»Das Eis-Schloss« erinnert mich an einen Eiskristall, denn Tarjei Vesaas erzählt in einer eisklaren Sprache von einem zarten Glück, das viel zu schnell zerbricht. Dieser moderne Klassiker der norwegischen Literatur erschien erstmals 1963. Und wieder einmal haben wir es dem Verleger Sebastian Guggolz zu verdanken, dass das Werk bei uns in einer neuen Übersetzung erscheint. »Das Eis-Schloss« erhielt seinerzeit den Preis des Nordischen Rats, den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens. Völlig zu recht, strahlt das Buch doch durch seine eindringlich, elegante Sprache, die den Leser mitsamt der Geschichte magisch anzieht: »Vier Augen voller Funkeln und Strahlen unter den Wimpern. Der ganze Spiegel davon erfüllt. Ich weiß nicht: Funkeln und Strahlen, Funkeln von dir zu mir, von mir zu dir, und von mir allein zu dir – in den Spiegel hinein und zurück, und keine Antwort darauf, was das jetzt ist, keine Auflösung.«
Sofort sehe ich die Protagonisten Unn und Siss an einem Winterabend vor mir. Sie sind zum ersten Mal unter sich, neugierig, zurückhaltend, und doch fragend. Denn die Freude zwischen ihnen ist zerbrechlich. In Unns Seele lauert ein lang gehütetes Geheimnis, das aus den Tiefen ihres Ichs heraus will. Es braucht viel Überwindung, denn das Mädchen hat noch nie jemandem davon erzählt. Siss soll es nun erfahren, aber sie ergreift die Flucht und will nur noch weg, nach Hause. Tarjei Vesaas erzählt von einer besonderen Freundschaft zwischen zwei elfjährigen Mädchen, einer Freundschaft, die eher einem rohen Diamanten gleicht. Sie kann nicht zu dem werden, was man den beiden Mädchen wünscht, denn das Schicksal hat was dagegen: Der kalte Atem des Winters bringt eines der Mädchenherzen zum Stillstand.
Was geschehen ist? Nur soviel: Der Autor spricht über den Verlust in seiner ganz eigenen Sprache, die einfach nur einzigartig ist. Taucht ein in dieses faszinierende, winterliche Buch, das mich berührt und mit seinen stimmungsvollen Naturbeobachtungen regelrecht begeistert hat. Und durch seine tiefe Menschlichkeit, wie ein warmes Mäntelchen um das trauende Mädchen legt.
Das Eis-Schloss
von Tarjei Vesaas
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