Was für ein unglaubliches Buch! Ich bin immer noch fassungslos und gleichwohl begeistert über das Debüt einer Buchhandelskollegin. Imani Thompson hat nach ihem Soziologiestudium bei 𝘋𝘢𝘶𝘯𝘵𝘉𝘰𝘰𝘬𝘴 in London gearbeitet. Ihre Hauptfigur lebt und arbeitet in Cambridge, genau dort hat die Autorin ebenfalls studiert.
Yrsa schreibt ihre Doktorarbeit über 𝘈𝘧𝘳𝘰𝘱𝘦𝘴𝘴𝘪𝘮𝘪𝘴𝘮𝘶𝘴𝘪𝘮𝘉𝘦𝘧𝘳𝘦𝘪𝘶𝘯𝘨𝘴𝘬𝘢𝘮𝘱𝘧 𝘢𝘧𝘳𝘪𝘬𝘢𝘯𝘪𝘴𝘤𝘩𝘦𝘳𝘍𝘳𝘢𝘶𝘦𝘯. Sie selbst ist die Tochter von karibischen Einwanderern und im Alltag dem Mikro-Rassismus ausgesetzt. Zudem unterrichtet Yrsa Studierende, und hat zu Beginn eine Konfrontation mit einem Studenten, die ihr später wie ein schlechter Rülpser aufstoßen wird.
Bei einem zufälligen Treffen mit einem Professor passiert etwas Erschreckendes. Als dieser von seiner Frau angerufen wird und kurz abgelenkt ist, schnippt sie eine Biene in dessen Glas. Wenn Richardson gestochen wird, wäre dies die gerechte Strafe für das, was er Yrsas Freundin angetan hat, denkt sie. Er hat eine Affäre mit Nina, war mit ihr sogar auf Recherchereise und verwendet deren Ergebnisse, präsentiert sie als seine. Das macht Yrsa natürlich wütend, zurecht. Richardson wird gestochen. Was Yrsa nicht weiß, er ist allergisch gegen Bienenstiche. Keiner sieht sie, Yrsa greift nicht ein, und lässt diesen Mann vor ihren Augen sterben. Krass!
Damit setzt Yrsa etwas in Gang. Sie spürt ein Hochgefühl, das sie fortan nicht loslassen und zu weitere Taten verleiten wird. Gut durchdacht und mit dem Wissen ihr vertrauter Soziologen und Menschen, auf die sich stets bezieht.
Imani Thompsons Antiheldin tötet nicht einfach so, sondern mit Hintergedanken. Spürt sie doch einen großen Zorn auf überhebliche, gemeine Männer und dem Rassismus. Die Autorin findet für Letzteres einen wahren erschütternden Satz: „𝘔𝘢𝘯 𝘬𝘢𝘯𝘯𝘥𝘦𝘯𝘚𝘤𝘩𝘮𝘦𝘳𝘻𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵𝘷𝘰𝘮𝘚𝘤𝘩𝘸𝘢𝘳𝘻𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘵𝘳𝘦𝘯𝘯𝘦𝘯.“
„Honey“ hat es wirklich in sich! Man könnte den Roman als reinen College-Roman mit einer Serienmörderin lesen. Doch das wäre zu flach, und würde Yrsa nicht gefallen. Ist doch jede Tat bestens vorbereitet und bekommt Rückendeckung von den großen Denker:innen, die sie in ihre Gedankengänge miteinbezieht.
„Honey“ steht exemplarisch für die sogenannte 𝘞𝘦𝘪𝘳𝘥𝘎𝘪𝘳𝘭𝘓𝘪𝘵𝘦𝘳𝘢𝘵𝘶𝘳𝘦 die man mögen muss. Ich mochte jede Seite, trotz des Unbehagens, das wie ein aufkommendes Sommergewitter kontinuierlich zunimmt und ein raffiniertes Teil dieses Gesamtkunstwerkes ist.
Ideal für Buchkreise und für junge Lesende ab 18 Jahre!