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Empfehlungen aus Neuerscheinungen

So, in etwa, ist es geschehen
Frank Menden

Frank Menden

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Ein Mann und eine Frau fahren an einem heißen Tag im Mai von Berlin nach Timmendorfer Strand.
Am Ende des Tages wird der Mann tot sein. Ermordet von seiner Beifahrerin.

Die Frau, das ist die afrodeutsche Amita Haller. Sie möchte ihre Mutter zum Gedenktag des Untergangs der Cap Arcona treffen, welchen Amitas Großvater damals überlebte.
Der Mann ist ihr Chef Heinz Brockhaus, der ihr angeboten hat sie mitzunehmen.
Es ist unerträglich heiß, die Fahrt verläuft stockend, Brockhaus redet ohne Unterlass - bis Amita ihn mit einem Schal stranguliert.

„So in etwa ist es geschehen“ , ein mit 139 Seiten schmales Buch, ist ein äußerst vielschichtiger Roman, den man aufgrund seiner zahlreichen Verweise auf schwarze Kultur und die deutsche Erinnerungskultur mehrmals lesen sollte.
Das Feuilleton war sich uneins über diesen Roman und auch ich bin hin und hergerissen. Fakt ist, dass mich das Buch seit der Lektüre beschäftigt, ich viel nachgelesen habe, vieles recherchiert habe und mich mit dem Werk von u.a. Toni Morrison, Audre Lorde und Paul Celan zumindest ansatzweise vertrauter gemacht habe. AutorInnen, denen Sharon Dodua Otoo im Nachwort dankt und deren Einfluss im Text durchscheinen.
Der Roman hat ( nicht nur mich ) mit einigen Fragen zurückgelassen, denn das „Warum“ vieler Dinge wurde mir nicht ganz klar.
Er hat mir aber auch neue Perspektiven eröffnet, neue Denkräume geschaffen und mir ein noch lange nicht abgeschlossenes Leseerlebnis bescher

So, in etwa, ist es geschehen

von Sharon Dodua Otoo

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Weird Girls
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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+++ Unser Shop meldet vorbestellbar, aber wir haben das Buch vorrätig. +++

Wie im richtigen Leben ist auch die Literatur heute voll mit Themen übers Kinderkriegen, Muttersein, Gesundheit und Älterwerden. Aber Sex & Drugs & Rock & Roll? Oftmals Fehlanzeige. Dabei sind solche Geschichten spannend und faszinierend wie "Weird Girls" von Grainne O'Hare. Ich habe zuletzt jedenfalls kein Buch gelesen, in dem so viel getrunken und gekokst wurde. Und das von jungen Frauen! Oha!

Maggie, Harley und Roise sind die Hauptfiguren in diesem feurigen Buch, das von meiner geschätzten Anna-Nina Kroll übersetzt wurde. Sie ist die deutsche Stimme von Donal Ryan, ein irischer Lieblingsautor von mir. Und das hier ist irische Literatur, wie ich sie liebe! Dunkel, belebend, quirlig und ganz speziell einprägend.

Die Mädels sind Ende Zwanzig, Anfang Dreißig und bewohnen in Belfast ein Haus. Selbst nach dem Tod ihrer Freundin Lydia bleiben die Freundinnen dort. Sie sind wie Pech und Schwefel und äußerst feierwütig. Gleichwohl hat jede Narben auf ihrer Seele, die mal mehr, mal weniger pochen. Wie Roise, die noch an dem Ende ihrer Beziehung knabbert. Jetzt hat Roise Angst, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Obendrein hat sie ein weiteres Problem. Meggie bandelt gerade mit der unnahbaren Cate an.
Während Harley in Therapiesitzungen mit der australischen Psychologin ihr Leben aufarbeitet, sich betrinkt, und von ihrem Vermieter aufsammeln lässt. Der gleichzeitig als Dealer fungiert.

Es wird nicht wenig konsumiert. Doch hinter der flirrenden wie partyfrohen Fassade schlummert noch mehr, was ich als aufmerksame Leserin schnell erkenne. Als helles Kontrastmittel arbeiten die Dialoge der Mädels, die mich oft auflachen lassen.

"Weird Girls" hat ordentlich Zunder zwischen den Seiten! Was für eine außergewöhnliche Lektüre über Freundschaft, Zusammenhalt und die große Suche nach dem richtigen Leben!

Weird Girls

von Gráinne O'Hare

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Die Liebeshungrigen
Frank Menden

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„Man glaubt immer, dass bei einem selbst alles anders ist, aber das täuscht. Man erlebt dieselben Rückschläge wie der Rest der Welt.“

Der ehemalige französische Präsident Dan Lehmann leidet unter dem Verlust seiner Macht, der zunehmenden Bedeutungslosigkeit seitdem er vor einem Jahr aus dem Élysée Palast ausziehen musste. Der Alkohol ist sein bester Freund, mit dem er auch das Scheitern seiner zweiten Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda Müller „verarbeitet“.
Hilda wiederum hat nach einer längeren Durststrecke, in der sie nur als First Lady fungierte, endlich wieder eine vielversprechende Rolle ergattert, pikanterweise in der Verfilmung eines Romans der ersten Frau ihres Noch - Ehemanns.
Regisseur dieses mit Spannung erwarteten Films ist das ehemalige Wunderkind des französischen Kinos, Romain Nizan, der den Erfolg ebenso dringend benötigt wie Hilda - und dem das Projekt von seiner On/Off Geliebten empfohlen wurde, die es ebenfalls auf die Hauptrolle abgesehen hatte…

Dies ist die Ausgangslage in Karine Tuils neuen grandiosen und absolut mitreißenden Roman „Die Liebeshungrigen“ , übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch.
Es geht um Macht in all ihren Facetten, um die Gnadenlosigkeit der Medien, um die Liebe in all ihren Spielarten - und um uns Menschen, die versuchen, den entscheidenden Moment des verheißungsvollen Glücks zu ergattern und nicht in Vergessenheit zu geraten.
Ein Roman, den ich tatsächlich ALLEN LESENDEN nur dringendst empfehlen kann, denn er ist einfach !!!!!!

Die Liebeshungrigen

von Karine Tuil

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Unter Wasser
Simone Finkenwirth

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Das Wasser trägt mich mitten hinein in diese traurig-schöne Geschichte, die auch Claire Messud begeistert hat: "Ein ebenso fesselndes wie herzzreißendes Werk."

Tara Menon verbindet zwei Zeitebenen. Zum einen bin ich in der Gegenwart der Erzählerin, im Oktober 2012 in New York. Hier hat sich der Hurrikan Sandy angekündigt. Die Metropole ist in Aufruhr, nur Marissa bleibt seltsam ruhig. Die Ich-Erzählerin arbeitet für ein Reisemagazin für Superreiche. Sie nutzt Adjektive, die sie auf einem Kaffeebecher notiert hat. Die Chilifrüchte sind in ihrem Leben treue Begleiterinnen. Warum erfahre ich erst später.

Zum anderen begegne ich der ganz jungen Marissa und ihrer besten Freundin Arielle im Jahr 2004. Nach dem Tod ihrer Mutter ist Marissas Vater mit seiner Tochter nach Thailand ausgewandert. Der Vater ist Meeresbiologe und forscht auf einer kleinen Insel zu Mantarochen. Die beiden Mädchen schwimmen und tauchen viel, halten sich fest. Das Wasser schwappt aus dem Buch in meine Augen, und ich zoome mich an diesen faszinierenden Ort. Ich selbst bin leidenschaftliche Schwimmerin, wohl deshalb catcht mich die Autorin. Doch auch die Freundschaft der beiden Mädchen berührt mich bis ins Herzzentrum.

Die Freundschaft wird von der Naturgewalt entzweit. Aber alle, die einen geliebten Menschen verloren haben, wissen: Es bleibt viel Tröstliches zurück. Selbst im Jahr 2012 ist Arielle bei Marissa: "Ob ich etwas esse, trinke, spazieren gehe oder fernsehe, sie ist immer bei mir. Jetzt hüpft sie an Fremden vorbei durch eine Straße, auf die sie nie ein Fuß gesetzt hat."

Tara Menon hat ein unglaublich schönes berührendes und gleichwohl wissenserweiternde Buch geschrieben. Wussten Sie, dass Rotwangen-Schmuckschildkröten anderen das Futter wegfressen und tödliche Krankheiten übertragen? Und dies: "Zwischen 1989 und 1997 wurden 52 Millionen dieser Schildkröten als Haustiere aus den Vereinigten Staaten ins Ausland exportiert."

Immer noch schwimme ich mit Marissa und Arielle - wir haben dabei Chilischoten zwischen den Zähnen und grinsen dem Schicksal entgegen. Dass es ein mieser Verräter ist, wissen wir natürlich. Was Sie noch nicht wissen, ist die Tiefe und Besonderheit des Buches, das über Narben, die wunderschöne Natur, das Meer und bedingungslose Liebe über den Tod hinaus absolut mitreißend wie feinfühlig erzählt. Ein must-read für alle Tiefseetaucher:innen und Thailand-New-York-Urlauber:innen, die sich wie ich gern von melancholische Klängen bezirzen lassen.

Unter Wasser

von Tara Menon

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Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart
Frank Menden

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Südschleswig. Hier steht das Elternhaus der Erzählerin, hierher kehrt sie zurück weil ihre Mutter im Sterben liegt. Die evangelische Gemeindepastorin hat Krebs im Endstadium. Die Frau, die für alle Mitglieder ihrer Gemeinde ein offenes Ohr hat, mitfühlend, geduldig, fürsorglich.
Und die ihrer Familie, dem dänischen Musiker Ehemann, den drei Kindern, eher kühl und kontrollierend begegnete - so zumindest die Erinnerung der Erzählerin.
Doch ist jetzt im Anblick der letzten Tage der Zeitpunkt für eine Aufarbeitung gekommen? Was kann man der sterbenden Mutter an Wut und Enttäuschung entgegenbringen? Wie geht man um mit dieser sich ständig wechselnden Mischung aus Trauer und Schuldgefühlen, mit dem Gefühl, das ganze Leben nicht wirklich gesehen worden zu sein? Und darf man trotzdem noch unbändig lachen, tanzen, das Leben genießen? Oder muss man es gerade deswegen ?

„Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ von Marie-Louise Moller hat einen Ton, der mich von den ersten Sätzen an für das Buch eingenommen hat - trotz des bedrückenden Themas. Der Autorin gelingt das Kunststück gleichzeitig ernst und humorvoll zu sein, erzählt nüchtern und doch poetisch, sieht genau hin, und zeigt uns, dass das Leben keine eindeutigen Antworten liefert, das man es annehmen, aushalten und doch auch gestalten kann.
Ein Debütroman, der mich unglaublich berührt hat durch seine Klarheit - und durch seinen eigenen Ton auch immer wieder zum schmunzeln brachte. Hier liegt alles nebeneinander, wie im Leben selbst.

Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart

von Marie-Louise Monrad Møller

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Wassermann
Simone Finkenwirth

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Es hätte eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte werden können, aber Wassermann ist viel mehr als das: Eine stille Explosion. Und eine Heldenreise der besonderen Art für alle Lesenden verschiedenen Alters.

Ich folge dem Ich-Erzähler und bin sofort umhüllt von einem melancholischen Schleier. Luk braucht Abstand zu seinem aktuellen Leben in Hamburg. Vor allem die kranke Mutter beschäftigt ihn sehr. So beginnt er nur schweren Herzens sein Auslandssemester in Barcelona, und lässt seinen geliebten besten Freund Kurt ebenso zurück.

Bei der Willkommensveranstaltung trifft er auf die Auswirkungen des katalanischen Konflikts. So würde man in diesem Jahr keine Prüfungsleistungen erwarten aus Solidarität mit den Inhaftierten. Die Unabhängigkeitskämpfe bleiben die ganze Zeit präsent. Auch als Luk seine WG Mitbewohnerin Olive kennenlernt und mit ihr eine Beziehung eingeht. Olive kommt aus Großbritannien und wird den Konflikt digital festhalten, gerät dabei selbst ins Fegefeuer der Justiz.

Statt im heißen Kessel der Unruhen zu bleiben, haut Luk dann doch ab. Mit Kurt zusammen nach Portugal zum Surfen. Der macht es sich aber ganz schön leicht, möchte man meinen, aber hinter Luks Flucht steckt noch mehr... geht tiefer. Eine innere Zerissenheit steht neben einer Unsicherheit, die sich zu einer Sprachlosigkeit setzt, bis sie alle von der Fürsorge gerettet werden.

Der ruhige Erzählstrom taucht mitunter in philosophische Töne, die mich umspülen wie das allseits anwesende Wasser und Bücher, die dem Helden als Rettungsanker dienen. So ist Wassermann eine Roadnovel deren Buchabdruck lange in meinem Herzen zu spüren sein wird. Man darf von dem Debütanten noch Großes erwarten! Ich verneige mich vor dem Autor und seinem Entdecker: Bodo Föhr!

Wassermann

von Lukas Hoffmann

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Mit beiden Händen den Himmel stützen
Simone Finkenwirth

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Wie lesen wir? Und warum lesen wir, was wir lesen? Zu diesen Gedanken hat mich u.a. dieses beeindruckende Debüt geführt. Denn Lilli Tollkien erzählt keine wohltemperierte Geschichte. Dennoch ist sie erstaunlich und brennt sich uns Lesenden ins Mark. Frank Menden nickt mir begeistert zu. Und ich blicke bejahend in Mareike Fallwickls Richtung, die über das Buch sagt: "Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt- und gerade deshalb lesen muss." Ja, bitte unbedingt lesen, egal, wie hart sich die Story anhört.

Lales Kindheit ist schon sehr speziell und alles andere als einfach. Sie wächst in den 80er Jahren in einer Männer-WG in Berlin auf. Lales Mutter ist drogenabhängig, landet immer wieder im Gefängnis. Doch Karlheinz, ein Freund von Lales Vater, bezirzst die Heimleiterin, in dem das zweijährige Mädchen zunächst untergekommen ist. Zusammen mit seiner Freundin Marianne holen sie Lale aus der staatlichen Obhut. Denn Lales Vater sitzt währenddessen auch im Gefängnis, stößt später in die WG dazu.

Und dann wird alles gut? Nein! Die Welt, in der Lale groß wird, ist nichts für kleine Mädchen: Es wird getrunken, geraucht und Drogen konsumiert. Jedes Mal, wenn sich der offizielle Kontrollbesuch des Jugendamts ankündigt, werden sämtliche Spuren der Vernachlässigung und des Konsums beseitigt. Was macht das mit einem kleinen Menschen? Viel! Vor allem Wut staut sich in Lale an, die sie später an ihren Zähnen auslässt. An einer Stelle heißt es: "Wo eben ein sicherer Hafen war, ein Erwachsener, dem ich vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein. Die Wellen im Wohnzimmer waren Karlheinz' Launen unterworfen und den Wirkungen unterschiedlicher Drogen, unwägbar die Zeichen an der Wasserobefläche, die ich ununterbrochen zu deuten versuchte."

Es sind die Kraft des Mädchens wie die starke Erzählstimme der Autorin, die uns alle mitziehen und in den Himmel der Begeisterung heben! Wir brauchen diese Art von Literatur, die uns mit allen Sinnen erfasst und am Ende sprachlos, aber mit einem Lächeln zurücklässt.

Mit beiden Händen den Himmel stützen

von Lilli Tollkien

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Nicht
Frank Menden

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„Aber dann stellt sich heraus, der Sack mit Gottesgeschenken, der deinen Namen trägt, ist doch noch nicht vollkommen leer. Noch nicht.“

Für den Übersetzer Eli, einem Mann in den 50er, scheint eine tiefergehende Beziehung zu einer Frau nicht mehr möglich zu sein.
Nach dem Tod seiner Frau hatte er zwar flüchtige Begegnungen, Affären, aber nie ergab sich etwas von längerer Dauer.
Aber, so beschwichtigt er sich selbst, vielleicht ist es auch gut so. Seine beiden Kinder sind beruflich erfolgreich und brauchen keinerlei finanzielle Zuwendungen, seine Arbeit macht ihm Freude.
Doch dann lernt er bei gemeinsamen Freunden Lia kennen, eine Cellistin. Und plötzlich scheint es doch möglich zu sein: eine neue Liebe, ein gemeinsames Leben.
Aber eine kleine Unachtsamkeit entwickelt sich zu einer nicht mehr kontrollierbaren Situation, die alles zum einstürzen bringen kann…

„Nicht“ , übersetzt von Markus Lemke, ist ein mit 187 großzügig gesetzten Seiten schmaler Roman, der es allerdings in sich hat. Je mehr man der Geschichte folgt, je mehr sich Eli in sein eigenes Lügengespinst verstrickt, umso vielschichtiger wird der Roman, der am Ende noch einmal eine Kapriole schlägt.
Eine wahrlich kurzweilige, mitreißende und spannende Lektüre, die wieder einmal zeigt, dass dem Leben die eigenen Pläne herzlich egal sind - oder?

Nicht

von Dror Mishani

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Yesteryear
Frank Menden

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„Manchmal wurde mir fast schlecht, wenn ich darüber nachdachte, wie perfekt mein Leben war und wie gut mir alles gelang.“

Natalie Heller Mills. Die Frau, die alles hat. Eine renovierte Farm, malerisch gelegen. Einen attraktiven Ehemann aus einer guten amerikanischen Familie inclusive eines politisch ambitionierten Schwiegervaters auf dem Weg zur Präsidentschaftskandidatur. Und fünf entzückende und sehr photogene Kinder.
Logisch, dass Natalie ein Social Media Star mit mehreren Millionen Followern ist.
Und ebenso logisch, dass dies viele Neider mit sich bringt.
Aber die verstehen eben nicht, wie wunderbar es ist, ein traditionelles Leben zu leben und sich ganz an christlichen Werten zu orientieren.
Eine Tradwife zu sein ist keine Arbeit, es ist eine Bestimmung. Oder ?

„Yesteryear“ übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn, ist ein absoluter Pageturner, der sich äußerst gelungen zwischen Gesellschaftssatire und Spannungsroman bewegt. Denn natürlich ist auch in Natalies leben nicht alles Gold was glänzt, sind die Kamerawinkel exakt geplant und die HelferInnen im Hintergrund bleiben weitestgehend unsichtbar.
Was aber wenn aus der Inszenierung Realität wird? Ist das Leben dann immer noch so wunderbar?

Bewusst habe ich möglichst wenig über diesen Roman verraten, DEN Plotpoint nur vage angerissen. Je weniger man weiß, umso spannender ist dieses Buch.
Ich habe es in kürzester Zeit gelesen, viel geschmunzelt - und mich mehr in das Tradwife Phänomen vertieft.
Über die Auflösung wird sicherlich kontrovers diskutiert werden. Für mich war sie im Gesamtkonzept des Romans sehr schlüssig.
Also: lesen, weiterempfehlen, diskutieren.

Yesteryear

von Caro Claire Burke

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Brandung
Frank Menden

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„Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.“

Der Anruf vom Kommissariat in Le Havre erwischt die Erzählerin, eine in Paris lebende Synchronsprecherin, verheiratet und Mutter, als sie gerade nach Hause kommt.
Die Leiche eines nicht identifizierbaren Mannes war gefunden worden, in seiner Tasche ein Kinoticket mit der Nummer der Ich-Erzählerin. Diese macht sich sofort auf den Weg in ihre Heimatstadt, verfolgt von Erinnerungen an die Vergangenheit. An ihre und an die der Stadt - und an einen Mann, ihren Jugendfreund, die erste große Liebe.
Könnte er der Tote sein?

„Brandung“ von Maylis de Kerangal , übersetzt von Andrea Spingler, beginnt wie ein klassischer Kriminalroman - und ist doch etwas völlig anderes.
Denn die Reise nach Le Havre stößt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Protagonistin an, die sich mehr und mehr als unzuverlässige Erzählerin entpuppt und die uns an ihren Assoziationen über Geschichte, die Bedrohung ihres Berufes durch Künstliche Intelligenz und vielem mehr teilhaben lässt. Dabei gerät der Tote manchmal aus dem Fokus, bleibt aber unterschwellig stets präsent.
Man sollte sich einlassen auf diesen vielschichtigen und anspielungsreichen Roman, der zeigt, wie sehr die Brandung der Erinnerung uns auch Jahrzehnte nach bestimmten Ereignissen und Erfahrungen immer noch einholen kann.
Ein faszinierender Text, der Resonanzräume öffnet.

„Die Vergangenheit war keine fossile Materie, sie entwickelte sich in der Zeit, geschmeidig, plastisch, sie entwickelte sich endlos, sie lud sich auf im Lauf des Lebens, die Vergangenheit blieb lebendig.“

Brandung

von Maylis de Kerangal

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Die seltenste Frucht
Frank Menden

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Vanille.
Es gibt keinen Geschmack, den ich mehr liebe als den von Vanille. Egal ob Eis, als Sauce, im Kuchen oder Gebäck: der Geschmack und der Duft von Vanille führt bei mir immer sofort zu einem absoluten Wohlfühlen.
Doch wie ist die Vanille überhaupt in unsere Welt gekommen?

Davon erzählt Gaelle Belem in „Die seltenste Frucht“ , übersetzt von Gudrun Honke.
Auf der französisch kolonisierten Ile Bourbon (!) wächst Edmond Albius in 19. Jahrhundert als Sklave auf. Der zwölfjährige Waisenjunge lebt bei Ferreol Beaumont, seinem „Besitzer“, der ein begeisterter Botaniker ist und dem es trotz vieler Versuche nicht gelingen will, der Gewürzvanille eine Frucht abzuringen.
Edmond, der die Begeisterung für Botanik mit Beaumont teilt, forscht selbst, probiert und probiert - und erfindet ein Verfahren zum händischen Bestäuben. Der Grundstein für den Siegeszug der Vanille ist gelegt…

Dies ist jetzt natürlich arg verkürzt dargestellt. Gaelle Belem hat für ihren Roman sorgfältig recherchiert und führt ihre Geschichte über die persönliche Erzählung Edmonds hinaus zu einer Geschichte über Kolonialismus und Rassismus. Denn auch wenn Beaumont immer wieder auf Edmonds bahnbrechenden Beitrag zur Kultivierung der Vanille hinweist, es trägt nicht zu einem besseren Leben für den jungen Mann bei, der nach der Freilassung - wie so viele ehemalige Sklaven - ein armseliges prekäres Leben führt.

Ein sprachlich kraftvoller historischer Roman, der mich seitdem Vanille mit anderen Augen betrachten lässt.

Die seltenste Frucht

von Gaëlle Bélem

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Ein Ort, der bleibt
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Sandra Lüpkes hat es wieder getan, und einen erstklassigen, exzellent recherchierten wie mitreißenden Roman geschrieben! Die Autorin reist dieses Mal mit uns nach Istanbul. Dort kreuzen sich drei Lebenslinien - die von Mehpare, Magda und Imke.

Mit Mehpare beginnt die Geschichte, im Jahr 1926. Da muss das Mädchen mit Ansehen, wie sich ihr Traum in Asche verwandelt. Ihre geliebte Mädchenschule brennt und damit auch die Hoffnung des Mädchens auf ein wissensreiches Leben?

Danach beamt uns die Autorin in Imkes Kopf. Die junge Frau sitzt in unserer Gegenwart im Flugzeug und ist auf dem Weg nach Istanbul zu ihrem ersten Job. Sie soll zusammen mit Kai Surrau für die Firma GestAlterna ein denkmalfachliches Gutachten für das Botanische Institut erstellen, das zwischen 1935 und 1937 errichtet worden ist, und sich nun in einem desolaten Zustand befindet. Ist natürlich alles herausfordernd, weil's für Imke der erste Job ist, und ihr Vorgesetzter nicht immer einfach...

In jenem Institut hat seinerzeit der Botaniker Alfred Heilbronn gearbeitet. Der Münsteraner wurde 1933 wegen seiner jüdische Wurzeln diskrediert und - schlimmer noch - von einigen Studierenden beschimpft. Als ihn die Gestapo festnimmt, erhält seine Frau einen Brief. Dieser führt die Familie schließlich nach Istanbul. Und genau dort trifft der Professor auf Mehpare...

Mir war die Rolle der Türkei während des Zweiten Weltkriegs nicht bekannt. Dies hat sich nach diesem Buch nun geändert, das obendrein mein Wissen über Pflanzen erweitert hat. Wussten Sie beispielsweise, dass an sonnigen Standort der Anteil weiblicher Pflanzen auf 46 Prozent sinkt?

"Ein Ort, der bleibt" überzeugt nicht nur durch das, wie alles erzählt ist, sondern Sandra Lüpkes beglückt durch die warmherzigen Figuren, die ich so schnell nicht vergesse. Ein Buch, das bleibt.

Ein Ort, der bleibt

von Sandra Lüpkes

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