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Empfehlungen aus Neuerscheinungen

Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter
Frank Menden

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Man möchte ja angesichts der Nachrichtenlage wahlweise schreien oder sich vergraben und dem Eskapismus frönen.
Oder man liest Wolfgang Schorlaus neues Buch, die geniale bitterböse Politsatire „Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter“ .

Es ist ein schmales Buch, ganz auf der Höhe der Zeit, in der die Titelfigur den politischen Aufstieg vom Gas-Manager über einen Ministerposten bis hin zum Bundeskanzler anstrebt - und diesem Ziel bereitwillig alles unterordnet.
En Passant kommt auch die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte vor, vornehmlich der Beitrag der Gas-Lobby zum Niedergang der einst blühenden Solarenergie. Katharina Reiche anyone?

Wie schon in seinen Dengler Krimis ist Wolfgang Schorlau auch hier ganz nah an der gesellschaftlichen und politischen Realität. Auf den knapp 160 Seiten ist alles auf den Punkt gebracht: die Einflussnahme externer „Player“ auf politische Entscheidungen, das typische „Business-Denglish“ des Polit- und Medienbetriebs, die Dehnung der Wahrheit bis sie wieder ins geschaffene Bild passt und und und…
Ein vortrefflicher Blick auf die aktuelle politische Lage, bei der einem das Lachen oft im Halse steckenbleibt - wie es sich für eine gelungene Satire gehört.

Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter

von Wolfgang Schorlau

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Das Lied von Storch und Dromedar
Frank Menden

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Dieser Roman wird mich noch lange begleiten. Und ganz ehrlich : es ist schon fast gemein gegenüber all den Novitäten in diesem Jahr, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass dies hier an Intensität, Spannung und literarischer Qualität noch groß zu übertreffen sein wird.

„Das Lied von Storch und Dromedar“ von Anjet Daanje , übersetzt von Ulrich Faure, ist ein literarisches Mosaik über die Wirkung, die ein Mensch und ein Werk noch über den Tod hinaus haben.

Im Zentrum steht die zu Beginn der 1847 in Yorkshire beginnenden Handlung die Schriftstellerin Eliza May Drayton - die ist da allerdings bereits verstorben. Hinterlassen hat sie den Roman „Haegar Mass“ - von ihren Zeitgenossen kritisiert, von der Nachwelt gefeiert .
Doch wer war diese Frau aus einem kleinen englischen Dorf?
Und warum wird ihr Nachruhm - und auch der ihrer Schwestern - von Jahr zu Jahr größer, der Kult um sie immer bedeutsamer?

Man darf nicht zu viel verraten, man muss sich einfach hineinfallen lassen in diese knapp 1.000 Seiten und sich ganz der Kunst Daanjes hingeben.
Denn dieses lose an der Biografie der Bronte Schwestern orientierte Buch ist einfach unfassbar gut.
Und wer es verpasst hat in diesem Falle WIRKLICH eins DER Leseerlebnisse und - vergnügen der letzten Jahre verpasst!

Das Lied von Storch und Dromedar

von Anjet Daanje

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Das gelbe Haus
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Lange schon hat mich „Das gelbe Haus“ von Mieko Kawakami gezwickt. Seit ihrem Debüt „Brüste und Eier“ zählt die Japanerin zu den geschätzten Autorinnen meines Sehnsuchtlandes. Und das obwohl kein magischer Realismus am Wirken ist. Viel mehr zeigt Kawakami das wahre Leben. Dabei geht sie äußerst feinfühlig und mitreißend vor wie auch in ihrem neuen Roman, der 2025 das Feuilleton des Spiegels mehr als überzeugt, und ihm den 5. Platz des Spiegel Buchpreises verliehen hat.

Im Zentrum steht die vierzigjährige Hana. Als sie auf einen Zeitungsartikel über eine Freundin stößt, erwachen die Erinnerungen an ihre jüngeren Tage mit Kimiko - eine Freundin der Mutter, die sich in den Sommerferien dem Mädchen angenommen hat, nachdem die Mutter einfach verschwunden war.

Hana wächst in prekären Verhältnissen auf. Die Mutter hangelt sich von verschiedenen Jobs zum nächsten, wechselt ihre Partner. Da kommt Kimiko wie gerufen. Die beiden verleben eine wunderbare Sommerzeit. Doch als die Mutter wiederkehrt, bleibt Kimiko verschwunden. Erst als junge Frau trifft Hana diese zufällig wieder. Dieses Mal bleiben sie zusammen. Schöner noch: Sie übernehmen eine Bar und nennen sie „Lemon“. Denn die Farbe Gelb steht für Geld und Wohlstand. Feng-Shui spielt hier eine besondere Rolle.

Die beiden bleiben nicht allein, später gesellen sich noch Momoko und Ran dazu, weitere verlorene Seelen, die ein Haus beziehen. Als alles perfekt scheint, schlägt das Schicksal zu. Bämm!

Dieses Buch zeigt das andere Japan. Kawakami lichtet die eher verborgene Welt ab, die der Benachteiligten. „Geld ist Macht, Armut ist Gewalt“ heißt es an einer Stelle, so wahr, sind die nachfolgenden Worte. Bemerkenswert ist die Wandlung der Figur Hana wie die Geschichte. Also genießen Sie jede warme Seite, denn es könnte die letzte sein, und dies dafür Ihr erstes Highlight 2026 werden.

Das gelbe Haus

von Mieko Kawakami

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Meine Freunde
Frank Menden

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London 1984.
Eine Demonstration vor der Botschaft Libyens gegen Machthaber Gaddafi wird zum Wendepunkt im Leben dreier Männer. Aus dem Botschaftsgebäude wird auf die Demonstrierenden geschossen, eine Polizistin stirbt, mehrere Menschen werden verletzt.
Für die teilnehmenden Studenten Khaled und Mustafa wird klar: eine Rückkehr in ihre Heimat wird unmöglich. Fortan ist die Angst ihr ständiger Begleiter. Angst um sich, Angst um die Familien in Libyen.
So ergeht es auch Hosam, einem befreundeten Schriftsteller, der wie sie im Exil lebt. Eine seiner Kurzgeschichten wurde im libyschen Rundfunk vorgelesen, was den vortragenden Journalisten das Leben gekostet hat.

Ein Leben im Exil, Freundschaften auf dem Prüfstand, dazu der stetige politische Wandel sowohl in der alten wie auch der neuen Heimat - all dies stellt die drei Männer vor immer neue Herausforderungen: soll man bleiben oder zurück in die alte Heimat?

Hisham Matars Roman „Meine Freunde“ , ist ein durchaus komplex gestaltetet Roman, der uns auf Khaleds Spaziergängen durch London sowohl von der Vergangenheit als auch der Gegenwart seiner Protagonisten erzählt- und uns dadurch eine Geschichte über die Kraft und die Grenzen von Freundschaft und über den Zusammenhang von Literatur, Heimat und Identität aufzeigt.
Was das Exil bedeutet, was eine Diktatur , die man trotz Flucht nie hinter sich lassen kann, für ein Leben bedeutet : hier erfahren wir es. Hautnah, eindringlich, mit großer literarischer Intensität.
Chapeau!

Meine Freunde

von Hisham Matar

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Schatten der Gondeln
Frank Menden

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John Banville zu lesen ist immer ein Vergnügen.
In seinem neuesten Roman „Schatten der Gondeln“ , übersetzt von Elke Link, führt er uns in das Venedig des anbrechenden 20. Jahrhunderts.
Hierher kommt der Schriftsteller - oder Schreiberling, wir er sich selbst bezeichnet- Evelyn Dolman mit seiner Ehefrau Laura Rensselaer, nachdem sich ihre gemeinsame Hoffnung auf ein großes Erbe zerschlagen haben.
Laura, die Tochter eines Olbarons, zerstritt sich leider kurz vor dessen Tod mit ihrem Vater und wurde enterbt.
Der Aufenthalt in Venedig soll dazu dienen, sich über die weitere Zukunft Gedanken zu machen.
Doch für Evelyn scheint Venedig ein Ort voller Geheimnisse, Mysterien und Intrigen zu sein.
Oder bildet er sich die unheimlichen und unerklärlichen Begebenheiten nur ein?

Dieser Roman liest sich so, als hätten sich Henry James und Patricia Highsmith zusammen getan und davor Nicholas Roegs Klassiker „Don‘t look now - Wenn die Gondeln Trauer tragen“ zur Einstimmung gesehen.
Der Nebel wabert durch die Stadt, der Palazzo erscheint ebenso unheilvoll wie der Gastgeber verschlagen und am immer wieder aufblitzenden Suspense hätte auch Hitchcock seine Freude gehabt.
Vielleicht ist diese Hommage an den guten alten Schauerroman etwas zu glatt geraten, sprachlich unterhält dieser neue Banville aber wieder einmal auf hohem Niveau - und lotet dabei gewohnt gekonnt die dunklen Seiten der menschlichen Seele aus.
Ein Roman, nicht nur für Venedig Liebhaber.

Schatten der Gondeln

von John Banville

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Transit 64
Frank Menden

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Januar 1964.
Auf dem Weg zu einem Konzert in Warschau landet Marlene Dietrich auf dem Flughafen in Ostberlin.
Nicht nur die Presse wartet auf sie. In Westberlin warten zwei Männer auf sie, die ein besonderes Anliegen haben: Marlene Dietrich soll bei der Bundespräsidentenwahl als Gegenkandidatin zu Heinrich Lübke antreten.
Bei den beiden Männern mit dieser visionären Idee handelt es sich um Willy Brandt, den Regierenden Bürgermeister von Berlin, und seinen Sprecher Egon Bahr.

Das Personal ist real, der Zwischenstopp Marlene Dietrichs ebenso.
Der Rest könnte sich so zugetragen haben, ist allerdings ein reines Gedankenspiel.
Die Künstlerin Bettina Munk, Politikwissenschaftlerin Karin Wieland und der Soziologe Heinz Bude haben aus dieser Idee eine Mischung aus Roman und Graphic Novel geschaffen, die an alte SchwarzWeiss Filme erinnert.
Darüber hinaus bietet „Transit 64“ Einblicke in die Geschichte Ostberlins und erzählt mit leichter Melancholie von einem Star, der seinen Zenit überschritten hat und gegen das Vergessen werden kämpft. Und von einem Mann, der nach wie vor mit seiner Heimat fremdelt.

Ein wunderschön gestaltetes Buch, spannend, intelligent, fein beobachtet und eine willkommene Abwechslung auf dem deutschsprachigen Buchmarkt.

Transit 64

von Heinz Bude, Bettina Munk, Karin Wieland, BudeMunkWieland

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Neben Fremden
Frank Menden

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„Ich bin nicht unzufrieden, komme halbwegs mit mir zurecht. Mein Leben ist auch ein Leben.“

Eva Schmidts neuer Roman „Neben Fremden“ erzählt von Rosa. Früher war sie Krankenpflegerin, jetzt ist sie in Pension. Mit ihrer Umwelt hat sie wenig Kontakt .
Eine ehemalige Kollegin, die vielleicht nur deshalb so etwas wie eine Freundin ist, Nachbarn , die auf näheren Kontakt keinen sonderlich gesteigerten Wert legen, und eine Mutter, die sie mit zunehmender Hinfälligkeit immer mehr zu vereinnahmen sucht.
Rosa kommt zurecht.
Als der verheiratete Mann mit dem sie ein Verhältnis hatte überraschend stirbt und ihr einen Campingbus hinterlässt, scheint ihr dies als ein etwaiger Wink des Schicksals.
Ein gleichzeitig eintreffender Brief besiegelt ihre Entscheidung, eine Pause von ihrem bisherigen Leben zu nehmen und loszufahren….

Spät in diesem Jahr kam dieser Roman zu mir, aber genau zur richtigen Zeit, passt er doch hervorragend zur Stimmung in diesen herbstlich winterlichen Monaten.
Eva Schmidt erzählt nüchtern und präzise, beiläufig streut sie Sätze ein, die gerade deswegen eine ungemeine Wucht entfalten.
Ein stiller Roman, mit 192 Seiten recht kurz, aber mit einer enormen Wirkung . Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort ist genau überlegt.
Beeindruckend, berührend, unvergesslich.

„Wenn du erst einmal anfängst rückwärts zu denken geht’s dem Ende zu.“

Neben Fremden

von Eva Schmidt

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Die Unbußfertigen
Frank Menden

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„Sie haben einer App Ihre dunkelsten Geheimnisse verraten, Sie haben Dokumente und Fotos hochgeladen, ohne die allgemeinen Geschäftsbedingungen zu lesen?“

Na, fühlt sich jemand ertappt?
Dann „Herzlich Willkommen“ zu Elina Penners neuen Roman „Die Unbussfertigen“ .

Zehn Influencer haben auf der zur Zeit wichtigsten und somit mächtigsten App der Welt den begehrten „Rank 10“ erreicht. Ihre Belohnung: ein exclusives Wochenende in einem abgelegen Herrenhaus im Nirgendwo.
Doch schnell wird klar: der Gewinn entpuppt sich als Bestrafung. Eine anonyme Stimme wirft den versammelten Netzpersönlichkeiten ihre moralischen Verfehlungen vor, Verbrechen, die das „normale“ Strafrecht nicht ahndet.
Hier aber herrschen andere Regeln, dass wird spätestens nach dem Verschwinden des ersten Influencers klar…

Dieser Roman besitzt ein unglaubliches Tempo und absolut brillante, pointierte Dialoge. Diese Mischung aus Gesellschaftssatire, Dystopie und Thriller ( die Parallelen zu Agatha Christie’s „ And then there were none“ werden im Text direkt angesprochen) macht ungemein Spaß, verursacht aber auch durch ihre Nähe zur Realität eine gewisse Verstörung.
Unserer frauenverachtenden Gesellschaft wird hier der Spiegel vorgehalten, es geht um Einsamkeit, Generationskonflikte, Migration, Abhängigkeit und exzessiver Selbstdarstellung.
Das sind viele Themen, die aber durch die geschickte Auswahl der Charaktere gut verkörpert und verdeutlicht werden.
Nur im letzten Drittel gab es dann für meinen Geschmack zwei Wendungen zu viel, die den Impact dieses Romans für mich etwas geschmälert haben.
Dennoch kann ich ihn allen Fans von rasanter intelligenter Gesellschaftskritik empfehlen: ein mitreißendes Leseerlebnis mit Widerhaken.

Die Unbußfertigen

von Elina Penner

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Der brennende Garten
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Ich kannte Sri Lanka bisher als beliebtes Reiseziel. Doch der Bürgerkrieg war mir weniger vertraut. Gut, ich war beim Beginn noch sehr klein, lebte in einem Land, das alles andere als frei war. Aber jetzt nach V.V. Ganeshananthans Roman bin ich schlauer. "Der brennende Garten" hat mir wieder gezeigt, warum ich lese. Nicht nur, um abzutauchen. Sondern, weil ich dabei fremde Lebenswelten kennenlernen kann.

Wir begleiten Sashi, eine junge Frau, die mit ihren vier Brüdern und Eltern in Jaffna auf Sri Lanka ein gutes Leben führt, bis der Bürgerkrieg ausbricht. Die Tigers, tamilistische Seperatisten, stehen den regierungsnahen Singhalesen gegenüber. Es gibt Überfälle, zahlreiche unschuldige junge Männer werden von der Regierung festgenommen, ohne, dass sie etwas gemacht haben. Tiger bildet in Indien Krieger aus, rächt sich, und tötet dann selbst.

In diesen Konflikt schlittert unsere Ich-Erzählerin mit ihren Brüdern, die sich teils den Tigern anschließen. Ich erlebe eine junge Frau, die hin- und hergerissen ist. Einerseits will sie Ärztin werden, und beginnt ihr Medizinstudium. Andererseits will sie helfen. Als ein guter Freund K. an sie herantritt, und fragt, ob sie im Tiger-Lazarett Verwundete, auch Zivilisten, verarzten will, braucht sie nicht lange für ihre Antwort. Und doch steht die junge Frau bald zwischen den Fronten. Denn ihr Studium leidet unter diesem Einsatz. Und überhaupt will sie keinen Krieg. Doch es ist nicht alles finster, denn Sashi trifft auf Menschen wie ihre Professorin Anjali Acca, die sie durch ihre Denkweise und Zuwendung auffangen wie gute Bücher. Gelesen wird hier übrigens viel.

V.V. Ganeshananthan schreibt in einem ruhigen Ton eine aufwühlende Geschichte. Manchen Lesenden war einiges zu ausführlich auserzählt, ich habe indes jede Seite verschlungen, und nichts überblättert. Die innere Zerrissenheit der Heldin habe ich mit jedem Atemzug so sehr gefühlt wie den Konflikt, der die Familie bis ans Äußerste führt. Für mich bleibt dieses eindringliche und preisgekrönte Buch noch lange im Herzen. Ja, viel mehr noch: Es ist ein Highlight in diesem Lesejahr, das ich meiner lieben Kollegin Sarah O'Connor zu verdanken habe. So hat meine Kollegin die Women's Prize for Fiction 2024 bereits im Original gelesen, bevor es Sophie Zeitz ins Deutsche übertragen hat.

Der brennende Garten

von V. V. Ganeshananthan

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Unsere Abende
Frank Menden

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„Einen berühmten Menschen zu kennen, macht einen vielleicht zum Teil seiner Geschichte, und man möchte, dass diejenigen, die diese Geschichte erzählen, deren Kern erkennen und sie richtig wiedergeben.“

In „Unsere Abende“ erzählt Alan Hollinghurst die Geschichte von Dave Win. Seinen burmesischen Vater hat er nie gekannt, seine Mutter verdient ihr Geld als Schneiderin.
Dank eines Stipendiums der wohlhabenden Familie Hollows kann er eine gute Schule besuchen, wenn er auch von deren fast gleichaltrigen Sohn Giles auf fieseste Weise malträtiert wird.
Dave wird Schauspieler, schlägt sich in London und auf Tourneen durch, während Giles eine steile Karriere in der Politik macht.
Doch auch das Leben von Daves Mutter Avril nimmt nach dessen Auszug eine ganz andere Wendung …

Ich bin ein großer Fan von Alan Hollinghurst, „Die Schwimmbadbibliothek“ und „Die Schönheitslinie“ ( Booker Prize 2004 ) gehören zu meinen prägendsten Leseerlebnissen.
Sein neuer Roman , hervorragend übersetzt von Joachim Bartholomae, zeigt wieder einmal seine literarische Meisterschaft.
Hollinghurst versteht es wie kein anderer wichtige Themen in einer ruhigen, unaufdringlichen Art und Weise zu erzählen, die diese umso eindringlicher machen.
Er vermeidet Klischees und Übertreibungen, und spickt seinen Roman mit Anspielungen, die die englische ( Klassen-) Gesellschaft genau porträtieren und entlarven.

Die „SZ“ hält „Unsere Abende“ für Alan Hollinghursts besten Roman, die „Literary Review“ nennt ihn einen packenden Bildungsroman.
Ich war 616 Seiten lang gefesselt von Daves Geschichte, von seinem nie einfachen Leben als schwuler halbburmesischer Mann, von seinen Kämpfen, Niederlagen und Siegen.
Ein Roman über Klasse und Kunst, Liebe und Gewalt , über Sehnsucht und Ankommen, wie gemacht für Leseabende im Herbst.

Unsere Abende

von Alan Hollinghurst

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Am Wasser das Haus
Sarah O'Connor

Sarah O'Connor

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Sind Sie Geschichtsinteressiert? Oder darf es Kunst sein? Mögen Sie besondere, in besonders schöner Sprache geschriebene, Geschichten? Suchen Sie ein Literaturgeschenk für jemanden der bereits bestens ausgestattet ist? Oder mal etwas Anderes, sich Genreschubladen Entziehendes? „Am Wasser das Haus“ von Magdalena Saiger Ihr ihr Buch. Es beginnt im Jahr 1908, als der Maler Max Liebermann eine Villa am Wannsee nebst Garten entwirft. Zweieinhalb Jahrzehnte dient es der Familie als Refugium, als Sommerresidenz. Nach gewaltsamer Vertreibung wird es in den 1940ern als Reichspost genutzt; im ehemaligen Malersaal wird operiert; in den 70ern zieht ein Unterwasserclub ein. Leerstand. Wir verweilen nie lange bei den Menschen, ziehen weiter, sind Gäste und dürfen beobachten. Eine Villa, die bleibt, als Hauptprotagonistin. Die Autorin malt Bilder mit Worten: kunstvoll, wunderschön, wehmütig, herzzerreißend, auch mal augenzwinkernd.

Ein veritables Meisterinnenwerk!

Am Wasser das Haus

von Magdalena Saiger

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Einer reist mit
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Heutzutage ist eine Fahrt mit der Deutschen Bahn fast aufregender als ein Trip durch Indien. Stets taucht das Wort Verspätung oder Ausfall auf. Aber verzagen Sie bei der nächsten Zugreise nicht, und haben Sie dieses Buch parat. Dann wird ihr Grummeln verstummen, das Lachen aus ihrem Rachen um so lauter.

Anne Serre ist "eine veritable Entdeckung" - schreibt Meike Feßmann über die mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Autorin. Dem kann ich nur zustimmen. Nachdem mich Anne Serrre mit den filmreifen "Governanten" tief beeindruckt hat, wurde sie für mich zu einer Wiederholungstäterin in Sachen herausragender Literatur. Bereits der Einstieg versetzt meine Glückshormone in Partystimmung. Die Erzählerin plaudert offenherzig: "Ich stehe nicht gern früh auf. Seit nunmehr zehn Jahren bleibe ich so lange liegen, wie ich möchte, gut und gern bis neun, aber vor allem schätze ich einen ruhigen Vormittag ohne jede Störung."

Ungünstigerweise muss die Autorin jetzt früh hoch, da sie eine Einladung zu einem Literaturfestival in Montauban erreicht hat. Die Ich-Erzählerin überlegt abzusagen, geht im Geiste verschiedene Ausreden durch, wie so oft bei Auftritten, aber unsere Heldin tritt die Reise mutig an. Und begegnet am Pariser Bahnhof eine Autorin-Freundin. Wiedersehensfreude einerseits, andererseits wird wohl jetzt wohl nichts mit der Ruhe. Trotzdem bleibt auf der siebenstündigen Fahrt ausreichend Zeit für Beoachtungen und Gedanken, und gerade Letztere haben es mitunter in sich. Sie werden sogar leicht magisch, als die Autorin plötzlich ihren spanischen Lieblingsautor Enrique Vila-Matas entdeckt, und mit ihm anfängt zu plaudern.

Gleichzeitig lässt uns die Autorin an ihrem Leben als Schriftstellerin teilhaben. Sie erzählt von den Anspannungen vor öffentlichen Auftreten, überlegt, wie ihr in Montauban der Zustand konzentriertem Präsens gelingen kann. Dafür müsse sie sich "umdrehen, umstülpen, als wäre man ein Handschuh."
Als ebenso bemerkenswert erweisen sich die Gedanken über Autoren wie Franz Kafka, Thomas Bernhard, Marcel Proust, Robert Walser, und andere. Hat man diese noch nicht gelesen oder lange nicht, nach dem Buch will man es unbedingt oder gern wieder.

"Einer reist mit" ist ein literarischer Glücksgriff - und ich stehe mit der Feststellung nicht allein da. Schauen Sie mal bei Perlentaucher vorbei. Hinreißend sind die Einfälle, erfrischend, charmant und erhellend die Sprache wie die Reflexionen zu so vielem. Das Buch ist eine große Liebeserklärung an die Literatur, ihre Schöpfer:innen, dem Zauber des Unterwegsseins und eine großartige wie fantastische Lektüre.

Übrigens passt das Buch perfekt in die Handtasche. Ist das Magie oder berechnet? Ich weiß es nicht. Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann: Dieser Roman ist ein großer Gewinn, herausgegeben von einem unabhängigen Verlag, der in den Ruhestand gegangen ist. Also kaufen Sie dieses Buch, so lange es noch lieferbar ist! Lesen Sie es mit Freude und verschenken Sie es. Man wird es Ihnen danken. Davon ist auszugehen wie die nächste Zugverspätung.

Einer reist mit

von Anne Serre

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