreibblockade ab. Nachdem ihre eigene Wohnung von einer Ärztin im Ruhestand bezogen wird, die aus Oregon angereist ist, um in einem New Yorker Krankenhaus auszuhelfen, zieht sie sogar ganz bei Eureka, dem Papagei, ein. Kurze Zeit darauf gibt es noch einen dritten Bewohner: einen junger Mann namens Vetch, der ursprünglich für die Hege und Pflege des Vogels angeheuert und zwischenzeitlich verschwunden war. Generationen, Lebenseinstellungen und die Angst vor einer Ansteckung prallen aufeinander, doch mit der Zeit (und mit der Hilfe von Eureka) nähern sich die beiden Fremden an und geben einander Halt in einer persönlich und global schwierigen Zeit.
„Die Verletzlichen“ ist nicht nur ein wunderschöner, berührender und unterhaltsamer Roman über das Leben sondern auch eine Reflexion über das Schreiben und Lesen. Die Autorin bezieht sich dabei auf Virginia Woolf und ihren ehrgeizigen Plan, einen Roman mit einem Sachbuch zu verbinden. Ein Vorhaben, welches Sigrid Nunez wunderbar geglückt ist.