Möchte man in unseren unruhigen Zeiten aufwühlende Bücher lesen? Eher weniger. „Das Lied des Propheten" ein wichtiges Buch, das man trotzdem aufschlagen sollte. Was der Booker Preisträger erzählt, ist äußerst beklemmend, und vor allem, wie er die Geschichte darstellt: Dunkel, beunruhigend, fesselnd, bewegend und spannend bis zur letzten Seite. Literatur darf ablenken, aber sie sollte genauso zum Diskurs und Austausch anstoßen. Apropos Anstoß: Ich habe das Buch meiner lieben Kollegin Sarah O'Connor zu verdanken. Sie hat das Original lange Zeit vor mir gelesen und sich schon seit vergangenem Winter dafür stark gemacht.
"Das Lied des Propheten" ist eine Dystopie, weit weg und doch sehr nah an uns dran. Hätten wir vor einem Jahr gedacht, dass die Rechtspopulisten hierzulande und in der EU derart erstarken würden?
Paul Lynch erzählt in seinem Roman von einer radikalen Regierung, die das Land reformieren will. Alle Andersdenkenden werden verhaftet, mundtot gemacht. Eilishs Mann Larry, der in der Lehrer-Gewerkschaft engagiert ist, kehrt am Abend einer Demo nicht zurück. Was mit ihm passiert ist, erfährt sie nicht. Diese Ungewissheit zermalmt sie genauso wie das Virus, das um sie greift. In ihrer Firma übernehmen regierungsnahe Menschen die Leitung und entlassen immer mehr Menschen. Eilishs älterer Sohn Mark rebelliert. Nachdem Eilish ihn bei einer Freundin untergebracht hat, verschwindet er eines Tages, schließt sich einer Untergrundorganisation an. Die einzige Verbindung ist ein Prepaid-Handy, doch das bleibt eines Tages stumm. Mark ist nicht zu erreichen. Plötzlich wird alles knapp, selbst das Wasser. Eilishs Schwester drängt sie, auszureisen. Aber was, wenn Mark wieder zurückkommt? Und Larry? Und was ist mit Simon - Eilishs Vater? Soll sie ihn zurücklassen?
Ich lese mich mit angehaltenem Atem durch diese Geschichte, die nur schwer auszuhalten ist. Vom ersten Satz an schafft der irische Autor eine beklemmende Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Atemlos sind die dichten Sätze, denen ich genauso hinterher laufe wie Eilish - eine Löwin, die versucht zwischen Ohnmacht, Hilflosigkeit, weiterzuleben, für ihre Familie da zu sein. Denn Eilish hat noch drei weitere Kinder, für die sie da sein will und muss. Stets an ihrer Seite: die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird.
"Das Lied des Propheten" erschüttert einen bis ins Mark. Und trotzdem sollte man das Buch lesen. Was Literatur alles bewegen kann, zeigt der Booker Preisträger auf erschreckende Weise.
Das Lied des Propheten
von Paul Lynch
Zum Buch im Shop