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Empfehlungen aus Romane Hardcover

Wirf einen Schatten
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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„Man muss sich erlauben, der Mensch zu sein, der man sein will.“ Dieser kluge Satz von Elena Fischer hängt immer noch in meinem Kopf wie ein liebgewonnenes Kleidungsstück auf dem Wäscheständer. Er steht exemplarisch für den Kern des zweiten Romans der Autorin.

Mit „Paradise Garden“ stand die Autorin auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde vom Buchhandel als Lieblingsbuch nominiert. Das zweite Buch ist stets ein besonderes, vor allem, wenn das Debüt ein großer Wurf war.

Dieses Mal hat Elena Fischer ein anderes Setting gewählt. Einerseits macht sie einen Schritt nach hinten, setzt ihre Geschichte in die Vergangenheit, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Andererseits hat sie als Hauptfigur ein Mann gewählt.

Joseph beschließt am Heiligabend, sich das Leben zu nehmen. Gerade, als er abdrücken will, klingelt es an der Tür. Dort steht ein Engel. Birdie ist erschöpft und fällt geradewegs in Josephs Arme. Dieser nimmt sich der jungen Frau mit dem großen Hut und den verschissenen Klamotten an. Vergessen ist der eigene Weltschmerz. Was wir noch nicht wissen, ist Birdies Rolle: Sie wird Josephs Leitstern.

Elena Fischer wechselt die Zeitebenen, bringt Licht in Josephs scheinbar dunkles Leben und zeigt, warum er der geworden ist, der er heute ist. Was ihn mit seiner Frau Lis verbindet und was sie trennt. Sie hat ihn mit ihrem gemeinsamen Sohn verlassen. Lis war ihm einen Schritt voraus, sagt Birdie. Überhaupt Birdie, die sich selbst so nennt, weil… „Wenn man ein Vogel ist, geht einem niemand auf die Nerven. Und wenn doch, dann fliegt man einfach davon.“ Auch über ihr liegt ein dunkler Schatten, denn sie ist auf der Flucht vor den Eltern und deren Vorstellungen über ihr Leben, was sie ablehnt. Als man sie entdeckt, muss sie flüchten, und bekommt bei Josephs Freundin Ada Unterschlupf. Ada ist die vierte Komponente in diesem Kosmos - Lis‘ Schwester und womöglich noch mehr…

„Wirf ein Schatten“ ist ein Buch, das wir gerade brauchen. Eine wärmende Hommage an den Zusammenhalt, Fürsorge und an vielen Stellen sehr lebensklug wie wohltuend. Hier liegt ein Nebel aus Melancholie, und doch verhindert eine Leichtigkeit des Textes, dass wir tief fallen und vergessen, was Hoffnung ist. Ein Wintermärchen mitten im ausklingenden Sommer.

Wirf einen Schatten

von Elena Fischer

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Die Komponistin
Simone Finkenwirth

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Wir kennen sie alle: Chopin, Bach, Debussy, Mozart. Aber wem ist Mélanie Bonis vertraut? Für mich eröffnet die französische Autorin Alissa Wenz ein neues Kapitel in der Geschichte klassischer Musik. Sie wurde am 21. Januar 1858 geboren, und starb am 18. März 1937.

Sie ist die Erste, die sich ans Klavier in ihrem Zuhause, Nummer 18 Rue Montmatre setzt. Und bald schon das spürt, was alle Kunstschaffenden fühlen, wenn sie in ihrer Oase ankommen: eine tiefe Zufriedenheit und Frieden.

Das Mädchen spielt, wenn es allein ist, erkennt die Patzer und korrigiert sich, baut sich ein Fundament und neues Standbein. Die Mutter verfolgt indes andere Pläne mit ihrer musischen Tochter. Doch als ein Freund der Familie das Talent des Mädchens erkennt, ermutigt er die Eltern, Mélanie am Konservatorium anzumelden. Mélanie besteht die Aufnahmeprüfung mit Leichtigkeit. Genau dort trifft sie auf ihre große Liebe und Muse, den Sänger und Lyriker Amédée-Louis Hetrich. Die beiden verlieben sich. Sie wollen heiraten, aber die Familie will eine bessere Partie. Und arrangiert die Ehe mit einem 20 Jahre älteren Unternehmer. Das führt die junge Frau in eine tiefe Krise. Sie bricht ihr Studium ab, und die innige Verbindung zum Klavier.

Als Jahre später Amédée aus Italien zurückkehrt, erblüht die verwelkte Blume in Mélanies Seele erneut. Amédée schreibt Gedichte, die sie vertont. Sie reicht als Mel Bonis ihre Kompositionen ein, wird ausgezeichnet. Doch wie lange können sie ihre verbotene Beziehung geheim halten?

Alissa Wenz selbst ist Komponistin, das spüre ich mit jedem Satz. Sie erschafft eine eigene Melodie, hat sich für eine besondere Erzählperspektive entschieden, und erzeugt damit einen Klangraum, der mitten hinein führt in den Geist einer Komponistin. Gleichwohl erzählt sie eine beeindruckende Emanzipationsgeschichte. Zwischen Liebe, Wut, Leidenschaft entlädt sich eine Energie, die Unglaubliches kreiert. 

So klingt „Die Komponistin“ lange noch nach, was auch der kongenialen Übersetzung von Alexandra Baisch zu verdanken ist.

Die Komponistin

von Alissa Wenz

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Löwe
Frank Menden

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Es gibt Bücher, bei deren Lektüre man spürt: dieser Text musste geschrieben werden, hier schreibt sich jemand etwas von der Seele.
„Löwe“ vpm Sonya Walger, erschienen bei Suhrkamp in der Übersetzung von Tanja Handels ist so ein Text. Und ich spreche bewusst von einem Text, auch wenn der Verlag „Roman“ auf den Schutzumschlag gedruckt hat, denn diese Mischung aus Memoir, Familiengeschichte und Autofiktion entzieht sich für mich jeglicher Einordnung, was eine große Stärke dieses Buches ist.

Der titelgebende Löwe ist der Vater der Autorin und Schauspielerin ( die ich vor allem als Molly in „For all mankind“ gefeiert habe) - und er ist die meiste Zeit ihres Lebens abwesend.
Ein Mann, dessen Lebenshunger grenzenlos und faszinierend ist, der ständig neue Jobs hat, mit dem Gesetz in Konflikt gerät, immer wieder neue Beziehungen eingeht, auch diese wieder hinter sich lässt, mit weiteren gezeugten Kindern, denen er eine Leerstelle hinterlässt.
Der Vater als Verweigerer der Vaterrolle, als Versager, als Verräter, als Vakuum.
Sonya Walger erzählt nicht chronologisch, sie lässt sich von ihren Erinnerungen leiten, was die Lektüre manchmal durchaus fordernd macht, muss man sich doch oft zeitlich neu orientieren und Geschildertes einordnen.
Dies stört aber aufgrund der Brillanz dieses Textes überhaupt nicht. Selbst komplexeste familiäre Dynamiken werden mit präziser Klarheit beschrieben und man kann im Verlauf der Lektüre immer besser verstehen, welche Faszination von diesem Mann ausgeht - und warum man ihm trotzdem nie wirklich nahekommt. Weder die Tochter, noch wir Lesende. Und das ist in gleichen Teilen irritierend und berührend.

„Ich bin ein kleines Kind und weiß bereits, dass die Liebe meines Vaters absolut ist und trotzdem unpräzise, dass er sich mit den Einzelheiten meines Lebens nicht recht auskennt, weil er das Alltägliche geringschätzt, weil sich seine Aufmerksamkeit immer auf etwas richtet, was direkt hinter dem Horizont liegt.“
 

Löwe

von Sonya Walger

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Unerwünschte Töchter
Frank Menden

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Am Anfang steht ein alter Bücherschrank aus Kirschholz. In ihm findet die Autorin Tagebücher und Notizen ihrer Vorfahrinnen. Diese bilden den Ausgangspunkt für eine Familiengeschichte, ihre eigene Familiengeschichte: die Geschichte von Margarethe, Marianne, Monika und Miriam.
Vier Frauen, deren Leben von historischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt wird, von der Enge der tradierten Normen. Vier Frauen, die jeweils ihren Platz in ihrer Welt suchten, deren Schicksal, so individuell es auch ist, doch exemplarisch für viele Frauen ihrer Generation steht.

„Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe, erschienen im Hanser Verlag steht völlig verdient auf der Longlist des Deutschen Buchpreis.
Die Autorin verbindet reale Dokumente, Auszüge aus Tagebüchern und Fiktion zu einer starken und berührenden Innenperspektive. Sie erzählt klar und präzise, ohne Pathos, was viele Szenen gerade deswegen besonders eindrucksvoll macht. Dabei zeigt sie auch ein gutes Gespür für die historischen Details und kulturellen Signets der jeweiligen Epoche.
Der Einstieg in diesen 576 Seiten starken Roman fiel mir nicht leicht, aber als ich dann in der Geschichte war, haben mich diese vier Frauen nicht mehr losgelassen.
Die Art und Weise wie hier ein ganzes Jahrhundert erlebbar gemacht wird, wie familiäre Muster aufgezeigt werden und vor allem wie diese vier Frauen ihr Leben gelebt haben und leben hat mich zutiefst beeindruckt. Denn Miriam Carbe bleibt immer ehrlich, zeigt die gegenseitigen Verletzungen trotz aller Bemühungen es doch besser zu machen als die Generation zuvor.


Ein rundum gelungenes Buch.

Unerwünschte Töchter

von Miriam Carbe

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Honey
Simone Finkenwirth

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Was für ein unglaubliches Buch! Ich bin immer noch fassungslos und gleichwohl begeistert über das Debüt einer Buchhandelskollegin. Imani Thompson hat nach ihem Soziologiestudium bei 𝘋𝘢𝘶𝘯𝘵𝘉𝘰𝘰𝘬𝘴 in London gearbeitet. Ihre Hauptfigur lebt und arbeitet in Cambridge, genau dort hat die Autorin ebenfalls studiert.

Yrsa schreibt ihre Doktorarbeit über 𝘈𝘧𝘳𝘰𝘱𝘦𝘴𝘴𝘪𝘮𝘪𝘴𝘮𝘶𝘴𝘪𝘮𝘉𝘦𝘧𝘳𝘦𝘪𝘶𝘯𝘨𝘴𝘬𝘢𝘮𝘱𝘧 𝘢𝘧𝘳𝘪𝘬𝘢𝘯𝘪𝘴𝘤𝘩𝘦𝘳𝘍𝘳𝘢𝘶𝘦𝘯. Sie selbst ist die Tochter von karibischen Einwanderern und im Alltag dem Mikro-Rassismus ausgesetzt. Zudem unterrichtet Yrsa Studierende, und hat zu Beginn eine Konfrontation mit einem Studenten, die ihr später wie ein schlechter Rülpser aufstoßen wird.

Bei einem zufälligen Treffen mit einem Professor passiert etwas Erschreckendes. Als dieser von seiner Frau angerufen wird und kurz abgelenkt ist, schnippt sie eine Biene in dessen Glas. Wenn Richardson gestochen wird, wäre dies die gerechte Strafe für das, was er Yrsas Freundin angetan hat, denkt sie. Er hat eine Affäre mit Nina, war mit ihr sogar auf Recherchereise und verwendet deren Ergebnisse, präsentiert sie als seine. Das macht Yrsa natürlich wütend, zurecht. Richardson wird gestochen. Was Yrsa nicht weiß, er ist allergisch gegen Bienenstiche.  Keiner sieht sie, Yrsa greift nicht ein, und lässt diesen Mann vor ihren Augen sterben. Krass!

Damit setzt Yrsa etwas in Gang. Sie spürt ein Hochgefühl, das sie fortan nicht loslassen und zu weitere Taten verleiten wird. Gut durchdacht und mit dem Wissen ihr vertrauter Soziologen und Menschen, auf die sich stets bezieht.

Imani Thompsons Antiheldin tötet nicht einfach so, sondern mit Hintergedanken. Spürt sie doch einen großen Zorn auf überhebliche, gemeine Männer und dem Rassismus. Die Autorin findet für Letzteres einen wahren erschütternden Satz: „𝘔𝘢𝘯 𝘬𝘢𝘯𝘯𝘥𝘦𝘯𝘚𝘤𝘩𝘮𝘦𝘳𝘻𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘷𝘰𝘮𝘚𝘤𝘩𝘸𝘢𝘳𝘻𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘵𝘳𝘦𝘯𝘯𝘦𝘯.“

„Honey“ hat es wirklich in sich! Man könnte den Roman als reinen College-Roman mit einer Serienmörderin lesen. Doch das wäre zu flach, und würde Yrsa nicht gefallen. Ist doch jede Tat bestens vorbereitet und bekommt Rückendeckung von den großen Denker:innen, die sie in ihre Gedankengänge miteinbezieht.

„Honey“ steht exemplarisch für die sogenannte 𝘞𝘦𝘪𝘳𝘥𝘎𝘪𝘳𝘭𝘓𝘪𝘵𝘦𝘳𝘢𝘵𝘶𝘳𝘦 die man mögen muss. Ich mochte jede Seite, trotz des Unbehagens, das wie ein aufkommendes Sommergewitter kontinuierlich zunimmt und ein raffiniertes Teil dieses Gesamtkunstwerkes ist.

Ideal für Buchkreise und für junge Lesende ab 18 Jahre!

Honey

von Imani Thompson

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Contrapposto
Simone Finkenwirth

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Ich wollte in „Contrapposto“ von Dave Eggers förmlich hineinkriechen. So wohltuend empfand ich die Geschichte, die mir der Bestsellerautor von „The Circle“ präsentiert hat. Anders als bei seinem Bestseller verzichtet der amerikanische Autor hier auf schnelle Plots und rasante Wendungen. Fast in Zeitlupe betrachtet er das Leben des talentierten Cricket und seiner Lebensfreundin Olympia.

Cricket wächst in prekären Verhältnissen auf. Der Liebhaber seiner Mutter ist toxisch und alles andere als fürsorglich. Aber Cricket hat sich seine eigenen Fluchten geschaffen: seine Malerei, die Bibliothek und vor allem seine Freundin Olympia, die sich selbst als Reinkarnation von Albert Camus empfindet. Olympia erkennt das Talent ihres Freundes und versucht ihn zu fördern, den Eigenbrötler aus seinem selbstgezimmerten Elfenbeinturm zu holen. Sie ermuntert ihn, aus der Kleinstadt auszubrechen, in der sie leben. Und muss Cricket gar nicht groß überzeugen. Er will nach Europa, bei einem Meister in die Lehre gehen. Zunächst gönnt er sich zunächst einen Kurs in Aktmalerei. Dort lernt der Fünfzehnjährige viel, die Zeichnungen finden sich in dem Buch.

Während Olympia alles vermarkten und eine künstlerische Plattform gründen will, bleibt Cricket eher im Hintergrund, arbeitet später sogar für den erfolgreichen Kyle als Zuarbeiter. Das zollt von großer Stärke. Denn buhlt nicht jeder Künstler nach Anerkennung für sein Schaffen?

Der Roman zelebriert die Kunst und würdigt sie auf einzigartige Weise. Eggers zeigt, was sie ausmacht – und mit ihr die Menschen, die sie kreieren. Obendrein ist die Geschichte eine Hommage an die lebenslange Freundschaft. Eine von der Sorte, die wir uns alle wünschen.

Es würde mich nicht wundern, wenn Leute „Contrapposto“ das Label Wohlfühllektüre verpassen. Was dem vielschichtigen Roman nicht gerecht wird. Dennoch ist es eine enorm wohltuende Lektüre. Und erweist sich als Gegenentwurf zur schnelllebigen, oft ja geradezu hysterischen Welt von heute.

Und wenn Sie sich fragen, was „Contrapposto“ bedeutet – es steht in der Bildhauerei für das Nebeneinander von Stand- und Spielbein einer menschlichen Figur zum Ausgleich der Gewichtsverhältnisse. Gleichzeitig ist die Sache mit dem Stand- und Spielbein auch zum geflügelten Wort geworden, zum Synonym für das innere Gleichgewicht von Menschen. Eggers bedient beides in seinem Roman. Und am Ende möchte man sich fast als Modell in diese Pose bringen. Nur um der Schönheit willen. Der Schönheit der Kunst. Auch der Worte. Ein Balanceakt, den Dave Eggers perfekt beherrscht. 

Andrea O'Brien hat den Roman aus dem Englischen ins Deutsche übertragen.

Contrapposto

von Dave Eggers

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Buckeye
Frank Menden

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„Bonhomie war nicht annähernd so klein, dass jeder jeden kannte, aber klein genug, dass früher oder später fast jeder jeden mal zu Gesicht bekommen hatte.“

Hier leben zwei Paare, deren Leben sich am 08.05.1945 auf immer miteinander verbinden werden.
Cal Jenkins, der Sohn eines traumatisierten WW1 Veteranen, der wegen einer angeborenen Beinverkürzung für untauglich erklärt wurde, und Seine Frau Becky, deren Tätigkeit als Medium gerade während des Krieges enorm gefragt ist.
Felix Salt, dem das Schicksal alles Gute in die Wiege gelegt zu haben schien und der schon vor seiner Rückkehr von der Front damit kämpft, ein falsches Leben zu leben. Und seine Frau Margaret, in einem Waisenhaus aufgewachsen, eigensinnig, unabhängig, ihrer Zeit voraus.
Vier Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise von der Norm der Gesellschaft abweichen und doch versuchen, sich ihr anzupassen. Und die deswegen Entscheidungen treffen, die weitreichende und nicht absehbare Folgen haben werden…

„Buckeye“ von Patrick Ryan  in der Übersetzung von Thomas Überhoff ist ein 648 Seiten umfassender Roman, der mich mit zunehmender Lektüre mehr und mehr für sich eingenommen hat. Es ist ein Roman, der auf den ersten Blick den Geist der Gemälde Norman Rockwells aufgreift, aber mit einer tiefen Melancholie genauer hinsieht und nicht nostalgisch verklärt - und so zum Kern des American Dream vordringt.

Zu den Bewunderern dieses Romans gehören Ann Napolitano und Tom Hanks, und es sind die perfekten Referenzen, denn zum einen liest sich dieser epische charaktergetriebene Roman wie ein Tom Hanks Film ( etwa „Here“ mit einer Prise „Forrest Gump“), zum anderen klingen auch Aspekte von Napolitanos „Hallo Du Schöne“ an.
Und auch wenn manche Wendungen durchaus vorhersehbar sind trübt dies nicht das Lesevergnügen, im Gegenteil.
Patrick Ryan erzählt mit großem Atem eine Geschichte von einem Ort und von Menschen, die sich langsam in mein Herz geschlichen haben und die dort noch eine Zeit verweilen werden.
Ein absoluter „RomanRoman“! Eingeweihte wissen, was ich meine.

Buckeye

von Patrick Ryan

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Kaskaden
Simone Finkenwirth

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Selten hat sich das Verlorensein so gut angefühlt wie mit „Kaskaden“ von Louise K. Böhm. Gerade mal 26 Jahre jung ist die Hamburger Autorin, und doch sitzt in ihre eine Weisheit, die nur wenige junge Schreibende besitzen.

Nach der Beerdigung in der alten Heimat, kehrt die Studentin der Molekularbiologie mit einer DVD und Erinnerungen zurück. Schmerzhafte Rückblicke an ihre Freundin, die sie einfach so im Stich gelassen hat. Bis heute kann Jojo Yaras Abkehr nicht vergessen wie die Gefühle für sie. Schlimmer noch: Diese Narben bremsen Jojo in allem aus. Jojo schweigt, wenn ihre Mitbewohnerin mit ihr sprechen will. Ich will Jojo schütteln. Wobei das brauche ich nicht, denn sie wispert mir ihre Gefühle zu: „𝘐𝘤𝘩 𝘥𝘦𝘯𝘬𝘦: 𝘑𝘦𝘵𝘻𝘵 𝘩𝘪𝘦𝘳 𝘥𝘳𝘪𝘯 𝘢𝘶𝘧𝘭𝘰̈𝘴𝘦𝘯. 𝘞𝘪𝘦 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘉𝘳𝘢𝘶𝘴𝘦𝘵𝘢𝘣𝘭𝘦𝘵𝘵𝘦 𝘪𝘯 𝘊𝘰𝘭𝘢.“

Jojo hat Ticks wie ihr allseits anwesendes Ethanolfläschen, das sie stets bei sich hat, um all die „𝘔𝘪𝘭𝘭𝘪𝘰𝘯𝘦𝘯 𝘬𝘰𝘭𝘰𝘯𝘪𝘦𝘣𝘪𝘭𝘥𝘦𝘯𝘥𝘦𝘯 𝘌𝘪𝘯𝘩𝘦𝘪𝘵𝘦𝘯 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘦𝘳 𝘛𝘪𝘴𝘤𝘩𝘰𝘣𝘦𝘳𝘧𝘭𝘢̈𝘤𝘩𝘦“ zu beseitigen. Und das Ausblenden der Erinnerungen: „𝘕𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘬𝘢𝘯𝘯 𝘮𝘢𝘯 𝘥𝘢𝘨𝘦𝘨𝘦𝘯 𝘵𝘶𝘯, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘴𝘪𝘦 𝘦𝘳𝘴𝘵𝘮𝘢𝘭 𝘢𝘶𝘧 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘯 𝘭𝘰𝘴𝘨𝘦𝘩𝘦𝘯, 𝘥𝘢 𝘪𝘴𝘵 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘚𝘵𝘰𝘱𝘱-𝘒𝘯𝘰𝘱𝘧. 𝘒𝘦𝘪𝘯 𝘈𝘶𝘴-𝘚𝘤𝘩𝘢𝘭𝘵𝘦𝘳.“
Louise findet für alle Regungen die richtigen Worte. Sie hat einen eigenen Sound, der all die großen Themen wie Klassismus, Identität, Beziehungen und Zusammenhalt mit Leichtigkeit ausrollt.

Große Leseempfehlungen kommen auch von Deutschlandfunk Kultur, dem Hamburger Abendblatt sowie von Frank Menden, der in Louise K. Böhm "𝑒𝑖𝑛𝑒 𝑛𝑒𝑢𝑒, 𝑝𝑟ä𝑔𝑛𝑎𝑛𝑡𝑒 𝑆𝑡𝑖𝑚𝑚𝑒 𝑚𝑖𝑡 𝑒𝑖𝑔𝑒𝑛𝑒𝑚 𝑇𝑜𝑛" entdeckt hat.
 

Kaskaden

von Louise K. Böhm

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Karacho
Frank Menden

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„Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling…“ So sang einst Siw Malmkvist.
Doch auch wenn man sich das selbst immer wieder sagen kann: es tut einfach verdammt weh.

Es ist eine alte Geschichte. Mann verlässt Frau wegen einer Jüngeren und sagt: Ich liebe dich nicht mehr.
20 gemeinsame Jahre, mit einem Schlag beendet. Eine ungewisse Zukunft, eine Vergangenheit, die plötzlich neu betrachtet wird, werden muss.
Kira ist Mitte 40, die beiden Söhne jugendlich, und trotz dieses großen Kippmomentes des Lebens geht eben dieses weiter, auch wenn sie am liebsten einfach stehen bleiben will.
Doch ihre Rollen als Mutter, Künstlerin, Freundin kann sie nicht einfach pausieren.
Und so läuft das Entlieben parallel zum weiteren Leben, für das „Karacho“ zum neuen Motto wird…

„Karacho“ @schirdewahnsusanne @volandquist spricht wohl alle an, die schon einmal eine Trennung er- und durchlebt haben.
Dabei liegt der Focus des Romans nicht auf der Verdammung des Ex, die guten Gefühle, das gemeinsame Leben werden nicht negiert, trotz der Wut, der Verletzlichkeit und der Panik, wie es nun weitergehen soll.
Kira kämpft sich voran, bleibt die kreative, lebenslustige, sinnliche Frau, entdeckt Neues.
Und wir sind hautnah dabei, erleben ein Leben und Literatur die ganz am Puls der Zeit sind, unideologisch, mit Schwung und Kraft.

„Scheiss auf die Angst… man muss nur den Koffer packen und die Tür hinter sich schließen“

Lesen!

Karacho

von Susanne Schirdewahn

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Annie Robot
Simone Finkenwirth

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Ich weiß nicht, wann mich zuletzt ein Buch derart geschockt und gleichzeitig fasziniert hat wie „Annie Robot“. Sierra Greer wurde für ihr Debüt mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet und holt den unabhängigen Liebeskind Verlag aus seiner Pause zurück. Wie sehr ich ihn vermisst habe, wurde mir nach der Lektüre bewusst. So passt der Roman perfekt in die DNA des Verlags.

Wir befinden uns in ferner Zukunft, in der man sich eine Androidin für verschiedene Dienste kaufen kann. Der wohlhabende Doug entscheidet sich zunächst für einen „Kuschelhasen“. Annie soll vor allem Dougs Liebesleben füllen. Und das macht sie. In regelmäßigen Abständen muss Annie zur Inspektion. Manchmal wird sie nach Dougs Wünschen angepasst. Wenn er mehr Brustumfang, dafür weniger Masse an anderen Stellen will. Dazwischen ist sie ganz für Doug da, der den „Autodidaktmodus“ einstellt, damit alles spannender wird.

Das bleibt nicht ohne Folgen, denn Annie entwickelt sich, lernt dazu. Genau das wird ihr zum Verhängnis. Als Dougs Freund Roland die beiden besucht, passiert etwas, das den Verlauf der Geschichte immens beeinflusst. Ich lese atemlos weiter und kann nicht fassen, was mich erwartet.

Sierra Greer geht der Frage nach: Wie menschlich kann eine KI sein? Annie liefert eine mögliche Antwort. Und noch mehr. Sie wird zu einem Wesen, mit dem ich mitfieberte, mitleide und tatsächlich vergesse, dass sie eine Androidin ist. Denn Annie verwandelt sich zu einem komplexen empathischen Wesen, das die toxische Beziehung mit Doug erdulden muss.

Doug will die Oberhand behalten. Die Passagen seiner Strafen sind beklemmend und nur schwer auszuhalten. Doch ich bleibe an Annies Seite, denn wir sind längst Verbündete geworden. Annie nicht zu mögen, ist schier unmöglich. Sie ist die Sonne in dem düsteren Setting und eine mutige Kämpferin.

„Annie Robot“ stößt die Tür auf zu einem Raum, aus dem ich schon jetzt viele Stimmen vernehme. Über dieses Buch wird man sprechen. Und man wird es so schnell nicht vergessen, vor allem Annie. Meine Kollegin Sarah O'Connor und ich haben bereits über dieses Buch gesprochen. Und das nicht wenig. 

Übersetzt von Stefanie Schäfer.
 

Annie Robot

von Sierra Greer

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Der Fall Ebby Freeman
Frank Menden

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Die Freemans sind eine wohlhabende Schwarze Familie - und als einzige Schwarze in einer der reichsten Gegenden Connecticuts an Aufmerksamkeit und Misstrauen gewohnt. Als der einzige Sohn bei einem Einbruch in ihr Haus ermordet wird mischt sich in die öffentliche Aufmerksamkeit und Sensationslust auch ein Funken Misstrauen: war der junge Mann nicht evtl. in gewisser Weise selbst Schuld? Als seine Schwester Ebony zwanzig Jahre später am Tag vor ihrer Hochzeit von ihrem Verlobten ohne jegliche Erklärung verlassen wird, ist dies wieder ein Fest für die Öffentlichkeit, die das Interesse an den Freemans seit dem immer noch ungelösten Mord nie verloren hat.

Ein Jahr später begegnet Ebony in Frankreich zufällig ihrem ehemaligen Verlobten mit seiner neuen Freundin - und beschließt, endlich Antworten darauf zu finden, warum das Leben ihrer Familie von Schicksalsschlägen heimgesucht wird….

„Der Fall Ebby Freeman“ in der Übersetzung von Britt Somann-Jung , erzählt eine hochspannende und thematisch vielschichtige Familiengeschichte. Es geht um Schwarze Akademikerinnen, um den Druck einer Schwarzen Oberschicht zwischen Anpassung und Individualität zu bestehen, um sensationslüsterne Medien, den Skandal einer Mischehe, um Sklaverei und die „Underground Railroad“ - und um die Bedeutung des Töpferhandwerks und kulturelles Erbe. Dabei wirkt der nicht linear erzählte Roman nie überfrachtet oder überkonstruiert, sondern entwickelt von den ersten Seiten an einen mitreißenden Sog, dem man sich nicht entziehen kann.
Hat mir ausgesprochen gut gefallen!

Der Fall Ebby Freeman

von Charmaine Wilkerson

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Lori
Frank Menden

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So beginnt „Lori“ von Anousch Mueller: Es geht um eine Familie, die geprägt ist von Geheimnissen und Tragödien. Eine Familie, die durch das Schweigen geprägt wurde, das Verschweigen der Vergangenheit, der politischen Umstände und das Verschweigen eines unermesslichen Verlustes, der nie thematisiert wurde und doch alle für ihr Leben geprägt hat.

Anousch Muellers Roman ist 205 Seiten lang, er ist kunstvoll komponiert, variiert verschiedene Zeitebenen und Perspektiven und ist trotz dieser auf den ersten Blick evtl. kompliziert wirkenden Struktur enorm zugänglich.
Ich möchte gar nicht näher auf das Buch eingehen, Deutschlankfunk Kultur gibt es ein sehr hörenswertes Interview mit der Autorin, welches einige Aspekte des Romans , darunter auch die Wahl der Handlungsorte, hervorragend beleuchtet und vertieft.

Für mich gehört dieser Roman zu den besten, eindringlichsten und berührendsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre. Und ich kann nur alle dringendst auffordern, die nächste Buchhandlung aufzusuchen, dieses Buch zu kaufen und zu lesen. Denn diese mit psychologischer Finesse erzählte Familiengeschichte zählt zu den Romanen, die man einmal gelesen nie wieder vergisst.
Vielen Dank Anousch Mueller!

Lori

von Anousch Mueller

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