Simone Finkenwirth
Mitarbeiterin bei stories!
„Man muss sich erlauben, der Mensch zu sein, der man sein will.“ Dieser kluge Satz von Elena Fischer hängt immer noch in meinem Kopf wie ein liebgewonnenes Kleidungsstück auf dem Wäscheständer. Er steht exemplarisch für den Kern des zweiten Romans der Autorin.
Mit „Paradise Garden“ stand die Autorin auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde vom Buchhandel als Lieblingsbuch nominiert. Das zweite Buch ist stets ein besonderes, vor allem, wenn das Debüt ein großer Wurf war.
Dieses Mal hat Elena Fischer ein anderes Setting gewählt. Einerseits macht sie einen Schritt nach hinten, setzt ihre Geschichte in die Vergangenheit, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre. Andererseits hat sie als Hauptfigur ein Mann gewählt.
Joseph beschließt am Heiligabend, sich das Leben zu nehmen. Gerade, als er abdrücken will, klingelt es an der Tür. Dort steht ein Engel. Birdie ist erschöpft und fällt geradewegs in Josephs Arme. Dieser nimmt sich der jungen Frau mit dem großen Hut und den verschissenen Klamotten an. Vergessen ist der eigene Weltschmerz. Was wir noch nicht wissen, ist Birdies Rolle: Sie wird Josephs Leitstern.
Elena Fischer wechselt die Zeitebenen, bringt Licht in Josephs scheinbar dunkles Leben und zeigt, warum er der geworden ist, der er heute ist. Was ihn mit seiner Frau Lis verbindet und was sie trennt. Sie hat ihn mit ihrem gemeinsamen Sohn verlassen. Lis war ihm einen Schritt voraus, sagt Birdie. Überhaupt Birdie, die sich selbst so nennt, weil… „Wenn man ein Vogel ist, geht einem niemand auf die Nerven. Und wenn doch, dann fliegt man einfach davon.“ Auch über ihr liegt ein dunkler Schatten, denn sie ist auf der Flucht vor den Eltern und deren Vorstellungen über ihr Leben, was sie ablehnt. Als man sie entdeckt, muss sie flüchten, und bekommt bei Josephs Freundin Ada Unterschlupf. Ada ist die vierte Komponente in diesem Kosmos - Lis‘ Schwester und womöglich noch mehr…
„Wirf ein Schatten“ ist ein Buch, das wir gerade brauchen. Eine wärmende Hommage an den Zusammenhalt, Fürsorge und an vielen Stellen sehr lebensklug wie wohltuend. Hier liegt ein Nebel aus Melancholie, und doch verhindert eine Leichtigkeit des Textes, dass wir tief fallen und vergessen, was Hoffnung ist. Ein Wintermärchen mitten im ausklingenden Sommer.