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Empfehlungen aus Klassiker

Das Mädchen vom Moorhof
Frank Menden

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In dieser rauen und gefühlt politisch immer absurder werdenden Zeit war die Lektüre von Selma Lagerlöfs Novelle „Das Mädchen vom Moorhof“ eine willkommene Ruhepause.

Die Magd Helga erwartet im Schweden der Jahrhundertwende um 1900 ein unehrliches Kind. Der Vater, ein Bauer, streitet die Vaterschaft jedoch ab, auf eine eidesstattliche Erklärung seinerseits verzichtet Helga jedoch, weil ihr das Seelenheil des Mannes mehr wert ist als Gerechtigkeit ihr gegenüber.

Diese Integrität rührt die Menschen in ihrem Umfeld sehr, die Eltern nehmen sie wieder bei sich auf, und in der Gestalt des schmucken Gudmund scheint auch die Zukunft wieder heller zu sein…

Die Sühne von Schuld und die versöhnende und erlösende Kraft der Liebe waren neben einprägsamen Schilderungen der varmländischen Natur die grossen Themen Selma Lagerlöfs.
1909 erhielt sie als erste Frau den Literaturnobelpreis, 1914 wurde sie als erste Frau in die Schwedische Akademie aufgenommen.
Die von Hanna Granz neu übersetzte Novelle mit den wunderbaren Zeichnungen von Ulrike Möltgen bietet eine willkommene Gelegenheit die Autorin ( wieder) zu entdecken.

Das Mädchen vom Moorhof

von Selma Lagerlöf

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Die Verschwörung der Idioten
Frank Menden

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Es gibt Bücher, die gehören zum festen „Empfehlungsstamm“ eines jeden im Buchhandel arbeitenden Menschen. Bücher, die immer da sein müssen, auf die man immer zurückgreift.

Bei mir gehört „Die Verschwörung der Idioten“ von John Kennedy Toole dazu, seit einigen Jahren neu übersetzt von Alex Capus.

Es ist ein wunderbar schräger, absurder, hochkomischer Roman voller skurriler Charaktere. Im Zentrum steht Ignatius J. Reilly, der seine Tage auf der Couch seiner Mutter verbringt, sich mit Süßigkeiten vollstopft und das Fernsehprogramm kommentiert.
Gewisse Umstände führen dazu, dass er diese allzu bequeme Position verlassen muss und wieder Teil der ( Arbeits- ) Welt wird. Wie er zu seinem eigenen Hot Dog Stand kommt, was seine aberwitzigen politischen Ambitionen bedeuten und welch bizarren Menschen er auf seinem Weg begegnet, gehört für mich zu den abstrusesten, lustigsten, absurdesten, satirischsten und klügsten Romanen überhaupt.

Toole schrieb diesen Roman 1963, sechs Jahre später nahm er sich das Leben. Erst elf Jahre nach seinem Tod wurde das Buch verlegt und er erhielt 1981 posthum den Pulitzerpreis.

Ein wahrer Klassiker, dessen Humor sicherlich nicht für jeden ist . Aber wenn, dann gibt man diesen Roman nie wieder her!

Die Verschwörung der Idioten

von John Kennedy Toole, John K. Toole

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Illusionen
Katja Schneider

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Wir erlangen Einblick in das Leben von vier Angestellten, die sich ein Großraumbüro eines Konzerns teilen. Es ist Samstagmittag, die Kolleg_innen verabschieden sich ins Wochenende und in einem kurzen Zeitkorridor von anderthalb Tagen kann sich ganzes Leben zum besseren oder zum schlechteren verändern oder gar ganz in Frage gestellt werden, großes Glück oder schrecklichste Enttäuschung empfunden werden. Die Held_innen in diesem Buch sind keine Ausnahmepersönlichkeiten, sondern ganz normale Vertreter_innen der Gesellschaft mit ihren (mitunter niederträchtigen und selbstsüchtigen, eben allzu menschlichen) Wünschen, Träumen, und Gedanken.

Ruth Rehmanns Roman könnte auch auf 280 Seiten vom Wetter handeln oder einem Angelausflug, ich würde dennoch jede Seite, ja, jedes Wort begierig lesen und mich erfreuen an der Sprachmächtigkeit und genauen Beobachtungsgabe der Autorin. Bei seinem ersten Erscheinen im Jahr 1959 ist das Buch leider aufgrund der dominanten männlichen Konkurrenz (Böll, Grass, …) nicht zu seinem berechtigten Ruhm gelangt. Rund 70 Jahre später ist „Illusionen“ Dank des Aviva Verlags wieder erhältlich und es ist noch immer frisch, strahlend und topaktuell und verdient große Aufmerksamkeit und eine begeisterte Leserschaft.

Illusionen

von Ruth Rehmann

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Dienstmädchen für ein Jahr
Simone Finkenwirth

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Begeistern Sie auch die Bücher von Irmgard Keun? Dann könnte „Dienstmädchen für ein Jahr" von Sigrid Boo etwas für Sie sein. Dieser norwegische Klassiker ist jüngst frisch in der besonderen Reihe „rororo"-Entdeckungen erschienen. Sigrid Boo hat zwischen 1922 und 1942 zehn Romane veröffentlicht, die uns hoffentlich Buch für Buch erfreuen werden. Denn die Autorin ist eine wunderbare Wiederentdeckung.

„Dienstmädchen für ein Jahr" hat mich von der ersten Seite an verzückt. Boos Schreibe verströmt eine belebende Frische, die die letzte Wintermüdigkeit charmant vertreibt. Ich verneige mich vor Gabriele Haefs, die diesen Ton perfekt ins Deutsche übertragen hat.

Helga ist die Ich-Erzählerin. Das Mädchen aus gutem Hause wollte eigentlich nach Frankreich, aber ihr Vater eröffnet ihr, dass es um die finanzielle Situation der Familie nicht gut bestellt ist und sie das Vorhaben verschieben müsse. Helga dazu: „... aber ich wäre doch, ehrlich gesagt, nie auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet ich mich jemals mit einer Wirtschaftskrise befassen müsste."

Die junge jährige Frau hatte eine ausgezeichnete Abiturarbeit zur „Wirtschaftskrise nach dem Krieg" geschrieben. Und jetzt? Trifft sie sich erstmal mit Freunden und aus einer Laune heraus entsteht eine Wette, entspinnt sich aus einer Diskussion über das moderne Mädchen. „Ja, was könnt ihr denn eigentlich?" fragt ein junger Ingenieur an diesem Abend. Und Helga ruft: „Wir können alles!" Dann wagt sie es und begibt sich für einen Diamantenring in den Kampfring.

Helga arbeitet zunächst bei einer Familie, wo die Mutter am liebsten im Bett liegt und der Vater dem mit Glücksspiel verfallen ist. Und die fünf Kinder? Haben das Nachsehen. Glücklicherweise nicht mit Helga. Doch die nimmt bald Reißaus und beginnt neu bei einer besser gestellten Adresse. Dort bedient sie die Menschen, an deren Stelle sie sonst sitzt, und erfährt eine warmherzige und freundschaftliche Arbeitsatmosphäre.

Wir alle fragen uns ja gerade: Was lesen in derart schwierigen Zeiten? „Dienstmädchen für ein Jahr" ist meine Antwort. Geistreich, unterhaltsam und klug schreibt die Autorin über Freundschaft, Liebe, Zusammenhalt, Identität und den Klassenunterschied – gewichtige Themen, die bis heute nicht an Aktualität verloren haben.

Dienstmädchen für ein Jahr

von Sigrid Boo

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Das Eis-Schloss
Simone Finkenwirth

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»Das Eis-Schloss« erinnert mich an einen Eiskristall, denn Tarjei Vesaas erzählt in einer eisklaren Sprache von einem zarten Glück, das viel zu schnell zerbricht. Dieser moderne Klassiker der norwegischen Literatur erschien erstmals 1963. Und wieder einmal haben wir es dem Verleger Sebastian Guggolz zu verdanken, dass das Werk bei uns in einer neuen Übersetzung erscheint. »Das Eis-Schloss« erhielt seinerzeit den Preis des Nordischen Rats, den wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens. Völlig zu recht, strahlt das Buch doch durch seine eindringlich, elegante Sprache, die den Leser mitsamt der Geschichte magisch anzieht: »Vier Augen voller Funkeln und Strahlen unter den Wimpern. Der ganze Spiegel davon erfüllt. Ich weiß nicht: Funkeln und Strahlen, Funkeln von dir zu mir, von mir zu dir, und von mir allein zu dir – in den Spiegel hinein und zurück, und keine Antwort darauf, was das jetzt ist, keine Auflösung.«

Sofort sehe ich die Protagonisten Unn und Siss an einem Winterabend vor mir. Sie sind zum ersten Mal unter sich, neugierig, zurückhaltend, und doch fragend. Denn die Freude zwischen ihnen ist zerbrechlich. In Unns Seele lauert ein lang gehütetes Geheimnis, das aus den Tiefen ihres Ichs heraus will. Es braucht viel Überwindung, denn das Mädchen hat noch nie jemandem davon erzählt. Siss soll es nun erfahren, aber sie ergreift die Flucht und will nur noch weg, nach Hause. Tarjei Vesaas erzählt von einer besonderen Freundschaft zwischen zwei elfjährigen Mädchen, einer Freundschaft, die eher einem rohen Diamanten gleicht. Sie kann nicht zu dem werden, was man den beiden Mädchen wünscht, denn das Schicksal hat was dagegen: Der kalte Atem des Winters bringt eines der Mädchenherzen zum Stillstand.

Was geschehen ist? Nur soviel: Der Autor spricht über den Verlust in seiner ganz eigenen Sprache, die einfach nur einzigartig ist. Taucht ein in dieses faszinierende, winterliche Buch, das mich berührt und mit seinen stimmungsvollen Naturbeobachtungen regelrecht begeistert hat. Und durch seine tiefe Menschlichkeit, wie ein warmes Mäntelchen um das trauende Mädchen legt.

Das Eis-Schloss

von Tarjei Vesaas

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Getäuscht
Frank Menden

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Nikolai Freudenstein wurde 1894 in St. Petersburg geboren, emigrierte 1921 nach Europa und ließ sich zwei Jahre später in Paris nieder.
Hier schrieb er unter den Pseudonym Juri Felsen, beeinflusst von Virginia Woolf, James Joyce und Marcel Proust.
Er versuchte nach der deutschen Besatzung in die Schweiz zu fliehen, wurde jedoch gefasst und 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Mit „Getäuscht“ liegt nun zum ersten Mal eines seiner Werke auf Deutsch vor, in der großartigen Übersetzung von Rosemarie Tietze, die auch ein Vorwort zu diesem Roman geschrieben hat.

„Getäuscht“ handelt von einem jungen Mann, der sich in eine schöne junge Frau verliebt, die jedoch nicht das gleiche Interesse für ihn aufbringt wie er für sie.
Das „Was“ ist in diesem Roman dem „Wie“ untergeordnet. Denn wie der Erzähler über seine Gefühle schreibt , wie gekonnt er Lücken lässt und so mit uns Lesenden spielt, mit unserer Sicht auf ihn: macht er sich etwas vor oder ist es wirklich so wie er schreibt ? Wird er getäuscht oder wir? - das macht den großen Reiz dieses Romans aus, der mit seinen langen, sehr langen, Sätzen und vielen Adjektiven durchaus herausfordernd ist .

Wer sich darauf einlässt wird belohnt mit einer Lektüre, die erstaunlich gegenwärtig ist in der Darstellung einer fragilen Männlichkeit.
Unbedingt auch das kluges Nachwort von Dana Vowinckel lesen!

Getäuscht

von Juri Felsen

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Das verfallene Herrenhaus
Frank Menden

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Als Rosalie Vanderpoel den englischen Adeligen Sir Nigel Anstruthers heiratet, ahnt die amerikanische Erbin nicht, dass diese Ehe ihr Leben völlig verändern wird - und nicht nur weil sie New York als Wohnort mit dem englischen Anwesen Stornham Court eintauscht….

Nachdem ihre Familie zehn Jahre lang nichts mehr von ihr gehört hat, macht sich Rosalies jüngere Schwester Bettina auf den Weg nach England um zu erfahren, was mit ihrer Schwester passiert ist.
Sie findet Rosalie und ihren Sohn in einem psychisch wie physisch desolaten Zustand, der sich in dem heruntergekommenen Anwesen widerzuspiegeln scheint. Der resoluten Bettina gelingt es jedoch nicht nur, ihre Schwester und Neffen Ughtred neue Kraft zu geben, sie schafft es auch , die Herzen der Dorfbewohner zu gewinnen und gemeinsam schaffen sie es Stornham Court in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.
Doch als Sir Nigel nach längerer Abwesenheit zurückkehrt und Landsitz und Familie verändert vorfindet, offenbart er auch Bettina gegenüber sein wahres Gesicht….

Frances Hodgson Burnett ist vor allem als Kinderbuchautorin bekannt ( Der geheime Garten & Der kleine Lord ). Doch bevor sie diese auch heute noch beliebten Klassiker veröffentlichte, war sie als Autorin „erwachsener“ Romane erfolgreich.
„Das verfallene Herrenhaus“, das nun zum ersten Mal in der Übersetzung von Gerlinde Völker und mit einem informativen Nachwort Angelika Zirker in Deutschland erschienen ist, behandelt auf erstaunlich moderne Art und Weise das Thema „Gaslighting“ anhand der zu seiner Entstehungszeit ( 1900 ) sehr populären Eheschließungen von amerikanischen Erbinnen mit englischen ( verarmten) Adeligen ( der Originaltitel „The Shuttle“ spielt darauf an ).

Ich habe diesen manchmal sprachlich wunderbar altmodischen Roman trotz seines beträchtlichen Umfangs ( 807 Seiten ) ausgesprochen gern gelesen. Ich fühlte mich wie in einem Hybrid aus Jane Austen und Daphne DuMaurier mit einer Prise Bronte Schwestern. Und Kenner des „ geheimen Gartens“ werden an einer Stelle des Romans erkennen, wo die Geschichte ihren Ursprung hat.

Das verfallene Herrenhaus

von Frances Hodgson Burnett

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Kleine Fliegen der Gewissheit
Frank Menden

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Der Bloomsbury Kreis hat mich immer schon fasziniert, allen voran natürlich ihr berühmtestes Mitglied Virginia Woolf.
Nun ist im Aviva Verlag erstmals auf Deutsch „Kleine Fliegen der Gewissheit“ erschienen, der wohl wichtigste Text von Molly McCarthy, einer entfernten Cousine Virginia Woolfs.

1924 erschien der autofiktionale Text, in dem die Autorin mit einer gehörigen Portion britischen Humors auf ihre viktorianische Kindheit zurückblickt. Das geschieht eher schlaglichtartig, ist aber überaus erhellend und unterhaltsam, so auch der frühe Berufswunsch Mollys, die nach der Lektüre des „Jahrbuch der englischen Frauen“ ( ja, so etwas gab es tatsächlich) unbedingt Hygiene - Inspektorin werden wollte, was ihre Mutter mit einem Lachanfall quittierte, nur um ihr dann klarzumachen, dass dies keinesfalls geschehen werde, schließlich würde sie „stets eine englische Dame bleiben“.

Die Erinnerungen sind ganz ihrer Zeit verhaftet , und so überrascht es auch nicht , dass der Tod Königin Viktorias auch das Ende von Molly McCarthys Kindheit bedeutet .

Tobias Schwartz hat diesen schmalen Band hervorragend übersetzt und mit einem hervorragenden einordnenden Vorwort sowie zahlreichen Anmerkungen im Anhang versehen.
Eine wunderbare Entdeckung, nicht nur für Bloomsbury Fans!

Kleine Fliegen der Gewissheit

von Molly MacCarthy

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Die englische Scheidung
Frank Menden

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„Alec und ich werden getrennte Wege gehen. Wir lassen uns scheiden.“

Diese zwei Sätze, an ihre Mutter gerichtet, lösen ein Erdbeben aus. Dabei ist es für Betsy eine sehr erwachsene und vernünftige Lösung für das Dilemma ihrer Ehe: man passt einfach nicht zusammen, wäre mit anderen Partnern sicherlich glücklicher.
Doch es sind eben nicht nur die beiden Eheleute betroffen. Flugs machen sich die jeweiligen Schwiegermütter auf den Weg, Betsys und Alecs drei Kinder würden auch gern gehört werden. Tja , und natürlich haben die Freunde der beiden auch noch ein ( oder zwei oder drei ) Wörtchen mitzureden.
Und schon kippt die vernünftige Lösung um in eine kleine gesellschaftliche Katastrophe mit jeder Menge Drama…

1936 erschien Margaret Kennedys Roman „Die englische Scheidung“ zum ersten Mal ( der Originaltitel „Together Apart“ ist wesentlich zutreffender). Nach dem Erfolg von Kennedys „Das Fest“ erscheint nun ein weiterer Roman der fast vergessenen Autorin , übersetzt von Petra Post und Andrea von Struve - und er hat mich sehr begeistert.
Das liegt an Margaret Kennedys Geschick, Dinge zu analysieren ohne zu werten. Und natürlich vor allem an ihrer Gabe, süffisant zu erzählen, mit einer leichten, amüsanten Boshaftigkeit, lebensnah und klug - und sehr modern.
Wie aus einer harmonisch gedachten Scheidung ein wahrhafter Rosenkrieg entstehen kann und wie alles zerbricht und das Leben trotzdem - oder gerade deshalb - in völlig richtige, wenn auch komplett andere, Bahnen gelenkt werden kann - dies erzählt Margaret Kennedy äußerst klarsichtig, mit Witz , satirischer Schärfe und stillen Weisheiten.
Ein Hochgenuss!

„Im Lärm des Lebens nimmt man die sanften Töne nur selten wahr. (…) Sie brechen sich wie Wellen an einem fernen Strand ; dennoch sind sie es, die den größten Widerhall in der menschlichen Seele finden.“

Die englische Scheidung

von Margaret Kennedy

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Die Straße in die Stadt
Simone Finkenwirth

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Für gewöhnlich liebe ich Romane und Erzählungen mit Figuren, die mein Herz berühren. Die Erzählerin in Natalia Ginzburgs Debüt Die Straße in die Stadt – das 1942 erschien – erfüllt all das überhaupt nicht. Und trotzdem bleibt mein Herz bei dieser Geschichte hängen, da sie derart eigensinnig, versponnen und in vielerlei Hinsicht besonders ist.

Delia ist 16 Jahre, und sie will aus der Enge des kinderreichen Haushalts. Der Vater ist jähzornig, die Mutter überfordert. Und so flüchtet das Mädchen öfter in die Stadt zu ihrer Schwester Azalea, die scheint es geschafft zu haben. Sie ist mit einem älteren Mann verheiratet, der überhaupt kein Problem mit ihrem Lebensstil hat. Der da lautet: Schlafen, Nichtstun. Das will Delia auch. So nähert sie sich dem Sohn des Doktors an, verliert in einem kurzen Intermezzo nicht nur ihre Unschuld. Sondern das Kindsein. Denn Delia wird schwanger. Was jetzt?

In Nini findet sie eine Art Seelengefährten. Der junge Mann lebt zunächst bei ihnen zu Hause. Doch im Verlauf der Geschichte zieht er aus, arbeitet in der Fabrik und versucht, Delia mit Gesprächen und Verbindungen zu retten. Doch unsere Antiheldin macht alles kaputt. Und ich schüttele nicht selten meinen Kopf. Eigensinniges Ding, eigensinniges Buch und gerade deshalb unvergesslich und einprägsam.

Die Straße in die Stadt

von Natalia Ginzburg

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Patience geht vorüber
Frank Menden

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Und wieder eine Autorin, die mir völlig unbekannt war und dank des AvivA Verlages wieder zu entdecken ist. Dabei ist das Nachwort Eckhard Grubers über das Leben Margaret Goldsmiths fast interessanter als der Roman „Patience geht vorüber“ - aber nur fast!
Denn der schildert aus der Sicht einer jungen selbstbewussten Frau die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die Novemberrevolution, die Inflation 1923 und führt bin Anfang der 1930er ( Der Roman erschien 1931 zum ersten Mal).
Für mich ist der etwas unterkühlte aber genaue Ton der Pluspunkt dieses Zeitporträts, auch wenn es gerade dieser Ton ist, der den Einstieg etwas erschwert. Aber je weiter man liest, desto interessanter wird Patience, ihre Liebe zu Gretel, die aus Mitleid geschlossene Ehe mit einem Adeligen, ihre Arbeit als Journalistin und das komplexe Verhältnis zu ihrer Mutter. Patience steht zwischen den Geschlechtern , zwischen den Klassen und zwischen zwei Ländern, ist deutsch und englisch zugleich, ist offen und schmerzhaft ehrlich. Ihren Betrachtungen wohnt etwas leicht schnippisches inne, und ich muss sagen : mehr als einmal habe ich ihr im Geiste applaudiert.
Ein zum Teil höchst aktueller Roman ( in Fragen der Sexualmoral zum Beispiel), der hoffentlich noch viele begeistern wird.
Und ich hoffe , dass bald eine Biografie über Margaret Goldsmith erscheinen wird, deren Leben unglaublich spannend war!

Patience geht vorüber

von Margaret Goldsmith

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Das Bett mit dem goldenen Bein
Katja Schneider

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Ich denke immer von mir, dass Familiensagas gar nicht zu meinem Beute-, äh Leseschema gehören und dann werde ich stets eines besseren belehrt, denn ab und zu ist es herrlich, auf möglichst vielen Seiten die Irrungen und Wirrungen und Beziehungsverflechtungen einer Familie über möglichst viele Jahrzehnte oder gar ein ganzes Jahrhundert zu verfolgen. 

Dafür weiß ich ganz genau, dass ich osteuropäische Literatur liebe und deshalb war ich natürlich sofort gewillt, „Das Bett mit dem goldenen Bein“ zu lesen, ein Klassiker der lettischen Literatur, der das Leben einer weitverzweigten Familie über große Bereiche des 19. und 20. Jahrhunderts abbildet. Turbulent geht es auf den über 500 Seiten zu und ohne den vorne im Buch abgebildeten Stammbaum (Tipp: kopieren und als Orientierungshilfe und Lesezeichen verwenden) hätte ich wohl einige Mitglieder der Familie immer wieder durcheinandergebracht und mich in den Handlungssträngen verirrt. Wenn man dann einmal verstanden hat, wer zu wem gehört, dann ist das von Zigmunds Skujins geschaffene Epos ein großartiger und origineller Spaß, dessen besondere, durchaus verschrobene Charaktere die unglaublichsten Abenteuer und Schicksale erleben und die mir hier und da sehr ans Herz gewachsen sind. Einige dieser Begebenheiten tragen sich im fiktiven Küstenörtchen Zunte zu und manches Familienmitglied wird es auch nicht weit über den Stadtrand hinausschaffen in seinem oder ihrem Leben. Andere wiederum können gar nicht weit genug wegkommen und gelangen bis nach England und darüber hinaus. 

„Das Bett mit dem goldenen Bein“ ist ein weiteres Werk aus der Klassikerreihe des mare Verlags, das die Ästhetin, die Sammlerin, die Matrosin und die Lesewütige in mir sehr befriedigt hat.

Das Bett mit dem goldenen Bein

von Zigmunds Skujins, Zigmunds Skujiš

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Der verwunschene Fels
Simone Finkenwirth

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Am 7. Dezember 2023 jährte sich der Geburtstag von Willa Cather zum 150. Mal. Genau der richtige Anlass, um diese nach wie vor unterschätzte Autorin zu würdigen. "Die Andere Bibliothek" hat zu diesem Jubiläum einen wundervollen, auch haptisch feinen Band mit ihren Meistererzählungen veröffentlicht. Zusätzlich veredelt mit einem kenntnisreichen Nachwort der Übersetzerin Agnes Krup.

Was macht Willa Cather heute noch lesenswert? Nun, sie erzählt eigentlich von ganz gewöhnlichen Menschen, nähert sich ihrem Leben jedoch mit dem allergrößten Einfühlungsvermögen und bleibt ihren Figuren gegenüber stets sehr empathisch. Und sie erzählt klug wie präzise. Cather unterscheidet nie zwischen Mann und Frau, bleibt immer neutral.

In der ersten und titelgebenden Erzählung „Der verwunschene Fels“ denke ich zunächst an eine Frau und bin dann verwundert, dass mir ein Mann die Geschichte erzählt. Oder täusche ich mich? In jedem Fall sind die Gefühle echt, die die Erzählungen in mir hervorrufen. Erschrocken, berührt und erstaunt lese ich mich durch die Seiten. Sie erzählen von Aufbruch, Veränderungen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Von innerer Aufruhr und Verwunderung. Cathers Stimme ist eindringlich und bisweilen bezaubernd.

Willa Cather hat oft aus der Sicht von Männern geschrieben. Dabei war sie Frauen zugeneigt. Louise Pound war ihre erste große Liebe, und es existiert von den beiden ein herzensschönes Bild. Dann lebte sie fast vierzig Jahre mit der Redakteurin und Werbetexterin Edith Lewis zusammen. Wenngleich sie nie offen über ihre Homosexualität sprach, hat Cather diese in ihren Geschichten oft eingeflochten. Nachzulesen im ausführlichen Nachwort von Agnes Krup. Für mich bereichert die Übersetzerin, die selbst Romane schreibt, das Bild von Willa Cather um viele feine Nuancen.

Es lohnt sich also, das vielfältige Werk von Willa Cather zu entdecken, das so viel auslöst, wenn man es liest. Diesmal sage ich wirklich: Eine Entdeckung fürs Leben.

Der verwunschene Fels

von Willa Cather

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Das Erbe
Frank Menden

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Dieser Kurzroman von Vita Sackville-West war genau die richtige Lektüre am zweiten Advent.
1922 erschien die Geschichte über den sehr durchschnittlichen Mr Chase, einem Mann von mittelmäßigen Aussehen mit einem ebensolchen Job und Behausung - man mag es kaum Wohnung nennen - der aus heiterem Himmel eine Villa samt Ländereien und über 50 Pfauen erbt und der im Prozess des Verkaufes den Wert des Ideellen über den des Monetären erkennt.
Das klingt wenig spektakulär und erfreut in erster Linie durch die wunderbare Sprache ( Übersetzung: Irmela Erckenbrecht) und den ironisch distanzierten Ton.
Darüber hinaus schildert diese Neuausgabe den Übergang von der alten Aristokratie hin zur modernen kapitalistischen Gesellschaft wunderbar treffsicher und very British.

Das Erbe

von Vita Sackville-West

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Mühlstein
Frank Menden

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London in den Swinging Sixties.
Rosamund Stacey ist mittendrin und doch nicht ganz dabei . Die junge Cambridge Absolventin kennt zwar jede Menge Leute und ist durchaus beliebt, allerdings nicht so freigeistig was die allseits gelebte sexuelle Freiheit angeht. So trifft sie sich beispielsweise mit zwei Männern gleichzeitig, um bloß nicht mit einem von ihm intim werden zu müssen.
Als sie dann doch ihre Jungfräulichkeit verliert geschieht dies eher zufällig - und stellt sich als recht banales Ereignis heraus.
Die daraus resultierende Schwangerschaft, die Rosamund eher halbherzig selbst via Gin und einem heißen Bad beenden will, wird von zufällig vorbeikommenden Freunden vereitelt, die sich den Gin schmecken und darüber das Bad kalt werden lassen.
Der Anruf bei einem ihr empfohlenen Arzt scheitert daran, dass der Anschluss besetzt ist.
Man sieht: die Zielstrebigkeit und Klarheit, die Rosamund auszeichnet überträgt sich nicht auf ihre persönliche private Situation.
Sie beschließt, das Kind zu bekommen ohne dem Vater von ihrer Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen . Die Geburt ihrer Tochter Octavia verändert sie, offenbart eine ganz neue Seite ihrer Persönlichkeit…

Diese stark gekürzte Zusammenfassung der Rahmenhandlung von Dame Margaret Drabbles feministischen Klassiker „Mühlstein“ , übersetzt von Irmela Erckenbrecht und mit einem sehr interessanten und scharfsinnigen Nachwort von Verena Rossbacher versehen, kann nicht wiedergeben welch ungewöhnlich und stellenweise hochkomischer Roman hier seine wohlverdiente Renaissance erlebt.
Rosamund ist eine ungewöhnliche Heldin, unbeholfen und klar zugleich, unabhängig und doch bedürftig, modern, pragmatisch und auf charmante Art unzulänglich.

Ich habe sie gern bei ihren mal gut mal weniger gut geglückten Versuchen such durchs Leben zu manövrieren begleitet , ihren Charme und ihre Chuzpe bewundert.
Eine sehr willkommene Wiederentdeckung !

Mühlstein

von Margaret Drabble

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Die November-Schwestern
Katja Schneider

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„Die Novemberschwestern“ ist schonungslos und wunderschön zugleich. Schonungslos, wenn erzählt wird, wie die Familie Haldmarne eine abgelegene Farm bezieht, um ein Auskommen zu haben und wie die Hypothek und die anhaltende Dürre die Existenz aller Mitglieder bedroht: Die des Vaters, der früh bis spät schuftet und doch nie genug zu leisten vermag. Die der Mutter, die ihre Persönlichkeit aufgegeben hat und im Leben ihrer Mitmenschen aufgeht. Die von Kerrin, der ältesten der drei Schwestern, die eigenwillig ist und immer mehr auch eigenbrötlerisch wird. Die von Merle, der jüngsten, die unbedarft und unbefangen ihren Weg sucht und findet. Und die von Marget, der mittleren und Ich-Erzählerin, einer stillen Person, die ihre Sorgen und Wünsche mit sich selbst ausmacht. Als ein junger Mann namens Grant auftaucht, um der Familie bei der Arbeit auf dem Feld zu helfen, gerät das eh schon schwierige Schwesternverhältnis in eine absolute Schieflage und ein weiteres trockenes und zermürbendes Jahr wird katastrophal enden. Wunderschön wiederum ist Josephine W. Johnsons Vermögen, die Natur und den Lauf der Jahreszeiten zu beschreiben und den Roman dadurch zu einem sprachlichen Genuss macht, während die schrecklichen und traurigen Geschichten und Schicksale fast schon nüchtern erzählt werden und dadurch umso betroffener machen und ein Appell sind, nicht wegzuschauen, wenn die Umwelt und Menschen leiden.

Josephin W. Johnson hat 1935 für dieses Buch, ihren Debütroman, im zarten Alter von 24 Jahren den Pulitzerpreis gewonnen. Dank des Aufbau Verlags und der Übersetzerin Bettina Abarbanell konnte ich nun Bekanntschaft mit einer besonderen Autorin und Vorreiterin machen und ich hoffe sehr, dass auch weitere (am liebsten alle) ihrer insgesamt 11 publizierten Romane ins Deutsche übertragen werden.

Die November-Schwestern

von Josephine Johnson

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Unten auf der Piazza ist niemand
Frank Menden

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Bis zum Erscheinen von „Unten auf der Piazza ist niemand“ , übersetzt von Anna Leube, hatte ich noch nie etwas von Dolores Prato gehört - und war dementsprechend neugierig auf dieses opulente, 976 Seiten starke Werk, welches „Le Monde“ als Meisterwerk feiert.

Dolores Prato war 80 Jahre alt, als sie dieses Buch schrieb, diesen autobiografischen „Erinnerungsreigen“ wie ihn die „SZ“ nennt.
In ihm erzählt die Schriftstellerin vom Aufwachsen als uneheliches Kind bei Verwandten ihrer Mutter in der Kleinstadt Treia, und von ihrer Ausbildung als Lehrerin, die später zu Jobs in Rom , Mailand und der Toskana führte.

Was den Text vor allem auszeichnet ist die Genauigkeit - man könnte auch sagen Detailversessenheit - mit der Dolores Prato auf ihr Leben zurückschaut. Das hat bei aller Faszination manchmal etwas durchaus ermüdendes ( das fand wohl auch Natalia Ginzburg, die das Buch 1980 in einer stark gekürzten und inhaltlich anders geordneten Fassung erstmals herausbrachte).
Aber es ist gerade diese Fülle in jeglicher Hinsicht, die dieses Buch zu einem Leseerlebnis machen, die die Lebenswelt dieser Beobachtenden so nachvollziehbar machen.
Ein Buch, das man eher in Etappen liest , das einem aber eine wunderbare Leseerfahrung beschert.
Und welches Esther Kinsky mit einem Nachwort ehrt.
Eine Entdeckung!

Unten auf der Piazza ist niemand

von Dolores Prato

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Im Saal von Alastalo
Katja Schneider

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Schon beim Anblick von „Im Saal von Alastalo“ verspürte ich den großen Wunsch (na gut, eher heftiges Verlangen), dieses Buch nicht nur in meinem heimischen Bücherregal stehen zu haben, sondern auch alsbald zu lesen. Beides habe ich so schnell wie möglich in die Tat umgesetzt und bin nun schwer verliebt. Zudem möchte ich Finnisch lernen (Mir wurde bereits in Aussicht gestellt, das dies ein hoffnungsloses Unterfangen sein könnte, schwere Hirn- und Zungenverknotungen seien zu befürchten.) und einmal zu einem der jährlichen Kilpi-Treffen im finnischen Kustavo fahren, um ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich habe im Saal von Alastalo gelesen“ käuflich zu erwerben (natürlich mühelos auf finnisch plaudernd).
Meines Erachtens ist dieser 1933 erschienene Roman (und dessen erstmalige Übersetzung ins Deutsche) nicht weniger als ein Meisterwerk, an dem der Autor 10 Jahre schrieb und zeitweise einen Stellvertreter für seine Arbeit in einer Bibliothek einstellte und aus eigener Tasche entlohnte, um so viel Zeit wie möglich zur Verfügung zu haben. Um was geht es denn eigentlich auf den rund 1100 Seiten? Nun, um gerade mal 6 Stunden, einen Nachmittag, der im Saal von Bauernkapitän Alastalo im Jahr 1864 in der Schärengemeinde Kustavi zugebracht wird. Da wird gemütlich eine geeignete Pfeife ausgesucht, Kaffee ausgeschenkt, Scherze ausgetauscht und einander beäugt, bis es „endlich“ zur Sache geht: Der Gastgeber möchte seine Gäste davon überzeugen, Anteile zu zeichnen, um eine Bark zu bauen und das jeweilige Vermögen aufzustocken. Und wir Leser*innen haben das große Vergnügen, den jeweiligen Gedanken und Taten beizuwohnen und mitzufiebern, ob es denn dazu kommen wird. Kilpis Sprache ist unglaublich originell und allein schon deshalb lohnt sich die Lektüre. Stefan Moster, der Übersetzer, erzählt in dem ebenfalls sehr lohnenden Nachwort von den Mühen des Übertragens in die deutsche Sprache und ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er sich dieser Mammutaufgabe angenommen hat. Dieses Buch und sein Autor haben mein Herz im Sturm erobert und ich wünsche mir, dass es sehr vielen Leser*innen auch so gehen wird.

Im Saal von Alastalo

von Volter Kilpi

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Der Wanderer auf dem Eis
Katja Schneider

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Meine (kitschige?) Lobeshymne zu „Im Saal von Alastalo“ möchte ich gern auf „Der Wanderer auf dem Eis“ ausweiten. Auch hier lohnt sich die Lektüre sehr, vor allem weil es dieses Loch, das ich nach der Lektüre der dicken Schwarte verspürte, vortrefflich zu füllen vermag. Volter Kilpi hatte beim Schreiben die Idee einer Schärentrilogie, um einen umfassenden Eindruck dieser Gegend und seiner Bewohner*innen zu vermitteln. „Der Wanderer auf dem Eis“ versammelt ein paar der Geschichten aus dem zweiten Teil „Die Kleineren der Gemeinde. Während in Teil eins die Mächtigen und Reichen der Gemeinde in Alastalos Saal zusammenfinden, tafeln und wichtige Entscheidungen treffen, werden im Folgeteil die Ärmeren der Gegend und ihre mitunter sehr traurigen Schicksale vorgestellt. Dafür findet Volter Kilpi einen ganz anderen Ton als für seinen Vorgänger, ich hatte einige Male einen dicken Kloß im Hals und hier und da kullerte bei mir eine Träne. Nun fehlt mir nur noch der dritte Teil „Zur Kirche“ zu meinem ganz großen Glück und ich hoffe, dass Stefan Moster bereits an der Übersetzung sitzt!

Der Wanderer auf dem Eis

von Volter Kilpi

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Die Stadt
Katja Schneider

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Kyjiw in den Jahren nach der Oktoberrevolution: Stepan Radtschenko zieht vom Dorf in „Die Stadt“, um dort zu studieren und ein neues Leben zu beginnen. Doch das Studium ist bald passé, denn das neue zu Hause wartet mit vielen Möglichkeiten auf und bietet einige Zerstreuungen, denen sich der junge Mann gerne hingibt. Und so wird er über viele Umwege seine Profession als Autor finden, was kein leichtes Unterfangen ist, weil ihn immer wieder Schreibblockaden, kleinere und größere Unglücke, Zweifel und Frauen vom Weg abbringen. Der unglaublich smarte Held dieser Geschichte ist wahrlich kein Sympathieträger. Oft genug gleicht sein Leben einer (emotionalen) Talfahrt, doch sobald er wieder Oberwasser hat, neigt er zu Überheblichkeit und abfälligen Gedanken, Worten und Taten. Aber! dieser Roman ist noch viel mehr als die Geschichte über einen Unsympath, er ist die Hommage an das Leben in der Stadt und an die Literatur (Stepan träumt von einem Leben mit vielen prall gefüllten Bücherregalen, das ist doch ganz nah an eigenen Lebensträumen und macht ihn fast doch noch sympathisch.) 

Vier Übersetzer_innen haben diesen Roman aus dem Jahr 1928 zum ersten Mal aus dem Ukrainischen ins Deutsche übertragen und obwohl er vor fast einem Jahrhundert geschrieben wurde, wirkt er zeitlos auf mich: All die (zwischen)menschlichen Abgründe, Wünsche und Sorgen sind damals wie heute aktuell. Dem Autor dieses sprachmächtigen, klugen und höchst unterhaltsamen Werks, Walerjan Pidmohylnyi, war nur eine kurze Schaffensphase vergönnt: 1937 wurde er als 36jähriger zum Opfer des Stalinismus und wie viele andere während seiner Lagerhaft durch Erschießung hingerichtet.

Die Stadt

von Walerjan Pidmohylnyj

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Zwischen Neun und Neun
Katja Schneider

Katja Schneider

Mitarbeiterin bei stories!

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Wien während der k. u. k. Monarchie: Der Student Stanislaw Demba eilt durch die Gassen, auf der Flucht vor der Polizei, auf der Suche nach Geld, penibel darauf bedacht, die Hände verborgen zu halten. Aus gutem Grund, dem Sie in Kapitel 8 auf die Spur kommen werden. Und in Kapitel 20 schließt sich der Kreis. Die Informationsarmut ist nur zu ihrem Besten. Lesen Sie selbst! Unbedingt!
Eine raffinierte, gewitzte, kluge, zeitgenössische Geschichte mit einem bedauernswerten Antihelden. Herrlich!
 

Zwischen Neun und Neun

von Leo Perutz

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