Pünktlich zum Buchmesse-Schwerpunkt hat Sebastian Guggolz einen norwegischen Klassiker zum ersten Mal auf Deutsch herausgebracht: „Frühlingsnacht" von Tarjei Vesaas, erneut kongenial übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Vesaas hat zeitgenössische Schriftsteller wie Tomas Espedal und Karl Ove-Knausgard inspiriert wie begeistert.
Mit seiner klaren wie atmosphärischen Sprache zieht mich der Autor atemlos in seine Geschichte. Sissel und ihr jüngerer Bruder Hallstein sind die Hauptfiguren. Hallstein erinnert mich an Mattis aus Vessas´ ebenfalls lesenswerten Roman „Die Vögel". Ist er doch ein recht seltsamer Junge mit großer Fantasie und eigentümlichen Gedanken. So sucht er Gudrun auf, eine Freundin, die er in einem leerstehenden Haus entdeckt hat und mit der er spricht. Aber es gibt sie nicht wirklich, sie ist lediglich eine imaginäre Bewohnerin seiner ganz eigenen Fanatsiewelt. Aber vor ihm liegt eine freie, wunderbare Zeit ohne Eltern.
Seine Schwester nutzt diese, um mit ihrem Verehrer Tore anzubandeln, was Hallstein neugierig beobachtet. Als sich die beiden Geschwister auf einen ruhigen Abend vorbereiten, klopft es plötzlich an der Tür. Wer kann das sein? Tore? Nein, eine ganze Familie, die sofort hektisch auf die beiden einredet. Das Auto sei kaputt, und bei der hochschwangeren Grete haben die Wehen eingesetzt. Eine Hebamme muss her! Sofort!
So radelt Hallstein mit Gretes Mann Karl in den Ort, um eine Hebamme zu besorgen. Fahren vorbei am kaputten Auto der Familie, in der noch Kristine sitzt, die nicht mehr laufen kann und auch nicht spricht, außer mit Hallstein. Sie ist zudem mit Karls Vater liiert. Und dann ist da noch Gudrun, ja, Gudrun, leibhaftig und aus Fleisch und Blut. Hallstein verliebt sich augenblicklich.
Waren die vorherigen Werke vor allem von Innenansichten geprägt, öffnet der Autor hier eine Wundertüte aus Dialogen und Aktionen, gleich einem mitreißenden Theaterstück. Obgleich viel gesprochen wird, erweist sich Vesaas als Meister der Auslassung. Einiges hängt in der Schwebe wie Tautropfen an Blumen. So schafft er eine ganz besondere, geradezu zauberhafte Stimmung. Und er beweist erneut auf beeindruckend schöne Weise, dass er ein Freund von eigentümlichen Figuren und Geschichten ist.
Tarjei Vesaas ist einer der großen literarischen Stimmen aus Norwegen, die es lohnt, entdeckt zu werden. Findet übrigens auch Siri Hustvedt, die den Autor sehr schätzt. Dem möchte ich an diesem Vorfrühlingstag nicht widersprechen.
Frühlingsnacht
von Tarjei Vesaas
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