„An einem dieser schönen Tage, irgendwann vom 9. auf den 10. März 1971 geschah es, dass sich der Landarzt Otto M. das Leben nahm. Er war neunundvierzig Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Kinder.“
Aus zwei Perspektiven erzählt Thomas Medicus in seinem Buch „Vaterlos - Ein Tatsachenroman“ @rowohltverlag vom Suizid seines Vaters: aus der des Jungen direkt nach der Tat und aus der des Erwachsenen, der dreißig Jahre nach dem Selbstmord diesem hinterherspürt.
Wir lesen über einen Mann, der liebevoll war, ein Lebemann, der Welt zugewandt, ein Arzt, der sich wegen Depressionen in einer Klinik behandeln lassen musste und der sich mit seiner Geliebten in einem Hotelzimmer vergiftete ( die junge Frau überlebt dies, nimmt sich aber kurze Zeit später das Leben).
Man taucht ein in die bürgerliche Welt der BRD in den 1950ern und 1960ern, in scheinbar glückliche, geordnete Verhältnisse - bis sie es durch die Tat nicht mehr sind.
Dieser ungemein eindringliche autobiografische Roman versucht nicht Erklärungen für das Unerklärliche zu finden. Es geht um das, was der Selbstmord des Vaters beim Sohn für Spuren hinterlassen hat, wie sehr er den Autor geprägt hat.
Der Ton ist nüchtern, behutsam, genau. Wie sehr Verdrängung in der Lebenswelt der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft verankert war - auch davon erzählt dieses Buch.
Und schafft es so aus einer privaten Auseinandersetzung mit einer persönlichen Tragödie auch ein präzise beobachtetes Zeitporträt.
Ich bin tief beeindruckt.