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Alle Empfehlungen von Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

… ist bloggende Buchhändlerin. Seit 2010 betreibt sie den Literaturblog „Klappentexterin und Herr Klappentexter“. Sie liebt japanische Literatur und fühlt sich in poetischen, warmherzig-erzählten Büchern am wohlsten. Doch auch außergewöhnliche Krimis hat sie stets im Visier.

Weird Girls
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

+++ Unser Shop meldet vorbestellbar, aber wir haben das Buch vorrätig. +++

Wie im richtigen Leben ist auch die Literatur heute voll mit Themen übers Kinderkriegen, Muttersein, Gesundheit und Älterwerden. Aber Sex & Drugs & Rock & Roll? Oftmals Fehlanzeige. Dabei sind solche Geschichten spannend und faszinierend wie "Weird Girls" von Grainne O'Hare. Ich habe zuletzt jedenfalls kein Buch gelesen, in dem so viel getrunken und gekokst wurde. Und das von jungen Frauen! Oha!

Maggie, Harley und Roise sind die Hauptfiguren in diesem feurigen Buch, das von meiner geschätzten Anna-Nina Kroll übersetzt wurde. Sie ist die deutsche Stimme von Donal Ryan, ein irischer Lieblingsautor von mir. Und das hier ist irische Literatur, wie ich sie liebe! Dunkel, belebend, quirlig und ganz speziell einprägend.

Die Mädels sind Ende Zwanzig, Anfang Dreißig und bewohnen in Belfast ein Haus. Selbst nach dem Tod ihrer Freundin Lydia bleiben die Freundinnen dort. Sie sind wie Pech und Schwefel und äußerst feierwütig. Gleichwohl hat jede Narben auf ihrer Seele, die mal mehr, mal weniger pochen. Wie Roise, die noch an dem Ende ihrer Beziehung knabbert. Jetzt hat Roise Angst, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Obendrein hat sie ein weiteres Problem. Meggie bandelt gerade mit der unnahbaren Cate an.
Während Harley in Therapiesitzungen mit der australischen Psychologin ihr Leben aufarbeitet, sich betrinkt, und von ihrem Vermieter aufsammeln lässt. Der gleichzeitig als Dealer fungiert.

Es wird nicht wenig konsumiert. Doch hinter der flirrenden wie partyfrohen Fassade schlummert noch mehr, was ich als aufmerksame Leserin schnell erkenne. Als helles Kontrastmittel arbeiten die Dialoge der Mädels, die mich oft auflachen lassen.

"Weird Girls" hat ordentlich Zunder zwischen den Seiten! Was für eine außergewöhnliche Lektüre über Freundschaft, Zusammenhalt und die große Suche nach dem richtigen Leben!

Weird Girls

von Gráinne O'Hare

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Unter Wasser
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Das Wasser trägt mich mitten hinein in diese traurig-schöne Geschichte, die auch Claire Messud begeistert hat: "Ein ebenso fesselndes wie herzzreißendes Werk."

Tara Menon verbindet zwei Zeitebenen. Zum einen bin ich in der Gegenwart der Erzählerin, im Oktober 2012 in New York. Hier hat sich der Hurrikan Sandy angekündigt. Die Metropole ist in Aufruhr, nur Marissa bleibt seltsam ruhig. Die Ich-Erzählerin arbeitet für ein Reisemagazin für Superreiche. Sie nutzt Adjektive, die sie auf einem Kaffeebecher notiert hat. Die Chilifrüchte sind in ihrem Leben treue Begleiterinnen. Warum erfahre ich erst später.

Zum anderen begegne ich der ganz jungen Marissa und ihrer besten Freundin Arielle im Jahr 2004. Nach dem Tod ihrer Mutter ist Marissas Vater mit seiner Tochter nach Thailand ausgewandert. Der Vater ist Meeresbiologe und forscht auf einer kleinen Insel zu Mantarochen. Die beiden Mädchen schwimmen und tauchen viel, halten sich fest. Das Wasser schwappt aus dem Buch in meine Augen, und ich zoome mich an diesen faszinierenden Ort. Ich selbst bin leidenschaftliche Schwimmerin, wohl deshalb catcht mich die Autorin. Doch auch die Freundschaft der beiden Mädchen berührt mich bis ins Herzzentrum.

Die Freundschaft wird von der Naturgewalt entzweit. Aber alle, die einen geliebten Menschen verloren haben, wissen: Es bleibt viel Tröstliches zurück. Selbst im Jahr 2012 ist Arielle bei Marissa: "Ob ich etwas esse, trinke, spazieren gehe oder fernsehe, sie ist immer bei mir. Jetzt hüpft sie an Fremden vorbei durch eine Straße, auf die sie nie ein Fuß gesetzt hat."

Tara Menon hat ein unglaublich schönes berührendes und gleichwohl wissenserweiternde Buch geschrieben. Wussten Sie, dass Rotwangen-Schmuckschildkröten anderen das Futter wegfressen und tödliche Krankheiten übertragen? Und dies: "Zwischen 1989 und 1997 wurden 52 Millionen dieser Schildkröten als Haustiere aus den Vereinigten Staaten ins Ausland exportiert."

Immer noch schwimme ich mit Marissa und Arielle - wir haben dabei Chilischoten zwischen den Zähnen und grinsen dem Schicksal entgegen. Dass es ein mieser Verräter ist, wissen wir natürlich. Was Sie noch nicht wissen, ist die Tiefe und Besonderheit des Buches, das über Narben, die wunderschöne Natur, das Meer und bedingungslose Liebe über den Tod hinaus absolut mitreißend wie feinfühlig erzählt. Ein must-read für alle Tiefseetaucher:innen und Thailand-New-York-Urlauber:innen, die sich wie ich gern von melancholische Klängen bezirzen lassen.

Unter Wasser

von Tara Menon

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Wassermann
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Es hätte eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte werden können, aber Wassermann ist viel mehr als das: Eine stille Explosion. Und eine Heldenreise der besonderen Art für alle Lesenden verschiedenen Alters.

Ich folge dem Ich-Erzähler und bin sofort umhüllt von einem melancholischen Schleier. Luk braucht Abstand zu seinem aktuellen Leben in Hamburg. Vor allem die kranke Mutter beschäftigt ihn sehr. So beginnt er nur schweren Herzens sein Auslandssemester in Barcelona, und lässt seinen geliebten besten Freund Kurt ebenso zurück.

Bei der Willkommensveranstaltung trifft er auf die Auswirkungen des katalanischen Konflikts. So würde man in diesem Jahr keine Prüfungsleistungen erwarten aus Solidarität mit den Inhaftierten. Die Unabhängigkeitskämpfe bleiben die ganze Zeit präsent. Auch als Luk seine WG Mitbewohnerin Olive kennenlernt und mit ihr eine Beziehung eingeht. Olive kommt aus Großbritannien und wird den Konflikt digital festhalten, gerät dabei selbst ins Fegefeuer der Justiz.

Statt im heißen Kessel der Unruhen zu bleiben, haut Luk dann doch ab. Mit Kurt zusammen nach Portugal zum Surfen. Der macht es sich aber ganz schön leicht, möchte man meinen, aber hinter Luks Flucht steckt noch mehr... geht tiefer. Eine innere Zerissenheit steht neben einer Unsicherheit, die sich zu einer Sprachlosigkeit setzt, bis sie alle von der Fürsorge gerettet werden.

Der ruhige Erzählstrom taucht mitunter in philosophische Töne, die mich umspülen wie das allseits anwesende Wasser und Bücher, die dem Helden als Rettungsanker dienen. So ist Wassermann eine Roadnovel deren Buchabdruck lange in meinem Herzen zu spüren sein wird. Man darf von dem Debütanten noch Großes erwarten! Ich verneige mich vor dem Autor und seinem Entdecker: Bodo Föhr!

Wassermann

von Lukas Hoffmann

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Mit dem Sturm um die Wette rennen
Simone Finkenwirth

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Mitarbeiterin bei stories!

Wenn Sie das nächste Mal ans Meer fahren, sollten Sie unbedingt dieses fantastische Buch mitnehmen! Oder als Lektüre für danach, um all die Gefühle aufzuwecken, die man dort an einem stürmischen Tag alle erlebt.

Ich folge einem Geschwisterpaar, das sich an einem verregneten und stürmischen Tag am Meer auf den Weg macht. Wohin eigentlich? Irgendwohin. Zum Meer natürlich! Dieser Spaziergang hat es wahrlich in sich. Es gibt so viel zu sehen und zu beobachten. Die stürmische Gischt! Der blinkende Leuchtturm passt auf alles auf. Während sich die Welt auf der Insel zurückgezogen hat, die Straßen gespenstisch leergefegt sind, und selbst die Eisdiele geschlossen hat, laufen die beiden weiter bis es donnert und finster wird. Nun ist es doch an der Zeit, nach Hause zurückzukehren...

Dunkel sind die Bilder, aber nicht unheimlich. Sie fangen die Stimmung eines solchen unruhigen Tages am Meer perfekt ein. Doch am Ende geht die Sonne auf. Denn wir wissen ja alle: Nach dem Unwetter, Regenschauer, Sturm, folgt Helligkeit und Ruhe.

Ab 4 Jahren.

Mit dem Sturm um die Wette rennen

von Brian Floca

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Frühstücken
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Selten hat Frühstück so viel Spaß gemacht wie mit diesem Bilderbuch, das die Jury beim Deutschlandfunk ebenso begeistert hat - deshalb zählt es zu den 7 schönsten Kinderbüchern im Mai. Voller Poesie und mit einem wirklich besonders feinen Pinselstrich hat Raquel Catalina die Gedichte von Alicia Bululü untermalt.

Schon der Anfang verfängt sich in meinen verschlafenen Augen:

"Ich frühstücke Geschwindigkeit / während ich träume / dass mein Glas Milch / auf mich wartet / in Ruhe, bis zum Mittagessen.

Es geht hektisch zu am Morgen, das kennen wir wohl alle. Auch wenn die Kleinen nicht aus dem Bett wollen "Verklebte Wimpern beim Sonnenaufgang / Noch fünf Minuten... / Wecker sei still!

Da kann man vor Wut auch mal den frischen Saft und das Hörnchen vergessen.

Das ist für mich eins der schönsten Bilderbücher, das ich je erlebt habe. Nicht nur, weil ich eine Poetin bin und mich in den Texten gut aufgehoben fühle. Die Autorin und Illustratorin öffnen vor uns ein facettenreiches Universum - das die Jahreszeiten miteinbindet und viele Gefühle von Violetta. Ich nasche vom Himbeerrot, tanze durch eine musikalische Szene, bis ich auf der nächsten Seite in der Stille versinke.

Ab 4 Jahren!

Frühstücken

von Alicia Bululú

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Die gelben Gummistiefel
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Kürzlich habe ich mir beim Deutschlandfunk ausgezeichnete Bücher vom Juror Benno Hennig von Lange vorstellen lassen. Dieses hier ist eins davon! Und so eine Freude!

Isabel Pin zeigt uns, wie viele Geschichten in Regenstiefeln stecken können. Die Mama der Ich-Erzählerin überreicht sie ihrer Tochter und fügt hinzu: "Sie haben viel erlebt. Traurige Momente, aber auch gute Zeiten. Alles, was Leben so mit sich bringt."

So folgen wir den Gummistiefeln und den vorherigen Trägerinnen und Trägern. Entdeckt wurden die gelben Stiefel von Anna, die große Schwester der Erzählerin. Anna hat die Schuhe so sehr geliebt, dass sie die sogar am ersten Schultag tragen wollte. Und es wurde so, wie sie es sich erhofft hatte. Anna hatte mit ihren Stiefeln einen tollen ersten Tag und konnte neue Freundinnen gewinnen. Als Anna aus den Stiefeln herausgewachsen ist, erbt sie ihre Cousine Josie, die mit ihnen sogar ins Bett gegangen ist.

Was müssen das für wundersame Stiefel sein! Die will ich auch haben! Das ist mal eine tolle Geschichte über Nachhaltigkeit und darüber, wie wir alle verbunden sind. Nachmachen unbedingt erwünscht! Lassen Sie mich bitte unbedingt ihre Gummistiefel-Geschichten wissen!

Ab 4 Jahren.

Die gelben Gummistiefel

von Isabel Pin

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Mit beiden Händen den Himmel stützen
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Wie lesen wir? Und warum lesen wir, was wir lesen? Zu diesen Gedanken hat mich u.a. dieses beeindruckende Debüt geführt. Denn Lilli Tollkien erzählt keine wohltemperierte Geschichte. Dennoch ist sie erstaunlich und brennt sich uns Lesenden ins Mark. Frank Menden nickt mir begeistert zu. Und ich blicke bejahend in Mareike Fallwickls Richtung, die über das Buch sagt: "Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt- und gerade deshalb lesen muss." Ja, bitte unbedingt lesen, egal, wie hart sich die Story anhört.

Lales Kindheit ist schon sehr speziell und alles andere als einfach. Sie wächst in den 80er Jahren in einer Männer-WG in Berlin auf. Lales Mutter ist drogenabhängig, landet immer wieder im Gefängnis. Doch Karlheinz, ein Freund von Lales Vater, bezirzst die Heimleiterin, in dem das zweijährige Mädchen zunächst untergekommen ist. Zusammen mit seiner Freundin Marianne holen sie Lale aus der staatlichen Obhut. Denn Lales Vater sitzt währenddessen auch im Gefängnis, stößt später in die WG dazu.

Und dann wird alles gut? Nein! Die Welt, in der Lale groß wird, ist nichts für kleine Mädchen: Es wird getrunken, geraucht und Drogen konsumiert. Jedes Mal, wenn sich der offizielle Kontrollbesuch des Jugendamts ankündigt, werden sämtliche Spuren der Vernachlässigung und des Konsums beseitigt. Was macht das mit einem kleinen Menschen? Viel! Vor allem Wut staut sich in Lale an, die sie später an ihren Zähnen auslässt. An einer Stelle heißt es: "Wo eben ein sicherer Hafen war, ein Erwachsener, dem ich vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein. Die Wellen im Wohnzimmer waren Karlheinz' Launen unterworfen und den Wirkungen unterschiedlicher Drogen, unwägbar die Zeichen an der Wasserobefläche, die ich ununterbrochen zu deuten versuchte."

Es sind die Kraft des Mädchens wie die starke Erzählstimme der Autorin, die uns alle mitziehen und in den Himmel der Begeisterung heben! Wir brauchen diese Art von Literatur, die uns mit allen Sinnen erfasst und am Ende sprachlos, aber mit einem Lächeln zurücklässt.

Mit beiden Händen den Himmel stützen

von Lilli Tollkien

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Am Himmel die Flüsse
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Dieses Buch stellt mich vor eine große Herausforderung: In wenigen Zeilen den Inhalt wiederzugeben. Denn Elif Shafaks Roman ist derart weitreichend und voll an Geschichten.

Zunächst trifft mich das Wasser:

"Am Rand der Gewitterwolke hängt ein einzelner Regentropfen - kaum so groß wie eine Bohne und leichter als eine Kichererbse. Eine Weile zittert es bedenklich, das kleine, runde verschreckte Ding, denn es macht Angst, die Erde zu betrachten, die sich dort unten wie eine Lotusblüte öffnet. Dabei ist es wahrlich nicht das erste Mal. Der Tropfen hat die Reise schon oft gemacht - hinauf zum Himmel, hinunter zu festen Boden und wieder hinauf. Doch er fürchtet den Fall immer wieder."

Und dann fällt die erste starke Figur ins Augenlicht: Arthur, König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere, kommt 1840 in ärmlichen Bedingungen in London zur Welt. Er ist arm, dafür reich gesegnet mit Talenten. Genau das wird ihm in der Schule zum Verhängnis. Doch später rettet Arthur genau dies, als er zunächst als Hilfsjunge beim Verlag Bradbury & Evans beginnt. Dort sogar auf Charles Dickens trifft. Seine Neugier führt ihn ins British Museum. Hier verliebt er sich in die Lamassus (assyrische Schutzdämone) und entwickelt für die Tafeln von Ninive geradezu eine Passion.

Dem gegenüber steht Narin im Jahr 2014. Ein neunjähriges Mädchen, das an einer seltenen Krankheit leidet. Narins Familie gehört zu den Eziden. Ihre Großmutter kann Wasserquellen aufspüren, und Menschen heilen. Als sie zu Narins Taufe in den Irak reisen, wird dies ein schrecklicher Wendepunkt im Leben der Familie.

2018 stehe ich an der Seite von Zaleekhah, eine Wasser-Expertin und Wissenschaftlerin, die sich kürzlich von ihrem Mann getrennt hat. Die junge Frau hat seit dem Tod ihrer Eltern eine stete Traurigkeit in sich. Als sie in ein Hausboot zieht und deren Vermieterin kennenlernt, wird das Zaleekhahs Leben verändern.

Wie nun alle Figuren miteinander verbunden sind, das überlasse ich der herausragenden Autorin selbst.

Elif Shafak hat ein unglaubliches Buch geschrieben! Sorgfältig recherchiert, flechtet sie gekonnt menschliche Linien mit ihren Schicksalen ein. Zudem erzählt sie die hochspannende Kulturgeschichte Mesopotamiens und erschüttert uns mit den barbarischen Kriegshandlungen des IS. Schreckliche Szenen, die mich lange beschäftigt haben.

Eine große Fabulierlust durchströmt das Werk. Ich denke an beeindruckende lebenskluge Sätze genauso wie an ihre eleganten Verbindungen vom Punkt zum nächsten Satz. Für mich ist dies eins der großen Werke der Autorin - wenn überhaupt das beste - das es übrigens auch kongenial von Pegah Ferydoni eingesprochen als Hörbuchfassung bei Argon gibt.

Am Himmel die Flüsse

von Elif Shafak

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Ein Ort, der bleibt
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Sandra Lüpkes hat es wieder getan, und einen erstklassigen, exzellent recherchierten wie mitreißenden Roman geschrieben! Die Autorin reist dieses Mal mit uns nach Istanbul. Dort kreuzen sich drei Lebenslinien - die von Mehpare, Magda und Imke.

Mit Mehpare beginnt die Geschichte, im Jahr 1926. Da muss das Mädchen mit Ansehen, wie sich ihr Traum in Asche verwandelt. Ihre geliebte Mädchenschule brennt und damit auch die Hoffnung des Mädchens auf ein wissensreiches Leben?

Danach beamt uns die Autorin in Imkes Kopf. Die junge Frau sitzt in unserer Gegenwart im Flugzeug und ist auf dem Weg nach Istanbul zu ihrem ersten Job. Sie soll zusammen mit Kai Surrau für die Firma GestAlterna ein denkmalfachliches Gutachten für das Botanische Institut erstellen, das zwischen 1935 und 1937 errichtet worden ist, und sich nun in einem desolaten Zustand befindet. Ist natürlich alles herausfordernd, weil's für Imke der erste Job ist, und ihr Vorgesetzter nicht immer einfach...

In jenem Institut hat seinerzeit der Botaniker Alfred Heilbronn gearbeitet. Der Münsteraner wurde 1933 wegen seiner jüdische Wurzeln diskrediert und - schlimmer noch - von einigen Studierenden beschimpft. Als ihn die Gestapo festnimmt, erhält seine Frau einen Brief. Dieser führt die Familie schließlich nach Istanbul. Und genau dort trifft der Professor auf Mehpare...

Mir war die Rolle der Türkei während des Zweiten Weltkriegs nicht bekannt. Dies hat sich nach diesem Buch nun geändert, das obendrein mein Wissen über Pflanzen erweitert hat. Wussten Sie beispielsweise, dass an sonnigen Standort der Anteil weiblicher Pflanzen auf 46 Prozent sinkt?

"Ein Ort, der bleibt" überzeugt nicht nur durch das, wie alles erzählt ist, sondern Sandra Lüpkes beglückt durch die warmherzigen Figuren, die ich so schnell nicht vergesse. Ein Buch, das bleibt.

Ein Ort, der bleibt

von Sandra Lüpkes

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Evie und die Macht der Tiere
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Matt Haig ist hierzulande vor allem unter den erwachsenen Lesenden bekannt. Lange schon schlummerte dieses Kinderbuch in meinem Regal. Nun habe ich es endlich aufgeschlagen und darf mal wieder sagen: Wer warten kann, der wird belohnt. So ist "Evie und die Macht der Tiere" eine lohnenswerte wie ganz besondere Lektüre für alle ab Neun und junggebliebenen Matt Haig-Fans.

Evie besitzt eine Gabe: Sie kann mit Tieren sprechen. Was cool klingt, wird dem Mädchen und ihrer Familie im Verlauf der Geschichte zum Verhängnis. Denn der Bösewicht Mortimer wird auf Evie aufmerksam. Und das ist überhaupt nicht gut.

Doch beginnen wir von vorn. Evie hört, wie die Schulhäsin Kahlo traurig denkt: "Eine, die einfach vorbeigeht. Ohne einen Gedanken an mich zu verschwenden." Also bleibt Evie stehen und wendet sich in Gedanken an Kahlo. Dabei erfährt sie, dass die Schulleiterin die Häsin aus dem Wald geklaut und hier eingesperrt hat. Evie mit ihrer großen Empathie kann diese Ungerechtigkeit nicht einfach stehen lassen, und lässt Kahlo frei. Zum großen Ärgernis der Schulleiterin. Danach muss Evie ihrem Vater versprechen, ihre Gabe nicht mehr einzusetzen. Was sie brav durchzieht - bis zu dem Tag, an dem sie ihrem Freund Ramesh im Zoo begleitet, und ein Junge ins Löwengehege fällt...

Ich liebe jede Seite in diesem Buch! Das ist einerseits dem Schreibstil des Autors und seiner Heldin zu verdanken. Aber auch die schönen Illustrationen von Emily Gravett bereichern die Seiten auf besondere Weise. Andererseits schätze ich kluge Botschaften wie diese: "Alles hängt mit allem zusammen. Nicht nur eine Großmutter mit ihrer Enkelin. Auch der Mensch mit dem Schimpansen und die Primaten mit den Hunden und Katzen. (...) Jedes Teilstück hängt von den anderen ab und fügt sich in sie ein. Und zusammengehalten wird alles durch eine gewaltige Energie."

Die Kraft, von der Evies Großmutter spricht, nennt sich Dawa. Diese gilt es, zu erkennen, dann kann Evie Großes leisten. Wird es der mutigen Heldin gelingen?

Evie und die Macht der Tiere

von Matt Haig

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Einfach Sunny
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Wer noch im Winterblues steckt, sollte mit Sunny ein paar Stunden verbringen. Danach ist nichts mehr trüb, eher hell und erquickend. Maren Graf hat mit ihrem Kinderbuch eine erstaunliche wie mitreißende Heldin geschaffen, die gute Laune versprüht. Vor der ich mich zudem verneige, denn Sunny ist blind. Aber das fühlt sich nebensächlich an, denn das Mädchen geht trotzdem ihren Weg und ist leidenschaftliche Sachen-Sucherin.

Gleich zu Beginn stolpert sie über eine Sache. Wobei, nein, Ben, ist doch ein Mensch, der etwas sucht und sehr verzweifelt ist. Bis der Junge aber Klartext spricht, muss Sunny in ihrer Detektivart mehrere Anläufe unternehmen, denn Ben ist stumm wie ein Fisch. Aber Sunny lässt sich natürlich nicht unterkriegen, selbst nicht von den frechen Jungs ihrer neuen Schule.

Auch das ist bemerkenswert. Nicht nur, wie Sunny den Jungs entgegentritt. Nein, die Tatsache, dass sie von ihrer aktuellen Schule auf eine gewöhnliche wechseln will.

Ben blüht am Ende doch auf, verrät seiner neuen Freundin, was sich hinter dem Dings verbirgt und begibt sich mit Sunny auf eine spannende Spurensuche, bei der sie nicht nur andere Menschen treffen, sondern auch einen süßen Dackel namens Frodo.

"Einfach Sunny" ist eine packende Detektivgeschichte, die gleichwohl Mut und Einfallsreichtum ausatmet. Ganz besonders freue ich mich, dass es eine Fortsetzung geben wird und ich Sunny bald schon wieder treffen werde.

Altersempfehlung: Ab 8 Jahren.

Einfach Sunny

von Maren Graf

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Aali muss los
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Lesen erweitert nicht nur den eigenen Horizont. Lesen bildet - vor allem durch das Einsaugen von fiktiven Geschichten geschieht die Wissenserweiterung eher spielerisch. So weiß ich erst nach diesem wundervollen und schön gestalteten Kinderbuch, dass ein Aal vier Leben hat.

Genau genommen sind es drei komplexe Verwandlungen, die ein Aal durchmacht. Vor so einer steht Aali, die sympathische Erzählstimme zu Beginn. Sein Kumpel Frank, eine loyale Brasse, fällt auf, dass Aali an dem Morgen so komische Augen hat. Aali indes spürt eine seltsame Unruhe und sagt: "Lass mal schwimmen." Am Ende haben wir - also Aali und ich - einen unglaublichen Weg zurückgelegt. Vom Nord-Ostsee-Kanal durch die Nordsee bis zur Sargassosee. Dabei haben wir allerlei schwimmende Wesen getroffen und Abenteuer erlebt.

Was führt Aali weg von seinem guten Kumpel? Warum schwimmt er so weit? Das löst dieses wissensreiche Kinderbuch auf hinreißende Art und Weise auf. Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich schreiben Hand in Hand, weben neben der Geschichte kleine Infoblöcke zum Aal mit ein. Nele Brönner hat dem Buch den passenden Pinselstrich gegeben. Und der mairisch Verlag hat gezaubert, denn wenn Sie durch die Seiten blättern, leuchten nicht nur ihre Augen so aalimäßig hell, auch die Nase schnuppert. Kann nicht genug bekommen von diesem tollen Papierduft.

So ist dieses Buch eine große Lesefreude für die ganze Familie! Altersempfehlung ab 7 Jahren, aber man kann durchaus schon jüngeren Geschwistern daraus vorlesen.

Ich danke meiner lieben Kollegin Sarah O'Connor, die mir dieses Buch in meine Hände gelegt und dabei mit leuchtenden Augen gesagt hat: "Das ist so ein großartiges Buch. Du wirst Aali lieben!"

Aali muss los

von Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel

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Forever Beautiful
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Das Frühjahr ist da. Und mit ihm jede Menge neue Bücher. Nicht nur Romane und Krimis, sondern auch interessante Kochbücher. "Forever Beautiful" von Susanne Korasani ist eins davon. Es ist im Malia Verlag erschienen - dem Verlag von Laura Malina Seiler.

Susanne Korasani ist bekannt geworden durch ihr Buch "Be Your Owen Healer" - in dem sie zeigt, wie es gelingen kann die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Ich trinke seit dem Buch den Löwenzahntee. So hat es mich nicht überrascht, dass der Löwenzahn auch in dem Buch eine besondere Rolle spielt. Sie "ist eine Pflanze, die nichts aufhält. Sie wächst durch Asphalt, trotz dem Wind und Abgasen und trägt in jeder Zelle die Erinnerung an Aufbruch." Die Bitterstoffe sind wichtig für die Entgiftung der Leber. Zudem unterstützen Sesquiterpenlactone, Flavonoide, Inulin und Kalium - die Gallenbildung, aktivieren die Verdauungsenzyme und entlasten die Leber. Die Autorin empfiehlt den Tee, den es im Reformhaus gibt, und die Blätter für Salate, Smoothies und Suppen. Wie gut, dass mein Gemüsehändler auf dem Isemarkt das Kraut verkauft.

Das Buch unterteilt sich in die Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter sowie den Tagesrhythmus: Morgens, mittags und abends. Das Gros der Rezepte enthält nur wenige Zutaten, was ich sehr begrüße, und arbeitet saisonal.

Einfach und gehaltvoll ist beispielsweise die Yoshino-Suppe mit Seidentofu. Hierfür braucht man nur Wasser, Seidentofu, eine kleine Karotte, eine Handvoll Spinat oder Pak Choi, Sesamöl, frischen Ingwer und Frühlingszwiebel. Als Teetrinkerin habe ich mich über die "Grüntee-Kraftbrühe mit Tamari sehr gefreut. Dafür benötigen Sie nur Sencha oder Bancha, einen Schuss Soja-Tamari aus fermentierten Sojabohnen. Auch spannend: die Kuzu-Limo. Oder der Safran Latte. In einem Glossar verrät die Autorin, wo man die Zutaten erhält und worauf man achten sollte.

Was das Buch zudem aufwertet, sind einzelne konkrete Ausführungen zu bestimmten Inhaltsstoffen, ihre Wirkung und Anwendung. So habe ich erfahren, dass Gänseblümchen nicht nur die Regeneration und Ausgleich fördert, sondern ebenso als Umschlag Hautreizungen und leichte Schwellungen genutzt werden kann.

"Forever Beautiful" ist ein ganzheitliches wie nachhaltiges Kochbuch für Geist und Seele! Es zeigt, wie alles miteinander verbunden ist: "Wer Nahrung, Gedanken und Worte auf diese Weise versteht - nicht nur als Kalorienquelle oder Nebensächlichkeit - verändert die Qualität seines gesamten Lebens. Körperlich wie geistig."

Forever Beautiful

von Susanne Abbassian Korasani

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Richtig gutes Essen
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Sie suchen das passende Buch für eine Kollegin oder Ihrem Chef? Hier ist es! In Junko Takases Roman „Richtig gutes Essen“ geht es herrlich schräg und sehr unterhaltsam zu. Aber auch nachdenkliche Töne stoßen an die Oberfläche: „Es ist doch total einfach, Leute zu ermutigen, indem man sagt: „Du schaffst das!“ Sich selbst zu ermutigen ist viel schwieriger.“

Das sagt Oshio ihrem Kollegen Nitani. Die beiden verbindet eine platonische Freundschaft. Sie genehmigen sich nach Feierabend gern einen Absacker und werden dem Titel des Romans mehr als gerecht, wenn sie sich leckere Sachen wie Edamame, ein Omlette oder gegrillten Fisch schmecken lassen. Dagegen stellt sich Ashikawa freudig an den Herd und backt Kuchen oder Kekse, die sie auch fürs Team in den Ofen schiebt. Weil sie es gern macht, oder eher, weil sie ein schlechtes Gewissen hat? Denn Ashikawa geht oft früher nach Hause, weil sie Kopfschmerzen hat oder sie sich nicht fühlt. Trotzdem ist gerade sie es, die Natani ermutigt, selbst zu kochen. Sie erklärt ihm, wie einfach das doch eigentlich sei:

„Du könntest dir doch wenigstens eine Misosuppe machen. Du setzt Wasser auf, löst Misopaste, die schon Brühe enthält, darin auf und gibst nur noch Tofu und etwas Grünes dazu.“ Eigentlich total einfach. Aber Nitani sieht es so: „Vielleicht mag ich es eher, anständig zu leben. Weil für mich Sachen wie Essen und Schlafen, die zum Leben notwendig sind, nichts mit Mögen und Nichtmögen zu tun haben.“

Das Essen fungiert als verbindendes und gleichwohl als toxisches Element, das die Autorin zum Ende hin zum Äußersten ausufern lässt. Sie erzählt über eine Bürogemeinschaft, in der alle unterschiedliche Ambitionen verfolgen. Der zielstrebige Natani, seine Geliebte Ashikawa, die ihr Glück im Mehl und im Kochtopf findet, und Oshio, die zwischen den beiden steht. Bitte nicht mit leerem Magen lesen, denn beim Lesen bekommen Sie automatisch Appetit.

In Japan hat sich dieses herrlich lebendige Buch über hundertachtzigtausendmal verkauft und wurde mit dem renommierten Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Absolut verdient!

Richtig gutes Essen

von Junko Takase

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Einfach Sunny
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Wer noch im Winterblues steckt, sollte mit Sunny ein paar Stunden verbringen. Danach ist nichts mehr trüb, eher hell und erquickend. Maren Graf hat mit ihrem Kinderbuch eine erstaunliche wie mitreißende Heldin geschaffen, die gute Laune versprüht. Vor der ich mich zudem verneige, denn Sunny ist blind. Aber das fühlt sich nebensächlich an, denn das Mädchen geht trotzdem ihren Weg und ist leidenschaftliche Sachen-Sucherin.

Gleich zu Beginn stolpert sie über eine Sache. Wobei, nein, Ben, ist doch ein Mensch, der etwas sucht und sehr verzweifelt ist. Bis der Junge aber Klartext spricht, muss Sunny in ihrer Detektivart mehrere Anläufe unternehmen, denn Ben ist stumm wie ein Fisch. Aber Sunny lässt sich natürlich nicht unterkriegen, selbst nicht von den frechen Jungs ihrer neuen Schule.

Auch das ist bemerkenswert. Nicht nur, wie Sunny den Jungs entgegentritt. Nein, die Tatsache, dass sie von ihrer aktuellen Schule auf eine gewöhnliche wechseln will.

Ben blüht am Ende doch auf, verrät seiner neuen Freundin, was sich hinter dem Dings verbirgt und begibt sich mit Sunny auf eine spannende Spurensuche, bei der sie nicht nur andere Menschen treffen, sondern auch einen süßen Dackel namens Frodo.

"Einfach Sunny" ist eine packende Detektivgeschichte, die gleichwohl Mut und Einfallsreichtum ausatmet. Ganz besonders freue ich mich, dass es eine Fortsetzung geben wird und ich Sunny bald schon wieder treffen werde.

Altersempfehlung: Ab 8 Jahren.

Einfach Sunny

von Maren Graf

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Evie und die Macht der Tiere
Simone Finkenwirth

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Matt Haig ist hierzulande vor allem unter den erwachsenen Lesenden bekannt. Lange schon schlummerte dieses Kinderbuch in meinem Regal. Nun habe ich es endlich aufgeschlagen und darf mal wieder sagen: Wer warten kann, der wird belohnt. So ist "Evie und die Macht der Tiere" eine lohnenswerte wie ganz besondere Lektüre für alle ab Neun und junggebliebenen Matt Haig-Fans.

Evie besitzt eine Gabe: Sie kann mit Tieren sprechen. Was cool klingt, wird dem Mädchen und ihrer Familie im Verlauf der Geschichte zum Verhängnis. Denn der Bösewicht Mortimer wird auf Evie aufmerksam. Und das ist überhaupt nicht gut.

Doch beginnen wir von vorn. Evie hört, wie die Schulhäsin Kahlo traurig denkt: "Eine, die einfach vorbeigeht. Ohne einen Gedanken an mich zu verschwenden." Also bleibt Evie stehen und wendet sich in Gedanken an Kahlo. Dabei erfährt sie, dass die Schulleiterin die Häsin aus dem Wald geklaut und hier eingesperrt hat. Evie mit ihrer großen Empathie kann diese Ungerechtigkeit nicht einfach stehen lassen, und lässt Kahlo frei. Zum großen Ärgernis der Schulleiterin. Danach muss Evie ihrem Vater versprechen, ihre Gabe nicht mehr einzusetzen. Was sie brav durchzieht - bis zu dem Tag, an dem sie ihrem Freund Ramesh im Zoo begleitet, und ein Junge ins Löwengehege fällt...

Ich liebe jede Seite in diesem Buch! Das ist einerseits dem Schreibstil des Autors und seiner Heldin zu verdanken. Aber auch die schönen Illustrationen von Emily Gravett bereichern die Seiten auf besondere Weise. Andererseits schätze ich kluge Botschaften wie diese: "Alles hängt mit allem zusammen. Nicht nur eine Großmutter mit ihrer Enkelin. Auch der Mensch mit dem Schimpansen und die Primaten mit den Hunden und Katzen. (...) Jedes Teilstück hängt von den anderen ab und fügt sich in sie ein. Und zusammengehalten wird alles durch eine gewaltige Energie."

Die Kraft, von der Evies Großmutter spricht, nennt sich Dawa. Diese gilt es, zu erkennen, dann kann Evie Großes leisten. Wird es der mutigen Heldin gelingen?

Evie und die Macht der Tiere

von Matt Haig

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Aali muss los
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Lesen erweitert nicht nur den eigenen Horizont. Lesen bildet - vor allem durch das Einsaugen von fiktiven Geschichten geschieht die Wissenserweiterung eher spielerisch. So weiß ich erst nach diesem wundervollen und schön gestalteten Kinderbuch, dass ein Aal vier Leben hat.

Genau genommen sind es drei komplexe Verwandlungen, die ein Aal durchmacht. Vor so einer steht Aali, die sympathische Erzählstimme zu Beginn. Sein Kumpel Frank, eine loyale Brasse, fällt auf, dass Aali an dem Morgen so komische Augen hat. Aali indes spürt eine seltsame Unruhe und sagt: "Lass mal schwimmen." Am Ende haben wir - also Aali und ich - einen unglaublichen Weg zurückgelegt. Vom Nord-Ostsee-Kanal durch die Nordsee bis zur Sargassosee. Dabei haben wir allerlei schwimmende Wesen getroffen und Abenteuer erlebt.

Was führt Aali weg von seinem guten Kumpel? Warum schwimmt er so weit? Das löst dieses wissensreiche Kinderbuch auf hinreißende Art und Weise auf. Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich schreiben Hand in Hand, weben neben der Geschichte kleine Infoblöcke zum Aal mit ein. Nele Brönner hat dem Buch den passenden Pinselstrich gegeben. Und der mairisch Verlag hat gezaubert, denn wenn Sie durch die Seiten blättern, leuchten nicht nur ihre Augen so aalimäßig hell, auch die Nase schnuppert. Kann nicht genug bekommen von diesem tollen Papierduft.

So ist dieses Buch eine große Lesefreude für die ganze Familie! Altersempfehlung ab 7 Jahren, aber man kann durchaus schon jüngeren Geschwistern daraus vorlesen.

Ich danke meiner lieben Kollegin Sarah O'Connor, die mir dieses Buch in meine Hände gelegt und dabei mit leuchtenden Augen gesagt hat: "Das ist so ein großartiges Buch. Du wirst Aali lieben!"

Aali muss los

von Finn-Ole Heinrich, Dita Zipfel

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Beste Zeiten
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Lost girl meets life! Wäre ich nochmal süße Achtzehn dann würde ich diesen Roman lieben! Denn ich fühle so sehr mit der Ich-Erzählerin. Daher habe mit meinen 40ern "Beste Zeiten" von Jenny Mustard ebenfalls mit allergrößter Freude gelesen. Die Autorin hatte mich ja bereits mit "Okaye Tage" begeistert.

In ihrem neuen Roman werde ich eine Freundin von der 21jährigen Sickan. Die Ich-Erzählerin ist gerade aus der schwedischen Provinz nach Stockholm gezogen und hat alles vor sich: die Uni, neue Kontakte und das Glück! Als sie ihre Kommilitonin Hanna kennenlernt, findet sie eine Freundin, und das obwohl Hanna aus einem anderem Haushalt stammt. Denn Hanna hat Geld, lebt in der Wohnung der verstorbenen Großmutter in einem guten Viertel. Sickan hingegen wohnt im Studentenheim und muss jede Krone umdrehen.

Sickan ist speziell und ich mag sie gerade deshalb. Sie hatte keine einfache Kindheit und Narben in ihrer Seele wie Abbe. Doch eine Beziehung wird schwierig, weil Abbe in einem Jahr nach Mexiko City will. Sie können dafür einfach gute Freunde sein. Werden es natürlich, und schließlich noch viel mehr.

Jenny Mustard hat einen wahrlich eigenen Sound - extrem cool und sehr nah an ihren Figuren greift sie Themen wie Identität, Freundschaft, LIebe und Abgrenzung auf. Jedes junge Mädchen findet sich in ihren Geschichte wieder, ob sie nun lost ist oder nicht:

"Ich frage mich, ob er recht hat, ob wir jetzt, wo wir erwachsen sind, endlich über die schweren Themen, die wir bisher verheimlicht haben, reden können."

Dem Eichborn-Verlag ist diese Entdeckung ebenfalls zu verdanken, wie ihrer Übersetzerin Lisa Kögeböhn, die wieder erstklassige Arbeit geleistet hat!

Beste Zeiten

von Jenny Mustard

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Sophie L.
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Dieses Buch fällt in die Kategorie: Falsches Cover, richtiges Buch! Ich verstehe den Gedanken des Verlags durchaus. Man wollte dem ersten Buch "Anna O." in der Gestaltung treu bleiben. "Sophie L." wird als Thriller vermarktet. Aber Vorsicht, das könnte Lesende enttäuschen. Eben jene, die eine durchgehend packende Handlung erwarten.

Mich hat das Buch von der ersten Seite begeistert. Das hat vor allem mit dem feinsinnigen Schreibstil des Autors zu tun. Und die Geschichte, die komplex und anziehend ist.

Die Londoner Gedächtnisexpertin Olivia Finn erhält aus Paris einen Anruf von der Polizei. Ihre Großmutter hätte im Hotel Lutetia einen Mord gestanden, und gesagt, sie sei eine andere. Das überrascht und beunruhigt die alleinerziehende Mutter. Folglich fährt sie nach Paris. Als Olivia dort ankommt, wird sie von der Polizei vernommen. Später spricht sie mit ihrer Gran, plötzlich scheint sie wieder klar, als sie bei ihr Zuhause sind. Édouard, ein ehemaliger Geliebter, ist zum Zeitpunkt auch in Paris und eilt Olivia zur Unterstützung. Édouard ist der Sohn von Olivias Therapeuten und treuen Weggefährten, der ihr den Weg in ihren Berufsweg als Psychologin geebnet hat. Louis war auch seinerzeit - vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs - der Herzensmensch ihrer Großmutter. Die wird nach ihrer Freilassung aus Ausschwitz mit anderen in dem Hotel Lutetia für drei Tage untergebracht. In diesen drei Tagen ist etwas passiert, über das alle bis heute schweigen...

Haben Sie mitgezählt? Ich habe hier vier Personen erwähnt, aber das sind längst nicht alle. Wie ein Puzzlemeister setzt Matthew Blake alle Figuren und Handlungsstränge gekonnt ins sein geheimnisvolles Bild. Durch das man sich klar und gespannt bewegt und dann...!

"Sophie L." ist ein raffinierter Thriller, der sich erneut einem spannenden Thema - dem der Erinnerung - widmet. Also ignorieren Sie das Cover und vertrauen auf meine wohlwollende Stimme.

Sophie L.

von Matthew Blake

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Die Farm der Mädchen
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Hans Rosenfeldt hat es mir nicht leicht gemacht. Und doch konnte er mich für sich gewinnen. Wie das? Nun, hochwertige Krimiliteratur kann eben nichts erschüttern.

In seinem Krimi-Solo "Die Farm der Mädchen" erzählt er eine komplexe Krimigeschichte. Nichts für Leseratten, die schnelldrehende Plots mögen. Wer hingegen ein bisschen mehr Zeit mitbringt, wird um so mehr belohnt.

Bislang hat der angesehende Drehbuchautor zusammen mit Hjorth die achtbändige Sebastian-Bergman-Reihe verfasst, und wurde auch hierzulande dafür sehr gelobt. Dass er ein Meister seines Fachs ist, beweist er nach seinem Solodebüt "Wolfssommer" erneut.

"Die Farm der Mädchen" beginnt mit der Flucht von zwei schwangeren Frauen. Als die eine im Wald plötzlich ein totes Kind gebärt, versucht ihre Freundin Dardana einen sicheren Ort aufzuspüren. Sie schlüpfen in einer einsamen Waldhütte unter. Doch Natalia verliert am Ende zu viel Blut und stirbt. Dardana lässt ihre tote Freundin zurück und flieht allein vor ihren Verfolgern.

Das tote Baby führt schließlich zur Polizistin Hannah Wester, die nach einer Auszeit wieder in den Dienst tritt. Ihr Mann ist bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Was hat es nun mit dem toten Baby auf sich? Und wie ist die Leiche in der Hütte zu erklären? Der Fall ist komplexer und führt auch ins dunkle Reich des Menschenhandels.

Rosenfeldt nutzt für seinen Plot verschiedene Handlungsstränge, behält aber eine klare Linie und erzeugt mit zunehmenden Seitenananzahl mehr an Spannung.

Ein Hochkaräter, über den man lange noch nachdenkt.

Die Farm der Mädchen

von Hans Rosenfeldt

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Statt aus dem Fenster zu schauen
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Sinnkrise? Kennen wir doch alle! So weiter machen? Oder eine andere Richtung einschlagen? Diese Fragen stellen wir uns nicht nur mit Anfang 20 oder mit 35 Jahren, auch mit Mitte 40 oder sogar mit Ende Sechzig. Daher ist Anna Katharina Scheidemantels grandioses Debüt "Statt aus dem Fenster zu schauen" eine willkommende Einladung für alle Sinnsuchenden.

Den Mumm der Ich-Erzählerin hätte ich allerdings nicht. Aus einer Stagnation bei ihrem Praktikumsplatz heraus surft Sophie ein bisschen bei Kleinanzeigen.de herum und kauft sich mal eben mit ihrem Ersparten ein Haus in der Pampa. In Günderode, hinter Berlin. So lässt unsere Heldin alles in München hinter sich, schnappt sich ihr Rad und einen Rucksack und auf geht's mit der Bahn ins Abenteuer!

Als die Studentin in der ostdeutschen Provinz an ihrem Häuschen ankommt, wird ihr schlecht. Vor ihr offenbart sich mehr eine Bruchbude. Aber hey, was hast du für 3000 Euro erwartet? - will ich ihr zurufen. Ich wäre sofort wieder abgehauen, Sophie nicht. Die bleibt. Ihr dabei zuzuschauen, ist herrlich erfrischend und bereitet mir große Freude! Wie sie in Eigenregie das heruntergekommene Haus putzt, streicht und auf Vordermann bringt, weitet meine Augen. Damit nicht genug. Sophie beginnt, den Garten mit Pflanzensamen auszusäen, um im Sommer eine erste Ernte einzufahren. Sie arbeitet, bis sie vor Erschöpfung auf ihrer Isomatte liegt und die Gedanken schweigen. Denn Sophie hat bisher niemanden von ihrer Aktion erzählt... Wie lange kann das gut gehen?

"Statt aus dem Fenster zu schauen" ist eine besondere Sinnsuche mit existenziellen Fragen. Obendrein entschleunigt es, indem die Autorin unsere Köpfe ins reichhaltige Meer der Natur stupst. Herrlich! Ein mutmachendes Buch für alle, die sich gerade selbst fragen: Und jetzt?

Ich freue mich, dass ich am kommenden Mittwoch, 8. April, um 19.30 Uhr, mit der Autorin bei uns die Buchpremiere ausrichten darf.

Statt aus dem Fenster zu schauen

von Anna Katharina Scheidemantel

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Spielverderberin
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Es könnte so leicht sein wie so vieles im Leben. Einfach eine schöne Freundschaftsgeschichte. Doch das wollte Marie Menke mit ihrem Debüt nicht. Und genau das ist gut so!

Lotte, Sophie und Romy sind die drei tragenden Säulen des Romans. Während Lotte und Sophie seit Kindheitstagen befreundet sind, stößt in der Oberstufe Romy aus der Großstadt dazu. Am Anfang der Geschichte treffen sie sich in der alten Heimat, im Süthland. Alle drei sind der Heimat entwachsen, leben in Köln. Doch wie nah sind sie sich immer noch?

Die Ich-Erzählerin, Sophie, will sich mit ihren beiden Freundinnen am Baggersee treffen, angestoßen hatte dies Romy. Als Sophie und Lotte dort ankommen, ist Romy längst da. Nach einigen Gläsern Wein will Romy in den See. Lotte ist das zu riskant, Sophie ebenso. Als sie Romy im See nicht mehr sehen, sagt Lotte: "Romy braucht keine Hilfe." Lotte verschwindet daraufhin mit ihrem Jutebeutel, Sophie bleibt. Bereits hier wird mir klar, dass etwas nicht stimmt. Und das liegt weiter zurück.

Nach und nach nimmt uns die Autorin mit in die vertrackte Freundschaftsgeschichte, die gleichermaßen Fragen wie Unsicherheiten aufwirft. Marie Menke verwebt verschiedene Themen in ihre mitreißend erzählte Geschichte: Anziehung, der Wunsch nach Zugehörigkeit, Abhängigkeit, Ghosting. Und ich denke: Was bin ich dankbar, dass ich so etwas nie erleben musste. Ich bin in einem harmonischen Kreis unterschiedlicher Freundinnen groß geworden, mit denen ich heute noch verbunden bin, und das obwohl sich unsere Leben anders entwickelt haben.

Marie Menke geht indes weiter oder sagen wir besser: Sie stürzt uns in dunkle Täler, was Freundschaften noch sein können. Teuflisch und toxisch.

Ich habe den Roman in einem Atemzug weggelesen, wurde am Ende nochmal aus der Bahn geworfen und ahne: Man darf von der jungen Schriftstellerin noch Großes erwarten.

PS: Bald gibt es mehr zur Autorin, die ich bei der Leipziger Buchmesse gecoffeetalkt habe.

Spielverderberin

von Marie Menke

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Pina fällt aus
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Ich habe Vera Zischke verpasst, also "Ava liebt noch". Ihr Debüt hat unzählige Lesende mitgerissen. Deshalb ließ ich den Kelch an mir vorbeiziehen, obwohl ich natürlich neugierig geblieben bin. Nun ist ihr zweiter Roman erschienen und ich weiß: Ich habe etwas verpasst. Aber aufgeschoben, ist ja nicht aufgehoben.

Ich bin so verliebt in "Pina fällt aus" und kann mein Grinsen nicht bei mir behalten. In diesem Roman erzählt die Autorin eine Geschichte über Zusammenhalt, Solidarität, Fürsorge und Liebe in unterschiedlicher Form. Pina ist eine alleinerziehende Mutter. Sie kümmert sich um ihren Sohn Leo, der in seiner eigenen Welt lebt, jeden Morgen vom Bus abgeholt wird. Dann geht es ab in die Werkstatt. An einem Nachmittag, Leo ist längst zurück, will Pina noch Einkäufe erledigen. Auch für die älteste Bewohnerin im Haus. Inge verlässt nach einem Unfall und dem Tod ihres Mannes die Wohnung nicht mehr. Muss sie auch nicht, denn Pina kauft für Inge ein. Doch dieses Mal kehrt sie nicht zurück. Pina ist auf der Straße zusammengebrochen, kommt ins Krankenhaus und Leo bleibt bei Inge. Alle warten. Nur wir Lesende wissen mehr, sind an Pinas Seite im Krankenhaus und dem pflegenden Personal.

Bald ist klar, was passiert ist und dann? Kümmern sich drei schräge Vögel um den mutterlosen Leo. Neben Inge gibt es noch den Einsiedler Wojtek, der eine russische Freundin hat, die ihm besondere Nippes besorgt. Und die revoltierende Zola. Ein 16jähriges Mädchen, das am liebsten nachts zockt und die von ihrem Vater organisierten Jobs in den Boden stampft. Ja, da ist wahrlich so viel Wut in dem Mädchen, aber gleichwohl extrem viel Fürsorge für Leo, dass mein Herz fast explodiert.

Ich habe mich bei der Lektüre an Anna Gavaldas Erfolg "Zusammen ist man weniger allein" gedacht. Aber nicht nur deshalb zählt "Pina fällt aus" zu meinen Lieblingen. So ist das Buch gefüllt mit herrlich abstrusen, liebenswerten, bewegenden Momenten, bei denen ich oft seufzt lache oder innehalte. Vera Zischke hat einen charmanten Erzählstil, die Tiefe dennoch nicht scheut und ihr geradewegs ins Gesicht blickt.

Mehr Hintergründe zum Roman erfahren Sie bald in einem Interview, das ich mit der Autorin auf der Leipziger Buchmesse geführt habe. Es war mir eine große Freude wie diese wunderbare Lektüre, die wir in diesen aufwühlenden Zeiten besonders brauchen!

Pina fällt aus

von Vera Zischke

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Bei aller Liebe
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Weniger kratzbüstig, aber nicht minder lesenswert ist der neue Roman von Jane Campbell. Nachdem die 82jährige Autorin mit ihrem Debüt „Kleine Kratzer“ auch hierzulande für Furore gesorgt hat, legt sie nun nach.

Die Autorin bedient sich wieder ihrem wertvollen Wissen über uns Menschen. Denn in ihrem vorherigen Leben war sie als Psychoanalytikerin in Oxford tätig. Apropos: Psychologisch klug und feinfühlig erzählt sie eine Familiengeschichte. Die beginnt damit, dass Agnes viel zu früh ihre Eltern bei einem Autounfall verliert. Ihre Mutter Sophy hat vorher ihrem Bruder Malcom einen Brief übergeben. Er soll Dr. Joseph Bradshaw persönlich ausgehändigt werden. Doch das macht Malcolm nicht. So hütet er bis heute ein Geheimnis, das eng mit seiner Nichte Agnes verknüpft ist. Warum handelt er so? Das ist eine von weiteren Fragen, denen ich mich Seite um Seite nähere.

In abwechselnden Kapiteln erlebe ich dabei die Lebensgeschichten von Dr. Joseph Bradshaw, Malcolm und Agnes. Alle widmen sich der Psychologie in verschiedenen Formen. Ein raffinierter Schachzug wie die Linien, die Campbell zusammenzieht. So baut sie ein Spannungsfeld auf, dem man ebenso wenig entgeht wie ihren klugen Ansichten: „Mit dem Alter kommt die Zerknirschung, Malcom. Da gibt es kein Entrinnen. Es kommt allerdings darauf an, wie du die Geschichte deines Lebens erzählst.“

„Bei aller Liebe“ ist ein packendes wie berührendes Buch über Lebenslügen, Familie, Verletzungen und die Kunst des Verzeihens. Die Geschichte hallt lange noch nach. Da verzichtet man durchaus auf das kratzbürstige Erzählen. Und freut sich viel mehr darüber, dass diese bewundernswerte Frau mit Anfang 80 angefangen hat, zu schreiben. Bitte weiter so und mehr davon!

Bei aller Liebe

von Jane Campbell, Bettina Abarbanell

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Der Wald
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Viel zu wenig habe ich bisher über diesen Roman vernommen. Warum nur? Denn die Booker-Preisträgerin, die mit ihrem Buch „Die Gestirne“ mit gerade mal 28 Jahre auf dem literarischen Parkett zu einer Berühmtheit wurde, zeigt erneut, dass sie zu den besten Autorinnen unserer Gegenwart gehört.

Eleanor Catton möchte mit ihrem Roman nicht nur unterhalten. Sie will uns auch zum Nachdenken anregen, indem sie zwei gegensätzliche Pole zusammenbringt. Da ist die 24jährige Mira. Die Umweltaktivistin hat eine Guerilla-Gardening-Gruppe ins Leben gerufen. Das „Birnam Wood“-Kollektiv setzt überall dort Pflanzen, wo es keiner merkt.

Als es in einem Naturschutzgebiet zu einem Erdrutsch kommt, sieht sie ihre große Chance gekommen. So bietet das große Grundstück des Unternehmers Owen Darvish viel Raum fürs Gardening. Als Mira dort ankommt, findet sie die Farm verlassen vor, und will bald loslegen, bis ihr der Milliardär Robert Lemoine über den Weg läuft... und der unterbreitet ihr ein lukratives Angebot, das wiederum den Grundsätzen des Kollektivs widerspricht.

Wahnsinn! Was für eine hochspannende Geschichte! Eleanor Cotton hat in ihrem Roman eine Vielzahl an relevanten Themen versehen: Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, Umweltschutz, Gemeinschaft - was sie schaffen kann, aber auch spaltet, Freundschaft, Ideale – wie weit würden wir gehen? Spritzige Dialoge befeuern die plotgetriebene Handlung, die mit einem extrem packenden Showdown endet. Stephen King meint: „Grandios. Was für ein Genuss!“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht: Setzen Sie ein Pflänzchen, auch für dieses Buch, von dem ich gern noch mehr lesen und hören möchte. Ob es uns gelingt?

Der Wald

von Eleanor Catton

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Der Kuckucksjunge
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Ich hatte richtigen Heißhunger! Nicht auf Lakritz, sondern auf einen guten Krimi. Da kam mir Soren Sveistrup gerade recht. Der dänische Erfolgsautor hatte mich seinerzeit mit "Der Kastanienmann" und seiner großartigen TV-Serie "Kommissarin Lund: Das Verbrechen" schier begeistert.

Und jetzt am Ende der Lektüre kann ich freudig verkünden: Auch dieses Mal hat konnte mich der Däne überzeugen. In dem Fall geht es um Stalking Opfer - Frauen und ein Mann. Der Täter schickt ihnen erst zwei Wörter "Hab dich", danach folgen Kurzmitteilungen mit Abzählreimen und sogar noch Fotos, die zeigen, dass der Verbrecher ganz in der Nähe sein muss.

Silje Thomsens ist das erste Opfer. Mehrmals hat sie ihre SIM Karte gewechselt, aber davon zeigt sich der Täter unberührt. Als ihr geschiedener Mann die gemeinsame Tochter zurückbringt, finden sie das Haus leer vor und von Silje fehlt jede Spur, das Handy ist ausgeschaltet.

Die Kommissarin Naia Thulin soll sich zusammen mit ihrem eigensinnigen Kollegen Mark Hess um diesen Fall kümmern. Die beiden verbindet noch mehr als ihre Arbeit. Als eine Leiche gefunden wird, ahnen wir bald schon, wer die Tote sein wird. Und es bleibt nicht die Einzige in diesem atmelos machenden Thriller.

Seltsam ist, dass das Vorgehen an einen Cold Case erinnert. Denn eine 19jährige Schülerin ist auf ähnliche Weise umgebracht worden: Erst gab es diese Kurzmitteilungen und dann folgte der Mord...

Soren Sveistrup ist ein Meister seines Fachs. Er setzt spannende Cliffhanger und hält die Spannung die ganze Zeit über! Man rätselt lange darüber, wer es denn nun sein könnte. Das macht für mich gute Krimiliteratur aus wie eine tolle empathische Figurenzeichnung.

"Der Kuckucksjunge" stillt nicht nur jeden Heißhunger auf spannende Lesestunden. Er macht Lust auf noch mehr Krimis! So folge ich meinem Kollegen Frank Menden, der kürzlich "Kill For Me" von Steve Cavanagh mit Begeisterung verschlungen hat.

Der Kuckucksjunge

von Søren Sveistrup

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Am Ende der Kleinigkeiten
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Pures Glück umhüllt mich nach Franziska Hausers neuem Roman wie eine Membran, die mich vor äußeren negativen Einflüssen beschützt. Weltenflucht, nennen es die einen. Weltenerkundung - die anderen. Noch etwas zeigt sich in mir: Eine große Dankbarkeit, wenn es Werken wie diesem gelingt, mich voll und ganz einzusaugen.

Wobei der Anfang nicht einladend ist. Das hat weniger mit der Autorin, dafür mehr mit Irmas gemeinen Mutter zu tun. Garstig, abweisend und spitz wie ein Stachel durchbohrt sie die Harmonie der Buchstaben. Wie kann eine Mutter nur derart verletzend sein?

Irma kann eines Tages nicht mehr und haut ab. Weg vom Land und der Kommune, die ihre Mutter nach der Wende mitgegründet hat, hinein in die pulsierenden Arme der Großstadt. Als die 15jährige vorm Theater strandet, weiß sie noch nicht, dass sie in ihrem neuen Zuhause angekommen ist.

Hier stößt sie auf Menschen, die bald zu Vertrauten werden. Da ist der Regisseur Taron Capla, die erfolgreiche Blanda, den Agenten Enno und mittendrin Irma, die ohne Ausbildung bravourös auftritt. Das gelingt ihr allein dadurch: „Es war so leicht. Ich musste nur meine Mutter spielen.“

Aber natürlich bleibt es nicht einfach, denn dafür ist die Autorin bekannt. So setzt sie Irma Prüfungen aus, und verliert dabei den Ursprung der Geschichte nicht aus den Augen. Immer wieder treffen mich die mütterlichen Stacheln, ich sehe Irma taumeln und frage mich: Wird es ihr gelingen, von den Schatten der Vergangenheit loszukommen?

Für mich zählt dieses Buch zu meinen Highlights in diesem Frühjahr und ich widerspreche der Rezensentin vom Deutschlandfunk. Franziska Hauser hat mich mit ihrer Sprache, die alles andere als schlicht ist, genauso bezirzt wie mit ihrer besonderen Geschichte und bemerkenswerten Heldin. Daher gibt’s zum Indiebookday von mir eine große Leseempfehlung!

Am Ende der Kleinigkeiten

von Franziska Hauser

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Half His Age
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Die Geschichte ist nicht neu. Trotzdem lese ich sie mit Neugier, Begeisterung und roten Ohren "Half His Age" von Jennette Mccurdy. Waldo hat ein sehr lebendiges Sexleben: "Ich weiß schon, dass dieses genervte Ächzen nicht gut kommt, wenn man gerade von einem Typen geleckt wird, aber im Moment kann ich mich echt schwer zurückhalten." Oha! Von solchen expliziten Stellen hagelt es hier mehr als mir manchmal lieb ist. Trotzdem lese ich weiter. Je tiefer ich eintauche, um so mehr dringe ich zum Kern vor. Und der ist weniger hot, eher beklemmend und düster.

Waldo lebt mir ihrer Mutter in präkeren Verhältnissen zusammen. Die wiederum hat wechselnde Männerbekanntschaften. Nach jedem Ende versinkt ihre Mutter in eine Depression. So will Waldo nie werden. Und doch wird sie selbst bald in ein solches tiefes Tal fallen. Als sie mit ihrem Lehrer Mr. Korgy eine Affäre beginnt. Mr. Korgy unterrichtet Kreatives Schreiben, erkennt Waldos Talent. Und genauso ihre Neugier, Reife und natürlich findet er sie reizend. Erst versucht der verheiratete Vater der Anziehung zu entgehen, aber hey, am Ende ist er auch nur ein Mann.

Man könnte diese Geschichte als Nabokovs "Lolita" lesen. Doch sie ist natürlich moderner. Heutige Kummerfluchten wie das Internet und damit verbunden der immer verfügbare Konsum, das hat es damals nicht gegeben. Diese unmögliche Lovestory trieft nicht nur vor Sex. Es geht um Klassizismus, und den Wunsch nach einem besseren Leben. Immer, wenn ich denke, es reicht jetzt langsam mit dem Sex, wirft mir die Autorin ziemlich kluge Sätze zu und ich betrachte die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel.

So sehe ich einen verzweifelten Hilferuf! Höre den Wunsch nach einer Rettung heraus - durch einen älteren Mann. Kann das gelingen? Und geht es hier wirklich um den älteren Liebhaber oder viel mehr um das, was Waldo zum ersten Mal führt? Dass Sex mehr ist als reine Befriedigung.

"I'm Glad My Mom Died" war der große Erfolg der Autorin. Auch in ihrem aktuellen Roman treffe ich auf ihre offenherzige, witzige Erzählweise. Mag der Ausgang für manche vorhersehbar sein, ich mochte vieles an dieser sexy, belebenden und mitunter tiefsinnigen Story.

Altersempfehlung ab 18 Jahren!

Half His Age

von Jennette McCurdy

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Zugwind
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Wann hat der Zugwind zuletzt in Ihrem Herzen gewütet? Bei mir war's erst vergangene Woche. Aber zum Glück hat mich Iryna Fingerova aufgefangen. Denn ihre Romanheldin aus "Zugwind" ergeht es genauso: "Der Zugwind, der sich in mir breitgemacht hatte, machte keine Anstalten, sich zu beruhigen. Die Fenster und Türen schlugen. Sie weckten die Kinder auf!"

Am 24. Februar 2022 überfällt Mira diese Unruhe. An dem Tag, als Russland in ihr Heimatland einmarschiert. Mira lebt da bereits mit ihrem Mann, ihrer fünfjährigen Tochter und ihren Eltern in Deutschland. Sie arbeitet als Ärztin, erst im Krankenhaus, bald in einer Hausarztpraxis bei Frau Erde und Frau Meer. Anhand der Namen merkt man schon, hier ist eine Poetin am Werk. Als Mira dort beginnt, spricht sich das natürlich in der ukrainischen Gemeinde herum, und bald suchen sie viele Patienten aus der alten Heimat auf. Sie haben unterschiedliche Leiden, die uns die Erzählerin anonymisiert teilt. "Frau A. brach in Tränen aus, kaum, dass sie Platz genommen hatte."

So verschieden die Menschen sind, eint doch alle diese Tatsache: "Mit einem Bein in der Ukraine, mit dem anderen in Deutschland. In zwei Realitäten gleichzeitig." Das strengt auf Dauer an. Iryna Fingerova gibt den entwurzelten Menschen eine Stimme, ohne Pathos oder Schwere. Sicherlich zwickt das Herz, aber es knickt nie ganz in sich zusammen, denn die Autorin kommt rechtzeitig mit ihrer charmanten Leichtigkeit daher und schenkt mir einen Sonnenstrahl, der das Dunkle vertreibt. Übrigens stellt ihre Heldin auf der Verlagsseite des Rowohlt Verlags Rezepte gegen Zugwind-Beschwerden aus:
https://www.rowohlt.de/zugwind

Auch Mira spürt diese Zerrissenheit. Obwohl sie sich mit ihrem Mann ein Leben in Deutschland aufgebaut hat, sehnt sie sich nach Odesa und ihrer Großmutter. Als es ganz schlimm wird, sagt ihr Mann, sie solle endlich fahren. Das macht Mira dann auch, und nimmt mich mit. Zeigt, wie ein normales Leben in einem Kriegsland weiterexistieren kann und muss.

"Zugwind" ist ein kluges, berührend schönes, luftig charmantes und wichtiges Buch über den noch andauernden Krieg in der Ukraine. StaywithUkraine!

Zugwind

von Iryna Fingerova

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Die Sonne und die Mond
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Wenn ein geliebter Mensch von uns geht, tut das sehr weh. Genauso schmerzhaft sind die Wellen der Trauer, die einen immer wieder erfassen. Chris Kraus findet dafür die passenden Worte: "Auch das Vergehen von Menschen heißt nicht, dass sie nicht überdauern. Alles Bedeutende existiert nur in der Erinnerung." Das schreibt jemand, der seinen Lebensmensch verloren hat. "Die Sonne und die Mond" hat ihn durch die schwere Zeit getragen. Ich staune wieder einmal, wie viel Kraft in der Liebe steckt.

Wobei das Gros der Geschichte alles anderes als ruhig ist. Denn hier treffen zwei gegensätzliche Pole aufeinander. Da ist die stille in sich gekehrte Sonne. Eigentlich heißt sie Sonja, aber ihr Vater hat sie immer Sonne genannt. Sonne betreibt in einer ehemaligen Bäckerei ein alternatives Berliner Bestattungsunternehmen. Als Mond ins ruhige Örtchen reinfällt, steht die Welt Kopf. Mond heißt Jana von Mond und erinnert mich an einen bunten Kanarienvogel dessen Schnabel nie stillsteht.

Sonne reagiert ziemlich kratzbürstig und wird von ihrem Angestellten zurechtgewiesen. Was Samuel und ich nicht wissen, ist der Konflikt, den die Freundschaft seinerzeit entzweit hat. Auch Monds aktuelles Problem ist alles andere als einfach: Ihr geliebter Mann ist mit seiner Freundin bei einem Verkehrsunfall in Italien ums Leben gekommen. Said hat in seinem Testament darüber verfügt, dass er mit Ying Shu zusammen beerdigt werden will.

Und jetzt? Sonne will Mond am liebsten rausschmeißen. Mond hingegen fleht, bettelt und wird schließlich von ihrer alten Freundin erstmal mit nach Hause genommen, in die kleine Wohnung, die Sonne mit ihrem Sohn Nicky bewohnt. Eine goldige Frohnatur, die ich sofort ins Herz schließe wie Nicky Jana.

Man merkt dem Autor sein erfahrenes Händchen für Figuren und Plots an. So fühlt sich die Lektüre wie ein wunderschöner Kinofilm an - mit dem Unterschied, dass sich neben schmissigen Dialogen und bizarren Momenten nachdenklich kluge Gedanken wie sanfter Schnee über das bunte Treiben legt.

"Überleben ist kein Wert von Dauer, auch unser Überleben nicht." Das ist einer der Sätze, der sich in mein Gedächtnis gebrannt hat wie die Figuren, die ich nur schwer loslassen möchte. Doch auch das gehört zum Leben dazu: Abschied zu nehmen, voller Dankbarkeit zu sein für die gemeinsame Zeit, reich gesegnet mit vielen Erinnerungen, die einem keiner nehmen kann. Ganz im Gegenteil: Sie sind der Ort, an dem wir immer wieder zu unseren Lieben zurückkehren können, und das zu jeder Sonnen- und Mondzeit!

Die Sonne und die Mond

von Chris Kraus

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The Tainted Cup
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Wahnsinn! Irre! Unglaublich! im besten Sinne fantastisch ist dieser großartige Krimi. Er steht aktuell in der Krimibestenliste bei Deutschlandfunk Kultur. Yes! Da gehört er hin!

Kaum ausgepackt, waren meine Kollegin Sarah O'Connor und ich wie vom Blitz getroffen. Wir ahnten, dass „The Tainted Cup“ von Robert Jackson Bennett etwas ganz und gar Außergewöhnliches sein muss. Nicht nur, weil das Buch mit dem „Hugo Award 2025“ ausgezeichnet wurde. Da war noch etwas... kennen Sie doch alle! Diese Magie, die aus manchen Büchern besonders herausströmt. Und jetzt nach der Lektüre lachen Sarah O'Connor und Simone Finkenwirth immer noch. Voller Freude und Staunen über das wundersame schöne Ding aus Papier!

Alles beginnt mit einem Mord. Als unser Held an den Ort des Geschehens gerufen wird, verschlägt es auch ihm die Sprache: Aus dem Körper des toten Mannes ist ein Baum gewachsen. Wie kann das sein? Dinios‘ exentrische Chefin Ana weiß recht schnell, was es damit auf sich hat. Es bleibt nicht bei dem einen Toten. Denn kurze Zeit später geschieht an der Mauer ein Durchbruch vom Levithian ausgelöst. Wer jetzt noch bei uns ist, sollte sich schleunigst diesen unterhaltsamen wie fantastievollen Roman gönnen. Zu finden ist er auf unserer Eingangspyramide. Haben wir natürlich auch auf Englisch.

Übrigens folgt bald Teil 2. Erstmal nur auf Englisch. Aber die deutsche Übersetzung lässt sicherlich nicht lange auf sich warten. Das eingesprochene Hörbuch von Tim Gössler ist genauso beeindruckend. Eine Stimmenvielfalt und wahrer Filmgenuss! Ja, es fühlt sich wie ein extrem guter Filmritt an. Erschienen ist’s bei Hörbuch Hamburg.

Jakob und Karla Schmidt haben diesen Hochkaräter aus dem Englischen übersetzt.

The Tainted Cup

von Robert Jackson Bennett

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Tage des Lichts
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht nur bei Menschen. Auch zwischen Büchern und den Lesenden. Megan Hunter ist für mich der lebende Beweis dafür! Mit ihrem neuen Roman "Tage des Lichts" hat sie die Tür zu meinem Herzen sofort ganz weit aufgestoßen. Genau dort sitzt sie und ich verrate Ihnen nun warum.

Ivy ist die tragende Figur in dem Roman, der mich von der ersten Seite an bezirzt. Kein Wunder, ist Ivy in eine Künstlerfamilie hineingeboren und ich fühle mich diesen interessanten Menschen seit jeher verbunden. So falle ich federleicht in dieses flirrende Setting. Es ist Ostersonntag im Jahr 1938. In dem atmet die Kunst. Ivys Bruder Angus teilt sich das Atelier mit seiner Mutter. Joseph, Ivys anderer Bruder, singt indes schief. Er ist voller Vorfreude, denn heute soll seine Liebste endlich eintreffen: Frances. Alle sind gespannt. Nun passiert an diesem Tag etwas, das dem Leben und der Geschichte eine andere Wendung gibt. Plötzlich knallt mir eine Faust in den Bauch.

Aber wir bleiben tapfer, Ivy und ich. Gehen unsere Wege, viel mehr Ivy, und ich folge dieser Frau mit den zwei Gesichtern. Einerseits spürt sie die Freiheit und den Wunsch nach einem selbstbestimmten anderem Leben jenseits der Norm, andererseits geht sie doch die Ehe ein, wird Mutter, hat aber tiefschürfende Gedanken und den Wunsch nach einer überirdischen Transformation, denn das helle Licht aus dem Jahr 1938 in dem Fluss geht ihr nicht aus den Kopf. Wie Frances, die eines Tages wieder auftaucht und mehr in Ivy auslöst, als es eigentlich sollte und durfte zu dieser Zeit.

Der Roman wird getragen von einer wärmenden Zärtlichkeit. Elegant, stimmungsvoll und mit einer feinfühligen Hand zeichnet die Autorin ein Frauenleben mit all seinen Facetten. Ein Buch über das Verlangen und der weiblichen Urkraft. Still erzählt, aber mit einer wunderschönen Melodie, die sich um das helle Licht dieses feinen Romans legt wie eine Geliebte um ihren Herzensmenschen. Das ist Liebe!

Tage des Lichts

von Megan Hunter

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Das gelbe Haus
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Lange schon hat mich „Das gelbe Haus“ von Mieko Kawakami gezwickt. Seit ihrem Debüt „Brüste und Eier“ zählt die Japanerin zu den geschätzten Autorinnen meines Sehnsuchtlandes. Und das obwohl kein magischer Realismus am Wirken ist. Viel mehr zeigt Kawakami das wahre Leben. Dabei geht sie äußerst feinfühlig und mitreißend vor wie auch in ihrem neuen Roman, der 2025 das Feuilleton des Spiegels mehr als überzeugt, und ihm den 5. Platz des Spiegel Buchpreises verliehen hat.

Im Zentrum steht die vierzigjährige Hana. Als sie auf einen Zeitungsartikel über eine Freundin stößt, erwachen die Erinnerungen an ihre jüngeren Tage mit Kimiko - eine Freundin der Mutter, die sich in den Sommerferien dem Mädchen angenommen hat, nachdem die Mutter einfach verschwunden war.

Hana wächst in prekären Verhältnissen auf. Die Mutter hangelt sich von verschiedenen Jobs zum nächsten, wechselt ihre Partner. Da kommt Kimiko wie gerufen. Die beiden verleben eine wunderbare Sommerzeit. Doch als die Mutter wiederkehrt, bleibt Kimiko verschwunden. Erst als junge Frau trifft Hana diese zufällig wieder. Dieses Mal bleiben sie zusammen. Schöner noch: Sie übernehmen eine Bar und nennen sie „Lemon“. Denn die Farbe Gelb steht für Geld und Wohlstand. Feng-Shui spielt hier eine besondere Rolle.

Die beiden bleiben nicht allein, später gesellen sich noch Momoko und Ran dazu, weitere verlorene Seelen, die ein Haus beziehen. Als alles perfekt scheint, schlägt das Schicksal zu. Bämm!

Dieses Buch zeigt das andere Japan. Kawakami lichtet die eher verborgene Welt ab, die der Benachteiligten. „Geld ist Macht, Armut ist Gewalt“ heißt es an einer Stelle, so wahr, sind die nachfolgenden Worte. Bemerkenswert ist die Wandlung der Figur Hana wie die Geschichte. Also genießen Sie jede warme Seite, denn es könnte die letzte sein, und dies dafür Ihr erstes Highlight 2026 werden.

Das gelbe Haus

von Mieko Kawakami

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Wie man einen Yeti findet
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Wollten wir nicht alle schonmal einen Yeti finden? Ob klein oder groß, diese Wesen faszinieren uns alle! Das hat sich auch Matt Hunt gedacht. Und uns einen großen Bilderbuchspaß geschenkt. Darin erzählt er genau das – die Suche nach einem Yeti. Ein kleiner Junge packt seinen Rucksack und macht sich mit seinem Hund auf den Weg, um dieses sagenumwobene Wesen zu finden. Der Junge sieht sich las ausgewiesener Experte, schließlich hat er sich aus der Bücherei ganze siebenundzwanzig Bücher über den Yeti geholt, sie eingehend studiert.

So laufen wir mit dem kleinen Helden während seiner Suche durch den Schnee und erleben wir ein kleines Wunder aus Bildern. Um tatsächlich dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Raffiniert und fantasievoll sind die Illustrationen, auf denen man herrlich viel entdecken kann. Und das Ende ist furios!

Wie man einen Yeti findet

von Matt Hunt

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Winter
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Dieses Kochbuch enthält das einfachste Rezept für die fabelhaftesten Brownies und dem besten Pizzateig, der bereits bei der Herstellung glücklich macht. Denn er ist derart geschmeidig. Aber das ist noch nicht alles, was sich in diesem wunderbaren Kochbuch verbirgt. Sarah Hassert liefert uns obendrein tolle Geschichten über Bräuche wie den Barbaratag - ein kirchlicher Festtag zu Ehren der heiligen Barbara von Nikomedien in der heutigen Türkei. Ihr zu Ehren gibt es am 4. Dezember immer einen Mändelchenpudding. Dafür bedarf es nicht viele Zutaten: Milch, eine Vanilleschote, ein paar Tropfen Mandelaroma, Zucker, Eigelb, Zucker, Mandelsplitter und Speisestärke.

Dank Sarah Hassert weiß ich, dass der Kürbis im Backofen am besten aufgehoben ist, bevor man ihn weiterverarbeitet. Wer wie ich gern Angebote shoppt und plötzlich zu viel Gemüse im Kühlschrank hat, dem wirft Sarah einen Rettungsanker zu. Neben leichten Alltagsgerichten finden sich köstliche und feierliche Anregungen wie „Hansas Mess“. Auch schön ist der Spaziergang durch alle Wintermonate – von Oktober bis April.

Die Hamburger Autorin liebt nicht nur gute Literatur, kulinarisch-feine Gaumenfreuden - auch die Kultur des Essens ist ihr eine Herzensangelegenheit. Das spüre ich mit jeder Seite und kann nicht lange an mich halten. Vor allem durch die stilvollen und atmosphärischen Fotos von Jule Kiefer werde ich angeregt, sofort loslegen zu wollen. So fühlt man sich mit diesem Kochbuch gut aufgehoben im grauen nordischen nasskalten Winter.

Winter

von Saint John Studio, John Saint

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Das Jahr voller Bücher und Wunder
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Achtung: Dieses Buch ist überhaupt nicht kitschig! Der Goldmann Verlag hat sich wohl gedacht: Wir gestalten das Buch wie "Der verschwundene Buchladen" von Evie Woods und dann läuft das schon. Aber ganz so easy ist es dann doch nicht. Glücklicherweise haben Sie uns: Ihre literarischen Vorkoster!

Libby Page ist für mich keine unbekannte Autorin. Die Engländerin hat mich seinerzeit mit ihrem Roman "Schwimmen mit Rosemary" begeistert. Auch in diesem Roman verbindet sie schwere Themen mit der Leichtigkeit des schönen Zufalls und den richtigen Menschen, die genau in unser Leben treten, wenn wir sie brauchen. In Tillys Fall ist es Alfie. Der Buchhändler ruft die junge Frau im Januar an ihrem Geburtstag zu Hause an und verkündet, er hätte ein Geschenk für sie. Von ihrem Mann Joe, der vor einem halben Jahr verstorben ist. Nur widerwillig macht sich die Lektorin auf den Weg zur Book Lane Buchhandlung. Aber wie gut, dass sie dies getan hat, denn was folgt, sind eine Vielzahl von wunderbaren Momenten, die nicht nur duch das Lesen entstehen, denn Joe hat jedem Buch und eine kleine Challenge dazu gelegt. Und langsam gewinnt unsere traurige Tilly immer mehr Lebenskraft und wieder zu sich selbst. Mehr noch: Sie wächst über sich hinaus.

Und noch etwas ist magisch: Was hat Joe nur für ein Feingespür für Bücher! Dass Alfie seine Finger im Spiel hat, ahne ich schnell. Und doch finde ich diese Tatsache nicht wirklich überraschend. Viel mehr fühle ich mich darin bestätigt, warum ich meinen Beruf so liebe. Weil wir mitunter wahre Wunder vollbringen können!

PS: Sollten Sie überlegen, ein Buchabo zu verschenken, dann verbinden Sie dieses mit diesem wunderbaren Buch. "Schokolade für die Seele" steht auf dem Klappentext. Und das wiederum ist so was von wahr!

Das Jahr voller Bücher und Wunder

von Libby Page

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Marie des Brebis
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Dieses Buch ist eine Rarität und Hommage an das einfache Glück. Egal, mit wem ich darüber spreche, stets leuchten die Augen wie Sterne. Und das nicht ohne Grund. Marie des Brebis ist eine bemerkenswerte Frau, die mich mit ihrem Durchhaltevermögen an Henning Sußebachs Urgroßmutter Anna erinnert, der er mit seinem ebenfalls grandiosen Buch "Anne oder: Was von einem Leben bleibt" ein Denkmal gesetzt hat. Gleiches hat der Autor Christian Signol vollbracht.

Marie wird von ihrer Mutter ausgesetzt, sie hat ihr Baby in eine Wolldecke gehüllt und zu den Schafen gelegt. Als der Hirte Johannes das Findelkind entdeckt, nimmt er sich diesem an. Das gefällt dem Bauer nicht, der meint, das Kind gehöre ins Waisenhaus. Also packt Johannes seine Sachen und zieht mit Marie über die Causses, das französische Hochland ist ihm wohlvertraut, der eigensinnige Mann, der auch mit dem Mond spricht, ist mir sofort sympathisch. Die beiden landen schließlich auf einem Hof, der von Augustine und Alexis betrieben wird. Die Frau liebt Kinder, konnte aber nie welche bekommen. Und dann wird es für uns alle sehr warm.

Wenngleich das Leben Anfang des vorherigen Jahrhunderts kein leichtes ist, auf dem Land noch weniger. Aber Marie ist ein Mensch, der das kleine einfache Glück sieht, und zu schätzen weiß, wie das warme frische Brot. "Lange habe ich nach dem Grund gesucht, und heute weiß ich, dass wir nur richtig glücklich sind, wenn die Zeit stillsteht. Ganz einfach, weil unser eigentliches Wesen, unsere ewige Seele, wiederum zum Vorschein kommt und uns mit echter Freude erfüllt."

Die Zeit steht bei der Lektüre wirklich still. Vergessen sind die Aufregungen des Alltags und die Unruhe in unserer Welt. Marie des Brebis führt uns genau dorthin, wo wir eins sind mit uns und den Buchstaben, die so viel Schönes erzählen und uns lange lächeln lassen.

Marie des Brebis

von Christian Signol

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Es düst ein Rentier durch den Schnee
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Finn und Frieda sind zurück! Yeah! Das Vorweihnachtszeit und Weihnachtsfest sind gerettet. Im vergangenen Jahr war der 1. Band lange vor Weihnachten nicht mehr lieferbar, deshalb kennen sie diese Reihe vielleicht nicht. Aber 2025 gibt's beide und man kann sie natürlich unabhängig von einander lesen.

Flinn ist ein Rentier vom Weihnachtsmann, der in diesem Jahr am 1. Weihnachtsabend per Express direkt vom Weihnachtsmann an Familie Winterwald verschickt wurde. Flinn hat ein Trauma. Nachdem der Weihnachtsmann bei einem Überflug eine Bruchlandung hingelegt hat, hat Flinn Angst vor der Höhe und der Geschwindigkeit. Na, wie passend, dass die Familie am 2. Weihnachtstag in die Berge reisen will. Über ein Wochenende. Aber es wird noch besser. Der Herr Weihnachtsmann hat gleich eine ganze Woche für alle gebucht. Da kann Frieda nicht nur ihren neuen Superspeed-Poposchneeflitzer einweihen, sondern jetzt mit ihrem geliebten Flinni die Piste unsicher machen...

"Es düst ein Rentier durch den Schnee" und "Es niest ein Rentier durch die Tür" ist ein großer Lesespaß für die ganze Familie! Nicht nur wegen der hinreißenden Illustrationen von Susanne Göhlich. Smilla Blau schreibt frech, aus dem Kopf eines kleinen Mädchens und hat noch etwas gemacht: Flinn einen Sprachfehler verpasst. Schokokuchen spricht Flinn als "Fokokuchen", "Birne läcka" und "Faumbad fpitfe!"

Vorlesespaß ab 5 Jahre.

Es düst ein Rentier durch den Schnee

von Smilla Blau

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Der brennende Garten
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Ich kannte Sri Lanka bisher als beliebtes Reiseziel. Doch der Bürgerkrieg war mir weniger vertraut. Gut, ich war beim Beginn noch sehr klein, lebte in einem Land, das alles andere als frei war. Aber jetzt nach V.V. Ganeshananthans Roman bin ich schlauer. "Der brennende Garten" hat mir wieder gezeigt, warum ich lese. Nicht nur, um abzutauchen. Sondern, weil ich dabei fremde Lebenswelten kennenlernen kann.

Wir begleiten Sashi, eine junge Frau, die mit ihren vier Brüdern und Eltern in Jaffna auf Sri Lanka ein gutes Leben führt, bis der Bürgerkrieg ausbricht. Die Tigers, tamilistische Seperatisten, stehen den regierungsnahen Singhalesen gegenüber. Es gibt Überfälle, zahlreiche unschuldige junge Männer werden von der Regierung festgenommen, ohne, dass sie etwas gemacht haben. Tiger bildet in Indien Krieger aus, rächt sich, und tötet dann selbst.

In diesen Konflikt schlittert unsere Ich-Erzählerin mit ihren Brüdern, die sich teils den Tigern anschließen. Ich erlebe eine junge Frau, die hin- und hergerissen ist. Einerseits will sie Ärztin werden, und beginnt ihr Medizinstudium. Andererseits will sie helfen. Als ein guter Freund K. an sie herantritt, und fragt, ob sie im Tiger-Lazarett Verwundete, auch Zivilisten, verarzten will, braucht sie nicht lange für ihre Antwort. Und doch steht die junge Frau bald zwischen den Fronten. Denn ihr Studium leidet unter diesem Einsatz. Und überhaupt will sie keinen Krieg. Doch es ist nicht alles finster, denn Sashi trifft auf Menschen wie ihre Professorin Anjali Acca, die sie durch ihre Denkweise und Zuwendung auffangen wie gute Bücher. Gelesen wird hier übrigens viel.

V.V. Ganeshananthan schreibt in einem ruhigen Ton eine aufwühlende Geschichte. Manchen Lesenden war einiges zu ausführlich auserzählt, ich habe indes jede Seite verschlungen, und nichts überblättert. Die innere Zerrissenheit der Heldin habe ich mit jedem Atemzug so sehr gefühlt wie den Konflikt, der die Familie bis ans Äußerste führt. Für mich bleibt dieses eindringliche und preisgekrönte Buch noch lange im Herzen. Ja, viel mehr noch: Es ist ein Highlight in diesem Lesejahr, das ich meiner lieben Kollegin Sarah O'Connor zu verdanken habe. So hat meine Kollegin die Women's Prize for Fiction 2024 bereits im Original gelesen, bevor es Sophie Zeitz ins Deutsche übertragen hat.

Der brennende Garten

von V. V. Ganeshananthan

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Zwei in einem Leben
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Es gibt ja aktuell nicht wenige Bücher über die Wechseljahre und die Mitte des Lebens. Aber wie viele Romane erzählen über die Liebe in mittleren Jahren? Ob David Nicholls den gleichen Gedanken bei der Idee seines neuen Romans hatte, weiß ich nicht. Was ich jedoch mit Gewissheit sagen kann: Dieser Autor steht Zeit seines Schriftstellerlebens im Schatten seines großen Welterfolgs „Zwei an einem Tag“. Schade. Denn „Zwei in einem Leben“ ist wiederholt allerbester Lesegenuss!

Im Mittelpunkt steht Marnie, die in London lebt und als freischaffende Lektorin und Korrektorin arbeitet. Marnie war verheiratet, ist Ende 30 und hat sich in ihrem Nest verkrochen. Marnies Freundin Cleo hat schon mehrere Male versucht, sie aus ihrem Igelversteck hervorzulocken. Vergeblich. Doch jetzt steht eine dreitägige Wandertour an und Marnie hat – oh Wunder! - zugesagt. Neues Jahr, neue Vorhaben! So stattet sie sich mit einer Wanderrüstung aus, setzt sich in den Zug. Als Michael die Großstadtpflanze erspäht, fällt ihm sofort auf, dass ihr Rucksack zu groß ist, und die Riemen zu lang sind. Michael ist die andere Figur in dieser Geschichte. Geographielehrer und leidenschaftlicher Wanderer, Anfang 40, frisch getrennt von seiner Frau.

Michael liebt es zu wandern, Marnie hasst es. Und doch öffnet sie sich und trotzt dem Regen. Den beiden zu folgen, ist absolut hinreißend. David Nicholls schreibt gewohnt charmant, unterhaltend, und streut gleichsam interessante Gedanken ein, in denen sich vor allem Singles wiederfinden, aber auch glücklich Vergebene trifft der Brite mitten ins Herz, und das gelingt ihm ohne Kitsch dafür mit Feinsinn und großer Empathie.

„Zwei in einem Leben“ ist so vieles: Eine atmosphärische Wandertour durch England, die Geschichte von zwei einsamen Menschen in den mittleren Jahren und eine Liebesgeschichte. Wirklich? Nun, das sollten Sie selbst herausfinden. Der Roman ist Eskapismus im allerfeinsten Sinne, sehr authentisch und beglückend! Das findet übrigens auch Jojo Moyes und der Independent schreibt: „Nicholls bester Roman“. Dem kann ich wahrlich nichts hinzufügen.

Zwei in einem Leben

von David Nicholls

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Sterben lernen auf Japanisch
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Der Tod ist ein Bestandteil von Milena Michiko Flasars Büchern. Doch sie differenziert zwischen ihren Geschichten und dem wirklichen Leben. Ende 2024 begibt sich die japanisch-österreichische Autorin nach Japan, um im Urlaub ihre Familie zu besuchen. Das Thema des zerbrechlichen Lebens und des Todes reist mit ihr.

Als geradezu magisch empfinde ich es, dass Milena im Flugzeug eine Kurzgeschichte ("Thailand") von Haruki Murakami liest. Das sagt die Geistheilerin zur Protagonistin: "From now on, little by little, you should prepare yourself to face death. If you devote all your future energy to living, you will not to be able to die will." Während sie diese wahren Worte liest, sieht sie, wie klein und zerbrechlich das Flugzeug ist. Wie das Leben selbst. Nur wollen wir es uns nicht eingestehen. Wir blenden den Tod aus, und sind erschrocken, wenn er eintrifft. Sie vergleicht die Geburt mit dem Tod. Man wird geboren, aber man stirbt aktiv. Nur lernen wir ihn nicht wirklich. Die Lehrpläne haben ihn nicht auf der Agenda. "Aber wir lernen doch sonst so vieles. [...] Vielleicht, weil der Tod etwas Einmaliges ist."

Die Japaner:innen haben eine besondere Beziehung zum fragilen Leben und dem Sterben. Das Land liegt auf dem "Pazifischen Feuerring". Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass es in den nächsten Jahren ein gewaltiges Erdbeben mit über "200.000 Toten geben wird". Von Kindheit an wird allen beigebracht, wie sie sich in solchem Fall verhalten müssen. Es gibt Vorsichtsmaßnahmen, aber auch Rituale und lebenskluge Haikus, an denen wir uns festhalten können, und die für mich die japanische Literatur wie Kultur zu etwas Außergewöhnlichen macht.

Die teilt die Autorin mit uns auf ihrem Weg. "When it comes - just so! When it go - just so" schrieb Musho Josho, ein Zen Mönch im 14. Jahrhundert.

Wir beginnen in Osaka, treffen dort auf jugendliche Ausreißer - die "Guri Shita Kids". 30.000 Obdachlose zählt Japan, zunehmend Jugendliche, die sich für ein Leben auf der Straße entscheiden. Danach reisen wir weiter nach Tsuyama, wo ihre Tante mit elf Katzen lebt. Nur knapp ist sie dem Tod entkommen, dem sogenannten "Kodokushi", den Tod der Alleinstehenden, der Bestandteil ihres Buches "Oben Erden, unten Himmel ist". Gleichwohl denkt sie an den erst kürzlich verstorbenen Vater. Wie es ist, dem Tod vor sich zu sehen, nichts mehr zu Wollen und Können, schildert sie eindringlich, bevor ihr an MS erkrankter Vater seinen letzten Atem ausgehaucht hat.

"Sterben lernen auf Japanisch" ist so vieles in einem. Ein ganz persönlicher Reisebericht durch Japan, der uns in die Riten einführt wie der unperfekten Wabi-Sabi-Ästhetik, die das Hinfallen verdeutlicht. Das Buch blickt dem Tod mutig, würdig und elegant ins Gesicht. Er wird dadurch nicht kleiner, aber wie heilsam Worte sein können, wissen wir alle. Die picken wir mit diesem Essay auf, der beim neugegründeten unabhängigen Verlag "Wasser Publishin" erschienen ist. Sie sehen hier nur die eBook-Variante, aber wir haben das Werk auch klassisch als Buch vorrätig.

Sterben lernen auf Japanisch

von Milena Michiko FlaSar

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Einer reist mit
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Heutzutage ist eine Fahrt mit der Deutschen Bahn fast aufregender als ein Trip durch Indien. Stets taucht das Wort Verspätung oder Ausfall auf. Aber verzagen Sie bei der nächsten Zugreise nicht, und haben Sie dieses Buch parat. Dann wird ihr Grummeln verstummen, das Lachen aus ihrem Rachen um so lauter.

Anne Serre ist "eine veritable Entdeckung" - schreibt Meike Feßmann über die mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Autorin. Dem kann ich nur zustimmen. Nachdem mich Anne Serrre mit den filmreifen "Governanten" tief beeindruckt hat, wurde sie für mich zu einer Wiederholungstäterin in Sachen herausragender Literatur. Bereits der Einstieg versetzt meine Glückshormone in Partystimmung. Die Erzählerin plaudert offenherzig: "Ich stehe nicht gern früh auf. Seit nunmehr zehn Jahren bleibe ich so lange liegen, wie ich möchte, gut und gern bis neun, aber vor allem schätze ich einen ruhigen Vormittag ohne jede Störung."

Ungünstigerweise muss die Autorin jetzt früh hoch, da sie eine Einladung zu einem Literaturfestival in Montauban erreicht hat. Die Ich-Erzählerin überlegt abzusagen, geht im Geiste verschiedene Ausreden durch, wie so oft bei Auftritten, aber unsere Heldin tritt die Reise mutig an. Und begegnet am Pariser Bahnhof eine Autorin-Freundin. Wiedersehensfreude einerseits, andererseits wird wohl jetzt wohl nichts mit der Ruhe. Trotzdem bleibt auf der siebenstündigen Fahrt ausreichend Zeit für Beoachtungen und Gedanken, und gerade Letztere haben es mitunter in sich. Sie werden sogar leicht magisch, als die Autorin plötzlich ihren spanischen Lieblingsautor Enrique Vila-Matas entdeckt, und mit ihm anfängt zu plaudern.

Gleichzeitig lässt uns die Autorin an ihrem Leben als Schriftstellerin teilhaben. Sie erzählt von den Anspannungen vor öffentlichen Auftreten, überlegt, wie ihr in Montauban der Zustand konzentriertem Präsens gelingen kann. Dafür müsse sie sich "umdrehen, umstülpen, als wäre man ein Handschuh."
Als ebenso bemerkenswert erweisen sich die Gedanken über Autoren wie Franz Kafka, Thomas Bernhard, Marcel Proust, Robert Walser, und andere. Hat man diese noch nicht gelesen oder lange nicht, nach dem Buch will man es unbedingt oder gern wieder.

"Einer reist mit" ist ein literarischer Glücksgriff - und ich stehe mit der Feststellung nicht allein da. Schauen Sie mal bei Perlentaucher vorbei. Hinreißend sind die Einfälle, erfrischend, charmant und erhellend die Sprache wie die Reflexionen zu so vielem. Das Buch ist eine große Liebeserklärung an die Literatur, ihre Schöpfer:innen, dem Zauber des Unterwegsseins und eine großartige wie fantastische Lektüre.

Übrigens passt das Buch perfekt in die Handtasche. Ist das Magie oder berechnet? Ich weiß es nicht. Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann: Dieser Roman ist ein großer Gewinn, herausgegeben von einem unabhängigen Verlag, der in den Ruhestand gegangen ist. Also kaufen Sie dieses Buch, so lange es noch lieferbar ist! Lesen Sie es mit Freude und verschenken Sie es. Man wird es Ihnen danken. Davon ist auszugehen wie die nächste Zugverspätung.

Einer reist mit

von Anne Serre

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Mama & Sam
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

„Wie kann man nur so dämlich sein? Das ist doch offensichtlich!“ So oder ähnlich heißt es, wenn wir von Love Scammer-Opfern erfahren. Aber wie ist es überhaupt möglich, dass Menschen ihr gesamtes Vermögen an jemanden abtreten, den sie nie persönlich getroffen haben? Davon erzählt Sarah Kuttners neues autofiktionales Buch „Mama & Sam“.

Nach dem Tod der Mutter findet die Ich-Erzählerin heraus, dass ihre Mutter 104.000 Euro an einen Love Scammer abgegeben hat, meist unter enormen Aufwand, dieses aufzuspüren. Mir ist immer noch ganz schlecht, wenn ich daran zurückdenke.

Die Erzählerin bezeichnet sich selbst als Kinderdetektivin und versucht mit der Zeit im Rücken, dieses Unfassbare bis zur Bestattung aufzudecken. Dabei folge ich fassungslos dem Chatverlauf zwischen der Mutter und Sam Heughan, ein berühmter Schauspieler, so gibt er sich aus.
An vielen Stellen denke ich, dass ist doch gelogen! Sieht sie das nicht?! Aber ich stecke nicht in der Haut der Frau, die lange schon einsam ist und in Sam ihre große Liebe findet.

„Mutter & Sam“ hat eine große Brisanz, zeigt das Ausmaß und damit verbunden die fatalen Verbrechen der Herzen. Obendrein enthält Sarahs Buch eine eine wichtige Botschaft: Nicht aufs Recht pochen, sondern mit den Betroffenen mitgehen, so schwer es auch sein mag. Es gibt im Anhang noch Adressen.

„Mama & Sam“ versprüht trotz aller Eindringlichkeit den fluffigen und liebenswerten Charme der Autorin. Zudem ist es ein aufrichtiges Buch über eine angespannte Mutter-Tochter-Beziehung, das Spuren hinterlässt.

Mama & Sam

von Sarah Kuttner

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Wenn die Sonne untergeht
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Florian Illies zu lesen, ist wie nach Hause zu kommen. Man weiß, was einen erwartet und es fühlt sich verdammt gut an. Gut, Illies ist noch ein bisschen besser. Wie schon vor zwei Jahren nutzt der Autor das Jubiläum eines bekannten Mannes. Während sich das Thomas Mann Jahr allmählich dem Ende neigt, schenkt uns der S. Fischer Verlag mit seinem Erfolgsautor ein abschließend berauschendes Feuerwerk. Denn so empfinde ich "Wenn die Sonne untergeht - Familie Mann in Sanary".

Wir schreiben das Jahr 1933, in dem die Machtergreifung Hitlers einsetzt. Damit folgt auch eine Fluchtbewegung der Intellektuellen, Künstler:innen sowie den Autor:innen ein, die ahnen, was da passieren könnte und schließlich ja auch eintrifft. Aus einer Reise nach Amsterdam, geht es für Katja und Thomas Mann weiter über die Schweiz und endet schließlich in Frankreich, in Sanary sur Mer. Bis alle Mann-Schäfchen dort angekommen sind, erleben wir eine aufregende Reise, die übrigens genauso spannend ist wie die nachgeschickten und nicht ankommenden Tagebücher von Thomas Mann. Während sich alle mit der Situation anfreunden, hadert der große Meister, bezieht keine Stellung. Immerhin pocht die deutsche Kultur noch im Herzen des Nobelpreisträgers. Aus dem Zauberer wird sozusagen ein Zauderer, der durchzogen wird von einer dunklen Melancholie. Einzig Tolstois "Krieg und Frieden" erschafft ihm eine Atempause aus dem finsteren Tal.

In Sanary treffen die Manns auf weitere Exilanten, die Feuchtwangers, die Zweigs und weitere bekannte Persönlichkeiten. Als Leserin flaniere ich mit leuchtenden Augen durch die luftigen leichten Zeilen des schreibenden Chrononisten, der wieder einmal mehr als nur ein Sachbuch verfasst hat. So empfinde ich das Buch als großen Familienroman. Und wissen Sie, was das Schöne ist? Ich sehe sie alle leibhaftig vor mir. Dank Illies natürlich, aber durch die fantastischen Verfilmung "Die Manns" von Heinrich Breloer, die ich mittlerweile schon etliche Male gesehen habe.

Folgen Sie dem Feuerwerk und vertrauen Sie unserem must-read November. Wir wissen, was gut ist und gut tut.

Wenn die Sonne untergeht

von Florian Illies

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Stories
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Ich habe diese spektakuläre Kurzgeschichtensammlung noch gar nicht aufgeschlagen und schon strahlt sie mich an wie eine weiße Wand, die das Sonnenlicht reflektiert. Denn auf dem Umschlag feiern große Namen wie Lauren Groff, Raymond Carver, Bret Easton Ellis und Don DeLillo ihre amerikanische Kollegin. Auch hierzulande überschlugen sich kurz nach Erscheinen die Feuilletons über das Werk der Autorin mit der Sonnenbrille. Da war mein literarischer Jagdinstinkt natürlich sofort entfacht. Als große Freundin von Kurzgeschichten sowieso. Und jetzt? Bin ich verstört und begeistert gleichermaßen.

Wie das? Nun, die Geschichten haben es wahrlich in sich. Williams lichtet das Leben ab, sie erzählt von den kleinen und größeren Dramen unterschiedlicher Menschen - von gewöhnlichen bis hin zu nun ja, außergewöhnlichen. Gleich eingangs erlebe ich die zu Herzen gehende Geschichte eines Predigers - dessen Frau liegt mit einer Bluterkrankung im Krankenhaus. Während sich seine Tochter selbst finden will, hat sie ihren Eltern ihre kleine Tochter anvertraut. So pendelt der Mann zwischen der Angst, seine Frau zu verlieren, und dem Glück, das ihm seine kleine Enkelin beschert.

Oder die Zusammenkunft verschiedener Mütter, deren Kinder im Gefängnis sitzen. Durch Zufall ziehen sie alle in die gleiche Gegend. Sie fühlen sich schuldig, und suchen einen Weg damit zu leben. Ebenso bemerkenswert ist die Geschichte eines Liebespaars. Dwight wusste schon mit 25 Jahren, dass er das Baby eines Tages heiraten wird. Wie? Ja! Und so kommt es. Und noch etwas passiert in „Rost“. Dwight kauft sich und Lucy einen schwarzen Ford Thunderbird, der fast auseinanderfällt, aber Dwight hat die Lösung. Und was für eine! Ob eine Schlange die Veränderung des Lebens bewirken kann? Dieser Frage spürt Williams in „Lu-Lu“ nach.

Das sind mitunter beunruhigende, verstörende und komische wie berührende Geschichten. Sie bleiben auf der Netzhaut haften und hinterlassen ein unterschwelliges Surren im Kopf. „Stories“ ist keine Feelgood-Lektüre. Aber das muss Literatur ja nicht immer sein. Glücklicherweise streut Williams besondere Aufheller in ihre Erzählungen. Wunderschöne Bilder oder Sätze, über die man stolpert, weil man plötzlich lachen muss oder solche, die einen still werden lassen: „Sie dachte, dass jeder Mensch jeden Augenblick kurz vor der Ewigkeit steht und die Wege, diese Welt zu verlassen, zahllos und oft unvorhersehbar sind.“

Die Lobeshymnen sind so wahr wie das Grün auf den Blättern der Bäume. Joy Williams ist wirklich die „strahlende Großmeisterin der Kurzgeschichte“ wie es Lauren Groff treffend formuliert. Eine große und beeindruckende Entdeckung und ein Must Read für alle Fans der kurzen Erzählform.

Stories

von Joy Williams

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Blue Sisters
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Endlich ist das neue Buch von Coco Mellors in der deutschen Übersetzung von Lisa Kögeböhn beim Eichborn Verlag erschienen. Ich bin sofort in der Geschichte gefangen. Wie bereits in „Cleopatra und Frankenstein“ zieht mich der mitreißende Erzählstil vollkommen mit.

In ihrem neuen Roman dreht sich alles um die drei Schwestern: Lucky, Bonny und Avery. Genau vor einem Jahr ist ihre Schwester Nicky an einer Überdosis Tabletten gestorben. Als wäre das Datum nicht schon furchtbar genug, will ihre Mutter die New Yorker Wohnung jetzt verkaufen, in der Nicky zuletzt gelebt hat. Und das obwohl Avery die laufenden Kosten trägt. Und jetzt? Noch etwas brummt zwischen den Seiten wie ein nicht enden wollender Kopfschmerz: Die Narben der drei Schwestern, die immer noch pulsieren. Können sie sich gemeinsam retten?

Mellors holt alles hervor, was wehtut: Trauer, Sucht, ungesunde Fluchtaktionen, schwierige Eltern und Verletzungen, die nicht einfach heilen wollen. Doch sie können es, das zeigt uns die Autorin mit ihrem unverwechselbaren Stil aus Leichtigkeit und Tiefe. Ein lautes wie stilles Buch, das man am Ende mit einem glücklichen Seufzer zuschlägt.“

Blue Sisters

von Coco Mellors

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Haus zur Sonne
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Das große Deutsche Buchpreis Finale längst Geschichte, doch die nominierten Bücher atmen weiter. Das ist gut und notwendig. So möchte ich Ihnen meinen Favoriten präsentieren: "Haus zur Sonne" von Thomas Melle. Das Buch hat mich tief beeindruckt, auch dank der grandionsen Hörbuchfassung, die von Jens Harzer brillant vorgetragen wurde. Nicht nur deshalb möchte ich es vorstellen. Sondern stellvertretend für die Menschen, die diese dunklen Phasen kennen. Es ist wichtig, dass seelische Krankheiten in unserer Gesellschaft gesehen und anerkannt werden. Wie viele scheuen sich noch davor, zuzugeben, dass sie an einer Depression leiden. Jeder hat mal schlechte Tage, sagen manche. Aber diese Krankheit geht tiefer. Schlimmer noch ist eine bipolare Störung.

Von der unser Ich-Erzähler betroffen ist. Er hat sich viel aufgebaut und wieder zerstört. Jetzt will er nicht mehr, und hat die Zusage für das "Haus zur Sonne" erhalten. Ein Ort, an dem Menschen, die sich für den Freitod entschieden haben, ihre letzten Wochen verbringen. Plötzlich ist unser Held nicht mehr isoliert, sondern eins mit den anderen: "Wirklich seltsam und unheimlich, in diesem Haus voller Zeit mit Menschen ohne Zukunft zu leben! Ich war nur einer von ihnen, und mein Schicksal war nicht wichtig."

Diese Institution ermöglicht seinen Klienten u.a. Reisen in Situationen, die sie gern wollen. Mal ein berühmter Star werden oder ein anderes Leben führen. Doch manchmal hakt selbst dieses System. Das sorgt für Unruhe, ebenfalls bei unserem Erzähler, der - je länger er dort ist - mehr bei sich ankommt, bis eines Tages ein Gedanke auftaucht...

"Haus zur Sonne" blickt in die dunklen Täler der Seele. Das erfordert eine Offenheit und gefestigte Stimmung. Trotz der Finsternis leuchtet der Roman durch äußerst lebenskluge, offenherzige Betrachtungen. Zudem ist er stilistisch fein justiert, zeigt das Innenleben eines bipolaren Menschen und fungiert als Sprachrohr für diejenigen, die nicht schlecht drauf, sondern ernsthaft erkrankt sind. Davor verneige ich mich. Ich wünsche dem Buch weitere mutige Lesende, und den Erkrankten alles erdenklich Gute!

Haus zur Sonne

von Thomas Melle

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Der Hase im Mond
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

Mitarbeiterin bei stories!

Ich hatte das große Glück, Milena Michiko Flašar persönlich zu interviewen. Den Coffeetalk finden Sie auf unserer Startseite. Lange schon bewundere ich ihr literarisches Schreiben. "Ich nannte ihn Krawatte" habe ich seinerzeit mit so vielen anderen gefeiert. Das Debüt verkaufte sich über 100.000 Mal und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Danach folgten zwei weitere lesenswerte Romane "Herr Kato spielt Familie" und "Oben Erde, unten Himmel". Und jetzt "Der Hase im Mond".

Hier ist etwas anders. Zum einen hat sich die japanisch-österreichische Autorin für Erzählungen erschienen. Zum anderen blitzen sie durch eine von mir geschätzte japanische Zutat in meinen Augäpfeln hervor: magischer Realismus. Jede Geschichte hat es wahrlich in sich. Sie kommen ruhig daher, und plötzlich reißt etwas auf und ich schlage die Hände über die Augen. Kann nicht sein!? Oder doch?

Ich denke an die erste Geschichte "Die Füchsin". Ein angesehender Autor trifft auf seinem Heimweg auf eine weinende Frau. Der bescheidene kleine Fukuda kommt gerade angetrunken von einer Verlagsparty, als er das traurige Etwas aufsammelt und mit sich nach Hause nimmt. "Zum Weinen", schreibt die Autorin, "braucht es ein Dach über dem Kopf." Tut das gut? Oh ja!

Zwischen den beiden passiert natürlich mehr. Dann ereignen sich seltsame Dinge... die ich hier nicht ausführen möchte. Ebenso bemerkenswert ist die Erzählung über den ruhigen Kalligraphie-Meister, der stets auf Achtsamkeit, gutes Essen und Zen bedacht ist. Doch dann eines Abends macht ein Schüler von ihm eine unglaubliche Entdeckung und stürzt ihn in eine Krise.

Unwirklich ist "Hawaiian Dreams". Hier begegnen wir einem Ehepaar, das kurz vor der Trennung steht. Akiko und Nubo haben sich auseinandergelebt, schlafen sogar in getrennten Betten. Aber als Nobu auf dem Balkon durch sein Fernrohr in dem gegenüberliegenden Haus das Spiegelbild seiner Frau entdeckt, gerät das Leben der beiden aus den Fugen. Wer ist diese Frau? Akiko selbst?

Für mich ist "Der Hase im Mond" ein Buch der Wandlungen und das in vielfältiger Form. Absolut fantastisch und beeindruckend schön!

Der Hase im Mond

von Milena Michiko Flašar

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