Krimis gibt es wie Sand am Meer. Meine Passion ist es, daraus die Perlen zu fischen. Ich lese die skandinavischen genauso gern wie die englischen, aber auch Noirs, klassische Detektivgeschichten und literarische feine Titel, die ich regelmäßig aus der Krimibestenliste von Deutschlandradiokultur empfange wie „Jenseits aller Zeit“ von Sebastian Barry.
Hier stehe ich neben Tom Kettle. Der pensionierte Kriminalbeamte hat sich nach vierzig Jahren zur Ruhe gesetzt und lebt in einer kleinen Wohnung, die Teil eines großen viktorianischen Hauses ist, das im beschaulichen Küstendorf Killeney steht. Am liebsten sitzt Tom in seinem Korbsessel, hier ist er „der Hüter der Zeit", der aufs Wasser blickt und übers Leben sinniert. Von dort muss er sich jetzt erheben, als es unerwartet an der Tür klingelt. Wer stört ihn da in seiner Ruhe?
Zwei Polizeibeamte, und sie haben etwas auf dem Herzen. Es dauert, bis sie mit der Sprache herausrücken, erstmal Smalltalk über dies und das. Sie bitten ihn schließlich, sie bei einem ungeklärten Mordfall zu unterstützen, der dreißig Jahre zurückliegt. Tom hält inne und überlegt, ob er diesen Schritt zurück in eine Vergangenheit gehen soll, die er ad acta gelegt hat. Denn dieser Fall ist eine sehr persönliche Angelegenheit.
Was Sebastian Barry hier Seite um Seite brillant spinnt, ist fein komponiert und gleichwohl harter Tobak. So wandelt sich die zunächst stille in eine tragische Geschichte, geht es doch um Kindermissbrauch in der katholischen Kirche. Viel Wut ist im Spiel, und eine Rache, die Erlösung schaffen soll.
„Jenseits aller Zeit" enthält alles, was ich an Barry so schätze: Seine eigensinnigen Figuren, die Liebe zur irischen Natur und das Feingespür, unterschiedlichste Nuancen des Lebens literarisch kunstvoll abzulichten, sodass sich das Buch ganz tief in deine Seele einbrennt.
Brillant, eindringlich und unbedingt empfehlenswert, auch für Lesekreise. Aber ich will ehrlich sein: Freunde von Mainstream-Krimis könnten enttäuscht sein. Alle anderen haben die Chance, einen der besten Kriminalromane seit langer Zeit zu lesen. Sozusagen einen Krimi jenseits aller gewöhnlichen Krimis.
Jenseits aller Zeit
von Sebastian Barry
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