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Empfehlungen aus Romane Hardcover

Die Lücken
Frank Menden

Frank Menden

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Ein Jahrhundertroman! Und nicht ( nur ) wegen der fast hundert Jahre erzählten Zeit, die ein Panorama des fiktiven Ortes Heimes Bach im Hunsrück abbilden. 

Der frisch und höchst verdient mit dem Deutschen Buchpreis UND dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnete Roman ist ein moderner Anti- Heimatroman und ein Buch, das man einmal gelesen nie wieder vergessen wird. Ein Roman, der sprachlich wie inhaltlich überzeugt, das herausfordert und durch seine klug komponierte Struktur überzeugt. Vielschichtig erzählt Shida Bazyar über Gewalt, Traumata, Gleichgültigkeit und Sehnsüchte in einem fiktiven pfälzischen Dorf, und fächerst so ein ganzes Jahrhundert auf. Dabei tritt vieles Ungesagte und Verdrängte zu Tage und konfrontiert die Leser mit den eigenen blinden Flecken in ihrer Wahrnehmung der Gegenwart und Vergangenheit.

Ein großer Wurf ist dieser Roman, der gekonnt den Bogen bis in die Gegenwart schlägt, und der zeigt, welche Auswirkungen Verdrängung haben kann.

Unbedingt lesen!

Die Lücken

von Shida Bazyar

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Die Bernsteinfischerin
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Dieses Buch zeigt, wie fantastisch der Zufall sein kann. Denn ohne ihn würde es diese wundervolle Geschichte gar nicht geben. Als Lisa Quentin vom Beruf des Bernsteinfischers erfuhr, wollte sie mehr wissen, recherchierte die Kulturgeschichte des beliebten fossilen Harzes und schrieb schließlich diesen Roman.

Die Autorin setzt hierbei zwei Frauenfiguren nebeneinander. Ebba lebt mit ihrer Familie im Samland, an der ostpreußischen Bernsteinküste. Der Vater arbeitet als Bernsteinfischer, seine Tochter ist ihm hierbei eine tüchtige wie neugierige Helferin. Was er nicht weiß, den einen oder anderen ganz besonderen Stein hebt sie auf und bringt ihn ihren guten Freund Leo. Der Krieg – die Handlung setzt 1943 ein - und die Flucht treibt die beiden Seelenverwandten schließlich auseinander, und Ebbas Familie findet in Niendorf an der Ostsee ein neues Zuhause. Wie schon in der alten Heimat, schlägt in Ebbas Brust das Herz einer Künstlerin. Sie schafft heimlich kleine Kunstwerke aus Strandgut und Bernstein. Solch ein Prachtexemplar mit einer eingeschlossenen burmesischen Wespe im Bernstein, die es „nur auf dem Urkontinent Gondwana gab“, taucht plötzlich im Institut der Bernsteinforscherin Julika auf. Wie ist das möglich?

Das will Julika wissen. Dieser Stein ist es, der die junge Frau aus ihrem eingeschränkten Leben nach draußen zieht. Denn Julika kümmert sich mit ihrem Vater um ihre Mutter, die nach dem Tod der jüngeren Tochter an einer Depression leidet. Schließlich wagt Julika den für sie großen Sprung, reist an die Ostsee und trifft dort auf Ebba Bredow.

Lisa Quentin erzählt atmosphärisch, poetisch und zieht mich mit ihrer kraftvollen Sprache wie das Meer den Sand durch die Seiten. Ich erfahre so viel über Bernstein, dass ich damit einen Vortrag halten könnte, lese vom Bernsteinjäger Verein in Hamburg. Mit feinfühliger Hand entwickelt sie Ebbas und Julikas Lebensgeschichten, die einen zu Herzen gehen, berühren und beeindrucken. 

Beide verbindet viel mehr als sie wissen. Während ich all das auflese, tobt das Meer um mich herum, ich spüre die Gischt an den Füßen und halte einen Bernstein in der Hand.

Die Bernsteinfischerin

von Lisa Quentin

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Im Licht des neuen Tages
Simone Finkenwirth

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Wenn Bücher inspirieren, ist es einfach das Schönste! Genau wie „Im Licht des neuen Tages“ von Jarka Kubsova. Noch Etwas war da: Während der Lektüre durchflutete mich ein warmes Gefühl, zog meine Mundwinkel zur Sonne. Danach habe ich mir „Großmütterchen Babička“ von Božena Němcová besorgt.  Denn Tschechien ist das Gastland der Frankfurter Buchmesse.

Im Mittelpunkt steht die Schriftstellerin Elli Hajek, die sich in einer Lebenskrise befindet. Die Tochter geht ihre eigenen Wege, und Elli kann nicht loslassen. Auch die Beziehung zu Jan hat Risse, obendrein zwickt der Abgabe-Termin für das neue Buch. Statt sich allem zu stellen, flüchtet Elli. Sie mietet sich ein Haus im Wald. Doch die Geister reisen mit, und noch jemand erscheint: Viktorka. Jene sagenumwobene Frau von der Ellis Großmutter seinerzeit erzählt hat.

Wie in „Bergland“ und „Marschlande“ zieht die Hamburger Autorin viel Kraft aus der Natur. Unzählige Stellen verströmen den Zauber des Waldes. Ich stoße auf wundersame Früchte wie das „𝘎𝘰𝘭𝘥𝘦𝘯𝘦 𝘍𝘢𝘳𝘯“. Was in ihn besonders macht, offenbart das Buch wie die faszinierende Geschichte über Viktorka und Božena Němcová, die mit 𝘋𝘳𝘦𝘪 𝘏𝘢𝘴𝘦𝘭𝘯𝘶̈𝘴𝘴𝘦 𝘧𝘶̈𝘳 𝘈𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯𝘣𝘳𝘰̈𝘥𝘦𝘭 allen bekannt ist.

„Im Licht des neuen Tages“ ist eine Suche, ein Waldmärchen, und die Begegnung mit dem, vor dem wir uns alle fürchten.

„𝘐𝘤𝘩 𝘩𝘪𝘦𝘭𝘵 𝘥𝘪𝘦 𝘈𝘯𝘨𝘴𝘵 𝘢𝘶𝘴. 𝘜𝘯𝘥 𝘮𝘢𝘯𝘤𝘩𝘮𝘢𝘭 𝘢𝘶𝘤𝘩 𝘥𝘦𝘯 𝘚𝘤𝘩𝘮𝘦𝘳𝘻, 𝘥𝘦𝘳 𝘴𝘪𝘤𝘩 𝘥𝘢𝘻𝘶𝘨𝘦𝘴𝘦𝘭𝘭𝘵𝘦. 𝘈𝘶𝘴𝘩𝘢𝘭𝘵𝘦𝘯 𝘪𝘴𝘵 𝘫𝘢 𝘮𝘢𝘯𝘤𝘩𝘮𝘢𝘭 𝘥𝘢𝘴 𝘌𝘪𝘯𝘻𝘪𝘨𝘦, 𝘥𝘢𝘴 𝘶𝘯𝘴 𝘣𝘭𝘦𝘪𝘣𝘵, 𝘰𝘥𝘦𝘳? 𝘝𝘰𝘳 𝘢𝘭𝘭𝘦𝘮, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘈𝘶𝘴𝘸𝘦𝘪𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘨𝘢𝘳 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘮𝘰̈𝘨𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘪𝘴𝘵. 𝘔𝘢𝘯 𝘩𝘢̈𝘭𝘵 𝘢𝘶𝘴, 𝘮𝘢𝘯 𝘴𝘱𝘶̈𝘳𝘵 𝘢𝘭𝘭𝘦𝘴..." Sätze wie dieser halten mich beim Lesen an, während die knarrende Eiche ihr Lied durch die „𝘥𝘪𝘦 𝘦𝘪𝘴𝘪𝘨 𝘬𝘭𝘢𝘳𝘦 𝘓𝘶𝘧𝘵“ singt.

Es ist das wohl persönlichste Buch von Jarka Kubsova. Denn die Autorin ist gebürtige Tschechin und lädt uns auch in die Welt der Literatur aus ihrer Heimat ein. 

Im Licht des neuen Tages

von Jarka Kubsova

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Land
Simone Finkenwirth

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Ich habe „Land“, den neuen Roman von Maggie O’Farrell, regelrecht herbeigesehnt. Und wie so oft, wenn die Vorfreude allzu groß ist, lauert schon eine latente Enttäuschung. Wobei, ich möchte es eher Irritation nennen. Ich komme erst nicht richtig rein in das Buch, als wäre es in einer mir unbekannten Sprache geschrieben. Aber schon nahte Hilfe in Form der Besprechung von Katja Eßbach auf NDR Kultur.

Die Redakteurin macht deutlich, dass man sich Maggie O’Farrells Bücher regelrecht erarbeiten müsse. Dabei bin ich bisher in ihre Geschichten stets von einem Trichter eingesogen wurden. Also erarbeiten. Die Gedanken ordnen, die Verwirrung beiseiteschieben. Konzentration auf all das, was die irische Autorin auszeichnet.

„Land“ entführt uns ins Jahr 1865. Eine irische Halbinsel. Dort treffe ich auf Liam und seinen Vater Tomás. Dieser arbeitet als Vermesser für die sogenannten Rotröcke – die Soldaten der britischen Besatzer. Er legt Karten an und ermisst so das irische Land. Sein Sohn hilft ihm dabei und entdeckt einen Abschnitt, der es wahrlich in sich hat. 

Eine Magie, die Liam alles vergessen lässt. Der Vermessungsstab fällt auf den Boden, er rennt los und verliert schließlich sogar seine Stiefel im Moor. Als er wie ein Schlammmonster aus dem Hain wieder rauskommt, wartet bereits sein Vater aufgeregt auf ihn. Und will sofort Liams Sachen zurückholen. So wirft er sich in den moorigen Hain und kehrt nicht zurück, bleibt verschollen.

Danach ist nichts mehr, wie es war. Liam sitzt beunruhigt bei der Witwe, die ihnen ein Obdach bietet. Ein Suchtrupp wird losgeschickt und kehrt ohne Tomás zurück. Nach drei Tagen taucht er plötzlich wieder auf, scheint wie verwandelt. Was ist passiert?

Werde ich naturgemäß nicht verraten. Aber wer die irische Autorin kennt, weiß, dass sie eine Grenzgängerin zwischen der sogenannten Realität und dem Übersinnlichen ist.

Wie gesagt, dieser fulminante Roman braucht Zeit. Aber wer geduldig ist, wird reich belohnt. Neben Liam und Tomás bietet die Geschichte noch weitere, starke Figuren: Tomás Frau Pinha, die er als Kind im Armenhaus getroffen und sofort eine Verbindung gespürt hat. Rose und Enda, die beiden Töchter, sind ebenso typisch irische Charakterköpfe wie der eigensinnige und sprachlose Eugene, der letzte im Bunde der Familie. Tief berührt folge ich allen. Begeistert von der sinnlichen wie poetischen Sprachkraft der Autorin. Übrigens kongenial übersetzt von Nikolaus Hansen und Kathrin Razum.

 

Land

von Maggie OFarrell, Maggie O'Farrell

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Die Welt in der ich lebte
Frank Menden

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„Ich kehrte in die Wohnung der Krempkes im dritten Stock zurück, in das kleine Zimmer, das sie an mich vermietet hatten, weil Herr Krempke arbeitslos war. In meine Einsamkeit inmitten der großen Stadt.“

1949 hat Ilse Losa ihren ersten Roman „Die Welt in der ich lebte“ auf Portugiesisch geschrieben. Es ist eine Folie ihrer Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in der niedersächsischen Provinz und das Erwachsenwerden unter der zunehmenden Bedrohung des Antisemismus im aufkommenden Nationalsozialismus.

Es ist einer dieser Romane, die einen von den ersten Sätzen an überzeugen und der einen bis zum letzten Satz nicht mehr loslassen wird.

In Portugal gehört der Roman, der nun Weidle Verlag & Wallstein Verlag in der Übersetzung von Maralde Meyer-Minnemann (unter Mitarbeit der Autorin ) wieder aufgelegt wurde, zur Schullektüre.
Ilse Losa hat nach ihrer Flucht 1934 in Portugal als Lektorin und Übersetzerin bei portugiesischen Verlagen für deutsche Literatur tätig als auch bei deutschen Verlagen für portugiesische Literatur.
1991 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Ich kann diese eindringliche, leise erzählte Werk nur aufs nachdrücklichste empfehlen. Wie Ilse Losa den Lebensweg ihrer Protagonistin Rose Frankfurter schildert ( und damit auch ihren eigenen ), wie diese mehr und mehr begreift und erlebt, wie ihre Lebensrealität mehr und mehr auseinanderbricht - das ist emotional aufwühlend und aufgrund der aktuellen politischen Lage so erhellend wie wichtig.
Für mich eine große (Wieder-) Entdeckung!

Die Welt in der ich lebte

von Ilse Losa

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Was wir von ihr wissen
Frank Menden

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„Sue. Suze. Susie Q. Susannah in the Morning. Mom. Wie viele tausend Facetten war sie für ihn gewesen - in unterschiedlichen Stimmungen, unterschiedlichen Momenten. Wie viele Wörterbücher ihrer gemeinsamen Sprache waren mit der Zeit verloren gegangen?“

Als sich Susan und Al kennenlernen treffen zwei Welten aufeinander: hier der ernste, ruhige Akademiker, dort die ehrgeizige junge Schauspielerin. Es ist Liebe auf den ersten Blick, die offensichtlichen Gegensätze ziehen sich an und anfangs scheint alles machbar, beider Karrieren nehmen Fahrt auf.
Die Geburt der Zwillinge Viola und Sebastian stellt das Paar vor neue Herausforderungen, denn Susan will ihre Karriere als Serienstar nicht aufgeben, was Al mit seinem Wunsch nach einem traditionellen Familienbild vor den Kopf stößt. Susan führt fortan zwei Leben: in Hollywood steht sie vor Kamera, in Neuengland ist sie die von allen beäugte Ehefrau und Mutter, ein strahlender Fremdkörper, eine Wandlerin zwischen diesen so unterschiedlichen Welten…

Rebecca Fallon beginnt ihren Roman „Was wir von ihr wissen“ @mareverlag , übersetzt von Juliane Zaubitzer, mit Susans Beerdigung. Sie ist jung gestorben, an Krebs, Al fühlt sich verloren, die Zwillinge sind zu klein, um zu verstehen, wer ihre Mutter außerhalb des gemeinsamen Lebens war - und Al tilgt alle Spuren ihres beruflichen Lebens.
Geschieht dies aus reiner Rücksichtnahme seinen Kindern gegenüber, denn Susans Serie und der von Ihr verkörperte Charakter sind nicht für kleine Kinder geeignet, oder versucht er die Deutungshoheit über das Bild seiner Frau zurückzugewinnen? Und was macht diese Entscheidung mit Viola und Sebastian, wie wirkt es sich auf deren Entwicklung aus?

Rebecca Fallon beschreibt in ihrem Roman die großen Erwartungen, die Menschen aneinander haben, als Liebende, Familie oder Freunde. Dabei schildert sie die Ereignisse nicht chronologisch, sie springt zwischen den Jahren 1983 und 2012 hin und her, wechselt die Perspektiven.
Das verdichtet diesen Familienroman sehr effektiv, führt allerdings zu Beginn der Lektüre dazu, dass man sich erst etwas einlesen muss.
Ist man aber erst einmal „drin“ in der Geschichte kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Eine emotionale Achterbahnfahrt, gut beobachtet, mit präzisen Charakterzeichnungen.

Was wir von ihr wissen

von Rebecca Fallon

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Wirf einen Schatten
Simone Finkenwirth

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„Man muss sich erlauben, der Mensch zu sein, der man sein will.“ Dieser kluge Satz von Elena Fischer hängt immer noch in meinem Kopf wie ein liebgewonnenes Kleidungsstück auf dem Wäscheständer. Er steht exemplarisch für den Kern des zweiten Romans der Autorin.

Mit „Paradise Garden“ stand die Autorin auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde vom Buchhandel als Lieblingsbuch nominiert. Das zweite Buch ist stets ein besonderes, vor allem, wenn das Debüt ein großer Wurf war.

Dieses Mal hat Elena Fischer ein anderes Setting gewählt. Einerseits macht sie einen Schritt nach hinten, setzt ihre Geschichte in die Vergangenheit, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Andererseits hat sie als Hauptfigur ein Mann gewählt.

Joseph beschließt am Heiligabend, sich das Leben zu nehmen. Gerade, als er abdrücken will, klingelt es an der Tür. Dort steht ein Engel. Birdie ist erschöpft und fällt geradewegs in Josephs Arme. Dieser nimmt sich der jungen Frau mit dem großen Hut und den verschissenen Klamotten an. Vergessen ist der eigene Weltschmerz. Was wir noch nicht wissen, ist Birdies Rolle: Sie wird Josephs Leitstern.

Elena Fischer wechselt die Zeitebenen, bringt Licht in Josephs scheinbar dunkles Leben und zeigt, warum er der geworden ist, der er heute ist. Was ihn mit seiner Frau Lis verbindet und was sie trennt. Sie hat ihn mit ihrem gemeinsamen Sohn verlassen. Lis war ihm einen Schritt voraus, sagt Birdie. Überhaupt Birdie, die sich selbst so nennt, weil… „Wenn man ein Vogel ist, geht einem niemand auf die Nerven. Und wenn doch, dann fliegt man einfach davon.“ Auch über ihr liegt ein dunkler Schatten, denn sie ist auf der Flucht vor den Eltern und deren Vorstellungen über ihr Leben, was sie ablehnt. Als man sie entdeckt, muss sie flüchten, und bekommt bei Josephs Freundin Ada Unterschlupf. Ada ist die vierte Komponente in diesem Kosmos - Lis‘ Schwester und womöglich noch mehr…

„Wirf ein Schatten“ ist ein Buch, das wir gerade brauchen. Eine wärmende Hommage an den Zusammenhalt, Fürsorge und an vielen Stellen sehr lebensklug wie wohltuend. Hier liegt ein Nebel aus Melancholie, und doch verhindert eine Leichtigkeit des Textes, dass wir tief fallen und vergessen, was Hoffnung ist. Ein Wintermärchen mitten im ausklingenden Sommer.

Wirf einen Schatten

von Elena Fischer

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Die Komponistin
Simone Finkenwirth

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Wir kennen sie alle: Chopin, Bach, Debussy, Mozart. Aber wem ist Mélanie Bonis vertraut? Für mich eröffnet die französische Autorin Alissa Wenz ein neues Kapitel in der Geschichte klassischer Musik. Sie wurde am 21. Januar 1858 geboren, und starb am 18. März 1937.

Sie ist die Erste, die sich ans Klavier in ihrem Zuhause, Nummer 18 Rue Montmatre setzt. Und bald schon das spürt, was alle Kunstschaffenden fühlen, wenn sie in ihrer Oase ankommen: eine tiefe Zufriedenheit und Frieden.

Das Mädchen spielt, wenn es allein ist, erkennt die Patzer und korrigiert sich, baut sich ein Fundament und neues Standbein. Die Mutter verfolgt indes andere Pläne mit ihrer musischen Tochter. Doch als ein Freund der Familie das Talent des Mädchens erkennt, ermutigt er die Eltern, Mélanie am Konservatorium anzumelden. Mélanie besteht die Aufnahmeprüfung mit Leichtigkeit. Genau dort trifft sie auf ihre große Liebe und Muse, den Sänger und Lyriker Amédée-Louis Hetrich. Die beiden verlieben sich. Sie wollen heiraten, aber die Familie will eine bessere Partie. Und arrangiert die Ehe mit einem 20 Jahre älteren Unternehmer. Das führt die junge Frau in eine tiefe Krise. Sie bricht ihr Studium ab, und die innige Verbindung zum Klavier.

Als Jahre später Amédée aus Italien zurückkehrt, erblüht die verwelkte Blume in Mélanies Seele erneut. Amédée schreibt Gedichte, die sie vertont. Sie reicht als Mel Bonis ihre Kompositionen ein, wird ausgezeichnet. Doch wie lange können sie ihre verbotene Beziehung geheim halten?

Alissa Wenz selbst ist Komponistin, das spüre ich mit jedem Satz. Sie erschafft eine eigene Melodie, hat sich für eine besondere Erzählperspektive entschieden, und erzeugt damit einen Klangraum, der mitten hinein führt in den Geist einer Komponistin. Gleichwohl erzählt sie eine beeindruckende Emanzipationsgeschichte. Zwischen Liebe, Wut, Leidenschaft entlädt sich eine Energie, die Unglaubliches kreiert. 

So klingt „Die Komponistin“ lange noch nach, was auch der kongenialen Übersetzung von Alexandra Baisch zu verdanken ist.

Die Komponistin

von Alissa Wenz

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Löwe
Frank Menden

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Es gibt Bücher, bei deren Lektüre man spürt: dieser Text musste geschrieben werden, hier schreibt sich jemand etwas von der Seele.
„Löwe“ vpm Sonya Walger, erschienen bei Suhrkamp in der Übersetzung von Tanja Handels ist so ein Text. Und ich spreche bewusst von einem Text, auch wenn der Verlag „Roman“ auf den Schutzumschlag gedruckt hat, denn diese Mischung aus Memoir, Familiengeschichte und Autofiktion entzieht sich für mich jeglicher Einordnung, was eine große Stärke dieses Buches ist.

Der titelgebende Löwe ist der Vater der Autorin und Schauspielerin ( die ich vor allem als Molly in „For all mankind“ gefeiert habe) - und er ist die meiste Zeit ihres Lebens abwesend.
Ein Mann, dessen Lebenshunger grenzenlos und faszinierend ist, der ständig neue Jobs hat, mit dem Gesetz in Konflikt gerät, immer wieder neue Beziehungen eingeht, auch diese wieder hinter sich lässt, mit weiteren gezeugten Kindern, denen er eine Leerstelle hinterlässt.
Der Vater als Verweigerer der Vaterrolle, als Versager, als Verräter, als Vakuum.
Sonya Walger erzählt nicht chronologisch, sie lässt sich von ihren Erinnerungen leiten, was die Lektüre manchmal durchaus fordernd macht, muss man sich doch oft zeitlich neu orientieren und Geschildertes einordnen.
Dies stört aber aufgrund der Brillanz dieses Textes überhaupt nicht. Selbst komplexeste familiäre Dynamiken werden mit präziser Klarheit beschrieben und man kann im Verlauf der Lektüre immer besser verstehen, welche Faszination von diesem Mann ausgeht - und warum man ihm trotzdem nie wirklich nahekommt. Weder die Tochter, noch wir Lesende. Und das ist in gleichen Teilen irritierend und berührend.

„Ich bin ein kleines Kind und weiß bereits, dass die Liebe meines Vaters absolut ist und trotzdem unpräzise, dass er sich mit den Einzelheiten meines Lebens nicht recht auskennt, weil er das Alltägliche geringschätzt, weil sich seine Aufmerksamkeit immer auf etwas richtet, was direkt hinter dem Horizont liegt.“
 

Löwe

von Sonya Walger

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Unerwünschte Töchter
Frank Menden

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Am Anfang steht ein alter Bücherschrank aus Kirschholz. In ihm findet die Autorin Tagebücher und Notizen ihrer Vorfahrinnen. Diese bilden den Ausgangspunkt für eine Familiengeschichte, ihre eigene Familiengeschichte: die Geschichte von Margarethe, Marianne, Monika und Miriam.
Vier Frauen, deren Leben von historischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt wird, von der Enge der tradierten Normen. Vier Frauen, die jeweils ihren Platz in ihrer Welt suchten, deren Schicksal, so individuell es auch ist, doch exemplarisch für viele Frauen ihrer Generation steht.

„Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe, erschienen im Hanser Verlag steht völlig verdient auf der Longlist des Deutschen Buchpreis.
Die Autorin verbindet reale Dokumente, Auszüge aus Tagebüchern und Fiktion zu einer starken und berührenden Innenperspektive. Sie erzählt klar und präzise, ohne Pathos, was viele Szenen gerade deswegen besonders eindrucksvoll macht. Dabei zeigt sie auch ein gutes Gespür für die historischen Details und kulturellen Signets der jeweiligen Epoche.
Der Einstieg in diesen 576 Seiten starken Roman fiel mir nicht leicht, aber als ich dann in der Geschichte war, haben mich diese vier Frauen nicht mehr losgelassen.
Die Art und Weise wie hier ein ganzes Jahrhundert erlebbar gemacht wird, wie familiäre Muster aufgezeigt werden und vor allem wie diese vier Frauen ihr Leben gelebt haben und leben hat mich zutiefst beeindruckt. Denn Miriam Carbe bleibt immer ehrlich, zeigt die gegenseitigen Verletzungen trotz aller Bemühungen es doch besser zu machen als die Generation zuvor.


Ein rundum gelungenes Buch.

Unerwünschte Töchter

von Miriam Carbe

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Honey
Simone Finkenwirth

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Was für ein unglaubliches Buch! Ich bin immer noch fassungslos und gleichwohl begeistert über das Debüt einer Buchhandelskollegin. Imani Thompson hat nach ihem Soziologiestudium bei 𝘋𝘢𝘶𝘯𝘵𝘉𝘰𝘰𝘬𝘴 in London gearbeitet. Ihre Hauptfigur lebt und arbeitet in Cambridge, genau dort hat die Autorin ebenfalls studiert.

Yrsa schreibt ihre Doktorarbeit über 𝘈𝘧𝘳𝘰𝘱𝘦𝘴𝘴𝘪𝘮𝘪𝘴𝘮𝘶𝘴𝘪𝘮𝘉𝘦𝘧𝘳𝘦𝘪𝘶𝘯𝘨𝘴𝘬𝘢𝘮𝘱𝘧 𝘢𝘧𝘳𝘪𝘬𝘢𝘯𝘪𝘴𝘤𝘩𝘦𝘳𝘍𝘳𝘢𝘶𝘦𝘯. Sie selbst ist die Tochter von karibischen Einwanderern und im Alltag dem Mikro-Rassismus ausgesetzt. Zudem unterrichtet Yrsa Studierende, und hat zu Beginn eine Konfrontation mit einem Studenten, die ihr später wie ein schlechter Rülpser aufstoßen wird.

Bei einem zufälligen Treffen mit einem Professor passiert etwas Erschreckendes. Als dieser von seiner Frau angerufen wird und kurz abgelenkt ist, schnippt sie eine Biene in dessen Glas. Wenn Richardson gestochen wird, wäre dies die gerechte Strafe für das, was er Yrsas Freundin angetan hat, denkt sie. Er hat eine Affäre mit Nina, war mit ihr sogar auf Recherchereise und verwendet deren Ergebnisse, präsentiert sie als seine. Das macht Yrsa natürlich wütend, zurecht. Richardson wird gestochen. Was Yrsa nicht weiß, er ist allergisch gegen Bienenstiche.  Keiner sieht sie, Yrsa greift nicht ein, und lässt diesen Mann vor ihren Augen sterben. Krass!

Damit setzt Yrsa etwas in Gang. Sie spürt ein Hochgefühl, das sie fortan nicht loslassen und zu weitere Taten verleiten wird. Gut durchdacht und mit dem Wissen ihr vertrauter Soziologen und Menschen, auf die sich stets bezieht.

Imani Thompsons Antiheldin tötet nicht einfach so, sondern mit Hintergedanken. Spürt sie doch einen großen Zorn auf überhebliche, gemeine Männer und dem Rassismus. Die Autorin findet für Letzteres einen wahren erschütternden Satz: „𝘔𝘢𝘯 𝘬𝘢𝘯𝘯𝘥𝘦𝘯𝘚𝘤𝘩𝘮𝘦𝘳𝘻𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘷𝘰𝘮𝘚𝘤𝘩𝘸𝘢𝘳𝘻𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘵𝘳𝘦𝘯𝘯𝘦𝘯.“

„Honey“ hat es wirklich in sich! Man könnte den Roman als reinen College-Roman mit einer Serienmörderin lesen. Doch das wäre zu flach, und würde Yrsa nicht gefallen. Ist doch jede Tat bestens vorbereitet und bekommt Rückendeckung von den großen Denker:innen, die sie in ihre Gedankengänge miteinbezieht.

„Honey“ steht exemplarisch für die sogenannte 𝘞𝘦𝘪𝘳𝘥𝘎𝘪𝘳𝘭𝘓𝘪𝘵𝘦𝘳𝘢𝘵𝘶𝘳𝘦 die man mögen muss. Ich mochte jede Seite, trotz des Unbehagens, das wie ein aufkommendes Sommergewitter kontinuierlich zunimmt und ein raffiniertes Teil dieses Gesamtkunstwerkes ist.

Ideal für Buchkreise und für junge Lesende ab 18 Jahre!

Honey

von Imani Thompson

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Contrapposto
Simone Finkenwirth

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Ich wollte in „Contrapposto“ von Dave Eggers förmlich hineinkriechen. So wohltuend empfand ich die Geschichte, die mir der Bestsellerautor von „The Circle“ präsentiert hat. Anders als bei seinem Bestseller verzichtet der amerikanische Autor hier auf schnelle Plots und rasante Wendungen. Fast in Zeitlupe betrachtet er das Leben des talentierten Cricket und seiner Lebensfreundin Olympia.

Cricket wächst in prekären Verhältnissen auf. Der Liebhaber seiner Mutter ist toxisch und alles andere als fürsorglich. Aber Cricket hat sich seine eigenen Fluchten geschaffen: seine Malerei, die Bibliothek und vor allem seine Freundin Olympia, die sich selbst als Reinkarnation von Albert Camus empfindet. Olympia erkennt das Talent ihres Freundes und versucht ihn zu fördern, den Eigenbrötler aus seinem selbstgezimmerten Elfenbeinturm zu holen. Sie ermuntert ihn, aus der Kleinstadt auszubrechen, in der sie leben. Und muss Cricket gar nicht groß überzeugen. Er will nach Europa, bei einem Meister in die Lehre gehen. Zunächst gönnt er sich zunächst einen Kurs in Aktmalerei. Dort lernt der Fünfzehnjährige viel, die Zeichnungen finden sich in dem Buch.

Während Olympia alles vermarkten und eine künstlerische Plattform gründen will, bleibt Cricket eher im Hintergrund, arbeitet später sogar für den erfolgreichen Kyle als Zuarbeiter. Das zollt von großer Stärke. Denn buhlt nicht jeder Künstler nach Anerkennung für sein Schaffen?

Der Roman zelebriert die Kunst und würdigt sie auf einzigartige Weise. Eggers zeigt, was sie ausmacht – und mit ihr die Menschen, die sie kreieren. Obendrein ist die Geschichte eine Hommage an die lebenslange Freundschaft. Eine von der Sorte, die wir uns alle wünschen.

Es würde mich nicht wundern, wenn Leute „Contrapposto“ das Label Wohlfühllektüre verpassen. Was dem vielschichtigen Roman nicht gerecht wird. Dennoch ist es eine enorm wohltuende Lektüre. Und erweist sich als Gegenentwurf zur schnelllebigen, oft ja geradezu hysterischen Welt von heute.

Und wenn Sie sich fragen, was „Contrapposto“ bedeutet – es steht in der Bildhauerei für das Nebeneinander von Stand- und Spielbein einer menschlichen Figur zum Ausgleich der Gewichtsverhältnisse. Gleichzeitig ist die Sache mit dem Stand- und Spielbein auch zum geflügelten Wort geworden, zum Synonym für das innere Gleichgewicht von Menschen. Eggers bedient beides in seinem Roman. Und am Ende möchte man sich fast als Modell in diese Pose bringen. Nur um der Schönheit willen. Der Schönheit der Kunst. Auch der Worte. Ein Balanceakt, den Dave Eggers perfekt beherrscht. 

Andrea O'Brien hat den Roman aus dem Englischen ins Deutsche übertragen.

Contrapposto

von Dave Eggers

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Buckeye
Frank Menden

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„Bonhomie war nicht annähernd so klein, dass jeder jeden kannte, aber klein genug, dass früher oder später fast jeder jeden mal zu Gesicht bekommen hatte.“

Hier leben zwei Paare, deren Leben sich am 08.05.1945 auf immer miteinander verbinden werden.
Cal Jenkins, der Sohn eines traumatisierten WW1 Veteranen, der wegen einer angeborenen Beinverkürzung für untauglich erklärt wurde, und Seine Frau Becky, deren Tätigkeit als Medium gerade während des Krieges enorm gefragt ist.
Felix Salt, dem das Schicksal alles Gute in die Wiege gelegt zu haben schien und der schon vor seiner Rückkehr von der Front damit kämpft, ein falsches Leben zu leben. Und seine Frau Margaret, in einem Waisenhaus aufgewachsen, eigensinnig, unabhängig, ihrer Zeit voraus.
Vier Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise von der Norm der Gesellschaft abweichen und doch versuchen, sich ihr anzupassen. Und die deswegen Entscheidungen treffen, die weitreichende und nicht absehbare Folgen haben werden…

„Buckeye“ von Patrick Ryan  in der Übersetzung von Thomas Überhoff ist ein 648 Seiten umfassender Roman, der mich mit zunehmender Lektüre mehr und mehr für sich eingenommen hat. Es ist ein Roman, der auf den ersten Blick den Geist der Gemälde Norman Rockwells aufgreift, aber mit einer tiefen Melancholie genauer hinsieht und nicht nostalgisch verklärt - und so zum Kern des American Dream vordringt.

Zu den Bewunderern dieses Romans gehören Ann Napolitano und Tom Hanks, und es sind die perfekten Referenzen, denn zum einen liest sich dieser epische charaktergetriebene Roman wie ein Tom Hanks Film ( etwa „Here“ mit einer Prise „Forrest Gump“), zum anderen klingen auch Aspekte von Napolitanos „Hallo Du Schöne“ an.
Und auch wenn manche Wendungen durchaus vorhersehbar sind trübt dies nicht das Lesevergnügen, im Gegenteil.
Patrick Ryan erzählt mit großem Atem eine Geschichte von einem Ort und von Menschen, die sich langsam in mein Herz geschlichen haben und die dort noch eine Zeit verweilen werden.
Ein absoluter „RomanRoman“! Eingeweihte wissen, was ich meine.

Buckeye

von Patrick Ryan

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Kaskaden
Simone Finkenwirth

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Selten hat sich das Verlorensein so gut angefühlt wie mit „Kaskaden“ von Louise K. Böhm. Gerade mal 26 Jahre jung ist die Hamburger Autorin, und doch sitzt in ihre eine Weisheit, die nur wenige junge Schreibende besitzen.

Nach der Beerdigung in der alten Heimat, kehrt die Studentin der Molekularbiologie mit einer DVD und Erinnerungen zurück. Schmerzhafte Rückblicke an ihre Freundin, die sie einfach so im Stich gelassen hat. Bis heute kann Jojo Yaras Abkehr nicht vergessen wie die Gefühle für sie. Schlimmer noch: Diese Narben bremsen Jojo in allem aus. Jojo schweigt, wenn ihre Mitbewohnerin mit ihr sprechen will. Ich will Jojo schütteln. Wobei das brauche ich nicht, denn sie wispert mir ihre Gefühle zu: „𝘐𝘤𝘩 𝘥𝘦𝘯𝘬𝘦: 𝘑𝘦𝘵𝘻𝘵 𝘩𝘪𝘦𝘳 𝘥𝘳𝘪𝘯 𝘢𝘶𝘧𝘭𝘰̈𝘴𝘦𝘯. 𝘞𝘪𝘦 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘉𝘳𝘢𝘶𝘴𝘦𝘵𝘢𝘣𝘭𝘦𝘵𝘵𝘦 𝘪𝘯 𝘊𝘰𝘭𝘢.“

Jojo hat Ticks wie ihr allseits anwesendes Ethanolfläschen, das sie stets bei sich hat, um all die „𝘔𝘪𝘭𝘭𝘪𝘰𝘯𝘦𝘯 𝘬𝘰𝘭𝘰𝘯𝘪𝘦𝘣𝘪𝘭𝘥𝘦𝘯𝘥𝘦𝘯 𝘌𝘪𝘯𝘩𝘦𝘪𝘵𝘦𝘯 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘦𝘳 𝘛𝘪𝘴𝘤𝘩𝘰𝘣𝘦𝘳𝘧𝘭𝘢̈𝘤𝘩𝘦“ zu beseitigen. Und das Ausblenden der Erinnerungen: „𝘕𝘪𝘤𝘩𝘵𝘴 𝘬𝘢𝘯𝘯 𝘮𝘢𝘯 𝘥𝘢𝘨𝘦𝘨𝘦𝘯 𝘵𝘶𝘯, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘴𝘪𝘦 𝘦𝘳𝘴𝘵𝘮𝘢𝘭 𝘢𝘶𝘧 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘯 𝘭𝘰𝘴𝘨𝘦𝘩𝘦𝘯, 𝘥𝘢 𝘪𝘴𝘵 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘚𝘵𝘰𝘱𝘱-𝘒𝘯𝘰𝘱𝘧. 𝘒𝘦𝘪𝘯 𝘈𝘶𝘴-𝘚𝘤𝘩𝘢𝘭𝘵𝘦𝘳.“
Louise findet für alle Regungen die richtigen Worte. Sie hat einen eigenen Sound, der all die großen Themen wie Klassismus, Identität, Beziehungen und Zusammenhalt mit Leichtigkeit ausrollt.

Große Leseempfehlungen kommen auch von Deutschlandfunk Kultur, dem Hamburger Abendblatt sowie von Frank Menden, der in Louise K. Böhm "𝑒𝑖𝑛𝑒 𝑛𝑒𝑢𝑒, 𝑝𝑟ä𝑔𝑛𝑎𝑛𝑡𝑒 𝑆𝑡𝑖𝑚𝑚𝑒 𝑚𝑖𝑡 𝑒𝑖𝑔𝑒𝑛𝑒𝑚 𝑇𝑜𝑛" entdeckt hat.
 

Kaskaden

von Louise K. Böhm

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Karacho
Frank Menden

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„Liebeskummer lohnt sich nicht my Darling…“ So sang einst Siw Malmkvist.
Doch auch wenn man sich das selbst immer wieder sagen kann: es tut einfach verdammt weh.

Es ist eine alte Geschichte. Mann verlässt Frau wegen einer Jüngeren und sagt: Ich liebe dich nicht mehr.
20 gemeinsame Jahre, mit einem Schlag beendet. Eine ungewisse Zukunft, eine Vergangenheit, die plötzlich neu betrachtet wird, werden muss.
Kira ist Mitte 40, die beiden Söhne jugendlich, und trotz dieses großen Kippmomentes des Lebens geht eben dieses weiter, auch wenn sie am liebsten einfach stehen bleiben will.
Doch ihre Rollen als Mutter, Künstlerin, Freundin kann sie nicht einfach pausieren.
Und so läuft das Entlieben parallel zum weiteren Leben, für das „Karacho“ zum neuen Motto wird…

„Karacho“ @schirdewahnsusanne @volandquist spricht wohl alle an, die schon einmal eine Trennung er- und durchlebt haben.
Dabei liegt der Focus des Romans nicht auf der Verdammung des Ex, die guten Gefühle, das gemeinsame Leben werden nicht negiert, trotz der Wut, der Verletzlichkeit und der Panik, wie es nun weitergehen soll.
Kira kämpft sich voran, bleibt die kreative, lebenslustige, sinnliche Frau, entdeckt Neues.
Und wir sind hautnah dabei, erleben ein Leben und Literatur die ganz am Puls der Zeit sind, unideologisch, mit Schwung und Kraft.

„Scheiss auf die Angst… man muss nur den Koffer packen und die Tür hinter sich schließen“

Lesen!

Karacho

von Susanne Schirdewahn

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Annie Robot
Simone Finkenwirth

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Ich weiß nicht, wann mich zuletzt ein Buch derart geschockt und gleichzeitig fasziniert hat wie „Annie Robot“. Sierra Greer wurde für ihr Debüt mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet und holt den unabhängigen Liebeskind Verlag aus seiner Pause zurück. Wie sehr ich ihn vermisst habe, wurde mir nach der Lektüre bewusst. So passt der Roman perfekt in die DNA des Verlags.

Wir befinden uns in ferner Zukunft, in der man sich eine Androidin für verschiedene Dienste kaufen kann. Der wohlhabende Doug entscheidet sich zunächst für einen „Kuschelhasen“. Annie soll vor allem Dougs Liebesleben füllen. Und das macht sie. In regelmäßigen Abständen muss Annie zur Inspektion. Manchmal wird sie nach Dougs Wünschen angepasst. Wenn er mehr Brustumfang, dafür weniger Masse an anderen Stellen will. Dazwischen ist sie ganz für Doug da, der den „Autodidaktmodus“ einstellt, damit alles spannender wird.

Das bleibt nicht ohne Folgen, denn Annie entwickelt sich, lernt dazu. Genau das wird ihr zum Verhängnis. Als Dougs Freund Roland die beiden besucht, passiert etwas, das den Verlauf der Geschichte immens beeinflusst. Ich lese atemlos weiter und kann nicht fassen, was mich erwartet.

Sierra Greer geht der Frage nach: Wie menschlich kann eine KI sein? Annie liefert eine mögliche Antwort. Und noch mehr. Sie wird zu einem Wesen, mit dem ich mitfieberte, mitleide und tatsächlich vergesse, dass sie eine Androidin ist. Denn Annie verwandelt sich zu einem komplexen empathischen Wesen, das die toxische Beziehung mit Doug erdulden muss.

Doug will die Oberhand behalten. Die Passagen seiner Strafen sind beklemmend und nur schwer auszuhalten. Doch ich bleibe an Annies Seite, denn wir sind längst Verbündete geworden. Annie nicht zu mögen, ist schier unmöglich. Sie ist die Sonne in dem düsteren Setting und eine mutige Kämpferin.

„Annie Robot“ stößt die Tür auf zu einem Raum, aus dem ich schon jetzt viele Stimmen vernehme. Über dieses Buch wird man sprechen. Und man wird es so schnell nicht vergessen, vor allem Annie. Meine Kollegin Sarah O'Connor und ich haben bereits über dieses Buch gesprochen. Und das nicht wenig. 

Übersetzt von Stefanie Schäfer.
 

Annie Robot

von Sierra Greer

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Der Fall Ebby Freeman
Frank Menden

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Die Freemans sind eine wohlhabende Schwarze Familie - und als einzige Schwarze in einer der reichsten Gegenden Connecticuts an Aufmerksamkeit und Misstrauen gewohnt. Als der einzige Sohn bei einem Einbruch in ihr Haus ermordet wird mischt sich in die öffentliche Aufmerksamkeit und Sensationslust auch ein Funken Misstrauen: war der junge Mann nicht evtl. in gewisser Weise selbst Schuld? Als seine Schwester Ebony zwanzig Jahre später am Tag vor ihrer Hochzeit von ihrem Verlobten ohne jegliche Erklärung verlassen wird, ist dies wieder ein Fest für die Öffentlichkeit, die das Interesse an den Freemans seit dem immer noch ungelösten Mord nie verloren hat.

Ein Jahr später begegnet Ebony in Frankreich zufällig ihrem ehemaligen Verlobten mit seiner neuen Freundin - und beschließt, endlich Antworten darauf zu finden, warum das Leben ihrer Familie von Schicksalsschlägen heimgesucht wird….

„Der Fall Ebby Freeman“ in der Übersetzung von Britt Somann-Jung , erzählt eine hochspannende und thematisch vielschichtige Familiengeschichte. Es geht um Schwarze Akademikerinnen, um den Druck einer Schwarzen Oberschicht zwischen Anpassung und Individualität zu bestehen, um sensationslüsterne Medien, den Skandal einer Mischehe, um Sklaverei und die „Underground Railroad“ - und um die Bedeutung des Töpferhandwerks und kulturelles Erbe. Dabei wirkt der nicht linear erzählte Roman nie überfrachtet oder überkonstruiert, sondern entwickelt von den ersten Seiten an einen mitreißenden Sog, dem man sich nicht entziehen kann.
Hat mir ausgesprochen gut gefallen!

Der Fall Ebby Freeman

von Charmaine Wilkerson

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Lori
Frank Menden

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So beginnt „Lori“ von Anousch Mueller: Es geht um eine Familie, die geprägt ist von Geheimnissen und Tragödien. Eine Familie, die durch das Schweigen geprägt wurde, das Verschweigen der Vergangenheit, der politischen Umstände und das Verschweigen eines unermesslichen Verlustes, der nie thematisiert wurde und doch alle für ihr Leben geprägt hat.

Anousch Muellers Roman ist 205 Seiten lang, er ist kunstvoll komponiert, variiert verschiedene Zeitebenen und Perspektiven und ist trotz dieser auf den ersten Blick evtl. kompliziert wirkenden Struktur enorm zugänglich.
Ich möchte gar nicht näher auf das Buch eingehen, Deutschlankfunk Kultur gibt es ein sehr hörenswertes Interview mit der Autorin, welches einige Aspekte des Romans , darunter auch die Wahl der Handlungsorte, hervorragend beleuchtet und vertieft.

Für mich gehört dieser Roman zu den besten, eindringlichsten und berührendsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre. Und ich kann nur alle dringendst auffordern, die nächste Buchhandlung aufzusuchen, dieses Buch zu kaufen und zu lesen. Denn diese mit psychologischer Finesse erzählte Familiengeschichte zählt zu den Romanen, die man einmal gelesen nie wieder vergisst.
Vielen Dank Anousch Mueller!

Lori

von Anousch Mueller

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Tanzende Frau, blauer Hahn
Simone Finkenwirth

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Der Sommer zeigt sich gerade in voller Blüte. Da dürfen passende Bücher natürlich nicht fehlen - wie "Tanzende Frau, blauer Hahn" von der schweizerischen-rumänischen Autorin Dana Grigorcea. Ich schätze jedes Buch der Autorin, die bereits beim Bachmann-Wettlesen den 3-sat-Preis in Klagenfurt erhalten hat. Zudem war sie mit "Die nicht sterben" für den Deutschen Buchpreis nominiert und hat dafür den Schweizer Literaturpreis erhalten.

Ihr neues Werk steht verdienterweise in der aktuellen SWR Bestenliste. Hier reist die Autorin mit uns in ihre Heimat nach Rumänien einem kleinen Ort in den Karpaten. Gleich zu Beginn erfahre ich den Grund der Geschichte: Camil ist offenbar bei einem Kabeldiebstahl in Spanien ums Leben gekommen. Camil war der beste Freund der Ich-Erzählerin, die uns in ihre Kindheit mitnimmt.

Nach dem Niedergang des Ostblocks verbringt das Mädchen ihre Sommerferien bei ihrer Großmutter und Großtante in Busteni liegt sie am liebsten lesend im Garten oder ist mit Camil unterwegs. Während Roxana aus der gehobenen Schicht kommt, entstammt Camil aus der "Eisenbahnsiedlung", doch das stört die beiden überhaupt nicht. Damit zeigt die Autorin, Grenzen gibt es nur im Kopf, aber nicht im Herzen.

Um sie herum eröffnen sich verschiedene Lebens- und Liebesgeschichten. Da ist die Anwältin aus Bukarest, die ihren kranken Mann pflegt. Als in ihrem Haus plötzlich ein Kirschbaum wächst, ist die Aufregung groß. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich schreibe: Es hat die Geschichte tatsächlich gegeben. Sie war es, die Dana Grigorcea zu ihrer beeindruckenden Schriftstellerinnenlaufbahn geführt hat. Das Buch ist die Essenz all ihrer Werke, es kaprioliert sozusagen ihre Arbeit. Über 20 Jahre trug sie es in ihrem Herzen - nun ist es da und begeistert die Kritiker:innen. Mich gleich mit.

Dana Grigorcea macht noch etwas mit ihrem Roman: Sie baut eine Rahmenhandlung ein, die sich jedem Kapitel anschließt und in kursiver Schrift eine eigene Geschichte darstellt. Hier ist eine Autorin mit einem französischen Musiker unterwegs, der ihre Lesungen mit seiner Kunst umarmt. Und man fragt sich: Was ist wahr, was entspringt der Fantasie?

"Tanzende Frau, blauer Hahn" verströmt den besonderen Ton der Autorin, leicht tänzelnd, träumend und unglaublich klug wie tiefsinnig. Das Buch hat nur 155 Seiten, und es fühlt sich an wie mehr! Es geht um das postsozialistische Rumänien, die Liebe in verschiedenen Variationen und eine besondere Verbindung zweier Menschen, die sich die Liebe nicht eingestehen wollen oder können. Und um alle herum flirrt der Sommer. 

Selten habe ich so eine feinsinnige und besondere Sommergeschichte gelesen.

Tanzende Frau, blauer Hahn

von Dana Grigorcea

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Fast Abend, immer noch hell
Simone Finkenwirth

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Linea Maja Ernst stand mit ihrem Buch auf Platz 1 der dänischen Bestsellerliste. Das finde ich großartig! Wenn es so ein Buch mal in unsere Liste schaffen würde, wäre ich beglückt – trotz des Unbehagens, das an manchen Stellen aufblitzt.

Die Autorin hat mich bereits auf der ersten Seite gepackt, derart charmant und mitreißend erzählt sie ihre Geschichte. An einem Sommerwochenende kommen alte Freunde in einem Haus am See zusammen. Als Esben verkündet, dass er und Karen heiraten wollen, passiert etwas in dieser Gemeinschaft. Ein Orkan platzt in die friedliche Mittsommeridylle.

Was die Lektüre so lesenswert macht, ist die Vielseitigkeit. Die Autorin setzt uns in die verschiedenen Köpfe. Das ist äußerst spannend, vor allem für alle jenseits der Dreißig. Wer kennt das nicht, wenn man auf Vertraute der Vergangenheit trifft? Erinnerungen werden wach. Und damit verbunden, das was man werden wollte und man heute ist. Sylvia sagt an einer Stelle: „Ich vermisse uns. Ich möchte nicht zurück in die Wirklichkeit. Ich möchte nicht so ein kleines Leben, mit einer Wohnung und Zweisamkeit und Kindern und Alltagsstress. Ihr etwa?“

Nun, wie sieht das richtige erfüllende Leben aus? Was ist mit unseren Sehnsüchten? Wann bremst der Verstand das Herz aus? Das sind nur einige der vielen Fragen, denen die Autorin auf den Grund geht. Eine Rezensentin kritisierte, dass sich die Figuren in einer privilegierten Lage befänden und in einer eigenen Bubble lebten. Dem stimme ich zu. Dadurch spürte ich eine gewisse Distanz.

Dennoch überwiegen die Lesefreude und das Staunen über ein unglaubliches Finale. Meine Augen blitzen immer noch und überstrahlen am Ende die Schatten des Unwohlseins. Und ganz ehrlich? Was ist schon im Leben perfekt? Warum sollte es da mit Büchern anders sein?

Fast Abend, immer noch hell

von Linea Maja Ernst

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Ein Königreich für eine Schnecke
Katja Schneider

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Jewa ist eine junge Wissenschaftlerin, die sich den Schnecken widmet und versucht, bedrohte Arten vor dem Aussterben zu retten. Dafür fährt sie in ihrem zu einem Labor umgebauten Transporter durch die Ukraine. Um sich zu finanzieren, versucht sie nicht, Forschungsgelder zu erhalten oder wissenschaftliche Artikel in Fachzeitungen zu lancieren, sondern tut in einer Heiratsagentur so, als sei sie auf der Suche nach einem westlichen Mann. In dieser Agentur arbeiten auch die Schwestern Nastia und Sol, deren Mutter, eine ukrainische Aktivistin, verschollen ist. Um diese wiederzufinden, plant Nastia eine aufsehenerregende Aktion. Dafür braucht sie das fahrende Labor von Jewa, denn der Plan sieht vor, 12 heiratswillige Männer (unter dem Vorwand, durchs Land zu fahren und junge Frauen kennenzulernen) darin einzusperren, später unter großem TamTam im Wald auszusetzen, große Aufmerksamkeit zu erregen und die stolze Mutter mit ihren Töchtern wieder zu vereinen. Jewa und auch Sol sind zwar nicht besonders überzeugt von diesem Vorhaben, willigen aber ein. Natürlich geht von Anfang alles schief und dann fällt auch noch Russland in die Ukraine ein. Die Wirklichkeit schlägt zu und auch Maria Reva, die Autorin, bringt sich plötzlich mit ihrer persönliche Geschichte ein.

„Ein Königreich für eine Schnecke“ hat einen fantastischen Plot, der nicht genialer, witziger und berührender erzählt werden könnte. Schon jetzt ist dieses Buch für mich eines der Highlights meines Lesejahres.

Ein Königreich für eine Schnecke

von Maria Reva

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Sommerhaus
Katja Schneider

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Vic ist 76 Jahre alt, sehr erfolgreicher Maler und der geliebte Patriarch der Familie. Zuhause in London kreisen seine 4 erwachsenen Kinder um ihn: Die selbstbewusste Netta, die in Nettas Schatten stehende zweitgeborene Susan, Goose, der einzige Sohn, der das Künstlerdasein nach einem psychischen Zusammenbruch wieder verworfen hat und Iris, das Nesthäkchen. Die Mutter der Geschwister ist schon lange tot, dafür gab es einen hohen Verschleiß an Au Pairs, die nicht nur auf die Kinder aufpassen sollten, sondern auch Kurzzeitfreundinnen für ihren Vater darstellten. Alles ist in bester Ordnung bis zum dem Tag, an dem Vic seinen Kindern eröffnet, dass er die Frau seines Lebens gefunden habe - im Internet.Sie heißt Bella Mae und ist erst 27 Jahre alt, noch jünger als Iris. Irritiert nehmen die Geschwister davon Kenntnis, was bleibt ihnen auch übrig und außerdem wird die große Liebe in wenigen Wochen sowieso vorbei sein. Doch es kommt anders. Vic und Bella Mae werden sogar heiraten - ohne Gäst_innen, dafür mit einer Einladung zur großen Feier auf dem Familiensitz in Italien, genauer gesagt auf einer Insel im Lago d‘Orta. Netta, die das Sagen hat, beschließt, dass ihr Vater von allen geschnitten werden sollte, bis er wieder zur Besinnung kommt. Weder reagieren die vier auf seine Textnachrichten, noch machen sie sich auf den Weg zu ihm. Doch kurz darauf erhält Susan einen Anruf: Ihr Vater sei tot. Sofort macht sie sich auf den Weg nach Italien, ihre Geschwister folgen. Angekommen, müssen sie den Schock verarbeiten, trauern, die Erbschaft regeln und schließlich Bella Mae kennenlernen. Und alles wird sich ändern.

Es macht großen Spaß, „Sommerhaus“ durchzuschmökern, an der Gefühls- und Gedankenwelt der Geschwister Anteil zu haben und ihre Irrungen und Wirrungen nach und nach zu entknoten.

Sommerhaus

von Rachel Joyce

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Vaterlos
Frank Menden

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„An einem dieser schönen Tage, irgendwann vom 9. auf den 10. März 1971 geschah es, dass sich der Landarzt Otto M. das Leben nahm. Er war neunundvierzig Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Kinder.“

Aus zwei Perspektiven erzählt Thomas Medicus in seinem Buch „Vaterlos - Ein Tatsachenroman“ @rowohltverlag vom Suizid seines Vaters: aus der des Jungen direkt nach der Tat und aus der des Erwachsenen, der dreißig Jahre nach dem Selbstmord diesem hinterherspürt.
Wir lesen über einen Mann, der liebevoll war, ein Lebemann, der Welt zugewandt, ein Arzt, der sich wegen Depressionen in einer Klinik behandeln lassen musste und der sich mit seiner Geliebten in einem Hotelzimmer vergiftete ( die junge Frau überlebt dies, nimmt sich aber kurze Zeit später das Leben).
Man taucht ein in die bürgerliche Welt der BRD in den 1950ern und 1960ern, in scheinbar glückliche, geordnete Verhältnisse - bis sie es durch die Tat nicht mehr sind.

Dieser ungemein eindringliche autobiografische Roman versucht nicht Erklärungen für das Unerklärliche zu finden. Es geht um das, was der Selbstmord des Vaters beim Sohn für Spuren hinterlassen hat, wie sehr er den Autor geprägt hat.
Der Ton ist nüchtern, behutsam, genau. Wie sehr Verdrängung in der Lebenswelt der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft verankert war - auch davon erzählt dieses Buch.
Und schafft es so aus einer privaten Auseinandersetzung mit einer persönlichen Tragödie auch ein präzise beobachtetes Zeitporträt.
Ich bin tief beeindruckt.

Vaterlos

von Thomas Medicus

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Die Liebeshungrigen
Frank Menden

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„Man glaubt immer, dass bei einem selbst alles anders ist, aber das täuscht. Man erlebt dieselben Rückschläge wie der Rest der Welt.“

Der ehemalige französische Präsident Dan Lehmann leidet unter dem Verlust seiner Macht, der zunehmenden Bedeutungslosigkeit seitdem er vor einem Jahr aus dem Élysée Palast ausziehen musste. Der Alkohol ist sein bester Freund, mit dem er auch das Scheitern seiner zweiten Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda Müller „verarbeitet“.
Hilda wiederum hat nach einer längeren Durststrecke, in der sie nur als First Lady fungierte, endlich wieder eine vielversprechende Rolle ergattert, pikanterweise in der Verfilmung eines Romans der ersten Frau ihres Noch - Ehemanns.
Regisseur dieses mit Spannung erwarteten Films ist das ehemalige Wunderkind des französischen Kinos, Romain Nizan, der den Erfolg ebenso dringend benötigt wie Hilda - und dem das Projekt von seiner On/Off Geliebten empfohlen wurde, die es ebenfalls auf die Hauptrolle abgesehen hatte…

Dies ist die Ausgangslage in Karine Tuils neuen grandiosen und absolut mitreißenden Roman „Die Liebeshungrigen“ @dtv_verlag , übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch.
Es geht um Macht in all ihren Facetten, um die Gnadenlosigkeit der Medien, um die Liebe in all ihren Spielarten - und um uns Menschen, die versuchen, den entscheidenden Moment des verheißungsvollen Glücks zu ergattern und nicht in Vergessenheit zu geraten.
Ein Roman, den ich tatsächlich ALLEN LESENDEN nur dringendst empfehlen kann, denn er ist einfach !!!!!!

Die Liebeshungrigen

von Karine Tuil

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So, in etwa, ist es geschehen
Frank Menden

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Ein Mann und eine Frau fahren an einem heißen Tag im Mai von Berlin nach Timmendorfer Strand.
Am Ende des Tages wird der Mann tot sein. Ermordet von seiner Beifahrerin.

Die Frau, das ist die afrodeutsche Amita Haller. Sie möchte ihre Mutter zum Gedenktag des Untergangs der Cap Arcona treffen, welchen Amitas Großvater damals überlebte.
Der Mann ist ihr Chef Heinz Brockhaus, der ihr angeboten hat sie mitzunehmen.
Es ist unerträglich heiß, die Fahrt verläuft stockend, Brockhaus redet ohne Unterlass - bis Amita ihn mit einem Schal stranguliert.

„So in etwa ist es geschehen“ , ein mit 139 Seiten schmales Buch, ist ein äußerst vielschichtiger Roman, den man aufgrund seiner zahlreichen Verweise auf schwarze Kultur und die deutsche Erinnerungskultur mehrmals lesen sollte.
Das Feuilleton war sich uneins über diesen Roman und auch ich bin hin und hergerissen. Fakt ist, dass mich das Buch seit der Lektüre beschäftigt, ich viel nachgelesen habe, vieles recherchiert habe und mich mit dem Werk von u.a. Toni Morrison, Audre Lorde und Paul Celan zumindest ansatzweise vertrauter gemacht habe. AutorInnen, denen Sharon Dodua Otoo im Nachwort dankt und deren Einfluss im Text durchscheinen.
Der Roman hat ( nicht nur mich ) mit einigen Fragen zurückgelassen, denn das „Warum“ vieler Dinge wurde mir nicht ganz klar.
Er hat mir aber auch neue Perspektiven eröffnet, neue Denkräume geschaffen und mir ein noch lange nicht abgeschlossenes Leseerlebnis bescher

So, in etwa, ist es geschehen

von Sharon Dodua Otoo

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Weird Girls
Simone Finkenwirth

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+++ Unser Shop meldet vorbestellbar, aber wir haben das Buch vorrätig. +++

Wie im richtigen Leben ist auch die Literatur heute voll mit Themen übers Kinderkriegen, Muttersein, Gesundheit und Älterwerden. Aber Sex & Drugs & Rock & Roll? Oftmals Fehlanzeige. Dabei sind solche Geschichten spannend und faszinierend wie "Weird Girls" von Grainne O'Hare. Ich habe zuletzt jedenfalls kein Buch gelesen, in dem so viel getrunken und gekokst wurde. Und das von jungen Frauen! Oha!

Maggie, Harley und Roise sind die Hauptfiguren in diesem feurigen Buch, das von meiner geschätzten Anna-Nina Kroll übersetzt wurde. Sie ist die deutsche Stimme von Donal Ryan, ein irischer Lieblingsautor von mir. Und das hier ist irische Literatur, wie ich sie liebe! Dunkel, belebend, quirlig und ganz speziell einprägend.

Die Mädels sind Ende Zwanzig, Anfang Dreißig und bewohnen in Belfast ein Haus. Selbst nach dem Tod ihrer Freundin Lydia bleiben die Freundinnen dort. Sie sind wie Pech und Schwefel und äußerst feierwütig. Gleichwohl hat jede Narben auf ihrer Seele, die mal mehr, mal weniger pochen. Wie Roise, die noch an dem Ende ihrer Beziehung knabbert. Jetzt hat Roise Angst, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Obendrein hat sie ein weiteres Problem. Meggie bandelt gerade mit der unnahbaren Cate an. 
Während Harley in Therapiesitzungen mit der australischen Psychologin ihr Leben aufarbeitet, sich betrinkt, und von ihrem Vermieter aufsammeln lässt. Der gleichzeitig als Dealer fungiert.

Es wird nicht wenig konsumiert. Doch hinter der flirrenden wie partyfrohen Fassade schlummert noch mehr, was ich als aufmerksame Leserin schnell erkenne. Als helles Kontrastmittel arbeiten die Dialoge der Mädels, die mich oft auflachen lassen.

"Weird Girls" hat ordentlich Zunder zwischen den Seiten! Was für eine außergewöhnliche Lektüre über Freundschaft, Zusammenhalt und die große Suche nach dem richtigen Leben!
 

Weird Girls

von Gráinne O'Hare

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Unter Wasser
Simone Finkenwirth

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Das Wasser trägt mich mitten hinein in diese traurig-schöne Geschichte, die auch Claire Messud begeistert hat: "Ein ebenso fesselndes wie herzzreißendes Werk." 

Tara Menon verbindet zwei Zeitebenen. Zum einen bin ich in der Gegenwart der Erzählerin, im Oktober 2012 in New York. Hier hat sich der Hurrikan Sandy angekündigt. Die Metropole ist in Aufruhr, nur Marissa bleibt seltsam ruhig. Die Ich-Erzählerin arbeitet für ein Reisemagazin für Superreiche. Sie nutzt Adjektive, die sie auf einem Kaffeebecher notiert hat. Die Chilifrüchte sind in ihrem Leben treue Begleiterinnen. Warum erfahre ich erst später.

Zum anderen begegne ich der ganz jungen Marissa und ihrer besten Freundin Arielle im Jahr 2004. Nach dem Tod ihrer Mutter ist Marissas Vater mit seiner Tochter nach Thailand ausgewandert. Der Vater ist Meeresbiologe und forscht auf einer kleinen Insel zu Mantarochen. Die beiden Mädchen schwimmen und tauchen viel, halten sich fest. Das Wasser schwappt aus dem Buch in meine Augen, und ich zoome mich an diesen faszinierenden Ort. Ich selbst bin leidenschaftliche Schwimmerin, wohl deshalb catcht mich die Autorin. Doch auch die Freundschaft der beiden Mädchen berührt mich bis ins Herzzentrum.

Die Freundschaft wird von der Naturgewalt entzweit. Aber alle, die einen geliebten Menschen verloren haben, wissen: Es bleibt viel Tröstliches zurück. Selbst im Jahr 2012 ist Arielle bei Marissa: "Ob ich etwas esse, trinke, spazieren gehe oder fernsehe, sie ist immer bei mir. Jetzt hüpft sie an Fremden vorbei durch eine Straße, auf die sie nie ein Fuß gesetzt hat." 

Tara Menon hat ein unglaublich schönes berührendes und gleichwohl wissenserweiternde Buch geschrieben. Wussten Sie, dass Rotwangen-Schmuckschildkröten anderen das Futter wegfressen und tödliche Krankheiten übertragen? Und dies: "Zwischen 1989 und 1997 wurden 52 Millionen dieser Schildkröten als Haustiere aus den Vereinigten Staaten ins Ausland exportiert." 

Immer noch schwimme ich mit Marissa und Arielle - wir haben dabei Chilischoten zwischen den Zähnen und grinsen dem Schicksal entgegen. Dass es ein mieser Verräter ist, wissen wir natürlich. Was Sie noch nicht wissen, ist die Tiefe und Besonderheit des Buches, das über Narben, die wunderschöne Natur, das Meer und bedingungslose Liebe über den Tod hinaus absolut mitreißend wie feinfühlig erzählt. Ein must-read für alle Tiefseetaucher:innen und Thailand-New-York-Urlauber:innen, die sich wie ich gern von melancholische Klängen bezirzen lassen.

Unter Wasser

von Tara Menon

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Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart
Frank Menden

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Südschleswig. Hier steht das Elternhaus der Erzählerin, hierher kehrt sie zurück weil ihre Mutter im Sterben liegt. Die evangelische Gemeindepastorin hat Krebs im Endstadium. Die Frau, die für alle Mitglieder ihrer Gemeinde ein offenes Ohr hat, mitfühlend, geduldig, fürsorglich.
Und die ihrer Familie, dem dänischen Musiker Ehemann, den drei Kindern, eher kühl und kontrollierend begegnete - so zumindest die Erinnerung der Erzählerin.
Doch ist jetzt im Anblick der letzten Tage der Zeitpunkt für eine Aufarbeitung gekommen? Was kann man der sterbenden Mutter an Wut und Enttäuschung entgegenbringen? Wie geht man um mit dieser sich ständig wechselnden Mischung aus Trauer und Schuldgefühlen, mit dem Gefühl, das ganze Leben nicht wirklich gesehen worden zu sein? Und darf man trotzdem noch unbändig lachen, tanzen, das Leben genießen? Oder muss man es gerade deswegen ?

„Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ von Marie-Louise Moller hat einen Ton, der mich von den ersten Sätzen an für das Buch eingenommen hat - trotz des bedrückenden Themas. Der Autorin gelingt das Kunststück gleichzeitig ernst und humorvoll zu sein, erzählt nüchtern und doch poetisch, sieht genau hin, und zeigt uns, dass das Leben keine eindeutigen Antworten liefert, das man es annehmen, aushalten und doch auch gestalten kann.
Ein Debütroman, der mich unglaublich berührt hat durch seine Klarheit - und durch seinen eigenen Ton auch immer wieder zum schmunzeln brachte. Hier liegt alles nebeneinander, wie im Leben selbst.
 

Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart

von Marie-Louise Monrad Møller

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Wassermann
Simone Finkenwirth

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Es hätte eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte werden können, aber Wassermann ist viel mehr als das: Eine stille Explosion. Und eine Heldenreise der besonderen Art für alle Lesenden verschiedenen Alters.

Ich folge dem Ich-Erzähler und bin sofort umhüllt von einem melancholischen Schleier. Luk braucht Abstand zu seinem aktuellen Leben in Hamburg. Vor allem die kranke Mutter beschäftigt ihn sehr. So beginnt er nur schweren Herzens sein Auslandssemester in Barcelona, und lässt seinen geliebten besten Freund Kurt ebenso zurück.

Bei der Willkommensveranstaltung trifft er auf die Auswirkungen des katalanischen Konflikts. So würde man in diesem Jahr keine Prüfungsleistungen erwarten aus Solidarität mit den Inhaftierten. Die Unabhängigkeitskämpfe bleiben die ganze Zeit präsent. Auch als Luk seine WG Mitbewohnerin Olive kennenlernt und mit ihr eine Beziehung eingeht. Olive kommt aus Großbritannien und wird den Konflikt digital festhalten, gerät dabei selbst ins Fegefeuer der Justiz.

Statt im heißen Kessel der Unruhen zu bleiben, haut Luk dann doch ab. Mit Kurt zusammen nach Portugal zum Surfen. Der macht es sich aber ganz schön leicht, möchte man meinen, aber hinter Luks Flucht steckt noch mehr... geht tiefer. Eine innere Zerissenheit steht neben einer Unsicherheit, die sich zu einer Sprachlosigkeit setzt, bis sie alle von der Fürsorge gerettet werden. 

Der ruhige Erzählstrom taucht mitunter in philosophische Töne, die mich umspülen wie das allseits anwesende Wasser und Bücher, die dem Helden als Rettungsanker dienen. So ist Wassermann eine Roadnovel deren Buchabdruck lange in meinem Herzen zu spüren sein wird. Man darf von dem Debütanten noch Großes erwarten! Ich verneige mich vor dem Autor und seinem Entdecker: Bodo Föhr!

Wassermann

von Lukas Hoffmann

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Mit beiden Händen den Himmel stützen
Simone Finkenwirth

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Wie lesen wir? Und warum lesen wir, was wir lesen? Zu diesen Gedanken hat mich u.a. dieses beeindruckende Debüt geführt. Denn Lilli Tollkien erzählt keine wohltemperierte Geschichte. Dennoch ist sie erstaunlich und brennt sich uns Lesenden ins Mark. Frank Menden nickt mir begeistert zu. Und ich blicke bejahend in Mareike Fallwickls Richtung, die über das Buch sagt: "Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt- und gerade deshalb lesen muss." Ja, bitte unbedingt lesen, egal, wie hart sich die Story anhört.

Lales Kindheit ist schon sehr speziell und alles andere als einfach. Sie wächst in den 80er Jahren in einer Männer-WG in Berlin auf. Lales Mutter ist drogenabhängig, landet immer wieder im Gefängnis. Doch Karlheinz, ein Freund von Lales Vater, bezirzst die Heimleiterin, in dem das zweijährige Mädchen zunächst untergekommen ist. Zusammen mit seiner Freundin Marianne holen sie Lale aus der staatlichen Obhut. Denn Lales Vater sitzt währenddessen auch im Gefängnis, stößt später in die WG dazu.

Und dann wird alles gut? Nein! Die Welt, in der Lale groß wird, ist nichts für kleine Mädchen: Es wird getrunken, geraucht und Drogen konsumiert. Jedes Mal, wenn sich der offizielle Kontrollbesuch des Jugendamts ankündigt, werden sämtliche Spuren der Vernachlässigung und des Konsums beseitigt. Was macht das mit einem kleinen Menschen? Viel! Vor allem Wut staut sich in Lale an, die sie später an ihren Zähnen auslässt. An einer Stelle heißt es: "Wo eben ein sicherer Hafen war, ein Erwachsener, dem ich vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein. Die Wellen im Wohnzimmer waren Karlheinz' Launen unterworfen und den Wirkungen unterschiedlicher Drogen, unwägbar die Zeichen an der Wasserobefläche, die ich ununterbrochen zu deuten versuchte."

Es sind die Kraft des Mädchens wie die starke Erzählstimme der Autorin, die uns alle mitziehen und in den Himmel der Begeisterung heben! Wir brauchen diese Art von Literatur, die uns mit allen Sinnen erfasst und am Ende sprachlos, aber mit einem Lächeln zurücklässt.

Mit beiden Händen den Himmel stützen

von Lilli Tollkien

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Nicht
Frank Menden

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„Aber dann stellt sich heraus, der Sack mit Gottesgeschenken, der deinen Namen trägt, ist doch noch nicht vollkommen leer. Noch nicht.“

Für den Übersetzer Eli, einem Mann in den 50er, scheint eine tiefergehende Beziehung zu einer Frau nicht mehr möglich zu sein.
Nach dem Tod seiner Frau hatte er zwar flüchtige Begegnungen, Affären, aber nie ergab sich etwas von längerer Dauer.
Aber, so beschwichtigt er sich selbst, vielleicht ist es auch gut so. Seine beiden Kinder sind beruflich erfolgreich und brauchen keinerlei finanzielle Zuwendungen, seine Arbeit macht ihm Freude.
Doch dann lernt er bei gemeinsamen Freunden Lia kennen, eine Cellistin. Und plötzlich scheint es doch möglich zu sein: eine neue Liebe, ein gemeinsames Leben.
Aber eine kleine Unachtsamkeit entwickelt sich zu einer nicht mehr kontrollierbaren Situation, die alles zum einstürzen bringen kann…

„Nicht“ , übersetzt von Markus Lemke, ist ein mit 187 großzügig gesetzten Seiten schmaler Roman, der es allerdings in sich hat. Je mehr man der Geschichte folgt, je mehr sich Eli in sein eigenes Lügengespinst verstrickt, umso vielschichtiger wird der Roman, der am Ende noch einmal eine Kapriole schlägt.
Eine wahrlich kurzweilige, mitreißende und spannende Lektüre, die wieder einmal zeigt, dass dem Leben die eigenen Pläne herzlich egal sind - oder?

Nicht

von Dror Mishani

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Yesteryear
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„Manchmal wurde mir fast schlecht, wenn ich darüber nachdachte, wie perfekt mein Leben war und wie gut mir alles gelang.“

Natalie Heller Mills. Die Frau, die alles hat. Eine renovierte Farm, malerisch gelegen. Einen attraktiven Ehemann aus einer guten amerikanischen Familie inclusive eines politisch ambitionierten Schwiegervaters auf dem Weg zur Präsidentschaftskandidatur. Und fünf entzückende und sehr photogene Kinder.
Logisch, dass Natalie ein Social Media Star mit mehreren Millionen Followern ist.
Und ebenso logisch, dass dies viele Neider mit sich bringt.
Aber die verstehen eben nicht, wie wunderbar es ist, ein traditionelles Leben zu leben und sich ganz an christlichen Werten zu orientieren.
Eine Tradwife zu sein ist keine Arbeit, es ist eine Bestimmung. Oder ?

„Yesteryear“ übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn, ist ein absoluter Pageturner, der sich äußerst gelungen zwischen Gesellschaftssatire und Spannungsroman bewegt. Denn natürlich ist auch in Natalies leben nicht alles Gold was glänzt, sind die Kamerawinkel exakt geplant und die HelferInnen im Hintergrund bleiben weitestgehend unsichtbar.
Was aber wenn aus der Inszenierung Realität wird? Ist das Leben dann immer noch so wunderbar?

Bewusst habe ich möglichst wenig über diesen Roman verraten, DEN Plotpoint nur vage angerissen. Je weniger man weiß, umso spannender ist dieses Buch.
Ich habe es in kürzester Zeit gelesen, viel geschmunzelt - und mich mehr in das Tradwife Phänomen vertieft.
Über die Auflösung wird sicherlich kontrovers diskutiert werden. Für mich war sie im Gesamtkonzept des Romans sehr schlüssig.
Also: lesen, weiterempfehlen, diskutieren.

Yesteryear

von Caro Claire Burke

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Brandung
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„Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.“

Der Anruf vom Kommissariat in Le Havre erwischt die Erzählerin, eine in Paris lebende Synchronsprecherin, verheiratet und Mutter, als sie gerade nach Hause kommt.
Die Leiche eines nicht identifizierbaren Mannes war gefunden worden, in seiner Tasche ein Kinoticket mit der Nummer der Ich-Erzählerin. Diese macht sich sofort auf den Weg in ihre Heimatstadt, verfolgt von Erinnerungen an die Vergangenheit. An ihre und an die der Stadt - und an einen Mann, ihren Jugendfreund, die erste große Liebe.
Könnte er der Tote sein?

„Brandung“ von Maylis de Kerangal , übersetzt von Andrea Spingler, beginnt wie ein klassischer Kriminalroman - und ist doch etwas völlig anderes.
Denn die Reise nach Le Havre stößt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Protagonistin an, die sich mehr und mehr als unzuverlässige Erzählerin entpuppt und die uns an ihren Assoziationen über Geschichte, die Bedrohung ihres Berufes durch Künstliche Intelligenz und vielem mehr teilhaben lässt. Dabei gerät der Tote manchmal aus dem Fokus, bleibt aber unterschwellig stets präsent.
Man sollte sich einlassen auf diesen vielschichtigen und anspielungsreichen Roman, der zeigt, wie sehr die Brandung der Erinnerung uns auch Jahrzehnte nach bestimmten Ereignissen und Erfahrungen immer noch einholen kann.
Ein faszinierender Text, der Resonanzräume öffnet.

„Die Vergangenheit war keine fossile Materie, sie entwickelte sich in der Zeit, geschmeidig, plastisch, sie entwickelte sich endlos, sie lud sich auf im Lauf des Lebens, die Vergangenheit blieb lebendig.“

Brandung

von Maylis de Kerangal

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Die seltenste Frucht
Frank Menden

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Vanille.
Es gibt keinen Geschmack, den ich mehr liebe als den von Vanille. Egal ob Eis, als Sauce, im Kuchen oder Gebäck: der Geschmack und der Duft von Vanille führt bei mir immer sofort zu einem absoluten Wohlfühlen.
Doch wie ist die Vanille überhaupt in unsere Welt gekommen?

Davon erzählt Gaelle Belem in „Die seltenste Frucht“ , übersetzt von Gudrun Honke.
Auf der französisch kolonisierten Ile Bourbon (!) wächst Edmond Albius in 19. Jahrhundert als Sklave auf. Der zwölfjährige Waisenjunge lebt bei Ferreol Beaumont, seinem „Besitzer“, der ein begeisterter Botaniker ist und dem es trotz vieler Versuche nicht gelingen will, der Gewürzvanille eine Frucht abzuringen.
Edmond, der die Begeisterung für Botanik mit Beaumont teilt, forscht selbst, probiert und probiert - und erfindet ein Verfahren zum händischen Bestäuben. Der Grundstein für den Siegeszug der Vanille ist gelegt…

Dies ist jetzt natürlich arg verkürzt dargestellt. Gaelle Belem hat für ihren Roman sorgfältig recherchiert und führt ihre Geschichte über die persönliche Erzählung Edmonds hinaus zu einer Geschichte über Kolonialismus und Rassismus. Denn auch wenn Beaumont immer wieder auf Edmonds bahnbrechenden Beitrag zur Kultivierung der Vanille hinweist, es trägt nicht zu einem besseren Leben für den jungen Mann bei, der nach der Freilassung - wie so viele ehemalige Sklaven - ein armseliges prekäres Leben führt.

Ein sprachlich kraftvoller historischer Roman, der mich seitdem Vanille mit anderen Augen betrachten lässt.
 

Die seltenste Frucht

von Gaëlle Bélem

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Ein Ort, der bleibt
Simone Finkenwirth

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Sandra Lüpkes hat es wieder getan, und einen erstklassigen, exzellent recherchierten wie mitreißenden Roman geschrieben! Die Autorin reist dieses Mal mit uns nach Istanbul. Dort kreuzen sich drei Lebenslinien - die von Mehpare, Magda und Imke.

Mit Mehpare beginnt die Geschichte, im Jahr 1926. Da muss das Mädchen mit Ansehen, wie sich ihr Traum in Asche verwandelt. Ihre geliebte Mädchenschule brennt und damit auch die Hoffnung des Mädchens auf ein wissensreiches Leben?

Danach beamt uns die Autorin in Imkes Kopf. Die junge Frau sitzt in unserer Gegenwart im Flugzeug und ist auf dem Weg nach Istanbul zu ihrem ersten Job. Sie soll zusammen mit Kai Surrau für die Firma GestAlterna ein denkmalfachliches Gutachten für das Botanische Institut erstellen, das zwischen 1935 und 1937 errichtet worden ist, und sich nun in einem desolaten Zustand befindet. Ist natürlich alles herausfordernd, weil's für Imke der erste Job ist, und ihr Vorgesetzter nicht immer einfach...

In jenem Institut hat seinerzeit der Botaniker Alfred Heilbronn gearbeitet. Der Münsteraner wurde 1933 wegen seiner jüdische Wurzeln diskrediert und - schlimmer noch - von einigen Studierenden beschimpft. Als ihn die Gestapo festnimmt, erhält seine Frau einen Brief. Dieser führt die Familie schließlich nach Istanbul. Und genau dort trifft der Professor auf Mehpare...

Mir war die Rolle der Türkei während des Zweiten Weltkriegs nicht bekannt. Dies hat sich nach diesem Buch nun geändert, das obendrein mein Wissen über Pflanzen erweitert hat. Wussten Sie beispielsweise, dass an sonnigen Standort der Anteil weiblicher Pflanzen auf 46 Prozent sinkt?

"Ein Ort, der bleibt" überzeugt nicht nur durch das, wie alles erzählt ist, sondern Sandra Lüpkes beglückt durch die warmherzigen Figuren, die ich so schnell nicht vergesse. Ein Buch, das bleibt.

Ein Ort, der bleibt

von Sandra Lüpkes

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Richtig gutes Essen
Simone Finkenwirth

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Sie suchen das passende Buch für eine Kollegin oder Ihrem Chef? Hier ist es! In Junko Takases Roman „Richtig gutes Essen“ geht es herrlich schräg und sehr unterhaltsam zu. Aber auch nachdenkliche Töne stoßen an die Oberfläche: „Es ist doch total einfach, Leute zu ermutigen, indem man sagt: „Du schaffst das!“ Sich selbst zu ermutigen ist viel schwieriger.“

Das sagt Oshio ihrem Kollegen Nitani. Die beiden verbindet eine platonische Freundschaft. Sie genehmigen sich nach Feierabend gern einen Absacker und werden dem Titel des Romans mehr als gerecht, wenn sie sich leckere Sachen wie Edamame, ein Omlette oder gegrillten Fisch schmecken lassen. Dagegen stellt sich Ashikawa freudig an den Herd und backt Kuchen oder Kekse, die sie auch fürs Team in den Ofen schiebt. Weil sie es gern macht, oder eher, weil sie ein schlechtes Gewissen hat? Denn Ashikawa geht oft früher nach Hause, weil sie Kopfschmerzen hat oder sie sich nicht fühlt. Trotzdem ist gerade sie es, die Natani ermutigt, selbst zu kochen. Sie erklärt ihm, wie einfach das doch eigentlich sei:

„Du könntest dir doch wenigstens eine Misosuppe machen. Du setzt Wasser auf, löst Misopaste, die schon Brühe enthält, darin auf und gibst nur noch Tofu und etwas Grünes dazu.“ Eigentlich total einfach. Aber Nitani sieht es so: „Vielleicht mag ich es eher, anständig zu leben. Weil für mich Sachen wie Essen und Schlafen, die zum Leben notwendig sind, nichts mit Mögen und Nichtmögen zu tun haben.“ 

Das Essen fungiert als verbindendes und gleichwohl als toxisches Element, das die Autorin zum Ende hin zum Äußersten ausufern lässt. Sie erzählt über eine Bürogemeinschaft, in der alle unterschiedliche Ambitionen verfolgen. Der zielstrebige Natani, seine Geliebte Ashikawa, die ihr Glück im Mehl und im Kochtopf findet, und Oshio, die zwischen den beiden steht. Bitte nicht mit leerem Magen lesen, denn beim Lesen bekommen Sie automatisch Appetit. 

In Japan hat sich dieses herrlich lebendige Buch über hundertachtzigtausendmal verkauft und wurde mit dem renommierten Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Absolut verdient!

Richtig gutes Essen

von Junko Takase

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Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter
Frank Menden

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Man möchte ja angesichts der Nachrichtenlage wahlweise schreien oder sich vergraben und dem Eskapismus frönen.
Oder man liest Wolfgang Schorlaus neues Buch, die geniale bitterböse Politsatire „Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter“ .

Es ist ein schmales Buch, ganz auf der Höhe der Zeit, in der die Titelfigur den politischen Aufstieg vom Gas-Manager über einen Ministerposten bis hin zum Bundeskanzler anstrebt - und diesem Ziel bereitwillig alles unterordnet.
En Passant kommt auch die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte vor, vornehmlich der Beitrag der Gas-Lobby zum Niedergang der einst blühenden Solarenergie. Katharina Reiche anyone?

Wie schon in seinen Dengler Krimis ist Wolfgang Schorlau auch hier ganz nah an der gesellschaftlichen und politischen Realität. Auf den knapp 160 Seiten ist alles auf den Punkt gebracht: die Einflussnahme externer „Player“ auf politische Entscheidungen, das typische „Business-Denglish“ des Polit- und Medienbetriebs, die Dehnung der Wahrheit bis sie wieder ins geschaffene Bild passt und und und…
Ein vortrefflicher Blick auf die aktuelle politische Lage, bei der einem das Lachen oft im Halse steckenbleibt - wie es sich für eine gelungene Satire gehört.

Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter

von Wolfgang Schorlau

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Walküre
Frank Menden

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Man könnte meinen, dass ein Roman über einen Juristen in einer Beratungsstelle für Geflüchtete, der Probleme mit Abgrenzung zu seinem Job hat und deswegen eine längere Auszeit wegen psychischer Überlastung nehmen musste, der noch dazu immer noch an seiner Scheidung knabbert UND seine leicht demente, aber äußerst resolute Oma nach Wien holt und in deren Umzugskartons mit der verschwiegenen NS-Vergangenheit seiner Großeltern konfrontiert wird - nun, dass dieser Roman ein wenig überfrachtet ist. Und dabei habe noch nicht das weitere Dilemma des Protagonisten Benjamin Weiß erwähnt: dem ehemaligen Dolmetscher seiner Beratungsstelle werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, was dessen Aufenthaltsstatus gefährdet. Gleichzeitig kümmert sich Adnan aber hervorragend um die „Walküre“, Bens Oma.

Um es kurz zu machen: bei aller thematischen Vielfalt ist „Walküre“ ein überaus fesselnder Roman, der einen von den ersten Sätzen an mitreißt.
Man merkt, dass der Autor wie sein Protagonist Jurist in der Asylberatung ist, so präzise und eindringlich wie er von Bürokratie und deren Kälte gegenüber den Schicksalen zwischen den Aktendeckeln schreibt.
Dabei differenziert der Roman, bleibt lebensnah, hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor und stellt genau die richtigen Fragen über Schuld und Verdrängung, über andauerndes Schweigen und Aufarbeitung, über bewusstes Wegsehen und wie die Politik immer auch die Seele der Betroffenen für immer verändert.

Walküre

von Daniel Zipfel

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Statt aus dem Fenster zu schauen
Simone Finkenwirth

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Sinnkrise? Kennen wir doch alle! So weiter machen? Oder eine andere Richtung einschlagen? Diese Fragen stellen wir uns nicht nur mit Anfang 20 oder mit 35 Jahren, auch mit Mitte 40 oder sogar mit Ende Sechzig. Daher ist Anna Katharina Scheidemantels grandioses Debüt "Statt aus dem Fenster zu schauen" eine willkommende Einladung für alle Sinnsuchenden.

Den Mumm der Ich-Erzählerin hätte ich allerdings nicht. Aus einer Stagnation bei ihrem Praktikumsplatz heraus surft Sophie ein bisschen bei Kleinanzeigen.de herum und kauft sich mal eben mit ihrem Ersparten ein Haus in der Pampa. In Günderode, hinter Berlin. So lässt unsere Heldin alles in München hinter sich, schnappt sich ihr Rad und einen Rucksack und auf geht's mit der Bahn ins Abenteuer!

Als die Studentin in der ostdeutschen Provinz an ihrem Häuschen ankommt, wird ihr schlecht. Vor ihr offenbart sich mehr eine Bruchbude. Aber hey, was hast du für 3000 Euro erwartet? - will ich ihr zurufen. Ich wäre sofort wieder abgehauen, Sophie nicht. Die bleibt. Ihr dabei zuzuschauen, ist herrlich erfrischend und bereitet mir große Freude! Wie sie in Eigenregie das heruntergekommene Haus putzt, streicht und auf Vordermann bringt, weitet meine Augen. Damit nicht genug. Sophie beginnt, den Garten mit Pflanzensamen auszusäen, um im Sommer eine erste Ernte einzufahren. Sie arbeitet, bis sie vor Erschöpfung auf ihrer Isomatte liegt und die Gedanken schweigen. Denn Sophie hat bisher niemanden von ihrer Aktion erzählt... Wie lange kann das gut gehen?

"Statt aus dem Fenster zu schauen" ist eine besondere Sinnsuche mit existenziellen Fragen. Obendrein entschleunigt es, indem die Autorin unsere Köpfe ins reichhaltige Meer der Natur stupst. Herrlich! Ein mutmachendes Buch für alle, die sich gerade selbst fragen: Und jetzt?

Ich freue mich, dass ich am kommenden Mittwoch, 8. April, um 19.30 Uhr, mit der Autorin bei uns die Buchpremiere ausrichten darf.

Statt aus dem Fenster zu schauen

von Anna Katharina Scheidemantel

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Moosland
Frank Menden

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1949 folgen knapp dreihundert Frauen aus Deutschland dem Aufruf des isländischen Bauernverbands. Gegen gute Bezahlung sollen die Frauen mit landwirtschaftlicher Erfahrung auf Bauernhöfen aushelfen - und evtl. auch bleiben, gibt es doch einen deutlichen Männerüberschuss auf der Insel.

Eine der Frauen ist Elsa. Tief traumatisiert durch den Verlust ihrer Familie und ihrer Freundin hat sie das Gefühl, nichts mehr verlieren zu können.
Die Bauernfamilie, bei der sie unterkommt, lebt auf einem abgelegenen Hof. Sie ist Elsa gegenüber freundlich und offen, selbst als sich herausstellt, dass diese keinerlei Erfahrung hat und sogar vor Hühnern Angst hat.
Elsa ist zu verstrickt in sich selbst, sie spricht nicht, lernt auch die neue Sprache nicht. Doch ihre bloße Anwesenheit verändert die Dynamik der Familie - und auch Elsa beginnt sich allmählich wieder auf das Leben einzulassen…

„Moosland“ ist deutlich spröder als das gefällige Cover vermuten lässt - und das ist gut so. Katrin Zispe erzählt auf eine besondere Art vom Ankommen in einem fremden Land, von der Bewältigung bzw. Vernarbung von Trauer, vom finden einer neuen Sprache - und von einer überwältigenden Landschaft und der Kraft der Natur.
Der Roman ist nicht nur hervorragend recherchiert, er überzeugt auch sprachlich, findet passende Worte und Bilder für die Herausforderung der Integration und des Spracherwerbs und für die Herausforderung, mit einer großen Trauer zu leben.
Ein stiller, ruhiger und kraftvoller Roman.

„In der grenzenlosen Weite ist sie orientierungslos. An was sich ihr Auge auch festhalten will, wird vom Nebel verschluckt oder vom gleißenden Licht. Selbst die Zeit.“

Moosland

von Katrin Zipse

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Wir könnten alles sein
Frank Menden

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„Wie dicht kamen sie daran heran, einander Dinge zu sagen, die sie für immer bereuen würden?“

Sie, das sind die Schwestern Nancy und Shelley und ihre Mutter Frieda. Später wird noch Jess dazukommen, Nancys Tochter.
Vier Frauen einer Familie. Vier Frauen, die in permanenter Anziehung und Ablehnung leben. Getrennt voneinander, aber unauslöschlich miteinander verbunden.
Die Töchter eines Uberlebenden, Rudy, der alles zusammengehalten hat. Der seiner Frau versicherte, sie hätten ein schönes Leben.
Und der als er stirbt drei Frauen hinterlässt, die fortan um eine neue Identität kämpfen werden. Die weit gehen werden, um sich zu finden - oder sich zu verlieren.

„Wir könnten alles sein“ heißt Jami Attenbergs neuer Roman in der Übersetzung von Barbara Christ. Der Titel ist ebenso passend wie der des Originals: „A Reason to See You Again“.
Beide sind absolut zutreffend für diesen präzisen Roman über Schwestern, über Mütter und Tochter, über das unverbrüchliche Band einer dysfunktionalen Familie, verbunden durch Traumata und zahlreiche Abgründe - und über die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft.
Familie hat man, Freunde sucht man sich aus. Doch unseren Wurzeln können wir kaum entkommen, wie Jami Attenberg wieder einmal witzig, sarkastisch, mit einer zuweilen bitteren Melancholie und doch nicht ohne Optimismus und Hoffnung erzählt.
Mir hat dieser Roman ausgesprochen gut gefallen, mochte die vier Frauen und Rudy, hab mit ihnen gelebt und gelitten und bin ihnen gerne von 1971 bis 2007 gefolgt, mal in kleinen, mal in großen Zeitsprüngen. Aber immer ganz nah dran.
Leseempfehlung!

Wir könnten alles sein

von Jami Attenberg

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Pina fällt aus
Simone Finkenwirth

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Ich habe Vera Zischke verpasst, also "Ava liebt noch". Ihr Debüt hat unzählige Lesende mitgerissen. Deshalb ließ ich den Kelch an mir vorbeiziehen, obwohl ich natürlich neugierig geblieben bin. Nun ist ihr zweiter Roman erschienen und ich weiß: Ich habe etwas verpasst. Aber aufgeschoben, ist ja nicht aufgehoben.

Ich bin so verliebt in "Pina fällt aus" und kann mein Grinsen nicht bei mir behalten. In diesem Roman erzählt die Autorin eine Geschichte über Zusammenhalt, Solidarität, Fürsorge und Liebe in unterschiedlicher Form. Pina ist eine alleinerziehende Mutter. Sie kümmert sich um ihren Sohn Leo, der in seiner eigenen Welt lebt, jeden Morgen vom Bus abgeholt wird. Dann geht es ab in die Werkstatt. An einem Nachmittag, Leo ist längst zurück, will Pina noch Einkäufe erledigen. Auch für die älteste Bewohnerin im Haus. Inge verlässt nach einem Unfall und dem Tod ihres Mannes die Wohnung nicht mehr. Muss sie auch nicht, denn Pina kauft für Inge ein. Doch dieses Mal kehrt sie nicht zurück. Pina ist auf der Straße zusammengebrochen, kommt ins Krankenhaus und Leo bleibt bei Inge. Alle warten. Nur wir Lesende wissen mehr, sind an Pinas Seite im Krankenhaus und dem pflegenden Personal.

Bald ist klar, was passiert ist und dann? Kümmern sich drei schräge Vögel um den mutterlosen Leo. Neben Inge gibt es noch den Einsiedler Wojtek, der eine russische Freundin hat, die ihm besondere Nippes besorgt. Und die revoltierende Zola. Ein 16jähriges Mädchen, das am liebsten nachts zockt und die von ihrem Vater organisierten Jobs in den Boden stampft. Ja, da ist wahrlich so viel Wut in dem Mädchen, aber gleichwohl extrem viel Fürsorge für Leo, dass mein Herz fast explodiert. 

Ich habe mich bei der Lektüre an Anna Gavaldas Erfolg "Zusammen ist man weniger allein" gedacht. Aber nicht nur deshalb zählt "Pina fällt aus" zu meinen Lieblingen. So ist das Buch gefüllt mit herrlich abstrusen, liebenswerten, bewegenden Momenten, bei denen ich oft seufzt lache oder innehalte. Vera Zischke hat einen charmanten Erzählstil, die Tiefe dennoch nicht scheut und ihr geradewegs ins Gesicht blickt. 

Mehr Hintergründe zum Roman erfahren Sie bald in einem Interview, das ich mit der Autorin auf der Leipziger Buchmesse geführt habe. Es war mir eine große Freude wie diese wunderbare Lektüre, die wir in diesen aufwühlenden Zeiten besonders brauchen!

Pina fällt aus

von Vera Zischke

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Einstein im Bade
Frank Menden

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1920 findet im beschaulichen Kurort Bad Nauheim die Versammlung Deutscher Naturforscher statt. Über 2.000 Gäste werden erwartet, darunter auch einige Nobelpreisträger.
Alle Hotels des Ortes sind ausgebucht.
Auch „Der Rastende Kranich“, ein Traditionshaus, das schon deutlich bessere Zeiten erlebt hat.
Direktor Kleeberger steht ganz im Dienste seiner Gäste, Ruhe und Tradition sind für ihn äußerst wichtig.
Doch der erste Satz von Kleebergers Bericht lautet: „Die Ruhe ist gestört worden.“
Was ist in jenen fünf Tagen im September 1920 geschehen ?

„Einstein im Bade“ ist ein Roman, der sich in seinem Verlauf als vielschichtiger entpuppt als der Einstieg vermuten lässt.
Was als heiterer Hotelroman beginnt - Zimmer werden versehentlich doppelt belegt, eine Maus sorgt ebenso für einen Notfall wie sich die Rivalität zwischen zwei renommierten Gästen immer weiter steigert - mit einem Direktor, der in seinem Bemühen es allen recht zu machen immer mehr zu scheitern droht, entwickelt sich zu einem Roman über die Ideologisierung der Wissenschaft und über die Unmöglichkeit sich in einer verändernden und rauer werdenden Welt neutral zu verhalten.
Dabei ist der Roman sprachlich ganz seiner Zeit und seinem Protagonisten verhaftet, was den Lesegenuss vollkommen macht.
Ich habe mich schon lange nicht mehr so glänzend intelligent unterhalten lassen wie von diesem Hotel - und Wissenschaftsroman.
Oder wie der geschätzte Kristof Magnusson auf dem Cover zitiert wird: „Zerstrittene Genies, eigensinnige Gäste und ein Hoteldirektor in Nöten- sensationell.“
 

Einstein im Bade

von Daniel Mellem

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Casino
Frank Menden

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Man könnte glauben, die kleine Stadt Steinheim wäre stolz auf einer ihrer prägendsten Bürger - doch dem ist mitnichten so.
Denn Cumali Karagöz hat sein Vermögen mit Glücksspiel gemacht - 30 Spielotheken nennt er sein eigen.
Man darf spekulieren, was den braven Bürgern mehr ins Auge sticht : der Name oder das Gewerbe.
Oder etwa das fast fertiggestellte neue Casino, ein wahrer Tempel des Glücksspiels, zu dessen Eröffnung gar Mike Tyson eingeladen scheint?
Oder liegt der Argwohn der gutbürgerlichen Gesellschaft in etwas ganz anderem begründet? Einem Ereignis aus der Vergangenheit, das langsam auch Cumas eigene Familie wieder einzuholen droht und alte Gewissheiten in Frage stellt…

„Casino“ ist ein mit 216 Seiten recht kurzer Roman. Knapp und schnörkellos wird aus vier Perspektiven von einer schleichenden Verunsicherung erzählt, von einer Familie, in der sich jedes Mitglied an einem persönlichen Scheidepunkt befindet - und in dem Mike Tyson eine wunderbare Rolle spielt.
Bei der Lektüre kam das Ende für mich etwas abrupt. Jetzt, mit einigen Tagen Abstand, gefällt mir das allerdings immer besser.
Klasse Buch

Casino

von Cihan Acar

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Am Ende der Kleinigkeiten
Simone Finkenwirth

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Pures Glück umhüllt mich nach Franziska Hausers neuem Roman wie eine Membran, die mich vor äußeren negativen Einflüssen beschützt. Weltenflucht, nennen es die einen. Weltenerkundung - die anderen. Noch etwas zeigt sich in mir: Eine große Dankbarkeit, wenn es Werken wie diesem gelingt, mich voll und ganz einzusaugen.

Wobei der Anfang nicht einladend ist. Das hat weniger mit der Autorin, dafür mehr mit Irmas gemeinen Mutter zu tun. Garstig, abweisend und spitz wie ein Stachel durchbohrt sie die Harmonie der Buchstaben. Wie kann eine Mutter nur derart verletzend sein?

Irma kann eines Tages nicht mehr und haut ab. Weg vom Land und der Kommune, die ihre Mutter nach der Wende mitgegründet hat, hinein in die pulsierenden Arme der Großstadt. Als die 15jährige vorm Theater strandet, weiß sie noch nicht, dass sie in ihrem neuen Zuhause angekommen ist.

Hier stößt sie auf Menschen, die bald zu Vertrauten werden. Da ist der Regisseur Taron Capla, die erfolgreiche Blanda, den Agenten Enno und mittendrin Irma, die ohne Ausbildung bravourös auftritt. Das gelingt ihr allein dadurch: „Es war so leicht. Ich musste nur meine Mutter spielen.“

Aber natürlich bleibt es nicht einfach, denn dafür ist die Autorin bekannt. So setzt sie Irma Prüfungen aus, und verliert dabei den Ursprung der Geschichte nicht aus den Augen. Immer wieder treffen mich die mütterlichen Stacheln, ich sehe Irma taumeln und frage mich: Wird es ihr gelingen, von den Schatten der Vergangenheit loszukommen?

Für mich zählt dieses Buch zu meinen Highlights in diesem Frühjahr und ich widerspreche der Rezensentin vom Deutschlandfunk. Franziska Hauser hat mich mit ihrer Sprache, die alles andere als schlicht ist, genauso bezirzt wie mit ihrer besonderen Geschichte und bemerkenswerten Heldin. Daher gibt’s zum Indiebookday von mir eine große Leseempfehlung!
 

Am Ende der Kleinigkeiten

von Franziska Hauser

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Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
Frank Menden

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Beinahe wäre mir dieser Roman entgangen. Die Ausgangssituation - zwei befreundete Paare mit unterschiedlichen sozialen Status, kinderlos mit bislang unerfüllten Kinderwunsch die einen, die anderen „gesegnet“ mit zwei Kindern und dazu vermögend - schien mir als zu bekannt, als schon zu oft gelesen.
Aber was Dita Zipfel in „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ daraus macht, das ist erfrischend, mitreißend, ehrlich und pointiert.
In einem luxuriösen Bungalow an der Côte d’Azur prallen Lebensentwürfe aufeinander, Konkurrenzdenken macht sich breit - bis aus den beiden Frauen Linn und Eva langsam Komplizinnen werden…

Dieser Roman ist kraftvoll, fantasievoll, skurril und mit hohem Tempo erzählt und in seinem geschickten austarieren von Figuren und Situationen zeigt Dita Zipfel wieviel Spass es bringen kann, über die Abgründe gegenwärtiger Lebensentwürfe zu lesen.
Mein Tipp ( nicht nur ) am Weltfrauentag.

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt

von Dita Zipfel

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Die glücklichste Familie der Welt
Frank Menden

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„Eine Erzählung beginnt nie einfach irgendwo von selbst, man muss entscheiden, wo man anfangen will.“

„Die glücklichste Familie der Welt“ von Anna Brynhildsen , übersetzt von Franziska Hüther, beginnt mit der Planung eines Wochenendes in Berlin. Mats, seine sechzehnjährige Tochter Evi und ihre 28jährige Cousine Sara wollen die Briefe der verstorbenen Großmutter dem Jüdischen Museum übergeben, das Grab des Großvaters besuchen und den Stolperstein für ihre Familie suchen.
Doch die Reise zu den Spuren der Vergangenheit ist auch durch die Gegenwart ihrer drei Protagonisten belastet: Mats will auf dieser Reise seiner Tochter eine wichtige Mitteilung machen, Evi ist nach ihrer Krankheit vermeintlich immer noch so labil, dass Vater und Cousine sie allzu aufmerksam beobachten, und Sara ist schwanger und weiß nicht wie ihr Leben weitergehen soll.

Anna Brynhildsen durchbricht diese Erzählebene immer wieder mit der Vorgeschichte der Familie Wolff, von ihrem Beginn bis zu deren Vertreibung und teilweisen Auslöschung.

Man muss sich auf diesen Roman einlassen, denn gerade die Gegenwartsebene, die wenigen Tage in Berlin, braucht deutlich länger, um beim lesen zu verfangen als die Rückblicke in die Familiengeschichte. Es lohnt aber dranzubleiben, denn der Autorin ist auch Dank dieser Konstruktion ein bemerkenswerter Roman über Familienbande, Geheimnisse, Lügen und intergenerationale Traumata gelungen.

„Das Neue beginnt damit, dass ein Moment sich an einen anderen fügt.“

Die glücklichste Familie der Welt

von Anna Brynhildsen

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Heimliche Zeilen
Frank Menden

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„Die Lebensphilosophie meiner Eltern lautete immer: Nicht zu hoch zielen. Den Kopf immer schön unten halten. Keine Umstände machen. In ihren Augen war es das schlimmste Verbrechen, wenn sich jemand zu hoch aufschwang.“

Christopher Finders ist 45, nach dem Tod der Eltern hat er nur noch sein Elternhaus, in dem sein recht merkwürdiger Bruder Gerald haust - anders kann man es nicht nennen - seine Ex Frau Carol und sein eigenes kleines Häuschen in Yorkshire. Seinen Job als Finanzbeamter hat er gerade verloren.
Dabei sah es einmal ganz anders aus bei ihm. Sein Traum vom Schriftstellerdasein schien sich erfüllt zu haben, als der berühmte Lektor Owen Goddard ihn förderte, sein Debütroman wurde auch veröffentlicht - doch dann….
War er wirklich zu hoch geflogen? Oder hatte ihm das Leben nur einen seiner Streiche gespielt? Ihm alles versprochen und dann wieder genommen?
Da eröffnet eine unerwartete Begegnung die Chance, dem Leben doch noch einmal eine entscheidende Wendung zu geben…

Claire Chambers „Heimliche Zeilen“ , übersetzt von Wibke Kuhn, hat mich wie schon ihr Roman „Scheue Wesen“ von den ersten Sätzen an in den Bann gezogen. Ich mag ihren ruhigen Stil, die genaue Charakterzeichnung, den leisen Humor. Und die Hoffnung, die dieses Buch über verpasste Chancen und Lieben ausstrahlt.
Einfach ein wunderbar unaufgeregter und trotzdem fesselnder Roman. 
Was will man mehr.

Heimliche Zeilen

von Clare Chambers

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