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Empfehlungen aus Romane Taschenbuch

Mein Mann
Frank Menden

Frank Menden

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Über Maud Venturas Debütroman „Mein Mann“ zu schreiben ist nicht gerade einfach. Denn die volle Kraft dieses preisgekrönten ( in Frankreich 2021 auch dazu das erfolgreichste Debüt des Jahres) entfaltet sich erst nach dem Ende. Und was bitte ist das für ein Ende für diese im Zeitraum einer Woche erzählten Geschichte einer Frau, die ein scheinbar perfektes Leben führt, als Lehrerin und Übersetzerin arbeitet, zwei wohlerzogene Kinder hat und einen Mann , den sie auch nach 15 Jahren noch so liebt wie am ersten Tag?
Warum also stellt sie ihn immer wieder auf die Probe , worin liegt ihre geradezu obsessiv zu nennende Freude an der Manipulation der Gefühle ihres Mannes?

Ich habe diesen von Michaela Messner vortrefflich übersetzten Roman geradezu inhaliert. Zuerst mit zunehmenden Befremden, doch dann immer faszinierter bis zum wirklich grandiosen Ende.

Ich kann nur raten, sich auf diesen sicherlich polarisierenden - und sehr französischen - Roman einzulassen.
Für mich einer der besten und überraschendsten in diesem Herbst!

Mein Mann

von Maud Ventura

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Schwebende Lasten
Frank Menden

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„Der gelungene Strauß ist einfach gehalten, in der Gestaltung wie in der Fertigung. Auf die innere Ordnung ist zu achten. Aber was sie gelernt hatte, vergaß sie im Leben oft genug und mit Absicht.“

Es gibt wenige deutschsprachige Romane, die dieses Jahr so viel positive Kritik erhalten haben wie „Schwebende Lasten“ .
Kein Wunder, denn dieser Roman ist so hervorragend beobachtet wie geschrieben.
Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna ist eine Frau, der im 20. Jahrhundert wenig erspart bleibt.
Sie erlebt zwei Weltkriege, durchlebt alle Irrungen und Wirrungen ihrer Zeit, erlebt viele persönliche Niederlagen und wenig Triumphe, bringt sechs Kinder zur Welt, packt an was anzupacken ist. Sie ist eine normale Frau in einer sehr unnormalen Zeit, durchaus emanzipiert, aber doch ganz ein Produkt ihrer jeweiligen Lebenswelten.
Magdeburg ist ihre Stadt, Blumen bleiben lebenslang ihre Leidenschaft, werden durch eine Begegnung ein kleines Fenster in eine andere, kultiviertere Welt.
Annett Gröschner erzählt dieses Leben detailliert und voller Empathie, sehr real und lebendig und trotz der Härte mit Charme und einer gewissen Portion leiser Heiterkeit.
Sie hat so einen Roman geschaffen, der individuell und exemplarisch ist, und dem man direkt auf der allerersten Seite vollkommen verfällt.
Man ist ja manchmal misstrauisch, wenn allenthalben Lobeslieder gesungen werden.
Braucht man in diesem Falle nicht zu sein.
Sie stimmen !

Schwebende Lasten

von Annett Gröschner

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Die erste halbe Stunde im Paradies
Frank Menden

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„Drei sind eine Party.“
Und was für eine Party ist die kleine, aufeinander eingeschworene Dreierfamilie. Die Mutter Sängerin und Musikerin, immer zu haben für Spontaneität und „verrückte“ Ideen. Und ihre beiden Kinder: die kleine Anne und der große Kai.
Sie sind füreinander da, ohne wenn und aber und Anne bedauert alle, die nicht so einen tollen Bruder haben wie sie.
Die chronische Krankheit der Mutter führt die Familie nach Flensburg, des Klimas wegen. Doch auch das vermag den stetig voranschreitenden körperlichen Verfall der Mutter nicht aufzuhalten. Immer mehr werden Anne und Kai in die Verantwortung genommen, immer mehr leisten sie, halten alles im wahrsten Sinne am laufen. Drei Menschen, die füreinander da sind . Bis….

Was ist passiert, dass aus den Geschwistern, zwischen die kein Blatt Papier passte, zwei einander Fremde wurden? Warum gab es jahrelang keinerlei Kontakt, keine Verbindung mehr? Bis zu diesem Anruf auf dem Teambildungsevent in Hamburg, bei dem die erfolgreiche Pharmareferentin Anne eigentlich nur die nötigen Punkte für den nächsten Karriereschritt sammeln will - und sich stattdessen der Vergangenheit stellen muss.

„Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist der zweite Roman von Janiune Adomeit - und er ist vollkommen verdient das NDR Buch des Monats Februar 2025.
Mit leichter Hand erzählt die Autorin von Loyalität, Verantwortung und Überlastung, von Liebe und den Konflikten die aufbrechen, wenn die Fürsorge die eigenen Bedürfnisse vollkommen überlagert.
Wie Janine Adomeit es schafft diese Themen vollkommen ohne Kitsch und Klischees, eindringlich und bewegend, voller Empathie und leisem feinen Humor zu verhandeln, das sollte unbedingt gelesen werden.
Ein tröstliches Buch voller Hoffnung, das ist diese erste halbe Stunde im Paradies!

Die erste halbe Stunde im Paradies

von Janine Adomeit

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Sandwich
Simone Finkenwirth

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Sie suchen noch eine schöne Sommerlektüre? Dann sollten Sie „Sandwich“ von Catherine Newman unbedingt in ihren Koffer werfen, aber bitte behutsam. Denn das Buch ist ganz wunderbar und verdient viel Liebe.

Ann Patchett liebt den Roman wie Frank Menden und ich. Sie schreibt: „Ich habe ununterbrochen gelacht, außer an den Stellen, die mich zum Weinen gebracht haben.“ Wow, da hat die Autorin-Kollegin wirklich alles zusammengefasst. So ist „Sandwich“ ein Mix aus Komik, Summerfeeling und Wolkenbrüche.

Rachel aka Rocky ist die Stimme, die uns ihre Geschichte erzählt. Sie nimmt uns mit nach Cape Cod, wo sie eine Woche mit ihrer Familie verbringt. Seit zwanzig Jahren pflegen sie diese Tradition. Alle sind da. Natürlich ihr liebevoller Ehemann, die beiden Kinder Willa und Jamie, und dessen Freundin Maya, und Rockys Eltern.

Während Rocky mit den Wirren der Menopause kämpft, fällt ihr die blasse Maya auf, die unerwartet schwanger ist, und das versucht, zu vertuschen. Gleichzeitig wird Rocky von traurigen Erinnerungen heimgesucht und plötzlich ploppt eine Familiengeschichte auf, die sehr schmerzvoll und bewegend für uns alle ist.

Erinnern Sie sich noch an „Sommer von Maine“ von Sullivan J. Courtney? Daran musste ich bei der Lektüre oft denken, denn genauso fühlt sich dieser leichte und doch berührend schöne Roman an. Es ist ein Wechselbad aus Gefühlen, doch wir sinken niemals auf den tiefen Grund der Traurigkeit – das haben wir der ausgewogenen Balance Catherine Newmans zu verdanken. Übersetzt wurde das Buch von Alexandra Baisch.

Sandwich

von Catherine Newman

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Halbinsel
Frank Menden

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„Inzwischen habe ich begriffen, es grenzt an ein Wunder, wenn man geliebte Menschen um sich hat und sie nicht zu früh verliert. Ein noch größeres Wunder ist es, wenn es einem mehrmals im Leben gelingt, jemanden zu finden, der es gut mit einem meint.“

Lange herbeigesehnt, jetzt ist er da: „Halbinsel“, der neue Roman von Kristine Bilkau.
Es ist die Geschichte von Annett, einer Bibliothekarin, die nach dem frühen Tod ihres Mannes die gemeinsame Tochter Linn allein aufzog und sich nach deren Auszug in ihrem Leben eingerichtet hat.
Als Linn auf einer Tagung einen Zusammenbruch erleidet, holt Annett sie zu sich in das Haus im nordfriesischen Wattenmeer.
Aus ein paar Tagen werden Wochen, dann Monate. Linn, die für Annett immer so voller Leben war, voller Ideen und Tatendrang, ist antriebslos, sucht nach einer neuen Ausrichtung ihres Lebens. Für Annett ist dies schwer zu ertragen, aus ihrer Hilflosigkeit heraus brechen Konflikte auf, die beide anders auf das jeweilige Leben blicken lassen.

Kristine Bilkau beherrscht die Kunst Romane zu schreiben, die leise und unauffällig daherkommen, bei denen kein Wort zu viel ist und die vielschichtig sind und eine enorme Tiefe haben.
Die Annäherung von Mutter und Tochter ist gleichzeitig auch eine Annäherung an das Leben, an die Natur, an das zulassen von Veränderung.

Mit der Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse erscheint der Roman mit einer großen Erwartungshaltung und vielen Vorschusslorbeeren. Für mich hat er sie alle eingelöst.

„Wo würde die Einsamkeit lauern? Hinter der Veränderung oder dem Vertrauen?“

Halbinsel

von Kristine Bilkau

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Die Unmöglichkeit des Lebens
Simone Finkenwirth

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Grace lebt zurückgezogen in den Midlands, und spürt zwei Narben in ihrem Herzen: Die pensionierte Mathematiklehrerin hat ihren Sohn viel zu früh verloren, ihr Mann ist vor vier Jahren gestorben. Und jetzt? Unterzieht sie sich gerade einer Venenoperation, als sie entscheidet, nach Ibiza zu fliegen, um sich das vererbte Haus anzuschauen. Ob das eine gute Idee ist?

Finden Sie es heraus! Und erleben Sie an Graces Seite magische Momente. Nicht alles lässt sich erklären, diese Erfahrung macht unsere selbst unsere rational denkende Ich-Erzählerin. Sie trifft auf besondere Menschen, und will das Rätsel lösen, wie Christina ums Leben gekommen ist, denn da tappt man noch im Dunkeln. Also die Polizei, aber nicht Alberto Ribas – ein Taucher, der Grace auf einen nächtlichen Tauchgang mitnimmt. Plötzlich wird es in der finsteren Nacht taghell. Das kommt nicht nur durch das leuchtende Seegras im Mittelmeer. 

Denn „Die Unmöglichkeit des Lebens“ ist Wunderbalsam für die Seele. Man sollte etwas Offenheit für nicht immer ganz erklärbare Dinge mitbringen. Matt Haigs Botschaft hingegen ist klar: Es gibt keine Begrenzungen. Zudem gesellt sich die Gewissheit dazu, dass es nie zu spät ist für einen Neuanfang. Es lohnt sich, offen und neugierig für alles zu sein, so unbehaglich sich vielleicht im ersten Moment manches anfühlen mag. Die Antwort kommt, ganz bestimmt, siehe Grace.

Die Unmöglichkeit des Lebens

von Matt Haig

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Halbe Leben
Frank Menden

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„Es ist ein stiller Tod.“

So beginnt „Halbe Leben“ , der neue Roman von Susanne Gregor.
Der stille Tod ereilt Klara bei einer Wanderung, sie stürzt eine Böschung hinab. Bei ihr ist nur Paulina.
Paulina, die aus der Slowakei kommt und sich nach dem Schlaganfall von Klaras Mutter Irene um diese kümmert.
So kann Klara weiterhin ihrer Arbeit und Karriere nachgehen, ihr Mann sich seiner Fotografie widmen.
Paulina ist ein wahrer Schatz , versteht sich gut mit allen, kocht sogar immer noch für die Familie mit und Irene blüht richtig auf .
Dafür macht man Paulina gern Geschenke, irgendwie ist sie doch mehr als eine Pflegekraft, sie ist eine Freundin.
Auf Paulinas Söhne passt derweil die Schwiegermutter in der Slowakei auf. Das passt doch für alle gut .
Bis es eben nicht mehr passt. Und Klara bei einem Unfall beim gemeinsamen wandern ums Leben kommt.

„Es liegt kein Motiv vor, man lässt den Tod als Unfall gelten. Niemand zweifelt an dieser Version.“ ( Seite 11 )

Die Geschichte von Klara und Paulina, erzählt wird sie rückblickend von diesem Unfall aus, aus beider Perspektive.
Es ist eine Geschichte der Missverständnisse, der Unfähigkeit, sich in die jeweils fremde Lebenssituation hineinzuversetzen. Auf den ersten Blick ist alles eine Win Win Situation, einen zweiten riskiert man besser nicht.

Susanne Gregor erzählt diese Geschichte völlig unprätentiös und eindringlich - und unparteiisch.
Man versteht beide Frauen, kann beide Sichtweisen verstehen, erkennt die Unvereinbarkeit dieser jeweils fremden Leben. Erkennt, dass zwei halbe Leben noch lange kein ganzes ergeben.
Zwei Frauen, die sich aufreiben, in ihrem Leben und am Leben der anderen.

„Sie weiß bereits, dass es nicht mehr reichen wird, dass sie nicht genug Kraft hat. Dass es nichts mehr zu tun gibt. Dass alles passiert ist.“

Ich wünsche diesem Roman eine große Leserschaft!

Halbe Leben

von Susanne Gregor

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Die zerbrechliche Zeit
Simone Finkenwirth

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Obwohl die Frankfurter Buchmesse längst Geschichte ist, lese ich weiterhin Bücher aus dem Gastland. Denn zu sehr begeistere ich mich sowohl für zurückhaltende als auch für ausgezeichnete: So hat Donatella Di Pietrantonio für „Die zerbrechliche Zeit“ den italienischen Buchpreis, den Premio Strega 2024 erhalten. So verdient!

Die Autorin ist hierzulande keine Unbekannte. So hat sie bereits mit ihrem Roman „Arminuta“ begeisterte Lesestimmen eingefangen. In ihrem neuen Werk nimmt sie uns mit in die Abruzzen. Lucia ist die Ich-Erzählerin. Ihre Tochter Amanda ist fluchtartig aus Mailand zurückgekommen, hat dort alles stehen und liegenlassen, und igelt sich jetzt ein, spricht kaum. Gleichzeitig will Amandas Vater seiner Tochter das Land unter dem Wolfszahn schenken. So schnell wie möglich. Warum er es so eilig hat, erfahren wir bald. Amanda indes zögert, ist dieses Fleckchen Erde doch von einem Fluch überschattet. Denn dort auf dem Campingplatz hat sich vor vielen Jahren ein tragisches Ereignis, das auch Amanda nicht direkt, aber doch mit einschließt...

„Die zerbrechliche Zeit“ ist keine Wohlfühl-Lektüre, aber gleichwohl eine anziehende, betörend schöne, ruhig und atmosphärisch erzählte Familiengeschichte. Durch kurze Kapitel schafft die Italienerin eine fesselnde Spannung, der man einfach nicht entkommt. Melancholisch, berührend und kraftvoll sind die Seiten, aus denen ich leuchtend hervorgekommen bin und mich vor der Preisträgerin verneige.

Die zerbrechliche Zeit

von Donatella Di Pietrantonio

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Zuhause ist das Wetter unzuverlässig
Frank Menden

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„Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste.“ ( Rainer Maria Rilke )

Im Sommer soll Schluss sein. Schluss mit allem. Vierzig Tage, so lange währt die festgesetzte Frist der namenlosen Erzählerin.
Vierzig Tage, in denen sie ihr eigenes Leben Revue passieren lässt, aber auch die der Frauen vor ihr .
Es entstehen Muster weiblichen Lebens, Muster voller Erwartungshaltungen und Ansprüchen, die keinen oder kaum Platz lassen für Träume, für Freiräume.
Es sind Leben, die von patriarchalen Strukturen geprägt sind. Doch bleibt am Ende wirklich nur der eigene Tod, um alles Alte hinter sich zu lassen ?

Es ist nicht so einfach „Zuhause ist das Wetter unzuverlässig“ zusammenzufassen.
Die Autorin verknüpft Geschichten mit tagebuchartigen Passagen, es gibt Einschübe zu Literatur, zu Autorinnen.
Was evtl etwas unstrukturiert klingt ist aber ungemein lesbar - und beeindruckend, wie sehr diese Form die Themen verdichtet.
Individualität und das Kollektiv gehen so eine zwingende Verbindung ein in einem durch und durch überzeugenden Text.
Klasse !

Zuhause ist das Wetter unzuverlässig

von Carolin Würfel

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Furye
Simone Finkenwirth

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Ich hatte dieses Buch noch nicht geöffnet, wusste da aber schon, dass wir Freundinnen werden würden. Nicht nur, da mein Kollege Frank Menden „Furye“ mit Begeisterung gelesen hatte. Es waren die Vibes, die ich vernahm. Nennen Sie es Magie oder einfach den siebten Sinn einer Buchhändlerin.

Wissbierig folge ich der Ich-Erzählerin, eine erfolgreiche Musikmanagerin mit einem Kinderwunsch. Als sie einen Anruf aus der alten Heimat erreicht, streicht sie die Segel und fährt in ihren Heimatort, den sie vor zwanzig Jahren verlassen hat. Zur Empörung ihres Künstlers, den sie betreut. Wie könne sie es wagen! Doch die Frau bleibt so was von cool, dass ich grinsen muss.

Parallel wechselt Kat Eryn Rubik in Alecs Vergangenheit. Dort erlebe ich sie mit ihren Freundinnen Meg und Tess im aufblühenden Frühling der Jugend mit allen Fallstricken und Verführungen sowie die Macht der Weiblichkeit, die sie auslotet.

Das Buch hat einen ganz eigenen Sound, der sich wie ein Ohrwurm festsetzt. Die Autorin webt allerhand Themen in die Geschichte, die ihr damit eine besondere Tiefe verleihen. So ist "Furye" viel mehr als nur ein flirrender Summer Read. Ein Schwergewicht mit der Leichtigkeit einer Fliege, deren Abdruck man lange noch auf der Lese-DNA spürt. 
 

Furye

von Kat Eryn Rubik

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Die Villa der Architektin
Frank Menden

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Lesen bildet!
Wissen wir natürlich alle, aber im Falle von „Die Villa der Architektin“ von Melania G. Mazzucco , übersetzt von Karin Fleischanderl, ist dies auf jeden Fall so.
Denn ohne diesen Roman wüsste ich bis heute nicht, wer Plautilla Bricci war.

Geboren 1616, wird sie die erste Architektin Roms. Gefördert vom Vater und später von Abt Elpidio Benedetti, schafft sie es Mitglied der Kunstakademie San Luca zu werden - darf allerdings als Frau nicht an Aktstudien teilnehmen.
Ihr Hauptwerk wird die wie ein Schiff gebaute Villa „Il Vascello“, in deren Grundfesten ihr Name gegen alle Widerstände eingraviert wurde ( und die 1849 komplett zerstört wurde ).
Doch mit dem Erfolg kommen die Neider, aus Gönnern werden Feinde und selbst engste Verwandte betrügen Plautilla um die Früchte ihrer Arbeit…

Was für ein Leben ! Und was für ein Roman. Die Strega Preisträgerin Melania G. Mazzucco erzählt geradezu filmisch von dieser beeindruckenden Frau und der Zeit, in der sie lebt. Intensive Recherchen gingen dem Schreibprozess voraus und es bleibt zu hoffen, dass dieser so unterhaltsame wie lehrreiche Roman dazu beiträgt, dass Plautilla Bricci die Anerkennung und Hochachtung erhält, die ihr zustehen.

Das Buch enthält eine Karte, in der die Schauplätze und Standorte der Werke Briccis verzeichnet sind, sowie die Abbildungen eines Gemälde, inclusive Detailaufnahmen.
Also, auf nach Rom und diesen sehr lesenswerten Roman als Vorbereitung lesen

Die Villa der Architektin

von Melania G. Mazzucco

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Stromlinien
Simone Finkenwirth

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Ich bin die Patin für "Stromlinien" von Rebekka Frank, dessen Cover schon unverschämt gut aussieht. Patin deshalb, weil ich eine der Ersten war, die das Manuskript gelesen haben. Annerose Beurich war ja von Rebekkas Debüt "Das Echo der Gezeiten" bei S. Fischer bereits sehr angetan. Als der Verlag dann mit dem neuen Werk auf uns zukam, war meine Neugier entfacht. Eigentlich wollte ich nur mal reinschauen, aber dann habe ich es an einem Wochenende verschlungen. Und dachte: Wow! Das zweite Buch! So gut! Doch Rebekka Frank ist nicht neu in dem Metier, sie hat bereits als Rebekka Eder erfolgreich historische Bücher geschrieben.

Zur Story: Enna und ihre Zwillingsschwester Jale warten seit siebzehn Jahren darauf, dass ihre Mutter aus dem Gefängnis entlassen wird. Doch am Tag der Entlassung verschwindet Jale plötzlich, und Enna bleibt allein zurück mit einem großen Gepäck an Fragen. Wo ist Jale? Enna begiebt sich auf eine Suche, die sie immer näher an ein Familiengeheimnis heranführt, das ich hier nicht verraten möchte. Erstaunlich ist die Figurenzeichnung der Autorin und der Spannungsbogen, den sie aufbaut. Geschickt webt sie verschiedene Handlungsstränge ein, die zum großen Finale führen. Sie wechselt dabei die Perspektiven, setzt kurze Plots. Stets an unserer Seite die faszinierende Elbmarschen-Landschaft, das Alte Land und sein historischer Background. Ich spüre Rebekkas Liebe zur Natur mit allen Sinnen. Erstaunlich, was die Autorin alles in ihrem Buch vereint. Eine atmosphärische, naturnahe Geschichte mit extrem spannenden Elementen.

Mein Tipp für alle Hamburger und Leser:innen, die spannende Bücher mit Familiengeheimnissen genauso gern verschlingen wie ich!

Stromlinien

von Rebekka Frank

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Verheiratete Frauen
Simone Finkenwirth

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Ein echtes Tabuthema – Fremdgehen. Manche tun es, andere wieder nicht. Ich will es gar nicht. Aber Gabriela sieht das ein bisschen anders. Die Mutter eines kleinen Sohnes fühlt sich zu einem Autor magisch angezogen. Sehr lange schon. Bis sich Pablo und Gabi endlich näherkommen, dauert es. Wenngleich der Roman mit ihrer Romanze beginnt und einer großen Frage.

Denn Gabi will ihr Verhältnis in eine richtige Beziehung umwandeln. Aber soll sie das Wagnis eingehen? „In einem Jahr wirst du aufhören, mich zu begehren, und nichts wird mehr so sein wie jetzt", sagt ihr Geliebter. Die 45jährige kann sich das allerdings nicht vorstellen. Noch nie hat sie so empfunden. Was sagen ihre Freundinnen?

Nun, die haben es auch keineswegs leicht. Silvia ist nicht glücklich in ihrer Ehe, und Cósima hat mit der Enthaltsamkeit ihres Ehemannes zu kämpfen. Sie spürt der Sache nach und macht eine erschütternde Entdeckung.

Was für eine mitreißend erzählte Geschichte! Besonders schön ist, dass sich die Frauen über die Frauenzeitschrift „La Femme" nähergekommen sind. Gabi arbeitet als Journalistin, Silvia ist Fotografin und Cósima Stylistin. Unterschiedliche Vitas, die doch zueinander finden und zeigen: Es geht nichts über eine wahrhaftige und innige Freundschaft! Genau das ist „Verheiratete Frauen": Eine Hommage an unsere Freundinnen und Verbündeten. Keine kennt uns so gut wie unsere Freundin. Doch selbst die kann uns so manche Entscheidung nicht abnehmen. Die müssen wir dann allein treffen.

Was den Roman obendrein lesenswert macht – er zeigt die Herausforderungen der modernen Frau, die ständig einen Spagat zwischen Karriere und Familie machen muss. Der große Wunsch nach Mutterschaft spielt ebenso eine große Rolle, wie das Muttersein selbst, die Liebe zum Kind wie die Selbstzweifel.

So ist "Verheiratete Frauen" viel mehr als nur ein Roman über weibliches Begehren und Freundschaft. Er umarmt dich als Frau auf wirklich wohltuende Weise und flüstert dir zu: Du bist nicht allein. Allein deshalb lohnt sich die Lektüre!

Verheiratete Frauen

von Cristina Campos

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Und dahinter das Meer
Frank Menden

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Es gibt Romane, die wie ein Geschenk für Lesende und Buchhandlungen sind.
Für Lesende, weil sie darin vieles - wenn nicht alles - finden , was ein Buch haben muss, um es tief ins Herz zu schließen.
Und für Buchhandlungen, weil man es unbedenklich beinah der ganzen Kundschaft mit den Worten „ Freuen Sie sich drauf ! Sie werden es genießen“ empfehlen kann.

So ein Buch ist „Und dahinter das Meer“ von Laura Spence-Ash @mareverlag , übersetzt von Claudia Feldmann.
Und als @boersenblatt den Roman auf das Cover setzte, standen da auch meine Worte :

„Wunderbare Lesestunden, intelligente Unterhaltung: was will man mehr !“

Nun, evtl. noch ein paar Worte zum Inhalt .
Die elfjährige Bea wird 1940 von ihren Eltern von London nach Boston geschickt, um dem Bombardement der Deutschen zu entkommen.
Was als Aufbruch in die Fremde beginnt, wird jedoch bald zur eigentlichen Heimat , zur eigentlichen Familie. Aber auch der schönste Traum hat irgendwann ein bitteres Erwachen…

Ich mache ja nie viel Worte um den Inhalt eines Romans und hier müsste ich jetzt sehr ausschweifen.
Aber ich möchte einfach, dass ihr dieses aus acht verschiedenen Perspektiven und über einen Zeitraum von 37 Jahren erzähltes Buch selbst entdeckt .
Und es dann genauso feiert wie Ann Napolitano, Meg Wolitzer und Claire Messud ( da habt ihr auch gleich die entsprechenden Referenzen) und auch die altehrwürdige THE NEW YORK TIMES.
Kann also nichts schiefgehen!
Viel Freude mit diesem Roman.

Und dahinter das Meer

von Laura Spence-Ash

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Seltsame Sally Diamond
Frank Menden

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Sally Diamond ist 42 Jahre alt und „sozial defizitär“. Diese Aussage trifft sie über sich selbst , auch wenn andere sie evtl. als Autistin bezeichnen würden. Ihr Vater Tom, mit dem sie nach dem Tod der Mutter alleine lebt, mag keine dieser Bezeichnungen. Für ihn ist Sally einfach ein ganz besonderer Mensch, die immer entwaffnend ehrlich ist, mit der Unfähigkeit sich zu verstellen.

Als Tom nach einer längeren Krankheit stirbt, verbrennt Sally die Leiche in der Feuertonne. Sie kann daran nichts Verwerfliches finden. Die Polizei, die auf Umwegen davon Wind bekommt jedoch schon.
Doch nicht nur diese bringt Sallys bislang in geordneten Bahnen verlaufenes Leben durcheinander.
Da sind auch noch die drei Briefe, die Tom ihr hinterlassen hat….

Je weniger man bei der Lektüre von Liz Nugents Roman „Seltsame Sally Diamond“ @steidlverlag über die Handlung weiß, umso besser. Denn auch der dritte Roman der irischen Autorin ist wieder durch und durch gelungen .
Sally ist eine unvergessliche Figur, die - durchaus harte - Handlung schlägt immer wieder gekonnt Haken und man kann das Buch nicht aus der Hand legen, bis man es nach 368 Seiten völlig durchgerüttelt beendet hat.
Der von Kathrin Razum übersetzte Roman sollte Liz Nugent nach den exzellenten Vorgängerromanen „Kleine Grausamkeiten“ und „Auf der Lauer liegen“ endlich auch in Deutschland den ganz großen Durchbruch bringen.
Sie hat ihn mehr als verdient!

Seltsame Sally Diamond

von Liz Nugent

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Bitternis
Frank Menden

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„In der grauen Stunde vor Morgendämmerung, der Stunde zwischen Hund und Wolf, wenn es so still ist, dass ich nur den Herzschlag des Hauses und den Atem des schlafenden Mannes höre, versetze ich mich in die Zeit der Ersten von uns….“

Die Erste, das ist Berta Koch , die Urgroßmutter der Erzählerin Kalina, Großmutter von Violetta und Mutter von Barbara. Vier Frauen einer Familie aus Schlesien, denen das Leben oft auf härteste Art und Weise mitspielt, deren Träume zu groß für die Welt in der sie leben sind, oder aber zu klein. Vier Frauen, denen die wechselvolle Geschichte ihres Herkunftlandes eine ebensolche Lebensgeschichte beschert. Leben, in denen Männer fast komplett abwesend sind, was die Autorin Johanna Bator grossartigerweise „männerförmige Löcher“ nennt.

Die Geschichte der 829 Seiten von Joanna Bators so großen wie mitreißenden und wahrlich großartigen Roman „Bitterniss“ wiederzugeben kann nur scheitern. Man sollte sich hineinstürzen in diese miteinander verwobenen Geschichten der vier Frauen und sich an der hervorragenden Sprache erfreuen ( Übersetzung: Lisa Palmes ).
Es ist eine epische Familiensaga, die langsam zu lesen und zu erfahren ist und deren Lektüre eine äußerst nachhaltige ist. Eine Kritik nannte den Roman ein „Wimmelbild von vier Frauengenerationen“, ein sehr zutreffender Vergleich.
Für mich war die Lektüre durchaus herausfordernd, aber enorm bereichernd. Trotz allem Leid und aller Tristesse gibt es auch viel Humor, viel Mut und Optimismus, dem Leben etwas Glück abzutrotzen und niemals aufzugeben.
Eine emotional fordernde und in vielerlei Hinsicht bereichernde Lektüre.
Joanna Bator ist eine Autorin, die man nicht genug preisen kann - gerade nach diesem epochalen Roman!

Bitternis

von Joanna Bator

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Umlaufbahnen
Katja Schneider

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Wir begleiten sechs Astronaut_innen und Kosmonauten, die zusammen auf einer internationalen Raumstation leben und arbeiten. Dabei umkreisen sie täglich viele Male ihren Heimatplaneten, so fern, wunderschön und bedroht. Sie lassen uns an Ihren Gedanken, Wünschen und ihrem Alltag in der Schwebe teilhaben und die Autorin verwebt diese lose mit so wunderschönen Beschreibungen und philosophischen Gedanken, dass man die Erde noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel kennenlernt und glatt darüber nachdenkt, die Strapazen eines Weltallbesuchs auf sich zu nehmen.

„Umlaufbahnen“ wurde jüngst mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichnet und das zurecht! Das schmale Werk ist inhaltlich wie sprachlich ein großer Wurf und ich rate Ihnen allen, es zu lesen, auch wenn Sie für Raumfahrten und Mondlandungen normalerweise nur ein müdes Lächeln übrig haben.
 

Umlaufbahnen

von Samantha Harvey

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Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland
Frank Menden

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„Es heißt, diese Reise habe ihren Preis. Einen Preis, der über die Kosten des Tickets hinausgeht.“
Denn eine Reise mit dem Transsibirien-Express durch das Ödland, die geheimnisvolle Wildnis zwischen China und Russland, ist voller Gefahren - und voller Verheißungen.

1899 macht sich der Zug , seine Besatzung nebst Passagieren, auf die zweiwöchige 6.000 Kilometer umfassende Reise.
Obwohl der Zug wie eine Festung gebaut ist, damit nichts den Zug verlassen, aber vor allen Dingen nichts hineingelangen kann, schwingt bei dieser Fahrt etwas Neues mit, endete doch die letzte Reise in einer Katastrophe…

Ich liebe Romane, die sich jeder Kategorie entziehen - und „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ , übersetzt von Claudia Feldmann, ist genau so ein Roman.
Ein Roman, dessen pralle Fabulierkunst von der ersten Seite an zu überzeugen weiß, der geschickt zwischen Abenteuer-, Öko- und Fantasyroman changiert, dazu eine Prise von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“.

Sarah Brooks hat ein Buch geschrieben, welches mich in einen wahren Leserausch versetzt hat. Ich fieberte mit den geheimnisvollen Reisenden, war neugierig - und etwas ängstlich - was da im Ödland vor sich geht und war nach 416 Seiten völlig beglückt.
Ich glaube, so eine Geschichte, so eine Abenteuerlust, habe ich zuletzt als Kind gelesen und verspürt.
Ein großer großer Spaß !
Wer der Reise durch das Ödland noch nicht verfallen ist sollte schleunigst zu diesem „Handbuch…“ greifen.
Denn es sind Romane wie diese, die uns zeigen, wie großartig und lebendig und voller Freude an der Fantasie lesen ist .

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland

von Sarah Brooks

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Nach uns das Leben
Frank Menden

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„Mit hinreißender Lakonie erzählt Gudrun Eiden in ihrem Debütroman eine beglückend traurige Geschichte über eine Gruppe von Freunden, die gemeinsam auf ein mit Liebe und Schmerz prallgefülltes Leben zurückblicken.“

Diesem im Klappentext aufgeführten Satz zu „Nach uns das Leben“ kann ich nur zustimmen .
Die Geschichte um die verbliebenen Mitglieder eines Männerchores auf dem Dorf, deren letzter Auftritt mangels Nachwuchs kurz bevorsteht lebt von einer an Dörte Hansen erinnernde Atmosphäre und der bereits oben zitierten Lakonie.

Es ist gerade dieser Ton, der mich die auf 191 Seiten geballt daherkommenden Schicksalsschläge zwar mit einem kurzen „puh, das auch noch“ und einem Augenrollen bei einem bestimmten Ereignis ( das mir dann beinah zu viel war) kommentieren lies - mich aber dennoch nicht vom Haken gelassen hat.
Und ich den Roman mit einem wohligen Gefühl zugeklappt habe.

Diesem Roman eine große Leserschaft zu wünschen ist durchaus egoistisch motiviert, denn von Gudrun Eiden möchte ich unbedingt mehr lesen.
Denn wenn eine Autorin es schafft , mich trotz der oben angeführten Einwände zu überzeugen, nun, das will bei einem radikalen Buchabbrecher was heißen.

Nach uns das Leben

von Gudrun Eiden

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Dorf ohne Franz
Frank Menden

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In den 1960er Jahren wächst Maria in dörflicher Umgebung auf einem Bauernhof auf. Während der ältere Bruder Josef in die Fußstapfen des Vaters tritt und dessen Anerkennung ( und das komplette Erbe ) erhält, wird Nesthäkchen Franz von der Mutter gerade wegen seines anderen Wesens verhätschelt.
Für Maria bleibt nur die typische Rolle der damaligen Zeit und der dörflichen Struktur: die der unbezahlten Magd und Pflegekraft der Großeltern und Eltern.
Ihre Sehnsucht diesem Leben zu entkommen kollidiert mit ihrem Pflichtgefühl, vor allem als Franz eines Tages dem Dorf den Rücken kehrt und in die Welt hinauszieht.
Gefangen in der Abhängigkeit einer Ehe wartet Maria auf den Moment , der ihr ein neues Leben ermöglicht…

Nur 168 Seiten hat „Dorf ohne Franz“ , aber was für 168 Seiten sind dies!
Verena Dolovai hat einen ungemein eindringlichen Roman über die Kehrseite der dörflichen Idylle geschrieben, in einem nüchternen und direkten Stil, der nichts beschönigt , direkt, aber nie drastisch.
Lohnt sich sehr !

Dorf ohne Franz

von Verena Dolovai

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Coast Road
Simone Finkenwirth

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Wie so viele irische Geschichten spielt auch diese in einem kleinen Ort am Meer. Jetzt im Herbst 1994 sind die Menschen in Ardglas aufgeregt: Die Dichterin Colette Crowley ist zurückgekehrt. Wegen einer Liebschaft hatte sie ihren Mann und Kinder zurückgelassen. Ihr Mann verbietet ihr weiterhin den Kontakt zu den Kindern. Die Dichterin bezieht das Cottage von Familie Mullen. Dolores Mullen ist hochschwanger, und ihr Mann ein Lustmolch.

Izzy ist die andere tragende Frauenfigur, und gefangen in einer unglücklichen Ehe. Ihr Mann, ein Lokalpolitiker, will bloß keine Skandale. Die zerbrechliche Izzy, die hin und wieder dunkle Tage hat, trifft während eines Schreibkurses der Dichterin auf diese faszinierende Frau. Als Colette erfährt, dass Izzys Sohn mit ihrem älteren Sohn befreundet ist, entsteht ein Plan...

Was zunächst sehr weich beginnt, entwickelt sich mit jeder Seite zu einem Sog mit beklemmenden Ausmaß. Zeitweise wusste ich gar nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Alan Murrin hat sich beeindruckend in seine weibliche Figuren hineingefühlt, ihnen eine authentische Stimme verliehen. Es sind keine Sympathieträgerinnen, aber Kämpferinnen. So widersetzt sich jede auf ihre Art der Ungerechtigkeit und Unterdrückung. 

"Coast Road" ist kein Buch zum Liebhaben, aber es entfacht ein inneres Feuer, ist packend geschrieben und birgt jede Menge Gesprächsbedarf. Daher eignet es sich auch bestens für Lesekreise.

Coast Road

von Alan Murrin

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Das Schweigen meiner Freundin
Simone Finkenwirth

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Erinnern Sie sich noch an Elena Ferrantes Freundinnen-Epos? Mochten Sie es genauso wie ich? Dann sollten Sie unbedingt in dieses Buch hineinschauen. Denn es könnte sehr gut möglich sein, dass Sie es auch wie ins Herz schließen werden.

Ich bin sofort gefangen in dem atmosphärischen Roman, der durch die dichte Schreibweise eine Sogwirkung verströmt. Giulia erzählt uns ihre Geschichte und die ist betörend. Sie öffnet ein Dreieck. Zunächst ist es eine Gerade. Als Cristi in Giulias Dorf ankommt, soll sich die Ich-Erzählerin um dieses aparte, schöne wie schweigsame Mädchen kümmern. Zunächst ist Giulia distanziert, doch bald wird das Band zwischen den beiden enger, bis eines Tages Mattia auftaucht... Cristi sucht fortan auch Mattias Nähe. Das behagt ihrer Freundin so gar nicht. Da ist es also: Das Dreieck.

Obwohl wir uns in dem kleinen Kosmos bewegen, hält mich die Autorin auf den über 500 Seiten starken Roman fest. Ich begleite Giulia über 23 Jahre, erlebe, wie ein Mädchen erwachsen wird, und die besondere Beziehung zu Cristi pflegt, die alles andere als einfach ist. Wir gehen durch Höhen und Tiefen, und in unseren Herzen glüht das Dreieck.

Lila und Elenas Geschichte aus Ferrantes Epos unterscheidet sich von dieser hier, doch im Kern sind sie sich sehr ähnlich. Wie ist es, wenn man einen Menschen gefunden hat, mit dem man sich auf besondere Weise verbunden fühlt, und den man einfach nicht vergessen kann? Davon erzählt auch Giulia Baldelli. Ob es eine Eigenart der Italiener:innen ist, dieses lebensbedeutende Thema derart authentisch und eindringlich schriftstellerisch abzulichten? Ich weiß es nicht. Verraten Sie es mir gern bei Ihrem nächsten Besuch.

Das Schweigen meiner Freundin

von Giulia Baldelli

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Wald im Haus
Simone Finkenwirth

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Wow! Was für ein Buch! Keine leichte Lektüre, trotzdem absolut lesenswert! Obendrein erweist es sich als idealer Einstieg für das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Wobei mir einige Fans der tschechischen Autorin noch ein anderes Werk nahegelegt haben: 

"Hana".

Mit "Wald im Haus" sollte man nicht alleine sein. Daher bin ich so dankbar, dass ich dieses Werk in meinem Buchclub gelesen und mich austauschen konnte. Das Leben der Ich-Erzählerin ist borstig. Das Mädchen lebt zusammen mit der Mutter und dem Vater bei den Großeltern. 

Ihr Spitzname ist ziemlich abwertend: Trutschel. Das Mädchen erfährt wenig Liebe und Zuneigung. Wie hält sie das nur alles aus? Mit ihrer Freundin Monika. Das ist die imaginäre Freundin, der sich das Mädchen anvertraut. Nur bei ihr findet sie Halt.

Die Großmutter ist hartherzig, der Großvater entflieht dem Zorn seiner Frau, und die Mutter wendet sich dem Alkohol zu. Einzig der Vater erlaubt sich die Frage: "Wie könnt ihr nur so leben?" Er solle sich nicht einmischen, faucht die Großvater garstig zurück. Bald muss er ausziehen, als das Mädchen eine Lügengeschichte erzählt. Ja, überhaupt die Lügen bilden das Fundament ihres Daseins: "Ich wuchs mit Lügen vor meinen Augen auf, alle Erwachsenen um mich herum logen und verbargen die Wahrheit, um der Welt ihr ungeschminktes ihr ungeschminktes Gesicht nicht zu zeigen, und so lernte ich, dasselbe zu tun, ich gewöhnte mich an Lügen und betrachtete sie als normalen Teil des Lebens."

Diese Lügen rauben mir den Atem wie die Auflösung und der Wald, und was er mit unserer einsamen Heldin anstellt.

"Wald im Haus" rüttelt an den inneren Fenstern. Es zieht, die Haut kräuselt sich, das Herz, weiß nicht, wohin mit sich. Nur weg! schreit es, und doch entkommen wir dem Sog der düsteren Geschichte nicht. Viel mehr saugt sie uns trichterförmig ein - bis wir am Ende ziemlich zerzaust sind und ja... was eigentlich? Staunen und denken: "Bitte mehr von der Autorin!" Nichts Leichteres als das, ruft es aus dem unabhängigen Wieser Verlag. Im Herbst erscheint ein neues Buch. Bis dahin können wir noch die anderen Werke entdecken, und den Wieser Verlag erkunden!

Wald im Haus

von Alena Mornštajnová, Alena Morntajnová

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Frau im Mond
Frank Menden

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Die Zwillingsschwestern Lilit und Lina el Shami sind nach dem frühen Tod ihrer Eltern bei ihrem Großvater in Montreal aufgewachsenen. Eine alte Postkarte von ihrer ihnen unbekannten Großmutter Anoush bringt sie auf die Spur ihrer Familie – und auf lang vergessene Geschehnisse in ihrer früheren Heimat: dem Libanon. 
Was hatte Anoush mit der ominösen „Lebanese Rocket Society“ zu tun? Was bedeutet die Widmung an ihren Großvater auf der Postkarte? Und was hat es mit der „Frau im Mond“ auf sich?
Lilit beschließt diesen Fragen im Libanon auf den Grund zu gehen. Während sie das Land neu erlebt und den Aufruhr der libanesischen Gesellschaft zu spüren bekommt, findet sie immer mehr Antworten – und stößt auf eine faszinierende Geschichte. Doch der 04. August 2020 ist nicht mehr fern….

Pierre Jarawan hat einen prallen, meisterhaft konstruierten Roman geschrieben, der auf faszinierende Art und Weise eine spannende Familiengeschichte mit den Themen Wissenschaft, Politik, Film und Kunst verbindet. Herausgekommen ist ein fulminanter Roman, der berührt, inspiriert und noch lange nach der letzten Seite nachhallt.
Ganz großes Kino!

Frau im Mond

von Pierre Jarawan

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Die Spielerin
Frank Menden

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A. wird in den 1990er Jahren von der niedersächsischen Provinz nach Zürich geholt. Die junge Frau gilt als ehrgeizig und talentiert, Eigenschaften, die in der Welt der Hochfinanz von Vorteil sind.
Doch die erhoffte Karriere als Investmentbankerin stagniert, die Männer machen die Geschäfte unter sich aus, ignorieren ihre Ihnen unscheinbar daherkommende Kollegin.
Ein Fehler, wie sich herausstellen wird…

„Die Spielerin“ ist der neue Roman von Isabelle Lehn - und ein wahres böses Vergnügen.
Die von einer wahren Geschichte inspirierte Story über eine unscheinbare Frau, die sich die Regeln der Männer zu eigen macht und sie in ihrem eigenen Spiel schlägt, erzählt Isabelle Lehn in einem ganz eigenen, leicht unterkühlten und kargen Stil, der hervorragend zu ihrer Protagonistin passt - und der ihr die Aura des Geheimnisvollen lässt.

Es kann einem bei der Lektüre Angst und Bange werden ob der geschilderten Zustände in den obersten Etagen der Hochfinanz. Und doch kann man sich einer gewissen Faszination nicht entziehen und wünscht der durchaus ambivalenten A. nur das Beste.

Ein fulminanter Roman, mitreißend und wie aus einem Guss, hochvergnüglich und leicht beängstigend - und wie die sehr geschätzte Daniela Dröscher sagt: „Ein flirrendes Stück investigativer Literatur.“

Unbedingt lesen und sich an dieser Geschichte und der unverwechselbaren Sprache erfreuen!

Die Spielerin

von Isabelle Lehn

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Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes
Simone Finkenwirth

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Wer kennt das nicht? Da ist man zu einer Feier eingeladen, möchte gern etwas mitbringen – im besten Falle ein gutes Buch, das einen tollen Eindruck hinterlässt. Aber man weiß nicht welches. Ich hätte da etwas total Unverfängliches, das Ihnen und den Empfängern eine große Tüte Lachsalven bescheren wird. Die erfolgreiche Podcasterin (DRINNIES) Giulia Becker hat mir mit ihrer neuen Textsammlung erheiternde, wie wärmende Stunden beschert. Ich muss jetzt seltsamerweise grinsen, wenn ich auf das Buch schaue. 

Was macht sie? Ganz einfach: Sie wedelt mit ihrem raffinierten Wörter-Zauberstab, reflektiert den Wahnsinn des Alltags, fantasiert ein bisschen weiter. Wie gleich eingangs, als sie darüber nachdenkt, wie es wäre, unsterblich zu sein. Wie reich sie damit werden würde, wenn sie jeden Tag nur einen Cent zurücklegen würde. Da wäre man nach hundert Millionen Jahre Millionärin. Auch interessant, finde ich ihre Analyse über Schlafanzug-Träger:innen. Für Zwischendurch gibt’s auch kleine Umfragen, bei denen man sein Kreuz setzen kann. Ebenso herrlich sind die Ruhezonen, die sie in Geschäften sucht. Und – oh Schreck – im Media Markt eingeschlossen wird.

Dieses Buch kommt zur richtigen Zeit! Nicht nur in Hinblick auf Weihnachten. Sie pustet den Schrecken des Weltgeschehens weg. Für mich ist das Buch schon jetzt ein All-Time-Favorite für Zeiten, in denen ich nicht weiß, wie ich da gerade durch den Alltag stolpern soll, und für Menschen, die ich mag, aber noch nicht gut kenne. Danach werden wir mit Sicherheit Freunde.

Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes

von Giulia Becker

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Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
Frank Menden

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Lange schon schleiche ich um eine Rezension von „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“ herum.
Warum? Nun, es ist gar nicht so einfach diesen Roman „zu pitchen“.

Klar, ich könnte über die aufkeimende und nicht unkomplizierte Liebesgeschichte von Nina ( 50, geschieden, zweifache Mutter, in einem nicht sooo sehr geliebten Job arbeitend ) und David ( 30, Inhaber eines hippen Sandwichladens, die er selbst kreiert ) schreiben. Über den Altersunterschied, die damit zusammenhängende Unsicherheit vor allem - aber nicht nur - durch das soziale Umfeld.

Oder über die Missstände in der Produktionsfirma, in der Nina und ihre beste Freundin Zeynep arbeiten, über die sexuellen Übergriffe bei den Dreharbeiten zu einer sehr beliebten Krimireihe.

Oder über Lena, Ninas Schwester, die verzweifelt versucht , bei den vermeintlich richtigen Leuten anzukommen und dabei sich selbst mehr und mehr aufgibt .

Oder über das schwieriger Verhältnis der beiden Schwestern . Oder beider schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter Karin.

Ich könnte aber auch einfach schreiben, dass die Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker einen Roman geschrieben hat, der trotz der vielen Themen nie überfrachtet ist. Der Witz mit Tiefgang verbindet, der berührt und absolut mitreißend ist und bitte unbedingt verfilmt werden sollte ( natürlich von Frau Decker selbst!)

Aber ich sag es einfach so: ein verdammt guter Roman mit einem genialen Titel!

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben

von Anika Decker

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Hammerfrau
Frank Menden

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„Nein, ich war nicht leichtsinnig, sicher nicht. Ich kann mir nichts vorwerfen. Ich bin es leid, mir diese Frage zu stellen. Oder sie gestellt zu bekommen. Aber es war genau diese Frage, die mir viele gestellt haben, ohne sie auszusprechen. Ich habe sie in ihren Blicken gesehen.“

Julia steht kurz vor ihrem Durchbruch als Sopranistin als ein kleiner Gang durch den Park alles verändert. Hier wird sie von einem ihr unbekannten Mann, dem Plattenverkäufer Thomas, mit einem Hammer attackiert, die Folgen werden sie den Rest ihres Lebens begleiten.

Opfer wie Täter berichten abwechselnd wie es zu dieser Tat kam, wie ihr Leben davor verlief, wie danach.

„Hammerfrau“ von Mario Kreszner ist ein aufrüttelnder Roman. Ein Roman, der genau hinsieht, der beide Perspektiven nicht kommentiert und dessen Sympathien doch klar verteilt sind.
Es ist eine Geschichte, wie sie beinah täglich passiert und die uns alle zwingt genauer hinzusehen.
Und uns vor Augen führt, mit welchem Blick Männer Frauen betrachten.
Absolute Leseempfehlung!

Hammerfrau

von Mario Keszner

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Das Haus der Türen
Frank Menden

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1921 besucht der berühmte Schriftsteller William Somerset Maugham einen alten Freund aus London in Penang. Hier in Malaysia lebt der Anwalt Robert Hamlyn zusammen mit seiner Frau Lesley und freut sich, seinen einstigen Mitbewohner, der von seinem Sekretär - und dies ist schnell klar - und Liebhaber begleitet wird, wiederzusehen.
Der Besuch wird für den von seiner Asienreise erschöpften Schriftsteller allerdings weniger erholsam als gedacht.
Schnell erkennt er, dass es mit der Ehe seiner Gastgeber nicht zum besten steht und je mehr er und Lesley sich annähern, umso mehr erfährt er die Hintergründe dieser langsamen Entfremdung.
Da ist neben Roberts Krankheit, ein durch einen Giftgasangriff im Ersten Weltkrieg verursachtes Lungenleiden, auch Lesleys Zusammenarbeit mit einem bekannten chinesischen Revolutionär.
Und da ist ja auch noch der zehn Jahre zurückliegende Skandal um Lesleys Freundin Ethel, die in einem spektakulären Prozess des Mordes beschuldigt wurde….

Als großer Fan der Werke W. Somerset Maughams ( man sollte unbedingt „Der Menschen Hörigkeit lesen ) war der für den Booker Prize nominierte Roman „Das Haus der Türen“ natürlich ein Muss.
Tan Twan Eng hat einen atmosphärischen Roman über Menschen geschrieben, die Gefangene der Konventionen ihrer Zeit sind. Gleichberechtigung der Frau, Homosexualität und politischer Freiheitskampf sind ebenso seine Themen wie die Manipulation von Menschen durch einen Autoren, der alles ihm anvertraute für sein Werk nutzt.
Somerset Maughams vorherrschendes Thema seiner Romane waren die menschlichen Schwächen, die zum scheitern von Beziehungen führen: Selbstsucht, Stolz, Heuchelei, Feigheit und Angst.
Tan Twang Eng greift dies in seinem hervorragend von Michaela Grabinger übersetzten Roman auf und zeigt uns zudem in einem genialen Twist, wie Literatur ihre Magie entfaltet.
Ein sehr zu empfehlender Roman, nach dessen Lektüre man unbedingt Maughams „The Letter“ lesen sollte.

Das Haus der Türen

von Tan Twan Eng

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Hier draußen
Frank Menden

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„Was hier üblich war und schon immer so, das hatte so zu passieren, und wer das nicht abkonnte, gehörte eben nicht dazu.“

Fehrdorf in Schleswig-Holstein. Hier hat alles und jede(r) seinen angestammten Platz. Nur Ingo und Lara fremdeln noch ein wenig mit dem kleinen Dorf. Der Umzug von Hamburg hierher auf den schönen großen Resthof sollte ihnen und ihren Kindern die Möglichkeit für einen Neuanfang geben. Doch zwischen den Vorzeigelandfrauen, den wortkargen Bauern und den beiden letzten Bewohnern einer einstigen Öko-WG ist es schwer einen Platz zu finden, sich einzuordnen in die tradierte Choreografie des Ortes.
Als Ingo eines Abends einen Wildunfall mit einer weißen Hirschkuh hat und sich Dorfjäger Uwe weigert, dem schwer verwundeten Tier alleine den Gnadenschuss zu geben, da denjenigen, der eine weiße Hirschkuh tötet, innerhalb eines Jahres der Tod ereilt, setzt dies eine Kette von Ereignissen in Gang , die unweigerlich zu Veränderungen führt. Und da ist ja auch noch die Prophezeiung….

Es gibt nur eines, was ich nach der Lektüre von „Hier draussen“ bedaure: dass ich diesen wunderbaren Roman nicht früher gelesen habe.

Martina Behm hat einen Dorfroman geschrieben, der nichts beschönigt, der mit Klischees gleichzeitig aufräumt und sie bestätigt, mit viel Empathie und leisem Humor ihr Sujet betrachtet und das fiktive Fehrdorf mit seinen Bewohnern so lebendig werden lässt, dass man es mit allen Sinnen erfasst.
Der vielschichtige Roman bietet eine multiperspektivische Sicht auf vermeintliche und reale Dorfromantik, auf Beziehungen und Traditionen. Nie gerät der Roman in den Ruch eine thesenhafte Versuchsanordnung zu sein, dafür kennt die Autorin ihr Setting und Personal zu gut.
„Hier draussen“ ist ein Roman über das Land, das Leben - und das Landleben. Mit allen Höhen und Tiefen, allen Facetten und Schattierungen, ohne Kitsch, völlig unsentimental, lebensklug und unbedingt lesenswert!
Wie Max Moor korrekt auf dem Umschlag zitiert wird : „Ein richtig gutes Buch“

Hier draußen

von Martina Behm

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Unter Grund
Frank Menden

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Eine junge Frau kehrt zurück in ihr Heimatdorf und stellt sich dort ihrer Vergangenheit - ihrer rechten Vergangenheit.
Die junge Frau ist Franziska, eine Referendarin, das Dorf liegt in der fränkischen Provinz .
Hier ist sie aufgewachsen, der Vater früh verstorben, die Mutter nach dessen Tod überfordert und sich der Esoterik zuwendend, die Großmutter barsch und verschlossen.
Aus einer zufälligen Begegnung erwächst eine Freundschaft, die Franziska mehr und mehr in rechtsradikale Kreise führt…

„Unter Grund“ erzählt authentisch vom allmählichen abdriften in die Rechte Szene, von rechtem Gedankengut, das unterschwellig im Dorf schwelt und dessen Ursprung in der Vergangenheit liegt, die alle am liebsten vergessen wollen.
Verdrängen und Schweigen, Wegschauen und -hören wenn es unangenehm wird, das scheint die Devise zu sein. Bis Franziska, die sich mittlerweile von ihrer Vergangenheit distanziert hat (sich aber trotzdem nicht traut mit ihrem neuen Umfeld darüber zu reden) wieder auftaucht und alte Wunden aufbrechen.

Für mich ist dieses Debüt ein überzeugender Blick auf ein großes gesellschaftliches Problem unserer Zeit, genau beobachtet, in einem eigenen unverwechselbaren Ton geschrieben und ohne erhobenen Zeigefinger.
Ein Roman, der gelesen werden sollte !

Unter Grund

von Annegret Liepold

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Am Himmel die Flüsse
Simone Finkenwirth

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Dieses Buch stellt mich vor eine große Herausforderung: In wenigen Zeilen den Inhalt wiederzugeben. Denn Elif Shafaks Roman ist derart weitreichend und voll an Geschichten.

Zunächst trifft mich das Wasser:

"Am Rand der Gewitterwolke hängt ein einzelner Regentropfen - kaum so groß wie eine Bohne und leichter als eine Kichererbse. Eine Weile zittert es bedenklich, das kleine, runde verschreckte Ding, denn es macht Angst, die Erde zu betrachten, die sich dort unten wie eine Lotusblüte öffnet. Dabei ist es wahrlich nicht das erste Mal. Der Tropfen hat die Reise schon oft gemacht - hinauf zum Himmel, hinunter zu festen Boden und wieder hinauf. Doch er fürchtet den Fall immer wieder."

Und dann fällt die erste starke Figur ins Augenlicht: Arthur, König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere, kommt 1840 in ärmlichen Bedingungen in London zur Welt. Er ist arm, dafür reich gesegnet mit Talenten. Genau das wird ihm in der Schule zum Verhängnis. Doch später rettet Arthur genau dies, als er zunächst als Hilfsjunge beim Verlag Bradbury & Evans beginnt. Dort sogar auf Charles Dickens trifft. Seine Neugier führt ihn ins British Museum. Hier verliebt er sich in die Lamassus (assyrische Schutzdämone) und entwickelt für die Tafeln von Ninive geradezu eine Passion.

Dem gegenüber steht Narin im Jahr 2014. Ein neunjähriges Mädchen, das an einer seltenen Krankheit leidet. Narins Familie gehört zu den Eziden. Ihre Großmutter kann Wasserquellen aufspüren, und Menschen heilen. Als sie zu Narins Taufe in den Irak reisen, wird dies ein schrecklicher Wendepunkt im Leben der Familie.

2018 stehe ich an der Seite von Zaleekhah, eine Wasser-Expertin und Wissenschaftlerin, die sich kürzlich von ihrem Mann getrennt hat. Die junge Frau hat seit dem Tod ihrer Eltern eine stete Traurigkeit in sich. Als sie in ein Hausboot zieht und deren Vermieterin kennenlernt, wird das Zaleekhahs Leben verändern.

Wie nun alle Figuren miteinander verbunden sind, das überlasse ich der herausragenden Autorin selbst.

Elif Shafak hat ein unglaubliches Buch geschrieben! Sorgfältig recherchiert, flechtet sie gekonnt menschliche Linien mit ihren Schicksalen ein. Zudem erzählt sie die hochspannende Kulturgeschichte Mesopotamiens und erschüttert uns mit den barbarischen Kriegshandlungen des IS. Schreckliche Szenen, die mich lange beschäftigt haben.

Eine große Fabulierlust durchströmt das Werk. Ich denke an beeindruckende lebenskluge Sätze genauso wie an ihre eleganten Verbindungen vom Punkt zum nächsten Satz. Für mich ist dies eins der großen Werke der Autorin - wenn überhaupt das beste - das es übrigens auch kongenial von Pegah Ferydoni eingesprochen als Hörbuchfassung bei Argon gibt.

Am Himmel die Flüsse

von Elif Shafak

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Drei Tage im Juni
Frank Menden

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Anne Tyler ist immer eine sichere Bank .
Ihr neuer Roman „Drei Tage im Juni“ , übersetzt von Michaela Grabinger, zeigt erneut ihre Meisterschaft.

Die titelgebenden drei Tage im Juni sind die Tage vor und nach der Hochzeit der gemeinsamen Tochter von Gail und Max, sowie der feierliche Tag selbst .
Gail und Max sind schon lange geschieden, haben einen guten Umgang miteinander gefunden.
So ist es für Gail auch völlig okay, Max bei sich über die Hochzeit unterzubringen.
Nicht ganz so okay ist die Ansage ihrer Chefin ihr den Job als stellvertretende Schuldirektorin wegen mangelnder Sozialkompetenz zu kündigen .
Und erst recht nicht okay ist die Tatsache, dass ihre Tochter Debbie am Tag vor der Hochzeit völlig fertig ist, da sie gerade erfahren hat , dass ihr zukünftiger Mann sie wohl vor gar nicht langer Zeit betrogen hat .
Nicht die besten Voraussetzungen für eine strahlende Hochzeit, zu der auch ein recht missglückter Friseurbesuch nicht gerade optimistisch einstimmt …

208 Seiten hat dieser Roman, und jede Seite ist ein Genuss . Anne Tyler hat mit der 61jährigen Gail eine Protagonistin geschaffen, die einem gerade wegen ihrer oftmals etwas brüsken Art sehr schnell ans Herz wächst und die uns mit all ihren Fehlern und Vorzügen wünschen lässt, dass sich alles in ihrem Leben zurechtrücken wird.
Mich hat dieser mit genauem Blick und voller Empathie erzählte Roman für ein paar Stunden völlig in den Bann gezogen und mich wieder darin bestärkt, dass Anne Tyler eine der großen amerikanischen AutorInnen ist.

Drei Tage im Juni

von Anne Tyler

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Bevor wir uns vergessen
Frank Menden

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„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“
Sören Kierkegaard

Alice und Jules, beide 85 Jahre alt, treffen sich auf einer Bank im Jardin du Luxembourg in Paris .
Hier begann vor sechzig Jahren ihre gemeinsame Geschichte, ihre Liebe, die so groß war und ist, dass sie alle Stürme des Lebens überdauert hat. Doch wie ist ihnen dieses Kunststück gelungen? Und wie schauen sie auf die gemeinsame Zeit zurück, jetzt, da die Erinnerungen schwinden….

„Bevor wir uns vergessen“ ist der neue Roman von Eliette Abecassis, übersetzt von Kirsten Gleinig .
Und wie auch schon „Mit uns wäre es anders gewesen“ ( jetzt übrigens zeitgleich als Taschenbuch erschienen) hat mich auch dieser Roman fasziniert und überzeugt.
Die Autorin erzählt die Geschichte von Alice und Jules rückwärts, kommt dem Ursprung ihrer Geschichte in Schlaglichtern näher und enthüllt uns so das Leben zweier Menschen, die manchmal nur schwer miteinander leben können. Und bei denen doch klar ist, dass sie ohne einander nicht sein können - so wie es die beiden nach ihrer ersten Begegnung wissen.

Man kann diese Erzählweise für einen „Gimmick“ halten, mich hat der Roman gerade deswegen so beeindruckt. Zu erfahren, wo Verhaltensweisen ihren Ursprung haben, wann die gemeinsamen Rituale begannen ( und warum ) und was es mit den wiederkehrenden Redewendungen auf sich hat … Für mich war dieses langsame entblättern ein Genuss.
Und der Brief, der am Anfang der Geschichte von Alice und Jules stand und den wir am Ende der 176 Seiten lesen - so einen Brief würden wir alle wohl gern einmal erhalten….

Bevor wir uns vergessen

von Éliette Abécassis

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Scheidung
Frank Menden

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30 Jahre verheiratet, zwei Töchter , eine schöne Wohnung mit brandneuer schicker Küche - und plötzlich ist alles aus.
Nach einem Streit kehrt Niklas nicht in die Wohnung zurück . Auch am nächsten Tag: keine Nachricht.
Bea weiß sich nicht zu helfen. Ist Niklas vielleicht etwas zugestoßen, warum meldet er sich nicht?
Als er es dann doch macht, stellt er seine Frau vor vollendete Tatsachen: er will dieses Leben nicht mehr, er will die Scheidung.
Für Bea bricht eine Welt zusammen. Was ist in ihren Mann gefahren? Ist all Ihre Vergangenheit, ihre Töchter, das gemeinsame Zuhause, ist das alles nichts mehr wert?

„Scheidung“ von Moa Herngren , übersetzt von Katharina Martl, erzählt realistisch und psychologisch genau die Geschichte einer Trennung - und zwar aus beider Perspektiven.
Das ist spannend und ernüchternd, erhellend und auch ein wenig beängstigend, denn hier erfährt man , wie unterschiedlich zwei Menschen ihr gemeinsames Leben erlebt haben. Und wie sich Kleinigkeiten zu unüberwindlichen Hindernissen entwickeln.

399 Seiten, keine ist zu viel. Man versteht sowohl Bea als auch Niklas, versteht beider Verhalten, ihre Gründe und Sorgen, Wünsche und Träume.
Man ist ganz nah dran, erkennt einiges aus vergangenen Trennungen wieder, ist mit dem Umfeld der beiden hin und hergerissen - und ist am Ende beeindruckt , wie nuanciert die Autorin die vielen Seiten einer Beziehung ans Licht bringt.
Ein hervorragender Roman, nah an den Figuren, nah am Leben. Und trotz aller Bitternis auch ein Mut machendes Buch!

Scheidung

von Moa Herngren

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Sommer ohne Plan
Frank Menden

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Zugegeben: ich hatte meine Vorbehalte gegenüber „Sommer ohne Plan“ von Johanna Swanberg , übersetzt von Nina Hoyer.
Die Geschichte von Cassi, die nach einem Burnout ihr schickes Stockholmer Leben aufgibt, sich völlig gehen lässt, spontan ein Haus im Wald kauft und durch eine Verkettung von Umständen von den Dorfbewohnern für einen Selbsthilfe Guru gehalten wird und diese mit höchst obskuren Methoden zu behandeln begibt, klingt doch etwas zu skurril und vermeintlich leichtfüßig.
Aber der Roman ist zwar durchaus komisch , die Protagonistin auch leicht nervend, allerdings erfährt die Geschichte auch viel Tiefe.

Johanna Swanberg bietet Einblicke in das komplizierte Geflecht der Dorfhierarchie, karikiert die einzelnen Bewohner nicht und blättert Cassis Geschichte nach und nach auf.
Das ist sehr unterhaltsam erzählt, einmal musste ich laut lachen und auch an einer Stelle eine Träne fließen lassen ( es gibt eine wirklich schöne und berührende Liebesgeschichte, die glaube ich niemand kalt lässt , aber die ich keinesfalls spoilern will. Nur soviel: sie passt hervorragend zum Pride Month ????).

Für mich war „Sommer ohne Plan“ eine wunderbar kurzweilige intelligente Strandkorblektüre, die zwar einige Klischees bedient, sie aber auch hervorragend gegen den Strich bürstet.
Ein Buch, das man glücklich und mit einem kleinen Lächeln wieder aus der Hand legt.

Sommer ohne Plan

von Johanna Swanberg

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Mit den Jahren
Frank Menden

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Leipzig.
Drei Menschen in ihren 40ern treffen hier aufeinander.
Jette, Single, in der wohl letzten Videothek der Stadt arbeitend, würde gern einen Roman schreiben, kommt nur irgendwie nicht dazu.
Lukas, freischaffender Künstler, wie Jette aus Hamburg kommend, beginnt eines Abends eine Affäre mit Jette - aus Überdruss, als Ventil für ein nicht gelebtes Leben?
Eva ist Lehrerin, Mutter zweier Kinder , und Lukas Ehefrau. Sie fragt sich immer mehr, ob sie eigentlich das Leben führt, das sie leben möchte .

Eine normale Dreiecksgeschichte möchte man meinen - und ja, auf den ersten Blick scheint es so.
Doch im Laufe des Romans „Mit den Jahren“ entwickelt die Geschichte nicht nur einen klugen Blick auf die verschiedenen Möglichkeiten in Liebe und Beziehungen ( muss allein sein wirklich ein Problem sein? ) , sondern auch auf die Unterschiede zwischen Ost und West, Körperlichkeit und Selbstakzeptanz.

Mich hat die Autorin mit diesem Buch durch ihren klugen und mit leisem Humor durchsetzten Ton von den ersten Zeilen an überzeugt. Sie schreibt mit leichter Hand über die Anforderungen des Familienlebens, über alternative Lebensentwürfe und die Fragen, die diese Konstellationen aufwerfen - und bringt dadurch viele Aspekte auf den Punkt.
Gutes Buch !

Mit den Jahren

von Janna Steenfatt

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Rückkehr nach Budapest
Frank Menden

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Auf den ersten Blick ist es eine klassische Dreiecksgeschichte: zwei Frauen lieben den gleichen Mann.
Marta, bodenständig, eine gute Zuhörerin, bei der alle ihre Sorgen abladen und darüber zu vergessen scheinen, dass sie auch ein Leben hat .
Teresa, ihre Cousine, ist anders, schillernd und flirrend, das Schicksal scheint immer auf ihrer Seite zu sein.
Konstantin ist der Mann, um den sich beide drehen, ein Künstler, Schriftsteller, der in Opposition steht zur Politik des Landes, in dem er lebt: der DDR.

Nikoletta Kiss erzählt in ihrem Roman „Rückkehr nach Budapest“ jedoch mehr als nur die Geschichte dieser drei Menschen, dieser drei Leben in Ost-Berlin und Ungarn, in der Zeit vor der Wende.
Sie arbeitet mit verschiedenen Zeitebenen, die mit Reflexionen über Sprache und Literatur durchsetzt sind - und sich auch so mit dem unterschiedlich gelebten Sozialismus auseinandersetzt.
Vor allem aber schildert sie anschaulich und genau die Suche einer Frau nach sich selbst. Einer Frau, die sich oft am Rande des Geschehens fühlt und erst spät bemerkt, dass sie das Zentrum der Geschichte ist - und diese die ihrige ist.

Ein politischer Roman, der einen anderen Blick auf den Sozialismus bietet.
Eine Freundschaftsgeschichte, die zugleich auch eine Liebesgeschichte ist.
Eine Geschichte über den falschen Mann im richtigen Leben und umgekehrt.
Vor allem aber ein Roman, den man lesen sollte.

Rückkehr nach Budapest

von Nikoletta Kiss

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Zehn Bilder einer Liebe
Frank Menden

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„Ein Liebesroman der Gegenwart, der nichts beschönigt und gerade deswegen so überzeugt.“

Ich könnte dies jetzt so stehen lassen, denn dieses Zitat schmückt die Rückseite des exzellenten neuen Romans von Hannes Koehler, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt - und es ist von mir.
Eingerahmt von Zitaten von Julia Wolf und Daniela Dröscher , also in allerbester Gesellschaft.

Aber es geht ja hier um diesen Roman, diese „Zehn Bilder einer Liebe“, die mich sehr begeistert haben.
Hannes Köhler erzählt die Geschichte eines Paares aus beiden Perspektiven. Er erzählt sie ehrlich und ungeschönt und wahrhaftig. Davon, dass Liebe allein selbst bei der großen Liebe nicht ausreicht. Und wie man mit den Fallstricken derselben trotzdem leben und lieben kann - wenn man denn wirklich will.

Zehn Bilder einer Liebe

von Hannes Köhler

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Bei aller Liebe
Simone Finkenwirth

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Weniger kratzbüstig, aber nicht minder lesenswert ist der neue Roman von Jane Campbell. Nachdem die 82jährige Autorin mit ihrem Debüt „Kleine Kratzer“ auch hierzulande für Furore gesorgt hat, legt sie nun nach.

Die Autorin bedient sich wieder ihrem wertvollen Wissen über uns Menschen. Denn in ihrem vorherigen Leben war sie als Psychoanalytikerin in Oxford tätig. Apropos: Psychologisch klug und feinfühlig erzählt sie eine Familiengeschichte. Die beginnt damit, dass Agnes viel zu früh ihre Eltern bei einem Autounfall verliert. Ihre Mutter Sophy hat vorher ihrem Bruder Malcom einen Brief übergeben. Er soll Dr. Joseph Bradshaw persönlich ausgehändigt werden. Doch das macht Malcolm nicht. So hütet er bis heute ein Geheimnis, das eng mit seiner Nichte Agnes verknüpft ist. Warum handelt er so? Das ist eine von weiteren Fragen, denen ich mich Seite um Seite nähere.

In abwechselnden Kapiteln erlebe ich dabei die Lebensgeschichten von Dr. Joseph Bradshaw, Malcolm und Agnes. Alle widmen sich der Psychologie in verschiedenen Formen. Ein raffinierter Schachzug wie die Linien, die Campbell zusammenzieht. So baut sie ein Spannungsfeld auf, dem man ebenso wenig entgeht wie ihren klugen Ansichten: „Mit dem Alter kommt die Zerknirschung, Malcom. Da gibt es kein Entrinnen. Es kommt allerdings darauf an, wie du die Geschichte deines Lebens erzählst.“

„Bei aller Liebe“ ist ein packendes wie berührendes Buch über Lebenslügen, Familie, Verletzungen und die Kunst des Verzeihens. Die Geschichte hallt lange noch nach. Da verzichtet man durchaus auf das kratzbürstige Erzählen. Und freut sich viel mehr darüber, dass diese bewundernswerte Frau mit Anfang 80 angefangen hat, zu schreiben. Bitte weiter so und mehr davon!

Bei aller Liebe

von Jane Campbell, Bettina Abarbanell

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Der Wald
Simone Finkenwirth

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Viel zu wenig habe ich bisher über diesen Roman vernommen. Warum nur? Denn die Booker-Preisträgerin, die mit ihrem Buch „Die Gestirne“ mit gerade mal 28 Jahre auf dem literarischen Parkett zu einer Berühmtheit wurde, zeigt erneut, dass sie zu den besten Autorinnen unserer Gegenwart gehört.

Eleanor Catton möchte mit ihrem Roman nicht nur unterhalten. Sie will uns auch zum Nachdenken anregen, indem sie zwei gegensätzliche Pole zusammenbringt. Da ist die 24jährige Mira. Die Umweltaktivistin hat eine Guerilla-Gardening-Gruppe ins Leben gerufen. Das „Birnam Wood“-Kollektiv setzt überall dort Pflanzen, wo es keiner merkt.

Als es in einem Naturschutzgebiet zu einem Erdrutsch kommt, sieht sie ihre große Chance gekommen. So bietet das große Grundstück des Unternehmers Owen Darvish viel Raum fürs Gardening. Als Mira dort ankommt, findet sie die Farm verlassen vor, und will bald loslegen, bis ihr der Milliardär Robert Lemoine über den Weg läuft... und der unterbreitet ihr ein lukratives Angebot, das wiederum den Grundsätzen des Kollektivs widerspricht.

Wahnsinn! Was für eine hochspannende Geschichte! Eleanor Cotton hat in ihrem Roman eine Vielzahl an relevanten Themen versehen: Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, Umweltschutz, Gemeinschaft - was sie schaffen kann, aber auch spaltet, Freundschaft, Ideale – wie weit würden wir gehen? Spritzige Dialoge befeuern die plotgetriebene Handlung, die mit einem extrem packenden Showdown endet. Stephen King meint: „Grandios. Was für ein Genuss!“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht: Setzen Sie ein Pflänzchen, auch für dieses Buch, von dem ich gern noch mehr lesen und hören möchte. Ob es uns gelingt?

Der Wald

von Eleanor Catton

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Ein falsches Wort
Simone Finkenwirth

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Sie sollten in der richtigen Verfassung sein, wenn Sie dieses Buch aufschlagen. Denn „Ein falsches Wort“ hat eine enorme Sprengkraft, schwappt wie die vom Sturm aufgewühlte Nordsee durch den Kopf. Das Debüt hat seinerzeit in Norwegen einen Skandal ausgelöst, und wurde gleichzeitig international zum Bestseller. Ihr zweiter Roman „Die Wahrheiten meiner Mutter“ erschien im vergangenen Jahr. Wie gut, dass der Fischer Verlag nun nachgelegt hat. Wer die Autorin bisher verpasst hat, bekommt jetzt die Gelegenheit, diese Lücke zu schließen. 

Dass Vigdis Hjorth zu den Meisterinnen der Familiengeschichten zählt, brauche ich ihren erfahrenen Leser:innen nicht erklären. Der Roman wird aus der Sicht von Bergljot erzählt. Sie ist die Schlichterin in einem Streit, der sich entbrannt, nachdem ihre Eltern den beiden jüngeren Töchtern zwei Hütten im Testament vermachten wollen. Der finanzielle Ausgleich an die anderen beiden Kinder kommt nicht annährend an den Wert der Immobilien heran. Die Eltern haben das Erbe aufgesetzt, ohne dass ihr Bruder Bard darüber informiert wurde. Wie kann das sein? Und noch etwas ist geschehen: die Mutter hat erneut eine Überdosis genommen und liegt jetzt im Krankenhaus. 

Die Erzählerin nimmt uns mit in ein Familiendrama, das weiter zurückreicht – denn offenbar hatten Bard und Bergljot eine andere Kindheit als Asta und Astrid. Über diese Vergangenheit wurde bisher geschwiegen, Bergljot hat sich aus gutem Grund der Familie entzogen. 

Jetzt bricht alles wieder auf. Unruhe kriecht in Bergljots Innenleben. Sie flüchtet sich oft in den Wald, trinkt zu viel, und wird hinabgezogen in den dunklen Teil der Seele und ich gleich mit. Denn Vigdis Hjorths Erzählstil ist absolut soghaft, mitunter radikal und unglaublich verdichtet.

So aufwühlend die Lektüre auch ist, genauso lebensklug ist sie ebenfalls. Vigdis Hjorth schlägt viele nachdenkliche Töne an, an denen ich nicht schnell vorbeilesen konnte. Daher sieht mein Buch wieder aus wie ein Punk – geschmückt voller farbiger Post-its. Sätze wie dieser sind einfach zu großartig, um sie nicht zu markieren: „Wenn man das Glück hat, erfolgreich zu sein, darf man nie vergessen, welche Kompetenzen man im Unglück erworben hat.“

Ein falsches Wort

von Vigdis Hjorth

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Die vorletzte Frau
Frank Menden

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Als Katja Oskamp 2019 mit „Marzahn, mon amour“ ein bis heute von vielen gefeiertes Buch veröffentlicht, war sie für viele Lesende eine große Entdeckung.
Für mich war die Schriftstellerin keine Unbekannte mehr, hatte sie mich doch schon 2003 mit ihrem Debüt „Halbschwimmer“ und den nachfolgenden Büchern „Die Staubfängerin“ und „Hellersdorfer Perle“ vollkommen begeistert.

Nun erscheint mit „Die vorletzte Frau“ endlich ein neuer Roman.
Wie bereits der Vorgänger ist auch dieses Buch stark autofiktional ( ihre Tätigkeit als Fußpflegerin und der Erfolg ihres darauf basierenden Buches werden hier auch thematisiert ).
Im Zentrum steht die 19 Jahre dauernde Beziehung zu einem bekannten Schriftsteller, die zu Beginn alles ist, was man sich von einer Liebesbeziehung nur wünschen kann - und die sich dann durch die Krankheit des Mannes mannigfaltig verändert.

Katja Oskamp schreibt entwaffnend ehrlich, nie despektierlich, mit scharfer Beobachtung und ebensolchem Humor. Sie gibt intime Einblicke und bleibt doch diskret ( ihr langjähriger Partner ist mit dem Roman einverstanden), lässt uns teilhaben an ihrem Leben, ihrer Liebe, ihrem Muttersein, den Erfolgen und Misserfolgen - und hat mich aufs Neue beeindruckt, berührt und begeistert.
Einzelheiten zu erzählen würde bedeuten viel vorwegnehmen. Zum Beispiel, warum der Roman diesen Titel trägt und eine Katze auf dem Cover abgebildet ist.
Aber das Vergnügen, dies selbst herauszufinden, selbst in dieses Buch , dieses Leben, einzutauchen, es mit zu leben - dies möchte ich mit keinem Wort zu viel spoilern.
Nur so viel: gönnt euch diesen Roman! Ihr werdet es in keinster Weise bereuen .

Die vorletzte Frau

von Katja Oskamp

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Das Unwetter
Frank Menden

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Aus der beliebten Reihe „Bücher, die niemand auf dem Schirm hat“ heute: „Das Unwetter“ von Brit Bildoen, übersetzt von Frank Zuber.

Dieser Roman entzieht sich jeglicher kategorischen Einordnung.
Es ist Oktober, das Wetter in Norwegen ist eher unwirtlich. Trotzdem soll in einem kleinen abgeschiedenen exquisiten Hotel in den Bergen die goldene Hochzeit der Eltern gefeiert werden.
Tochter Dorte hat alles geplant und organisiert, obwohl man nun auch wirklich gut Zuhause hätte bleiben können.
Was nun folgt, ist ein klassisches Thriller Setting: eine Gerölllawine macht die Straße ins Tal unpassierbar, die Familie sitzt zusammen mit dem Wirt Ole fest - und dann tauchen plötzlich zwei fremde Männer auf…
Aber es kommt ganz anders als man denkt.

Ich kann mir gut vorstellen, wie man im Verlag gerätselt hat, wie dieses Buch zu platzieren sei.
Die Tagline „Sechs Menschen, drei Tage - und ein Berg voller Lügen“ ist auf jeden Fall viel zu reißerisch für diesen klugen, gut beobachteten, ruhigen und dennoch ungemein spannenden und beklemmenden Roman.
Für mich schreit diese Vorlage geradezu nach einer Verfilmung durch Thomas Vinterberg, so sehr hat es mich in der Atmosphäre und Personenkonstellation an seine Filme erinnert.

Wer Lust auf einen kleinen feinen beunruhigen Roman ohne Effekthascherei hat , der sollte sich diesem „Unwetter“ unbedingt aussetzen.

Das Unwetter

von Brit Bildøen

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Ehemänner
Frank Menden

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Als Lauren von einem feucht fröhlichen Junggesellinnenabschied nach Hause kommt findet sie einen fremden Mann in ihrer Wohnung .
Der beteuert jedoch ihr Ehemann zu sein - nur ist Lauren Single .
Als der Mann auf den Dachboden geht und kurz darauf ein anderer Mann durch die Luke in der Decke in ihre Wohnung steigt , zweifelt Lauren an ihrem Verstand.
Doch bald versteht sie zwar nicht was da vor sich geht , das Konzept der stetig wechselnden Ehemänner überzeugt sie jedoch .
Wie befreiend , Männer beim kleinsten Misston einfach auszuwechseln.
Allerdings wechseln nicht nur die Männer, auch ihre Lebensumstände sind immer andere, die Wohnung mal mehr oder weniger geschmackvoll möbliert und auch das Verhältnis zu Nachbarn und Freundinnen ist jedes Mal leicht anders…

„Sie mag die neuen Versionen von sich selbst nicht immer, aber sie helfen ihr, die Grenzen ihrer Persönlichkeit zu verstehen.“

„Ehemänner“ , übersetzt von Babette Schröder ist eine Wundertüte von Roman.
Nicht nur ist die Idee absolut zwingend und originell ( ich habe ein paar Mal laut auflachen müssen ), die Autorin versteht es hervorragend , ihrer Geschichte durch immer wieder neue Ideen Wendungen zu verleihen, die ihr immer mehr Tiefe geben.
Für mich war dieser intelligente Unterhaltungsroman eine sehr begeisternde Leseerfahrung, die nicht nur das moderne Datingverhalten kommentiert , sondern auch andere Aspekte unserer Gesellschaft kritisch beleuchtet .
Ein großer Spaß mit Mehrwert !

Ehemänner

von Holly Gramazio

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O Brother
Frank Menden

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2010 begeht Gary Niven im Alter von 42 Jahren Selbstmord. Vor allem sein älterer Bruder John quält sich seitdem mit Schuldgefühlen : hätte er die Tat kommen sehen können, hätte er eingreifen können , hätte hätte hätte…

John Nivens „O Brother“ ist weitaus mehr als nur ein sehr persönliches Memoir.
Der erfolgreiche Schriftsteller spürt der Frage nach, warum zwei Menschen mit der gleichen Herkunft, den gleichen Lebensumständen völlig andere Lebenswege einschlagen.
Warum der eine , John selbst, im Leben reüssiert, erfolgreich wird, während der andere, Gary, von frühester Kindheit an ein Troublemaker ist und auf die schiefe Bahn gerät. Auf einen Weg, aus dem er an seinem Ende keinen Ausweg mehr sieht.

John Niven schont sich und die Seinen in diesen berührenden Lebenserinnerungen nicht. Er schreibt sich die Trauer von der Seele, durchlebt noch einmal alle Höhen und Tiefen der Geschwisterbeziehung, hinterfragt die Erziehung der Eltern und auch seine eigenen Verhaltensmuster.
Immer wieder blitzt der Nivensche schwarze Humor durch, aber vor allem ist dieses ungemein bewegende Buch eine Hommage an den verlorenen Bruder.
Beeindruckend!

O Brother

von John Niven

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Das Jahr voller Bücher und Wunder
Simone Finkenwirth

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Achtung: Dieses Buch ist überhaupt nicht kitschig! Der Goldmann Verlag hat sich wohl gedacht: Wir gestalten das Buch wie "Der verschwundene Buchladen" von Evie Woods und dann läuft das schon. Aber ganz so easy ist es dann doch nicht. Glücklicherweise haben Sie uns: Ihre literarischen Vorkoster!

Libby Page ist für mich keine unbekannte Autorin. Die Engländerin hat mich seinerzeit mit ihrem Roman "Schwimmen mit Rosemary" begeistert. Auch in diesem Roman verbindet sie schwere Themen mit der Leichtigkeit des schönen Zufalls und den richtigen Menschen, die genau in unser Leben treten, wenn wir sie brauchen. In Tillys Fall ist es Alfie. Der Buchhändler ruft die junge Frau im Januar an ihrem Geburtstag zu Hause an und verkündet, er hätte ein Geschenk für sie. Von ihrem Mann Joe, der vor einem halben Jahr verstorben ist. Nur widerwillig macht sich die Lektorin auf den Weg zur Book Lane Buchhandlung. Aber wie gut, dass sie dies getan hat, denn was folgt, sind eine Vielzahl von wunderbaren Momenten, die nicht nur duch das Lesen entstehen, denn Joe hat jedem Buch und eine kleine Challenge dazu gelegt. Und langsam gewinnt unsere traurige Tilly immer mehr Lebenskraft und wieder zu sich selbst. Mehr noch: Sie wächst über sich hinaus.

Und noch etwas ist magisch: Was hat Joe nur für ein Feingespür für Bücher! Dass Alfie seine Finger im Spiel hat, ahne ich schnell. Und doch finde ich diese Tatsache nicht wirklich überraschend. Viel mehr fühle ich mich darin bestätigt, warum ich meinen Beruf so liebe. Weil wir mitunter wahre Wunder vollbringen können!

PS: Sollten Sie überlegen, ein Buchabo zu verschenken, dann verbinden Sie dieses mit diesem wunderbaren Buch. "Schokolade für die Seele" steht auf dem Klappentext. Und das wiederum ist so was von wahr!

Das Jahr voller Bücher und Wunder

von Libby Page

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Die Lungenschwimmprobe
Frank Menden

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1681 steht die 15jährige Anna Voigt wegen Kindsmordes vor Gericht: sie soll ihr neugeborenes Baby ermordet haben. Das Urteil ist klar: die Todesstrafe. Doch Anna beteuert, dass ihr Kind tot zur Welt kam.
Zu ihrem Glück glaubt Annas Vater, ein wohlhabender und einflussreicher Mann, seiner Tochter. Und es findet sich ein Arzt, der durch ein neues Verfahren, die titelgebende „Lungenschwimmprobe“ nachweisen will, dass es sich tatsächlich um eine Totgeburt handelt. Zusammen mit dem aufstrebenden Juristen Christian Thomasius unternehmen die drei Männer alles, um Anna gegen alle Widerstände der Kirche und des Scharfrichters vor dem Tod zu retten. Ein Unterfangen, das scheinbar aussichtslos ist…

Tore Renbergs im Luchterhand Verlag erschienener Roman beruht auf einem wahren Fall in Leipzig. „Die Lungenschwimmprobe“ gilt als Beginn der Rechtsmedizin und so lesen sich die über 700 Seiten auch wie ein hervorragend recherchierter historischer Kriminalroman.
Aber Renberg schafft viel mehr als dies. Sein Roman ist auch ein akribisch recherchierter Appell gegen religiösen Fanatismus und Bigotterie und für kritisches Denken, Meinungs - und Religionsfreiheit.
Ein wahrlich gewichtiger Roman, der auch gelungen den Bogen in die Gegenwart schlägt und hoffentlich unter vielen Weihnachtsbäumen liegen wird.

Die Lungenschwimmprobe

von Tore Renberg

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Marie des Brebis
Simone Finkenwirth

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Dieses Buch ist eine Rarität und Hommage an das einfache Glück. Egal, mit wem ich darüber spreche, stets leuchten die Augen wie Sterne. Und das nicht ohne Grund. Marie des Brebis ist eine bemerkenswerte Frau, die mich mit ihrem Durchhaltevermögen an Henning Sußebachs Urgroßmutter Anna erinnert, der er mit seinem ebenfalls grandiosen Buch "Anne oder: Was von einem Leben bleibt" ein Denkmal gesetzt hat. Gleiches hat der Autor Christian Signol vollbracht.

Marie wird von ihrer Mutter ausgesetzt, sie hat ihr Baby in eine Wolldecke gehüllt und zu den Schafen gelegt. Als der Hirte Johannes das Findelkind entdeckt, nimmt er sich diesem an. Das gefällt dem Bauer nicht, der meint, das Kind gehöre ins Waisenhaus. Also packt Johannes seine Sachen und zieht mit Marie über die Causses, das französische Hochland ist ihm wohlvertraut, der eigensinnige Mann, der auch mit dem Mond spricht, ist mir sofort sympathisch. Die beiden landen schließlich auf einem Hof, der von Augustine und Alexis betrieben wird. Die Frau liebt Kinder, konnte aber nie welche bekommen. Und dann wird es für uns alle sehr warm.

Wenngleich das Leben Anfang des vorherigen Jahrhunderts kein leichtes ist, auf dem Land noch weniger. Aber Marie ist ein Mensch, der das kleine einfache Glück sieht, und zu schätzen weiß, wie das warme frische Brot. "Lange habe ich nach dem Grund gesucht, und heute weiß ich, dass wir nur richtig glücklich sind, wenn die Zeit stillsteht. Ganz einfach, weil unser eigentliches Wesen, unsere ewige Seele, wiederum zum Vorschein kommt und uns mit echter Freude erfüllt."

Die Zeit steht bei der Lektüre wirklich still. Vergessen sind die Aufregungen des Alltags und die Unruhe in unserer Welt. Marie des Brebis führt uns genau dorthin, wo wir eins sind mit uns und den Buchstaben, die so viel Schönes erzählen und uns lange lächeln lassen.

Marie des Brebis

von Christian Signol

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Caledonian Road
Sarah O'Connor

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Campbell Flynn, 52 Jahre, hat es geschafft: er ist ein anerkannter Kunsthistoriker, hat sich einen Platz in Londons High Society ergattert, seine Frau ist die Tochter einer Gräfin, sein bester Freund ein Industrieller und sein Schwager ein einflussreicher Politiker. Seine Stadtvilla steht auf der „richtigen“ Seite der Caledonian Road. Seine 2 Kinder lassen vielleicht etwas zu wünschen übrig, besonders der Sohn, ein Reichtum anklagender Umweltaktivist. Es könnte eine richtig schöne „Bottom Up“ Story sein, stammt Campell doch aus ärmlichen Verhältnissen. Aber nein. Andrew O’Hagan schreibt die Geschichte eines (tiefen) Falls, geboren aus Eitelkeit und Hybris. Sein Antiheld verfängt sich in einem Geflecht aus Intrigen, Skandalen und Verbrechen, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Polyfon erzählt, bietet dieses Buch 784 Seiten bester, zerebraler Unterhaltung – ein Meisterwerk!

Caledonian Road

von Andrew O'Hagan

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Zwei in einem Leben
Simone Finkenwirth

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Es gibt ja aktuell nicht wenige Bücher über die Wechseljahre und die Mitte des Lebens. Aber wie viele Romane erzählen über die Liebe in mittleren Jahren? Ob David Nicholls den gleichen Gedanken bei der Idee seines neuen Romans hatte, weiß ich nicht. Was ich jedoch mit Gewissheit sagen kann: Dieser Autor steht Zeit seines Schriftstellerlebens im Schatten seines großen Welterfolgs „Zwei an einem Tag“. Schade. Denn „Zwei in einem Leben“ ist wiederholt allerbester Lesegenuss!

Im Mittelpunkt steht Marnie, die in London lebt und als freischaffende Lektorin und Korrektorin arbeitet. Marnie war verheiratet, ist Ende 30 und hat sich in ihrem Nest verkrochen. Marnies Freundin Cleo hat schon mehrere Male versucht, sie aus ihrem Igelversteck hervorzulocken. Vergeblich. Doch jetzt steht eine dreitägige Wandertour an und Marnie hat – oh Wunder! - zugesagt. Neues Jahr, neue Vorhaben! So stattet sie sich mit einer Wanderrüstung aus, setzt sich in den Zug. Als Michael die Großstadtpflanze erspäht, fällt ihm sofort auf, dass ihr Rucksack zu groß ist, und die Riemen zu lang sind. Michael ist die andere Figur in dieser Geschichte. Geographielehrer und leidenschaftlicher Wanderer, Anfang 40, frisch getrennt von seiner Frau.

Michael liebt es zu wandern, Marnie hasst es. Und doch öffnet sie sich und trotzt dem Regen. Den beiden zu folgen, ist absolut hinreißend. David Nicholls schreibt gewohnt charmant, unterhaltend, und streut gleichsam interessante Gedanken ein, in denen sich vor allem Singles wiederfinden, aber auch glücklich Vergebene trifft der Brite mitten ins Herz, und das gelingt ihm ohne Kitsch dafür mit Feinsinn und großer Empathie.

„Zwei in einem Leben“ ist so vieles: Eine atmosphärische Wandertour durch England, die Geschichte von zwei einsamen Menschen in den mittleren Jahren und eine Liebesgeschichte. Wirklich? Nun, das sollten Sie selbst herausfinden. Der Roman ist Eskapismus im allerfeinsten Sinne, sehr authentisch und beglückend! Das findet übrigens auch Jojo Moyes und der Independent schreibt: „Nicholls bester Roman“. Dem kann ich wahrlich nichts hinzufügen.

Zwei in einem Leben

von David Nicholls

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Stories
Simone Finkenwirth

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Ich habe diese spektakuläre Kurzgeschichtensammlung noch gar nicht aufgeschlagen und schon strahlt sie mich an wie eine weiße Wand, die das Sonnenlicht reflektiert. Denn auf dem Umschlag feiern große Namen wie Lauren Groff, Raymond Carver, Bret Easton Ellis und Don DeLillo ihre amerikanische Kollegin. Auch hierzulande überschlugen sich kurz nach Erscheinen die Feuilletons über das Werk der Autorin mit der Sonnenbrille. Da war mein literarischer Jagdinstinkt natürlich sofort entfacht. Als große Freundin von Kurzgeschichten sowieso. Und jetzt? Bin ich verstört und begeistert gleichermaßen.

Wie das? Nun, die Geschichten haben es wahrlich in sich. Williams lichtet das Leben ab, sie erzählt von den kleinen und größeren Dramen unterschiedlicher Menschen - von gewöhnlichen bis hin zu nun ja, außergewöhnlichen. Gleich eingangs erlebe ich die zu Herzen gehende Geschichte eines Predigers - dessen Frau liegt mit einer Bluterkrankung im Krankenhaus. Während sich seine Tochter selbst finden will, hat sie ihren Eltern ihre kleine Tochter anvertraut. So pendelt der Mann zwischen der Angst, seine Frau zu verlieren, und dem Glück, das ihm seine kleine Enkelin beschert.

Oder die Zusammenkunft verschiedener Mütter, deren Kinder im Gefängnis sitzen. Durch Zufall ziehen sie alle in die gleiche Gegend. Sie fühlen sich schuldig, und suchen einen Weg damit zu leben. Ebenso bemerkenswert ist die Geschichte eines Liebespaars. Dwight wusste schon mit 25 Jahren, dass er das Baby eines Tages heiraten wird. Wie? Ja! Und so kommt es. Und noch etwas passiert in „Rost“. Dwight kauft sich und Lucy einen schwarzen Ford Thunderbird, der fast auseinanderfällt, aber Dwight hat die Lösung. Und was für eine! Ob eine Schlange die Veränderung des Lebens bewirken kann? Dieser Frage spürt Williams in „Lu-Lu“ nach.

Das sind mitunter beunruhigende, verstörende und komische wie berührende Geschichten. Sie bleiben auf der Netzhaut haften und hinterlassen ein unterschwelliges Surren im Kopf. „Stories“ ist keine Feelgood-Lektüre. Aber das muss Literatur ja nicht immer sein. Glücklicherweise streut Williams besondere Aufheller in ihre Erzählungen. Wunderschöne Bilder oder Sätze, über die man stolpert, weil man plötzlich lachen muss oder solche, die einen still werden lassen: „Sie dachte, dass jeder Mensch jeden Augenblick kurz vor der Ewigkeit steht und die Wege, diese Welt zu verlassen, zahllos und oft unvorhersehbar sind.“

Die Lobeshymnen sind so wahr wie das Grün auf den Blättern der Bäume. Joy Williams ist wirklich die „strahlende Großmeisterin der Kurzgeschichte“ wie es Lauren Groff treffend formuliert. Eine große und beeindruckende Entdeckung und ein Must Read für alle Fans der kurzen Erzählform.

Stories

von Joy Williams

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Blue Sisters
Simone Finkenwirth

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Endlich ist das neue Buch von Coco Mellors in der deutschen Übersetzung von Lisa Kögeböhn beim Eichborn Verlag erschienen. Ich bin sofort in der Geschichte gefangen. Wie bereits in „Cleopatra und Frankenstein“ zieht mich der mitreißende Erzählstil vollkommen mit.

In ihrem neuen Roman dreht sich alles um die drei Schwestern: Lucky, Bonny und Avery. Genau vor einem Jahr ist ihre Schwester Nicky an einer Überdosis Tabletten gestorben. Als wäre das Datum nicht schon furchtbar genug, will ihre Mutter die New Yorker Wohnung jetzt verkaufen, in der Nicky zuletzt gelebt hat. Und das obwohl Avery die laufenden Kosten trägt. Und jetzt? Noch etwas brummt zwischen den Seiten wie ein nicht enden wollender Kopfschmerz: Die Narben der drei Schwestern, die immer noch pulsieren. Können sie sich gemeinsam retten?

Mellors holt alles hervor, was wehtut: Trauer, Sucht, ungesunde Fluchtaktionen, schwierige Eltern und Verletzungen, die nicht einfach heilen wollen. Doch sie können es, das zeigt uns die Autorin mit ihrem unverwechselbaren Stil aus Leichtigkeit und Tiefe. Ein lautes wie stilles Buch, das man am Ende mit einem glücklichen Seufzer zuschlägt.“

Blue Sisters

von Coco Mellors

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Der Morgen gehört uns
Frank Menden

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Ettore lebt mit seinen Eltern in einem kleinen Ort nahe Mailand. Seine einzige Vertraute ist seine Großmutter Elsa. Doch im dem Sommer, in dem Ettore 18 wird, verändert sich sein Leben. Er wechselt die Schule und lernt dort Giulio kennen, der ihn mit seinem Charisma in den Bann zieht . So wie dieser gut aussehende junge Mann möchte er sein, so selbstbewusst, so lässig. Und tatsächlich sucht Giulio auch seine Nähe, sie werden Freunde - und Ettore auch bald Mitglied der Federazione, einer Jugendorganisation, in der Giulio eine große Rolle spielt. Und die durch und durch faschistisch ist.

Was treibt junge Leute nach rechts, was macht den Faschismus für sie so interessant und wählbar? Davide Coppo versucht in seinem Roman „Der Morgen gehört uns“ , übersetzt von Jan Schönherr, am Beispiel von Ettore zu zeigen, wie so etwas passieren kann. Der unter die Haut gehende Roman bietet weder einfache Antworten noch Lösungen - und gerade dies macht ihn so überzeugend. Aus der Sicht des älteren und politisch geläuterten Ettore wird diese Geschichte erzählt, die erkennbar macht, dass Sexualität und Gewalt wichtige Bestandteile auf dem Weg nach rechts sind, wie auch der Wunsch sich der „linken Antiglobalisierungsfolklore“ - so Ettore - entgegenzustellen, einfach um nicht dem vermeintlichen Mainstream hinterherzurennen.

Man lernt durch Davide Coppos Roman viel über Postfaschismus und seine Versprechungen und Verlockungen, seine Gefahren und Mechanismen. Über deren jugendliche Anhänger und wie sehr er auch in den intellektuellen Bereich eingedrungen ist, durch Wort, Bild und Musik. Ein Roman der lehrt, noch genauer hinzusehen.

Der Morgen gehört uns

von Davide Coppo

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Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
Simone Finkenwirth

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Ich fliege immer noch. Dana Grigorcea habe ich diese Leichtigkeit zu verdanken. Nicht nur, weil ich diese bemerkenswerte sonnengleiche Frau auf der Leipziger Buchmesse wiedergetroffen habe, und sie meine Batterien direkt aufgeladen hat. Auch ihr Roman hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich mich gerade leibhaftig fühle wie ein Finke.

Die schweizerisch-rumänische Autorin hatte mich sofort, die Leichtigkeit und Eleganz ihrer Sprache, das Setting wie ihre Themen: Kunst, die Roaring Twenties in New York, Liebe, Filmkunst und Italien! Geht es schöner? Eben! Also packen Sie den Winterblues in den Schrank und begeben sich mit dieser besonderen Lektüre auf eine wunderbare Reise.

Dana Grigorcea reist mit uns nach Italien an die traumhaft schöne ligurische Küste, und lichtet die Atmosphäre schablonenhaft ab. Plötzlich ist der mürrische Märzregen vergessen, ich wandele in Ligurien. Genau dort stehe ich an Doras Seite, die zusammen mit dem Kindermädchen und ihrem Sohn Loris ankommt. Die Autorin hat ein Stipendium erhalten und will ein Buch über den Künstler Constantin Avis schreiben. Dieser reist im Jahr 1926 aus Paris nach New York, weil ihn ein Galerist unter seine Fittiche nehmen will. Als er dort mit dem Schiff angekommen ist, soll seine mitgereiste Bronzefigur verzollt werden, da die Beamten darin keine Kunst erkennen. Kunst ist zollfrei. So stellt sich schon eingangs die Frage: Was ist Kunst? Wann ist Kunst Kunst?

Die Autorin bewegt sich fortan mit mir auf zwei Ebenen. So begleite ich Constantin, der von der Stummfilm-Ära Alba Fontani eingenommen ist, und schnell in der Fotografin des Galeristen eine Geliebte findet. Und ich stehe in der Gegenwart an Doras Seite. Eine Frau und Mutter, die hin – und hergerissen ist zwischen der Mutterliebe und den eigenen Sehnsüchten wie dem Drang zu schreiben. Kunstvoll verwebt die Autorin das Leben zweier Künstlernaturen, die sich nicht linear entwickeln. 

Wer welchen Weg einschlagen wird, behalte ich für mich. Aber so viel darf ich verraten: Dieser Roman vereint Leichtigkeit und Tiefe. Die Autorin hat eine große Fabulierlust, die ich bereits vor vielen Jahren erkannt habe. 2015 hat mich Dana Grigorcea mit ihrem Buch „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ begeistert, und ich wusste, hier ist eine ernstzunehmende Autorin am Werk, von der wir in Zukunft noch viel zu erwarten haben. Mit dieser Vermutung lag ich richtig, denn Dana Grigorcea hat mittlerweile einige Auszeichnungen für ihre Werke erhalten wie den 3sat Publikumspreis beim Ingeborg Bachmann Wettbewerb sowie den Schweizer Literaturpreis.

Sollten Sie also noch ein bibliophiles Geschenk für Ostern suchen, dann legen Sie dieses Buch ins Osterkörbchen. Strahlende Augen sind Ihnen garantiert! Denn schöner kann der literarische Frühling nicht beginnen als mit diesem erhellenden Buch.

Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen

von Dana Grigorcea

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Der ehrliche Finder
Simone Finkenwirth

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Die Geschichte beginnt mit einem Plan: Tristan will diesen seinem Freund Jimmy am nächsten Tag verraten. Jimmy ist nach dem Telefonat aufgeregt. Einerseits will er natürlich wissen, was sein Schulfreund ausgeheckt hat. Andererseits wurde er noch nie von jemandem eingeladen, bei ihm zu übernachten. Denn Jimmy ist ein Einzelgänger. Als Tristan eines Tages in seine Klasse kommt, navigiert ihn die Lehrerin an dessen Tisch. 

Tristan ist mit seiner Familie aus dem Kosovo nach Belgien geflüchtet und hat eine bewegte Fluchtgeschichte hinter sich. So nimmt sich Jimmy dem Fremden an, versucht, ihn zu unterstützen, und die beiden freunden sich an. Und noch etwas passiert: Jimmy findet bei Tristans Familie etwas, das er zu Hause nicht hat. Er fühlt sich bei den herzensguten Menschen so wohl, spürt die Wärme, die zu Hause nach der Scheidung seiner Eltern verloren gegangen ist. Doch dann ereilt Tristans Familie eine Nachricht, die Folgen hat – für alle.

Lize Spit hat sich mit ihrem dritten Roman wieder in mein Herz und Gedächtnis eingeschrieben. „Der ehrliche Finder“ ist ein schmales Büchlein, aber derart gewichtig, was darin zu finden ist. Es geht um eine besondere Freundschaft, ums Anderssein, Ausgrenzung, Emigration und Hoffnung.

Dieses Buch hat mich noch lange nach der Lektüre beschäftigt. Die belgische Autorin zeigt erneut, wie meisterhaft sie Spannung aufbauen kann und fegt mich mit einem Finale nieder. Atemlos, berührend, nadelstichgleich ist der Roman, der überdies so gut in unsere Zeit passt. Auch für junge Leser:innen ab 18 Jahre geeignet. Ja, solch ein Buch hätte ich gern in der 12. Klasse gelesen und darüber gesprochen.

Der ehrliche Finder

von Lize Spit

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Maifliegenzeit
Frank Menden

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„Daniel hat angerufen.“
Drei Worte, die ein Erdbeben auslösen. Denn Daniel ist offiziell seit 40 Jahren tot, gestorben bei seiner Geburt.

Mit diesem Paukenschlag beginnt „Maifliegenzeit“ von Matthias Jügler.

Den Anruf hat Anne entgegengenommen, seit zehn Jahren die Lebensgefährtin des mittlerweile pensionierten Lehrer Hans.
Der hatte ihr beim kennenlernen von seiner Ehe mit Katrin erzählt, von dem größten Unglück was Eltern passieren kann, welches schließlich auch die Ehe nicht überlebte: der Tod des Kindes kurz nach der Geburt.
Katrin hatte nie daran geglaubt, hatte darauf bestanden, dass der Sohn noch leben müsse. Warum sonst hätte man ihn nicht sehen dürfen? Und er hätte doch kräftig geschrieen?

Kurz vor ihrem Tod bittet Katrin Hans noch einmal um ein Treffen und appelliert an ihn: sollte sich je eine Chance ergeben, dann solle er sie nutzen und Licht ins Dunkel der Geburt bringen.
Die Wende 1989 scheint diese Chance zu sein, doch nach vielversprechenden Ansätzen verläuft sich die Angelegenheit.
Und wieder zieht sich Hans zurück in seinen geliebten Angelsport.
Bis der Anruf kommt…

Nur 156 Seiten hat dieser ruhig erzählte Roman, der sich mit einem dunklen Kapitel der DDR beschäftigt, welches auch schon in der Serie „Weißensee“ aufgegriffen wurde - und seitdem eine große Kontroverse ausgelöst hat.

Jügler verschränkt verschiedene Zeitebenen, mischt das Schweigen und die Schuldgefühle mit Allegorien zum Angeln und enthüllt mehr und mehr, wie schwer sich eine einmal verinnerlichte Wahrheit trotz Fakten revidieren lässt.
Ein ungemein berührender Roman, der gerade durch den verdichteten, ruhigen Ton enorm eindrücklich ist.

Maifliegenzeit

von Matthias Jügler

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Tiere, vor denen man Angst haben muss
Frank Menden

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Von Lübeck ins nördliche Mecklenburg, von einer komfortablen Wohnung auf einen maroden Hof. Für Madeleine und ihre Familie hat sich einiges verändert, nicht nur der Standort. Vater und Brüder haben sie verlassen, sie lebt nur noch mit ihrer Schwester Ronja und ihrer Mutter auf dem Hof. Dieser ist eine von der Mutter initiierte Auffangstation für Haus- und Wildtiere geworden – und die Tiere verdrängen fast die menschlichen Bewohner. Dau zieht es an allen Ecken und Madeleine friert fast die ganze Zeit über – und das nicht nur körperlich, denn die Mutter zieht augenscheinlich die Tiere und die Sorge um deren Schicksal ihrer Familie vor. Das ist viel Verantwortung für die Schwestern, die früh schon erwachsen sein müssen und nur zusammen Momente der Geborgenheit erleben….

Eindringlich, berührend und mit einem zwingenden, unvergesslichen Ende -das ist Alina Herbings zweiter beeindruckender Roman.
Ein Roman, den man nicht aus der Hand legen kann und der so schmal wie kraftvoll ist. Ein Buch, das man gelesen haben sollte!

Tiere, vor denen man Angst haben muss

von Alina Herbing

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Bevor es geschah
Frank Menden

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Das jährliche Barbecue steht an - und so machen sich alle vier Haynes Geschwister nebst PartnerInnen und Kindern auf den Weg zu ihrem Elternhaus, wo Matriarchin Elisabeth seit dem Tod des Vaters mit kühler Eleganz und Strenge waltet.
Die Stimmung ist angespannt, denn jedes Familienmitglied hat etwas zu verbergen. Ein Geheimnis, das schon lange in ihnen gärt und tunlichst nicht an die Öffentlichkeit geraten soll. Und erst recht nicht innerhalb der Familie.
Doch sind wirklich alle Geheimnisse so geheim?
Während die Anspannung bei allen Beteiligten steigt und alle mit sich und dem belauern der anderen beschäftigt sind, geraten andere Dinge aus dem Focus. Und das hat Folgen…

Zugegebenermaßen ist dies kein neuer Plot . Aber Celine Spierer erzählt ihn in ihrem Roman „Bevor es geschah“ , übersetzt von Sina de Malafosse, so einnehmend, dass man diesen geradezu filmischen Pageturner nicht aus der Hand legen mag . Wie hier eine Familie seziert wird, in der wirklich alle in der ein oder anderen Weise „eine Leiche im Keller haben“ ist höchst vergnüglich zu lesen - und lässt einen mit Freude dem nächsten Familientreffen entgegenblicken.
Denn so wie bei den Haynes wird es sicherlich nicht sein - oder ?

Bevor es geschah

von Céline Spierer

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Service
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Daniel, Sternekoch und Besitzer eines angesagten Restaurants, steht vor Gericht. Sein Restaurant musste schließen, sein Leben droht aus den Fugen zu geraten, er steht kurz davor, alles zu verlieren.

Daniels Frau Julie fühlt sich mit der Situation überfordert, muss sich mit Paparazzi auseinandersetzen, versucht ihre Kinder zu schützen und ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihrem Mann beizustehen und der Angst, dass die Anschuldigungen wahr sind. Mehr und mehr fragt sie sich, ob sie wirklich weiß, wer der Mann ist, mit dem sie ihr Leben teilt.

Hannah, eine ehemalige Kollegin von Daniel, soll im Prozess wegen sexueller Übergriffe aussagen, fühlt sich aber nicht in der Lage dazu. Jahrelang hat sie die Vergangenheit verdrängt, doch dann bringen Ereignisse alles wieder an die Oberfläche

Sarah Gilmartin erzählt in „Service“ ( Übersetzung: Anna-Christin Kramer ) abwechselnd aus diesen drei Perspektiven .
Aus den verschiedenen Versionen und Erinnerungen setzt die Autorin gekonnt ein Puzzle zusammen – und fordert den Leser dabei heraus, sich selbst eine Meinung zu bilden und diese immer wieder zu hinterfragen.
Leicht und eindringlich, atmosphärisch und scharf beobachtet, erzählt Gilmartin vom Alltag in der Sternegastronomie, von den Lügen, mit denen wir uns selbst zu täuschen versuchen, und von dem Mut, der nötig ist, um sich der Wahrheit zu stellen.
Herausgekommen ist ein Roman, der durchrüttelt und uns einmal mehr dazu auffordert genau hinzusehen und den Mut zu haben, Missständen und Fehlverhalten Einhalt zu gebieten. Und zwar jederzeit und überall.
Ein gelungener Roman, den man nicht oft genug empfehlen kann.

Service

von Sarah Gilmartin

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