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Empfehlungen aus Romane Hardcover

Annie Robot
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Ich weiß nicht, wann mich zuletzt ein Buch derart geschockt und gleichzeitig fasziniert hat wie „Annie Robot“. Sierra Greer wurde für ihr Debüt mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichnet und holt den unabhängigen Liebeskind Verlag aus seiner Pause zurück. Wie sehr ich ihn vermisst habe, wurde mir nach der Lektüre bewusst. So passt der Roman perfekt in die DNA des Verlags.

Wir befinden uns in ferner Zukunft, in der man sich eine Androidin für verschiedene Dienste kaufen kann. Der wohlhabende Doug entscheidet sich zunächst für einen „Kuschelhasen“. Annie soll vor allem Dougs Liebesleben füllen. Und das macht sie. In regelmäßigen Abständen muss Annie zur Inspektion. Manchmal wird sie nach Dougs Wünschen angepasst. Wenn er mehr Brustumfang, dafür weniger Masse an anderen Stellen will. Dazwischen ist sie ganz für Doug da, der den „Autodidaktmodus“ einstellt, damit alles spannender wird.

Das bleibt nicht ohne Folgen, denn Annie entwickelt sich, lernt dazu. Genau das wird ihr zum Verhängnis. Als Dougs Freund Roland die beiden besucht, passiert etwas, das den Verlauf der Geschichte immens beeinflusst. Ich lese atemlos weiter und kann nicht fassen, was mich erwartet.

Sierra Greer geht der Frage nach: Wie menschlich kann eine KI sein? Annie liefert eine mögliche Antwort. Und noch mehr. Sie wird zu einem Wesen, mit dem ich mitfieberte, mitleide und tatsächlich vergesse, dass sie eine Androidin ist. Denn Annie verwandelt sich zu einem komplexen empathischen Wesen, das die toxische Beziehung mit Doug erdulden muss.

Doug will die Oberhand behalten. Die Passagen seiner Strafen sind beklemmend und nur schwer auszuhalten. Doch ich bleibe an Annies Seite, denn wir sind längst Verbündete geworden. Annie nicht zu mögen, ist schier unmöglich. Sie ist die Sonne in dem düsteren Setting und eine mutige Kämpferin.

„Annie Robot“ stößt die Tür auf zu einem Raum, aus dem ich schon jetzt viele Stimmen vernehme. Über dieses Buch wird man sprechen. Und man wird es so schnell nicht vergessen, vor allem Annie. Meine Kollegin Sarah O'Connor und ich haben bereits über dieses Buch gesprochen. Und das nicht wenig. 

Übersetzt von Stefanie Schäfer.
 

Annie Robot

von Sierra Greer

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Der Fall Ebby Freeman
Frank Menden

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Die Freemans sind eine wohlhabende Schwarze Familie - und als einzige Schwarze in einer der reichsten Gegenden Connecticuts an Aufmerksamkeit und Misstrauen gewohnt. Als der einzige Sohn bei einem Einbruch in ihr Haus ermordet wird mischt sich in die öffentliche Aufmerksamkeit und Sensationslust auch ein Funken Misstrauen: war der junge Mann nicht evtl. in gewisser Weise selbst Schuld? Als seine Schwester Ebony zwanzig Jahre später am Tag vor ihrer Hochzeit von ihrem Verlobten ohne jegliche Erklärung verlassen wird, ist dies wieder ein Fest für die Öffentlichkeit, die das Interesse an den Freemans seit dem immer noch ungelösten Mord nie verloren hat.

Ein Jahr später begegnet Ebony in Frankreich zufällig ihrem ehemaligen Verlobten mit seiner neuen Freundin - und beschließt, endlich Antworten darauf zu finden, warum das Leben ihrer Familie von Schicksalsschlägen heimgesucht wird….

„Der Fall Ebby Freeman“ in der Übersetzung von Britt Somann-Jung , erzählt eine hochspannende und thematisch vielschichtige Familiengeschichte. Es geht um Schwarze Akademikerinnen, um den Druck einer Schwarzen Oberschicht zwischen Anpassung und Individualität zu bestehen, um sensationslüsterne Medien, den Skandal einer Mischehe, um Sklaverei und die „Underground Railroad“ - und um die Bedeutung des Töpferhandwerks und kulturelles Erbe. Dabei wirkt der nicht linear erzählte Roman nie überfrachtet oder überkonstruiert, sondern entwickelt von den ersten Seiten an einen mitreißenden Sog, dem man sich nicht entziehen kann.
Hat mir ausgesprochen gut gefallen!

Der Fall Ebby Freeman

von Charmaine Wilkerson

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Lori
Frank Menden

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So beginnt „Lori“ von Anousch Mueller: Es geht um eine Familie, die geprägt ist von Geheimnissen und Tragödien. Eine Familie, die durch das Schweigen geprägt wurde, das Verschweigen der Vergangenheit, der politischen Umstände und das Verschweigen eines unermesslichen Verlustes, der nie thematisiert wurde und doch alle für ihr Leben geprägt hat.

Anousch Muellers Roman ist 205 Seiten lang, er ist kunstvoll komponiert, variiert verschiedene Zeitebenen und Perspektiven und ist trotz dieser auf den ersten Blick evtl. kompliziert wirkenden Struktur enorm zugänglich.
Ich möchte gar nicht näher auf das Buch eingehen, Deutschlankfunk Kultur gibt es ein sehr hörenswertes Interview mit der Autorin, welches einige Aspekte des Romans , darunter auch die Wahl der Handlungsorte, hervorragend beleuchtet und vertieft.

Für mich gehört dieser Roman zu den besten, eindringlichsten und berührendsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre. Und ich kann nur alle dringendst auffordern, die nächste Buchhandlung aufzusuchen, dieses Buch zu kaufen und zu lesen. Denn diese mit psychologischer Finesse erzählte Familiengeschichte zählt zu den Romanen, die man einmal gelesen nie wieder vergisst.
Vielen Dank Anousch Mueller!

Lori

von Anousch Mueller

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Tanzende Frau, blauer Hahn
Simone Finkenwirth

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Der Sommer zeigt sich gerade in voller Blüte. Da dürfen passende Bücher natürlich nicht fehlen - wie "Tanzende Frau, blauer Hahn" von der schweizerischen-rumänischen Autorin Dana Grigorcea. Ich schätze jedes Buch der Autorin, die bereits beim Bachmann-Wettlesen den 3-sat-Preis in Klagenfurt erhalten hat. Zudem war sie mit "Die nicht sterben" für den Deutschen Buchpreis nominiert und hat dafür den Schweizer Literaturpreis erhalten.

Ihr neues Werk steht verdienterweise in der aktuellen SWR Bestenliste. Hier reist die Autorin mit uns in ihre Heimat nach Rumänien einem kleinen Ort in den Karpaten. Gleich zu Beginn erfahre ich den Grund der Geschichte: Camil ist offenbar bei einem Kabeldiebstahl in Spanien ums Leben gekommen. Camil war der beste Freund der Ich-Erzählerin, die uns in ihre Kindheit mitnimmt.

Nach dem Niedergang des Ostblocks verbringt das Mädchen ihre Sommerferien bei ihrer Großmutter und Großtante in Busteni liegt sie am liebsten lesend im Garten oder ist mit Camil unterwegs. Während Roxana aus der gehobenen Schicht kommt, entstammt Camil aus der "Eisenbahnsiedlung", doch das stört die beiden überhaupt nicht. Damit zeigt die Autorin, Grenzen gibt es nur im Kopf, aber nicht im Herzen.

Um sie herum eröffnen sich verschiedene Lebens- und Liebesgeschichten. Da ist die Anwältin aus Bukarest, die ihren kranken Mann pflegt. Als in ihrem Haus plötzlich ein Kirschbaum wächst, ist die Aufregung groß. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich schreibe: Es hat die Geschichte tatsächlich gegeben. Sie war es, die Dana Grigorcea zu ihrer beeindruckenden Schriftstellerinnenlaufbahn geführt hat. Das Buch ist die Essenz all ihrer Werke, es kaprioliert sozusagen ihre Arbeit. Über 20 Jahre trug sie es in ihrem Herzen - nun ist es da und begeistert die Kritiker:innen. Mich gleich mit.

Dana Grigorcea macht noch etwas mit ihrem Roman: Sie baut eine Rahmenhandlung ein, die sich jedem Kapitel anschließt und in kursiver Schrift eine eigene Geschichte darstellt. Hier ist eine Autorin mit einem französischen Musiker unterwegs, der ihre Lesungen mit seiner Kunst umarmt. Und man fragt sich: Was ist wahr, was entspringt der Fantasie?

"Tanzende Frau, blauer Hahn" verströmt den besonderen Ton der Autorin, leicht tänzelnd, träumend und unglaublich klug wie tiefsinnig. Das Buch hat nur 155 Seiten, und es fühlt sich an wie mehr! Es geht um das postsozialistische Rumänien, die Liebe in verschiedenen Variationen und eine besondere Verbindung zweier Menschen, die sich die Liebe nicht eingestehen wollen oder können. Und um alle herum flirrt der Sommer. 

Selten habe ich so eine feinsinnige und besondere Sommergeschichte gelesen.

Tanzende Frau, blauer Hahn

von Dana Grigorcea

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Fast Abend, immer noch hell
Simone Finkenwirth

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Linea Maja Ernst stand mit ihrem Buch auf Platz 1 der dänischen Bestsellerliste. Das finde ich großartig! Wenn es so ein Buch mal in unsere Liste schaffen würde, wäre ich beglückt – trotz des Unbehagens, das an manchen Stellen aufblitzt.

Die Autorin hat mich bereits auf der ersten Seite gepackt, derart charmant und mitreißend erzählt sie ihre Geschichte. An einem Sommerwochenende kommen alte Freunde in einem Haus am See zusammen. Als Esben verkündet, dass er und Karen heiraten wollen, passiert etwas in dieser Gemeinschaft. Ein Orkan platzt in die friedliche Mittsommeridylle.

Was die Lektüre so lesenswert macht, ist die Vielseitigkeit. Die Autorin setzt uns in die verschiedenen Köpfe. Das ist äußerst spannend, vor allem für alle jenseits der Dreißig. Wer kennt das nicht, wenn man auf Vertraute der Vergangenheit trifft? Erinnerungen werden wach. Und damit verbunden, das was man werden wollte und man heute ist. Sylvia sagt an einer Stelle: „Ich vermisse uns. Ich möchte nicht zurück in die Wirklichkeit. Ich möchte nicht so ein kleines Leben, mit einer Wohnung und Zweisamkeit und Kindern und Alltagsstress. Ihr etwa?“

Nun, wie sieht das richtige erfüllende Leben aus? Was ist mit unseren Sehnsüchten? Wann bremst der Verstand das Herz aus? Das sind nur einige der vielen Fragen, denen die Autorin auf den Grund geht. Eine Rezensentin kritisierte, dass sich die Figuren in einer privilegierten Lage befänden und in einer eigenen Bubble lebten. Dem stimme ich zu. Dadurch spürte ich eine gewisse Distanz.

Dennoch überwiegen die Lesefreude und das Staunen über ein unglaubliches Finale. Meine Augen blitzen immer noch und überstrahlen am Ende die Schatten des Unwohlseins. Und ganz ehrlich? Was ist schon im Leben perfekt? Warum sollte es da mit Büchern anders sein?

Fast Abend, immer noch hell

von Linea Maja Ernst

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Ein Königreich für eine Schnecke
Katja Schneider

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Jewa ist eine junge Wissenschaftlerin, die sich den Schnecken widmet und versucht, bedrohte Arten vor dem Aussterben zu retten. Dafür fährt sie in ihrem zu einem Labor umgebauten Transporter durch die Ukraine. Um sich zu finanzieren, versucht sie nicht, Forschungsgelder zu erhalten oder wissenschaftliche Artikel in Fachzeitungen zu lancieren, sondern tut in einer Heiratsagentur so, als sei sie auf der Suche nach einem westlichen Mann. In dieser Agentur arbeiten auch die Schwestern Nastia und Sol, deren Mutter, eine ukrainische Aktivistin, verschollen ist. Um diese wiederzufinden, plant Nastia eine aufsehenerregende Aktion. Dafür braucht sie das fahrende Labor von Jewa, denn der Plan sieht vor, 12 heiratswillige Männer (unter dem Vorwand, durchs Land zu fahren und junge Frauen kennenzulernen) darin einzusperren, später unter großem TamTam im Wald auszusetzen, große Aufmerksamkeit zu erregen und die stolze Mutter mit ihren Töchtern wieder zu vereinen. Jewa und auch Sol sind zwar nicht besonders überzeugt von diesem Vorhaben, willigen aber ein. Natürlich geht von Anfang alles schief und dann fällt auch noch Russland in die Ukraine ein. Die Wirklichkeit schlägt zu und auch Maria Reva, die Autorin, bringt sich plötzlich mit ihrer persönliche Geschichte ein.

„Ein Königreich für eine Schnecke“ hat einen fantastischen Plot, der nicht genialer, witziger und berührender erzählt werden könnte. Schon jetzt ist dieses Buch für mich eines der Highlights meines Lesejahres.

Ein Königreich für eine Schnecke

von Maria Reva

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Sommerhaus
Katja Schneider

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Vic ist 76 Jahre alt, sehr erfolgreicher Maler und der geliebte Patriarch der Familie. Zuhause in London kreisen seine 4 erwachsenen Kinder um ihn: Die selbstbewusste Netta, die in Nettas Schatten stehende zweitgeborene Susan, Goose, der einzige Sohn, der das Künstlerdasein nach einem psychischen Zusammenbruch wieder verworfen hat und Iris, das Nesthäkchen. Die Mutter der Geschwister ist schon lange tot, dafür gab es einen hohen Verschleiß an Au Pairs, die nicht nur auf die Kinder aufpassen sollten, sondern auch Kurzzeitfreundinnen für ihren Vater darstellten. Alles ist in bester Ordnung bis zum dem Tag, an dem Vic seinen Kindern eröffnet, dass er die Frau seines Lebens gefunden habe - im Internet.Sie heißt Bella Mae und ist erst 27 Jahre alt, noch jünger als Iris. Irritiert nehmen die Geschwister davon Kenntnis, was bleibt ihnen auch übrig und außerdem wird die große Liebe in wenigen Wochen sowieso vorbei sein. Doch es kommt anders. Vic und Bella Mae werden sogar heiraten - ohne Gäst_innen, dafür mit einer Einladung zur großen Feier auf dem Familiensitz in Italien, genauer gesagt auf einer Insel im Lago d‘Orta. Netta, die das Sagen hat, beschließt, dass ihr Vater von allen geschnitten werden sollte, bis er wieder zur Besinnung kommt. Weder reagieren die vier auf seine Textnachrichten, noch machen sie sich auf den Weg zu ihm. Doch kurz darauf erhält Susan einen Anruf: Ihr Vater sei tot. Sofort macht sie sich auf den Weg nach Italien, ihre Geschwister folgen. Angekommen, müssen sie den Schock verarbeiten, trauern, die Erbschaft regeln und schließlich Bella Mae kennenlernen. Und alles wird sich ändern.

Es macht großen Spaß, „Sommerhaus“ durchzuschmökern, an der Gefühls- und Gedankenwelt der Geschwister Anteil zu haben und ihre Irrungen und Wirrungen nach und nach zu entknoten.

Sommerhaus

von Rachel Joyce

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Vaterlos
Frank Menden

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„An einem dieser schönen Tage, irgendwann vom 9. auf den 10. März 1971 geschah es, dass sich der Landarzt Otto M. das Leben nahm. Er war neunundvierzig Jahre alt, verheiratet, Vater zweier Kinder.“

Aus zwei Perspektiven erzählt Thomas Medicus in seinem Buch „Vaterlos - Ein Tatsachenroman“ @rowohltverlag vom Suizid seines Vaters: aus der des Jungen direkt nach der Tat und aus der des Erwachsenen, der dreißig Jahre nach dem Selbstmord diesem hinterherspürt.
Wir lesen über einen Mann, der liebevoll war, ein Lebemann, der Welt zugewandt, ein Arzt, der sich wegen Depressionen in einer Klinik behandeln lassen musste und der sich mit seiner Geliebten in einem Hotelzimmer vergiftete ( die junge Frau überlebt dies, nimmt sich aber kurze Zeit später das Leben).
Man taucht ein in die bürgerliche Welt der BRD in den 1950ern und 1960ern, in scheinbar glückliche, geordnete Verhältnisse - bis sie es durch die Tat nicht mehr sind.

Dieser ungemein eindringliche autobiografische Roman versucht nicht Erklärungen für das Unerklärliche zu finden. Es geht um das, was der Selbstmord des Vaters beim Sohn für Spuren hinterlassen hat, wie sehr er den Autor geprägt hat.
Der Ton ist nüchtern, behutsam, genau. Wie sehr Verdrängung in der Lebenswelt der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft verankert war - auch davon erzählt dieses Buch.
Und schafft es so aus einer privaten Auseinandersetzung mit einer persönlichen Tragödie auch ein präzise beobachtetes Zeitporträt.
Ich bin tief beeindruckt.

Vaterlos

von Thomas Medicus

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Die Liebeshungrigen
Frank Menden

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„Man glaubt immer, dass bei einem selbst alles anders ist, aber das täuscht. Man erlebt dieselben Rückschläge wie der Rest der Welt.“

Der ehemalige französische Präsident Dan Lehmann leidet unter dem Verlust seiner Macht, der zunehmenden Bedeutungslosigkeit seitdem er vor einem Jahr aus dem Élysée Palast ausziehen musste. Der Alkohol ist sein bester Freund, mit dem er auch das Scheitern seiner zweiten Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda Müller „verarbeitet“.
Hilda wiederum hat nach einer längeren Durststrecke, in der sie nur als First Lady fungierte, endlich wieder eine vielversprechende Rolle ergattert, pikanterweise in der Verfilmung eines Romans der ersten Frau ihres Noch - Ehemanns.
Regisseur dieses mit Spannung erwarteten Films ist das ehemalige Wunderkind des französischen Kinos, Romain Nizan, der den Erfolg ebenso dringend benötigt wie Hilda - und dem das Projekt von seiner On/Off Geliebten empfohlen wurde, die es ebenfalls auf die Hauptrolle abgesehen hatte…

Dies ist die Ausgangslage in Karine Tuils neuen grandiosen und absolut mitreißenden Roman „Die Liebeshungrigen“ @dtv_verlag , übersetzt von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch.
Es geht um Macht in all ihren Facetten, um die Gnadenlosigkeit der Medien, um die Liebe in all ihren Spielarten - und um uns Menschen, die versuchen, den entscheidenden Moment des verheißungsvollen Glücks zu ergattern und nicht in Vergessenheit zu geraten.
Ein Roman, den ich tatsächlich ALLEN LESENDEN nur dringendst empfehlen kann, denn er ist einfach !!!!!!

Die Liebeshungrigen

von Karine Tuil

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So, in etwa, ist es geschehen
Frank Menden

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Ein Mann und eine Frau fahren an einem heißen Tag im Mai von Berlin nach Timmendorfer Strand.
Am Ende des Tages wird der Mann tot sein. Ermordet von seiner Beifahrerin.

Die Frau, das ist die afrodeutsche Amita Haller. Sie möchte ihre Mutter zum Gedenktag des Untergangs der Cap Arcona treffen, welchen Amitas Großvater damals überlebte.
Der Mann ist ihr Chef Heinz Brockhaus, der ihr angeboten hat sie mitzunehmen.
Es ist unerträglich heiß, die Fahrt verläuft stockend, Brockhaus redet ohne Unterlass - bis Amita ihn mit einem Schal stranguliert.

„So in etwa ist es geschehen“ , ein mit 139 Seiten schmales Buch, ist ein äußerst vielschichtiger Roman, den man aufgrund seiner zahlreichen Verweise auf schwarze Kultur und die deutsche Erinnerungskultur mehrmals lesen sollte.
Das Feuilleton war sich uneins über diesen Roman und auch ich bin hin und hergerissen. Fakt ist, dass mich das Buch seit der Lektüre beschäftigt, ich viel nachgelesen habe, vieles recherchiert habe und mich mit dem Werk von u.a. Toni Morrison, Audre Lorde und Paul Celan zumindest ansatzweise vertrauter gemacht habe. AutorInnen, denen Sharon Dodua Otoo im Nachwort dankt und deren Einfluss im Text durchscheinen.
Der Roman hat ( nicht nur mich ) mit einigen Fragen zurückgelassen, denn das „Warum“ vieler Dinge wurde mir nicht ganz klar.
Er hat mir aber auch neue Perspektiven eröffnet, neue Denkräume geschaffen und mir ein noch lange nicht abgeschlossenes Leseerlebnis bescher

So, in etwa, ist es geschehen

von Sharon Dodua Otoo

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Weird Girls
Simone Finkenwirth

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+++ Unser Shop meldet vorbestellbar, aber wir haben das Buch vorrätig. +++

Wie im richtigen Leben ist auch die Literatur heute voll mit Themen übers Kinderkriegen, Muttersein, Gesundheit und Älterwerden. Aber Sex & Drugs & Rock & Roll? Oftmals Fehlanzeige. Dabei sind solche Geschichten spannend und faszinierend wie "Weird Girls" von Grainne O'Hare. Ich habe zuletzt jedenfalls kein Buch gelesen, in dem so viel getrunken und gekokst wurde. Und das von jungen Frauen! Oha!

Maggie, Harley und Roise sind die Hauptfiguren in diesem feurigen Buch, das von meiner geschätzten Anna-Nina Kroll übersetzt wurde. Sie ist die deutsche Stimme von Donal Ryan, ein irischer Lieblingsautor von mir. Und das hier ist irische Literatur, wie ich sie liebe! Dunkel, belebend, quirlig und ganz speziell einprägend.

Die Mädels sind Ende Zwanzig, Anfang Dreißig und bewohnen in Belfast ein Haus. Selbst nach dem Tod ihrer Freundin Lydia bleiben die Freundinnen dort. Sie sind wie Pech und Schwefel und äußerst feierwütig. Gleichwohl hat jede Narben auf ihrer Seele, die mal mehr, mal weniger pochen. Wie Roise, die noch an dem Ende ihrer Beziehung knabbert. Jetzt hat Roise Angst, sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Obendrein hat sie ein weiteres Problem. Meggie bandelt gerade mit der unnahbaren Cate an. 
Während Harley in Therapiesitzungen mit der australischen Psychologin ihr Leben aufarbeitet, sich betrinkt, und von ihrem Vermieter aufsammeln lässt. Der gleichzeitig als Dealer fungiert.

Es wird nicht wenig konsumiert. Doch hinter der flirrenden wie partyfrohen Fassade schlummert noch mehr, was ich als aufmerksame Leserin schnell erkenne. Als helles Kontrastmittel arbeiten die Dialoge der Mädels, die mich oft auflachen lassen.

"Weird Girls" hat ordentlich Zunder zwischen den Seiten! Was für eine außergewöhnliche Lektüre über Freundschaft, Zusammenhalt und die große Suche nach dem richtigen Leben!
 

Weird Girls

von Gráinne O'Hare

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Unter Wasser
Simone Finkenwirth

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Das Wasser trägt mich mitten hinein in diese traurig-schöne Geschichte, die auch Claire Messud begeistert hat: "Ein ebenso fesselndes wie herzzreißendes Werk." 

Tara Menon verbindet zwei Zeitebenen. Zum einen bin ich in der Gegenwart der Erzählerin, im Oktober 2012 in New York. Hier hat sich der Hurrikan Sandy angekündigt. Die Metropole ist in Aufruhr, nur Marissa bleibt seltsam ruhig. Die Ich-Erzählerin arbeitet für ein Reisemagazin für Superreiche. Sie nutzt Adjektive, die sie auf einem Kaffeebecher notiert hat. Die Chilifrüchte sind in ihrem Leben treue Begleiterinnen. Warum erfahre ich erst später.

Zum anderen begegne ich der ganz jungen Marissa und ihrer besten Freundin Arielle im Jahr 2004. Nach dem Tod ihrer Mutter ist Marissas Vater mit seiner Tochter nach Thailand ausgewandert. Der Vater ist Meeresbiologe und forscht auf einer kleinen Insel zu Mantarochen. Die beiden Mädchen schwimmen und tauchen viel, halten sich fest. Das Wasser schwappt aus dem Buch in meine Augen, und ich zoome mich an diesen faszinierenden Ort. Ich selbst bin leidenschaftliche Schwimmerin, wohl deshalb catcht mich die Autorin. Doch auch die Freundschaft der beiden Mädchen berührt mich bis ins Herzzentrum.

Die Freundschaft wird von der Naturgewalt entzweit. Aber alle, die einen geliebten Menschen verloren haben, wissen: Es bleibt viel Tröstliches zurück. Selbst im Jahr 2012 ist Arielle bei Marissa: "Ob ich etwas esse, trinke, spazieren gehe oder fernsehe, sie ist immer bei mir. Jetzt hüpft sie an Fremden vorbei durch eine Straße, auf die sie nie ein Fuß gesetzt hat." 

Tara Menon hat ein unglaublich schönes berührendes und gleichwohl wissenserweiternde Buch geschrieben. Wussten Sie, dass Rotwangen-Schmuckschildkröten anderen das Futter wegfressen und tödliche Krankheiten übertragen? Und dies: "Zwischen 1989 und 1997 wurden 52 Millionen dieser Schildkröten als Haustiere aus den Vereinigten Staaten ins Ausland exportiert." 

Immer noch schwimme ich mit Marissa und Arielle - wir haben dabei Chilischoten zwischen den Zähnen und grinsen dem Schicksal entgegen. Dass es ein mieser Verräter ist, wissen wir natürlich. Was Sie noch nicht wissen, ist die Tiefe und Besonderheit des Buches, das über Narben, die wunderschöne Natur, das Meer und bedingungslose Liebe über den Tod hinaus absolut mitreißend wie feinfühlig erzählt. Ein must-read für alle Tiefseetaucher:innen und Thailand-New-York-Urlauber:innen, die sich wie ich gern von melancholische Klängen bezirzen lassen.

Unter Wasser

von Tara Menon

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Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart
Frank Menden

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Südschleswig. Hier steht das Elternhaus der Erzählerin, hierher kehrt sie zurück weil ihre Mutter im Sterben liegt. Die evangelische Gemeindepastorin hat Krebs im Endstadium. Die Frau, die für alle Mitglieder ihrer Gemeinde ein offenes Ohr hat, mitfühlend, geduldig, fürsorglich.
Und die ihrer Familie, dem dänischen Musiker Ehemann, den drei Kindern, eher kühl und kontrollierend begegnete - so zumindest die Erinnerung der Erzählerin.
Doch ist jetzt im Anblick der letzten Tage der Zeitpunkt für eine Aufarbeitung gekommen? Was kann man der sterbenden Mutter an Wut und Enttäuschung entgegenbringen? Wie geht man um mit dieser sich ständig wechselnden Mischung aus Trauer und Schuldgefühlen, mit dem Gefühl, das ganze Leben nicht wirklich gesehen worden zu sein? Und darf man trotzdem noch unbändig lachen, tanzen, das Leben genießen? Oder muss man es gerade deswegen ?

„Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ von Marie-Louise Moller hat einen Ton, der mich von den ersten Sätzen an für das Buch eingenommen hat - trotz des bedrückenden Themas. Der Autorin gelingt das Kunststück gleichzeitig ernst und humorvoll zu sein, erzählt nüchtern und doch poetisch, sieht genau hin, und zeigt uns, dass das Leben keine eindeutigen Antworten liefert, das man es annehmen, aushalten und doch auch gestalten kann.
Ein Debütroman, der mich unglaublich berührt hat durch seine Klarheit - und durch seinen eigenen Ton auch immer wieder zum schmunzeln brachte. Hier liegt alles nebeneinander, wie im Leben selbst.
 

Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart

von Marie-Louise Monrad Møller

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Wassermann
Simone Finkenwirth

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Es hätte eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte werden können, aber Wassermann ist viel mehr als das: Eine stille Explosion. Und eine Heldenreise der besonderen Art für alle Lesenden verschiedenen Alters.

Ich folge dem Ich-Erzähler und bin sofort umhüllt von einem melancholischen Schleier. Luk braucht Abstand zu seinem aktuellen Leben in Hamburg. Vor allem die kranke Mutter beschäftigt ihn sehr. So beginnt er nur schweren Herzens sein Auslandssemester in Barcelona, und lässt seinen geliebten besten Freund Kurt ebenso zurück.

Bei der Willkommensveranstaltung trifft er auf die Auswirkungen des katalanischen Konflikts. So würde man in diesem Jahr keine Prüfungsleistungen erwarten aus Solidarität mit den Inhaftierten. Die Unabhängigkeitskämpfe bleiben die ganze Zeit präsent. Auch als Luk seine WG Mitbewohnerin Olive kennenlernt und mit ihr eine Beziehung eingeht. Olive kommt aus Großbritannien und wird den Konflikt digital festhalten, gerät dabei selbst ins Fegefeuer der Justiz.

Statt im heißen Kessel der Unruhen zu bleiben, haut Luk dann doch ab. Mit Kurt zusammen nach Portugal zum Surfen. Der macht es sich aber ganz schön leicht, möchte man meinen, aber hinter Luks Flucht steckt noch mehr... geht tiefer. Eine innere Zerissenheit steht neben einer Unsicherheit, die sich zu einer Sprachlosigkeit setzt, bis sie alle von der Fürsorge gerettet werden. 

Der ruhige Erzählstrom taucht mitunter in philosophische Töne, die mich umspülen wie das allseits anwesende Wasser und Bücher, die dem Helden als Rettungsanker dienen. So ist Wassermann eine Roadnovel deren Buchabdruck lange in meinem Herzen zu spüren sein wird. Man darf von dem Debütanten noch Großes erwarten! Ich verneige mich vor dem Autor und seinem Entdecker: Bodo Föhr!

Wassermann

von Lukas Hoffmann

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Mit beiden Händen den Himmel stützen
Simone Finkenwirth

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Wie lesen wir? Und warum lesen wir, was wir lesen? Zu diesen Gedanken hat mich u.a. dieses beeindruckende Debüt geführt. Denn Lilli Tollkien erzählt keine wohltemperierte Geschichte. Dennoch ist sie erstaunlich und brennt sich uns Lesenden ins Mark. Frank Menden nickt mir begeistert zu. Und ich blicke bejahend in Mareike Fallwickls Richtung, die über das Buch sagt: "Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt- und gerade deshalb lesen muss." Ja, bitte unbedingt lesen, egal, wie hart sich die Story anhört.

Lales Kindheit ist schon sehr speziell und alles andere als einfach. Sie wächst in den 80er Jahren in einer Männer-WG in Berlin auf. Lales Mutter ist drogenabhängig, landet immer wieder im Gefängnis. Doch Karlheinz, ein Freund von Lales Vater, bezirzst die Heimleiterin, in dem das zweijährige Mädchen zunächst untergekommen ist. Zusammen mit seiner Freundin Marianne holen sie Lale aus der staatlichen Obhut. Denn Lales Vater sitzt währenddessen auch im Gefängnis, stößt später in die WG dazu.

Und dann wird alles gut? Nein! Die Welt, in der Lale groß wird, ist nichts für kleine Mädchen: Es wird getrunken, geraucht und Drogen konsumiert. Jedes Mal, wenn sich der offizielle Kontrollbesuch des Jugendamts ankündigt, werden sämtliche Spuren der Vernachlässigung und des Konsums beseitigt. Was macht das mit einem kleinen Menschen? Viel! Vor allem Wut staut sich in Lale an, die sie später an ihren Zähnen auslässt. An einer Stelle heißt es: "Wo eben ein sicherer Hafen war, ein Erwachsener, dem ich vertraute, konnte plötzlich ein glitschiger Steg sein. Die Wellen im Wohnzimmer waren Karlheinz' Launen unterworfen und den Wirkungen unterschiedlicher Drogen, unwägbar die Zeichen an der Wasserobefläche, die ich ununterbrochen zu deuten versuchte."

Es sind die Kraft des Mädchens wie die starke Erzählstimme der Autorin, die uns alle mitziehen und in den Himmel der Begeisterung heben! Wir brauchen diese Art von Literatur, die uns mit allen Sinnen erfasst und am Ende sprachlos, aber mit einem Lächeln zurücklässt.

Mit beiden Händen den Himmel stützen

von Lilli Tollkien

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Nicht
Frank Menden

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„Aber dann stellt sich heraus, der Sack mit Gottesgeschenken, der deinen Namen trägt, ist doch noch nicht vollkommen leer. Noch nicht.“

Für den Übersetzer Eli, einem Mann in den 50er, scheint eine tiefergehende Beziehung zu einer Frau nicht mehr möglich zu sein.
Nach dem Tod seiner Frau hatte er zwar flüchtige Begegnungen, Affären, aber nie ergab sich etwas von längerer Dauer.
Aber, so beschwichtigt er sich selbst, vielleicht ist es auch gut so. Seine beiden Kinder sind beruflich erfolgreich und brauchen keinerlei finanzielle Zuwendungen, seine Arbeit macht ihm Freude.
Doch dann lernt er bei gemeinsamen Freunden Lia kennen, eine Cellistin. Und plötzlich scheint es doch möglich zu sein: eine neue Liebe, ein gemeinsames Leben.
Aber eine kleine Unachtsamkeit entwickelt sich zu einer nicht mehr kontrollierbaren Situation, die alles zum einstürzen bringen kann…

„Nicht“ , übersetzt von Markus Lemke, ist ein mit 187 großzügig gesetzten Seiten schmaler Roman, der es allerdings in sich hat. Je mehr man der Geschichte folgt, je mehr sich Eli in sein eigenes Lügengespinst verstrickt, umso vielschichtiger wird der Roman, der am Ende noch einmal eine Kapriole schlägt.
Eine wahrlich kurzweilige, mitreißende und spannende Lektüre, die wieder einmal zeigt, dass dem Leben die eigenen Pläne herzlich egal sind - oder?

Nicht

von Dror Mishani

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Yesteryear
Frank Menden

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„Manchmal wurde mir fast schlecht, wenn ich darüber nachdachte, wie perfekt mein Leben war und wie gut mir alles gelang.“

Natalie Heller Mills. Die Frau, die alles hat. Eine renovierte Farm, malerisch gelegen. Einen attraktiven Ehemann aus einer guten amerikanischen Familie inclusive eines politisch ambitionierten Schwiegervaters auf dem Weg zur Präsidentschaftskandidatur. Und fünf entzückende und sehr photogene Kinder.
Logisch, dass Natalie ein Social Media Star mit mehreren Millionen Followern ist.
Und ebenso logisch, dass dies viele Neider mit sich bringt.
Aber die verstehen eben nicht, wie wunderbar es ist, ein traditionelles Leben zu leben und sich ganz an christlichen Werten zu orientieren.
Eine Tradwife zu sein ist keine Arbeit, es ist eine Bestimmung. Oder ?

„Yesteryear“ übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn, ist ein absoluter Pageturner, der sich äußerst gelungen zwischen Gesellschaftssatire und Spannungsroman bewegt. Denn natürlich ist auch in Natalies leben nicht alles Gold was glänzt, sind die Kamerawinkel exakt geplant und die HelferInnen im Hintergrund bleiben weitestgehend unsichtbar.
Was aber wenn aus der Inszenierung Realität wird? Ist das Leben dann immer noch so wunderbar?

Bewusst habe ich möglichst wenig über diesen Roman verraten, DEN Plotpoint nur vage angerissen. Je weniger man weiß, umso spannender ist dieses Buch.
Ich habe es in kürzester Zeit gelesen, viel geschmunzelt - und mich mehr in das Tradwife Phänomen vertieft.
Über die Auflösung wird sicherlich kontrovers diskutiert werden. Für mich war sie im Gesamtkonzept des Romans sehr schlüssig.
Also: lesen, weiterempfehlen, diskutieren.

Yesteryear

von Caro Claire Burke

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Brandung
Frank Menden

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„Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.“

Der Anruf vom Kommissariat in Le Havre erwischt die Erzählerin, eine in Paris lebende Synchronsprecherin, verheiratet und Mutter, als sie gerade nach Hause kommt.
Die Leiche eines nicht identifizierbaren Mannes war gefunden worden, in seiner Tasche ein Kinoticket mit der Nummer der Ich-Erzählerin. Diese macht sich sofort auf den Weg in ihre Heimatstadt, verfolgt von Erinnerungen an die Vergangenheit. An ihre und an die der Stadt - und an einen Mann, ihren Jugendfreund, die erste große Liebe.
Könnte er der Tote sein?

„Brandung“ von Maylis de Kerangal , übersetzt von Andrea Spingler, beginnt wie ein klassischer Kriminalroman - und ist doch etwas völlig anderes.
Denn die Reise nach Le Havre stößt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Protagonistin an, die sich mehr und mehr als unzuverlässige Erzählerin entpuppt und die uns an ihren Assoziationen über Geschichte, die Bedrohung ihres Berufes durch Künstliche Intelligenz und vielem mehr teilhaben lässt. Dabei gerät der Tote manchmal aus dem Fokus, bleibt aber unterschwellig stets präsent.
Man sollte sich einlassen auf diesen vielschichtigen und anspielungsreichen Roman, der zeigt, wie sehr die Brandung der Erinnerung uns auch Jahrzehnte nach bestimmten Ereignissen und Erfahrungen immer noch einholen kann.
Ein faszinierender Text, der Resonanzräume öffnet.

„Die Vergangenheit war keine fossile Materie, sie entwickelte sich in der Zeit, geschmeidig, plastisch, sie entwickelte sich endlos, sie lud sich auf im Lauf des Lebens, die Vergangenheit blieb lebendig.“

Brandung

von Maylis de Kerangal

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Die seltenste Frucht
Frank Menden

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Vanille.
Es gibt keinen Geschmack, den ich mehr liebe als den von Vanille. Egal ob Eis, als Sauce, im Kuchen oder Gebäck: der Geschmack und der Duft von Vanille führt bei mir immer sofort zu einem absoluten Wohlfühlen.
Doch wie ist die Vanille überhaupt in unsere Welt gekommen?

Davon erzählt Gaelle Belem in „Die seltenste Frucht“ , übersetzt von Gudrun Honke.
Auf der französisch kolonisierten Ile Bourbon (!) wächst Edmond Albius in 19. Jahrhundert als Sklave auf. Der zwölfjährige Waisenjunge lebt bei Ferreol Beaumont, seinem „Besitzer“, der ein begeisterter Botaniker ist und dem es trotz vieler Versuche nicht gelingen will, der Gewürzvanille eine Frucht abzuringen.
Edmond, der die Begeisterung für Botanik mit Beaumont teilt, forscht selbst, probiert und probiert - und erfindet ein Verfahren zum händischen Bestäuben. Der Grundstein für den Siegeszug der Vanille ist gelegt…

Dies ist jetzt natürlich arg verkürzt dargestellt. Gaelle Belem hat für ihren Roman sorgfältig recherchiert und führt ihre Geschichte über die persönliche Erzählung Edmonds hinaus zu einer Geschichte über Kolonialismus und Rassismus. Denn auch wenn Beaumont immer wieder auf Edmonds bahnbrechenden Beitrag zur Kultivierung der Vanille hinweist, es trägt nicht zu einem besseren Leben für den jungen Mann bei, der nach der Freilassung - wie so viele ehemalige Sklaven - ein armseliges prekäres Leben führt.

Ein sprachlich kraftvoller historischer Roman, der mich seitdem Vanille mit anderen Augen betrachten lässt.
 

Die seltenste Frucht

von Gaëlle Bélem

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Ein Ort, der bleibt
Simone Finkenwirth

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Sandra Lüpkes hat es wieder getan, und einen erstklassigen, exzellent recherchierten wie mitreißenden Roman geschrieben! Die Autorin reist dieses Mal mit uns nach Istanbul. Dort kreuzen sich drei Lebenslinien - die von Mehpare, Magda und Imke.

Mit Mehpare beginnt die Geschichte, im Jahr 1926. Da muss das Mädchen mit Ansehen, wie sich ihr Traum in Asche verwandelt. Ihre geliebte Mädchenschule brennt und damit auch die Hoffnung des Mädchens auf ein wissensreiches Leben?

Danach beamt uns die Autorin in Imkes Kopf. Die junge Frau sitzt in unserer Gegenwart im Flugzeug und ist auf dem Weg nach Istanbul zu ihrem ersten Job. Sie soll zusammen mit Kai Surrau für die Firma GestAlterna ein denkmalfachliches Gutachten für das Botanische Institut erstellen, das zwischen 1935 und 1937 errichtet worden ist, und sich nun in einem desolaten Zustand befindet. Ist natürlich alles herausfordernd, weil's für Imke der erste Job ist, und ihr Vorgesetzter nicht immer einfach...

In jenem Institut hat seinerzeit der Botaniker Alfred Heilbronn gearbeitet. Der Münsteraner wurde 1933 wegen seiner jüdische Wurzeln diskrediert und - schlimmer noch - von einigen Studierenden beschimpft. Als ihn die Gestapo festnimmt, erhält seine Frau einen Brief. Dieser führt die Familie schließlich nach Istanbul. Und genau dort trifft der Professor auf Mehpare...

Mir war die Rolle der Türkei während des Zweiten Weltkriegs nicht bekannt. Dies hat sich nach diesem Buch nun geändert, das obendrein mein Wissen über Pflanzen erweitert hat. Wussten Sie beispielsweise, dass an sonnigen Standort der Anteil weiblicher Pflanzen auf 46 Prozent sinkt?

"Ein Ort, der bleibt" überzeugt nicht nur durch das, wie alles erzählt ist, sondern Sandra Lüpkes beglückt durch die warmherzigen Figuren, die ich so schnell nicht vergesse. Ein Buch, das bleibt.

Ein Ort, der bleibt

von Sandra Lüpkes

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Richtig gutes Essen
Simone Finkenwirth

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Sie suchen das passende Buch für eine Kollegin oder Ihrem Chef? Hier ist es! In Junko Takases Roman „Richtig gutes Essen“ geht es herrlich schräg und sehr unterhaltsam zu. Aber auch nachdenkliche Töne stoßen an die Oberfläche: „Es ist doch total einfach, Leute zu ermutigen, indem man sagt: „Du schaffst das!“ Sich selbst zu ermutigen ist viel schwieriger.“

Das sagt Oshio ihrem Kollegen Nitani. Die beiden verbindet eine platonische Freundschaft. Sie genehmigen sich nach Feierabend gern einen Absacker und werden dem Titel des Romans mehr als gerecht, wenn sie sich leckere Sachen wie Edamame, ein Omlette oder gegrillten Fisch schmecken lassen. Dagegen stellt sich Ashikawa freudig an den Herd und backt Kuchen oder Kekse, die sie auch fürs Team in den Ofen schiebt. Weil sie es gern macht, oder eher, weil sie ein schlechtes Gewissen hat? Denn Ashikawa geht oft früher nach Hause, weil sie Kopfschmerzen hat oder sie sich nicht fühlt. Trotzdem ist gerade sie es, die Natani ermutigt, selbst zu kochen. Sie erklärt ihm, wie einfach das doch eigentlich sei:

„Du könntest dir doch wenigstens eine Misosuppe machen. Du setzt Wasser auf, löst Misopaste, die schon Brühe enthält, darin auf und gibst nur noch Tofu und etwas Grünes dazu.“ Eigentlich total einfach. Aber Nitani sieht es so: „Vielleicht mag ich es eher, anständig zu leben. Weil für mich Sachen wie Essen und Schlafen, die zum Leben notwendig sind, nichts mit Mögen und Nichtmögen zu tun haben.“ 

Das Essen fungiert als verbindendes und gleichwohl als toxisches Element, das die Autorin zum Ende hin zum Äußersten ausufern lässt. Sie erzählt über eine Bürogemeinschaft, in der alle unterschiedliche Ambitionen verfolgen. Der zielstrebige Natani, seine Geliebte Ashikawa, die ihr Glück im Mehl und im Kochtopf findet, und Oshio, die zwischen den beiden steht. Bitte nicht mit leerem Magen lesen, denn beim Lesen bekommen Sie automatisch Appetit. 

In Japan hat sich dieses herrlich lebendige Buch über hundertachtzigtausendmal verkauft und wurde mit dem renommierten Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Absolut verdient!

Richtig gutes Essen

von Junko Takase

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Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter
Frank Menden

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Man möchte ja angesichts der Nachrichtenlage wahlweise schreien oder sich vergraben und dem Eskapismus frönen.
Oder man liest Wolfgang Schorlaus neues Buch, die geniale bitterböse Politsatire „Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter“ .

Es ist ein schmales Buch, ganz auf der Höhe der Zeit, in der die Titelfigur den politischen Aufstieg vom Gas-Manager über einen Ministerposten bis hin zum Bundeskanzler anstrebt - und diesem Ziel bereitwillig alles unterordnet.
En Passant kommt auch die jüngere deutsche Wirtschaftsgeschichte vor, vornehmlich der Beitrag der Gas-Lobby zum Niedergang der einst blühenden Solarenergie. Katharina Reiche anyone?

Wie schon in seinen Dengler Krimis ist Wolfgang Schorlau auch hier ganz nah an der gesellschaftlichen und politischen Realität. Auf den knapp 160 Seiten ist alles auf den Punkt gebracht: die Einflussnahme externer „Player“ auf politische Entscheidungen, das typische „Business-Denglish“ des Polit- und Medienbetriebs, die Dehnung der Wahrheit bis sie wieder ins geschaffene Bild passt und und und…
Ein vortrefflicher Blick auf die aktuelle politische Lage, bei der einem das Lachen oft im Halse steckenbleibt - wie es sich für eine gelungene Satire gehört.

Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter

von Wolfgang Schorlau

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Walküre
Frank Menden

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Man könnte meinen, dass ein Roman über einen Juristen in einer Beratungsstelle für Geflüchtete, der Probleme mit Abgrenzung zu seinem Job hat und deswegen eine längere Auszeit wegen psychischer Überlastung nehmen musste, der noch dazu immer noch an seiner Scheidung knabbert UND seine leicht demente, aber äußerst resolute Oma nach Wien holt und in deren Umzugskartons mit der verschwiegenen NS-Vergangenheit seiner Großeltern konfrontiert wird - nun, dass dieser Roman ein wenig überfrachtet ist. Und dabei habe noch nicht das weitere Dilemma des Protagonisten Benjamin Weiß erwähnt: dem ehemaligen Dolmetscher seiner Beratungsstelle werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, was dessen Aufenthaltsstatus gefährdet. Gleichzeitig kümmert sich Adnan aber hervorragend um die „Walküre“, Bens Oma.

Um es kurz zu machen: bei aller thematischen Vielfalt ist „Walküre“ ein überaus fesselnder Roman, der einen von den ersten Sätzen an mitreißt.
Man merkt, dass der Autor wie sein Protagonist Jurist in der Asylberatung ist, so präzise und eindringlich wie er von Bürokratie und deren Kälte gegenüber den Schicksalen zwischen den Aktendeckeln schreibt.
Dabei differenziert der Roman, bleibt lebensnah, hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor und stellt genau die richtigen Fragen über Schuld und Verdrängung, über andauerndes Schweigen und Aufarbeitung, über bewusstes Wegsehen und wie die Politik immer auch die Seele der Betroffenen für immer verändert.

Walküre

von Daniel Zipfel

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Statt aus dem Fenster zu schauen
Simone Finkenwirth

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Sinnkrise? Kennen wir doch alle! So weiter machen? Oder eine andere Richtung einschlagen? Diese Fragen stellen wir uns nicht nur mit Anfang 20 oder mit 35 Jahren, auch mit Mitte 40 oder sogar mit Ende Sechzig. Daher ist Anna Katharina Scheidemantels grandioses Debüt "Statt aus dem Fenster zu schauen" eine willkommende Einladung für alle Sinnsuchenden.

Den Mumm der Ich-Erzählerin hätte ich allerdings nicht. Aus einer Stagnation bei ihrem Praktikumsplatz heraus surft Sophie ein bisschen bei Kleinanzeigen.de herum und kauft sich mal eben mit ihrem Ersparten ein Haus in der Pampa. In Günderode, hinter Berlin. So lässt unsere Heldin alles in München hinter sich, schnappt sich ihr Rad und einen Rucksack und auf geht's mit der Bahn ins Abenteuer!

Als die Studentin in der ostdeutschen Provinz an ihrem Häuschen ankommt, wird ihr schlecht. Vor ihr offenbart sich mehr eine Bruchbude. Aber hey, was hast du für 3000 Euro erwartet? - will ich ihr zurufen. Ich wäre sofort wieder abgehauen, Sophie nicht. Die bleibt. Ihr dabei zuzuschauen, ist herrlich erfrischend und bereitet mir große Freude! Wie sie in Eigenregie das heruntergekommene Haus putzt, streicht und auf Vordermann bringt, weitet meine Augen. Damit nicht genug. Sophie beginnt, den Garten mit Pflanzensamen auszusäen, um im Sommer eine erste Ernte einzufahren. Sie arbeitet, bis sie vor Erschöpfung auf ihrer Isomatte liegt und die Gedanken schweigen. Denn Sophie hat bisher niemanden von ihrer Aktion erzählt... Wie lange kann das gut gehen?

"Statt aus dem Fenster zu schauen" ist eine besondere Sinnsuche mit existenziellen Fragen. Obendrein entschleunigt es, indem die Autorin unsere Köpfe ins reichhaltige Meer der Natur stupst. Herrlich! Ein mutmachendes Buch für alle, die sich gerade selbst fragen: Und jetzt?

Ich freue mich, dass ich am kommenden Mittwoch, 8. April, um 19.30 Uhr, mit der Autorin bei uns die Buchpremiere ausrichten darf.

Statt aus dem Fenster zu schauen

von Anna Katharina Scheidemantel

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Moosland
Frank Menden

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1949 folgen knapp dreihundert Frauen aus Deutschland dem Aufruf des isländischen Bauernverbands. Gegen gute Bezahlung sollen die Frauen mit landwirtschaftlicher Erfahrung auf Bauernhöfen aushelfen - und evtl. auch bleiben, gibt es doch einen deutlichen Männerüberschuss auf der Insel.

Eine der Frauen ist Elsa. Tief traumatisiert durch den Verlust ihrer Familie und ihrer Freundin hat sie das Gefühl, nichts mehr verlieren zu können.
Die Bauernfamilie, bei der sie unterkommt, lebt auf einem abgelegenen Hof. Sie ist Elsa gegenüber freundlich und offen, selbst als sich herausstellt, dass diese keinerlei Erfahrung hat und sogar vor Hühnern Angst hat.
Elsa ist zu verstrickt in sich selbst, sie spricht nicht, lernt auch die neue Sprache nicht. Doch ihre bloße Anwesenheit verändert die Dynamik der Familie - und auch Elsa beginnt sich allmählich wieder auf das Leben einzulassen…

„Moosland“ ist deutlich spröder als das gefällige Cover vermuten lässt - und das ist gut so. Katrin Zispe erzählt auf eine besondere Art vom Ankommen in einem fremden Land, von der Bewältigung bzw. Vernarbung von Trauer, vom finden einer neuen Sprache - und von einer überwältigenden Landschaft und der Kraft der Natur.
Der Roman ist nicht nur hervorragend recherchiert, er überzeugt auch sprachlich, findet passende Worte und Bilder für die Herausforderung der Integration und des Spracherwerbs und für die Herausforderung, mit einer großen Trauer zu leben.
Ein stiller, ruhiger und kraftvoller Roman.

„In der grenzenlosen Weite ist sie orientierungslos. An was sich ihr Auge auch festhalten will, wird vom Nebel verschluckt oder vom gleißenden Licht. Selbst die Zeit.“

Moosland

von Katrin Zipse

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Wir könnten alles sein
Frank Menden

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„Wie dicht kamen sie daran heran, einander Dinge zu sagen, die sie für immer bereuen würden?“

Sie, das sind die Schwestern Nancy und Shelley und ihre Mutter Frieda. Später wird noch Jess dazukommen, Nancys Tochter.
Vier Frauen einer Familie. Vier Frauen, die in permanenter Anziehung und Ablehnung leben. Getrennt voneinander, aber unauslöschlich miteinander verbunden.
Die Töchter eines Uberlebenden, Rudy, der alles zusammengehalten hat. Der seiner Frau versicherte, sie hätten ein schönes Leben.
Und der als er stirbt drei Frauen hinterlässt, die fortan um eine neue Identität kämpfen werden. Die weit gehen werden, um sich zu finden - oder sich zu verlieren.

„Wir könnten alles sein“ heißt Jami Attenbergs neuer Roman in der Übersetzung von Barbara Christ. Der Titel ist ebenso passend wie der des Originals: „A Reason to See You Again“.
Beide sind absolut zutreffend für diesen präzisen Roman über Schwestern, über Mütter und Tochter, über das unverbrüchliche Band einer dysfunktionalen Familie, verbunden durch Traumata und zahlreiche Abgründe - und über die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft.
Familie hat man, Freunde sucht man sich aus. Doch unseren Wurzeln können wir kaum entkommen, wie Jami Attenberg wieder einmal witzig, sarkastisch, mit einer zuweilen bitteren Melancholie und doch nicht ohne Optimismus und Hoffnung erzählt.
Mir hat dieser Roman ausgesprochen gut gefallen, mochte die vier Frauen und Rudy, hab mit ihnen gelebt und gelitten und bin ihnen gerne von 1971 bis 2007 gefolgt, mal in kleinen, mal in großen Zeitsprüngen. Aber immer ganz nah dran.
Leseempfehlung!

Wir könnten alles sein

von Jami Attenberg

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Pina fällt aus
Simone Finkenwirth

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Ich habe Vera Zischke verpasst, also "Ava liebt noch". Ihr Debüt hat unzählige Lesende mitgerissen. Deshalb ließ ich den Kelch an mir vorbeiziehen, obwohl ich natürlich neugierig geblieben bin. Nun ist ihr zweiter Roman erschienen und ich weiß: Ich habe etwas verpasst. Aber aufgeschoben, ist ja nicht aufgehoben.

Ich bin so verliebt in "Pina fällt aus" und kann mein Grinsen nicht bei mir behalten. In diesem Roman erzählt die Autorin eine Geschichte über Zusammenhalt, Solidarität, Fürsorge und Liebe in unterschiedlicher Form. Pina ist eine alleinerziehende Mutter. Sie kümmert sich um ihren Sohn Leo, der in seiner eigenen Welt lebt, jeden Morgen vom Bus abgeholt wird. Dann geht es ab in die Werkstatt. An einem Nachmittag, Leo ist längst zurück, will Pina noch Einkäufe erledigen. Auch für die älteste Bewohnerin im Haus. Inge verlässt nach einem Unfall und dem Tod ihres Mannes die Wohnung nicht mehr. Muss sie auch nicht, denn Pina kauft für Inge ein. Doch dieses Mal kehrt sie nicht zurück. Pina ist auf der Straße zusammengebrochen, kommt ins Krankenhaus und Leo bleibt bei Inge. Alle warten. Nur wir Lesende wissen mehr, sind an Pinas Seite im Krankenhaus und dem pflegenden Personal.

Bald ist klar, was passiert ist und dann? Kümmern sich drei schräge Vögel um den mutterlosen Leo. Neben Inge gibt es noch den Einsiedler Wojtek, der eine russische Freundin hat, die ihm besondere Nippes besorgt. Und die revoltierende Zola. Ein 16jähriges Mädchen, das am liebsten nachts zockt und die von ihrem Vater organisierten Jobs in den Boden stampft. Ja, da ist wahrlich so viel Wut in dem Mädchen, aber gleichwohl extrem viel Fürsorge für Leo, dass mein Herz fast explodiert. 

Ich habe mich bei der Lektüre an Anna Gavaldas Erfolg "Zusammen ist man weniger allein" gedacht. Aber nicht nur deshalb zählt "Pina fällt aus" zu meinen Lieblingen. So ist das Buch gefüllt mit herrlich abstrusen, liebenswerten, bewegenden Momenten, bei denen ich oft seufzt lache oder innehalte. Vera Zischke hat einen charmanten Erzählstil, die Tiefe dennoch nicht scheut und ihr geradewegs ins Gesicht blickt. 

Mehr Hintergründe zum Roman erfahren Sie bald in einem Interview, das ich mit der Autorin auf der Leipziger Buchmesse geführt habe. Es war mir eine große Freude wie diese wunderbare Lektüre, die wir in diesen aufwühlenden Zeiten besonders brauchen!

Pina fällt aus

von Vera Zischke

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Einstein im Bade
Frank Menden

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1920 findet im beschaulichen Kurort Bad Nauheim die Versammlung Deutscher Naturforscher statt. Über 2.000 Gäste werden erwartet, darunter auch einige Nobelpreisträger.
Alle Hotels des Ortes sind ausgebucht.
Auch „Der Rastende Kranich“, ein Traditionshaus, das schon deutlich bessere Zeiten erlebt hat.
Direktor Kleeberger steht ganz im Dienste seiner Gäste, Ruhe und Tradition sind für ihn äußerst wichtig.
Doch der erste Satz von Kleebergers Bericht lautet: „Die Ruhe ist gestört worden.“
Was ist in jenen fünf Tagen im September 1920 geschehen ?

„Einstein im Bade“ ist ein Roman, der sich in seinem Verlauf als vielschichtiger entpuppt als der Einstieg vermuten lässt.
Was als heiterer Hotelroman beginnt - Zimmer werden versehentlich doppelt belegt, eine Maus sorgt ebenso für einen Notfall wie sich die Rivalität zwischen zwei renommierten Gästen immer weiter steigert - mit einem Direktor, der in seinem Bemühen es allen recht zu machen immer mehr zu scheitern droht, entwickelt sich zu einem Roman über die Ideologisierung der Wissenschaft und über die Unmöglichkeit sich in einer verändernden und rauer werdenden Welt neutral zu verhalten.
Dabei ist der Roman sprachlich ganz seiner Zeit und seinem Protagonisten verhaftet, was den Lesegenuss vollkommen macht.
Ich habe mich schon lange nicht mehr so glänzend intelligent unterhalten lassen wie von diesem Hotel - und Wissenschaftsroman.
Oder wie der geschätzte Kristof Magnusson auf dem Cover zitiert wird: „Zerstrittene Genies, eigensinnige Gäste und ein Hoteldirektor in Nöten- sensationell.“
 

Einstein im Bade

von Daniel Mellem

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Casino
Frank Menden

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Man könnte glauben, die kleine Stadt Steinheim wäre stolz auf einer ihrer prägendsten Bürger - doch dem ist mitnichten so.
Denn Cumali Karagöz hat sein Vermögen mit Glücksspiel gemacht - 30 Spielotheken nennt er sein eigen.
Man darf spekulieren, was den braven Bürgern mehr ins Auge sticht : der Name oder das Gewerbe.
Oder etwa das fast fertiggestellte neue Casino, ein wahrer Tempel des Glücksspiels, zu dessen Eröffnung gar Mike Tyson eingeladen scheint?
Oder liegt der Argwohn der gutbürgerlichen Gesellschaft in etwas ganz anderem begründet? Einem Ereignis aus der Vergangenheit, das langsam auch Cumas eigene Familie wieder einzuholen droht und alte Gewissheiten in Frage stellt…

„Casino“ ist ein mit 216 Seiten recht kurzer Roman. Knapp und schnörkellos wird aus vier Perspektiven von einer schleichenden Verunsicherung erzählt, von einer Familie, in der sich jedes Mitglied an einem persönlichen Scheidepunkt befindet - und in dem Mike Tyson eine wunderbare Rolle spielt.
Bei der Lektüre kam das Ende für mich etwas abrupt. Jetzt, mit einigen Tagen Abstand, gefällt mir das allerdings immer besser.
Klasse Buch

Casino

von Cihan Acar

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Am Ende der Kleinigkeiten
Simone Finkenwirth

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Pures Glück umhüllt mich nach Franziska Hausers neuem Roman wie eine Membran, die mich vor äußeren negativen Einflüssen beschützt. Weltenflucht, nennen es die einen. Weltenerkundung - die anderen. Noch etwas zeigt sich in mir: Eine große Dankbarkeit, wenn es Werken wie diesem gelingt, mich voll und ganz einzusaugen.

Wobei der Anfang nicht einladend ist. Das hat weniger mit der Autorin, dafür mehr mit Irmas gemeinen Mutter zu tun. Garstig, abweisend und spitz wie ein Stachel durchbohrt sie die Harmonie der Buchstaben. Wie kann eine Mutter nur derart verletzend sein?

Irma kann eines Tages nicht mehr und haut ab. Weg vom Land und der Kommune, die ihre Mutter nach der Wende mitgegründet hat, hinein in die pulsierenden Arme der Großstadt. Als die 15jährige vorm Theater strandet, weiß sie noch nicht, dass sie in ihrem neuen Zuhause angekommen ist.

Hier stößt sie auf Menschen, die bald zu Vertrauten werden. Da ist der Regisseur Taron Capla, die erfolgreiche Blanda, den Agenten Enno und mittendrin Irma, die ohne Ausbildung bravourös auftritt. Das gelingt ihr allein dadurch: „Es war so leicht. Ich musste nur meine Mutter spielen.“

Aber natürlich bleibt es nicht einfach, denn dafür ist die Autorin bekannt. So setzt sie Irma Prüfungen aus, und verliert dabei den Ursprung der Geschichte nicht aus den Augen. Immer wieder treffen mich die mütterlichen Stacheln, ich sehe Irma taumeln und frage mich: Wird es ihr gelingen, von den Schatten der Vergangenheit loszukommen?

Für mich zählt dieses Buch zu meinen Highlights in diesem Frühjahr und ich widerspreche der Rezensentin vom Deutschlandfunk. Franziska Hauser hat mich mit ihrer Sprache, die alles andere als schlicht ist, genauso bezirzt wie mit ihrer besonderen Geschichte und bemerkenswerten Heldin. Daher gibt’s zum Indiebookday von mir eine große Leseempfehlung!
 

Am Ende der Kleinigkeiten

von Franziska Hauser

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Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
Frank Menden

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Beinahe wäre mir dieser Roman entgangen. Die Ausgangssituation - zwei befreundete Paare mit unterschiedlichen sozialen Status, kinderlos mit bislang unerfüllten Kinderwunsch die einen, die anderen „gesegnet“ mit zwei Kindern und dazu vermögend - schien mir als zu bekannt, als schon zu oft gelesen.
Aber was Dita Zipfel in „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ daraus macht, das ist erfrischend, mitreißend, ehrlich und pointiert.
In einem luxuriösen Bungalow an der Côte d’Azur prallen Lebensentwürfe aufeinander, Konkurrenzdenken macht sich breit - bis aus den beiden Frauen Linn und Eva langsam Komplizinnen werden…

Dieser Roman ist kraftvoll, fantasievoll, skurril und mit hohem Tempo erzählt und in seinem geschickten austarieren von Figuren und Situationen zeigt Dita Zipfel wieviel Spass es bringen kann, über die Abgründe gegenwärtiger Lebensentwürfe zu lesen.
Mein Tipp ( nicht nur ) am Weltfrauentag.

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt

von Dita Zipfel

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Die glücklichste Familie der Welt
Frank Menden

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„Eine Erzählung beginnt nie einfach irgendwo von selbst, man muss entscheiden, wo man anfangen will.“

„Die glücklichste Familie der Welt“ von Anna Brynhildsen , übersetzt von Franziska Hüther, beginnt mit der Planung eines Wochenendes in Berlin. Mats, seine sechzehnjährige Tochter Evi und ihre 28jährige Cousine Sara wollen die Briefe der verstorbenen Großmutter dem Jüdischen Museum übergeben, das Grab des Großvaters besuchen und den Stolperstein für ihre Familie suchen.
Doch die Reise zu den Spuren der Vergangenheit ist auch durch die Gegenwart ihrer drei Protagonisten belastet: Mats will auf dieser Reise seiner Tochter eine wichtige Mitteilung machen, Evi ist nach ihrer Krankheit vermeintlich immer noch so labil, dass Vater und Cousine sie allzu aufmerksam beobachten, und Sara ist schwanger und weiß nicht wie ihr Leben weitergehen soll.

Anna Brynhildsen durchbricht diese Erzählebene immer wieder mit der Vorgeschichte der Familie Wolff, von ihrem Beginn bis zu deren Vertreibung und teilweisen Auslöschung.

Man muss sich auf diesen Roman einlassen, denn gerade die Gegenwartsebene, die wenigen Tage in Berlin, braucht deutlich länger, um beim lesen zu verfangen als die Rückblicke in die Familiengeschichte. Es lohnt aber dranzubleiben, denn der Autorin ist auch Dank dieser Konstruktion ein bemerkenswerter Roman über Familienbande, Geheimnisse, Lügen und intergenerationale Traumata gelungen.

„Das Neue beginnt damit, dass ein Moment sich an einen anderen fügt.“

Die glücklichste Familie der Welt

von Anna Brynhildsen

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Heimliche Zeilen
Frank Menden

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„Die Lebensphilosophie meiner Eltern lautete immer: Nicht zu hoch zielen. Den Kopf immer schön unten halten. Keine Umstände machen. In ihren Augen war es das schlimmste Verbrechen, wenn sich jemand zu hoch aufschwang.“

Christopher Finders ist 45, nach dem Tod der Eltern hat er nur noch sein Elternhaus, in dem sein recht merkwürdiger Bruder Gerald haust - anders kann man es nicht nennen - seine Ex Frau Carol und sein eigenes kleines Häuschen in Yorkshire. Seinen Job als Finanzbeamter hat er gerade verloren.
Dabei sah es einmal ganz anders aus bei ihm. Sein Traum vom Schriftstellerdasein schien sich erfüllt zu haben, als der berühmte Lektor Owen Goddard ihn förderte, sein Debütroman wurde auch veröffentlicht - doch dann….
War er wirklich zu hoch geflogen? Oder hatte ihm das Leben nur einen seiner Streiche gespielt? Ihm alles versprochen und dann wieder genommen?
Da eröffnet eine unerwartete Begegnung die Chance, dem Leben doch noch einmal eine entscheidende Wendung zu geben…

Claire Chambers „Heimliche Zeilen“ , übersetzt von Wibke Kuhn, hat mich wie schon ihr Roman „Scheue Wesen“ von den ersten Sätzen an in den Bann gezogen. Ich mag ihren ruhigen Stil, die genaue Charakterzeichnung, den leisen Humor. Und die Hoffnung, die dieses Buch über verpasste Chancen und Lieben ausstrahlt.
Einfach ein wunderbar unaufgeregter und trotzdem fesselnder Roman. 
Was will man mehr.

Heimliche Zeilen

von Clare Chambers

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Zugwind
Simone Finkenwirth

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Wann hat der Zugwind zuletzt in Ihrem Herzen gewütet? Bei mir war's erst vergangene Woche. Aber zum Glück hat mich Iryna Fingerova aufgefangen. Denn ihre Romanheldin aus "Zugwind" ergeht es genauso: "Der Zugwind, der sich in mir breitgemacht hatte, machte keine Anstalten, sich zu beruhigen. Die Fenster und Türen schlugen. Sie weckten die Kinder auf!"

Am 24. Februar 2022 überfällt Mira diese Unruhe. An dem Tag, als Russland in ihr Heimatland einmarschiert. Mira lebt da bereits mit ihrem Mann, ihrer fünfjährigen Tochter und ihren Eltern in Deutschland. Sie arbeitet als Ärztin, erst im Krankenhaus, bald in einer Hausarztpraxis bei Frau Erde und Frau Meer. Anhand der Namen merkt man schon, hier ist eine Poetin am Werk. Als Mira dort beginnt, spricht sich das natürlich in der ukrainischen Gemeinde herum, und bald suchen sie viele Patienten aus der alten Heimat auf. Sie haben unterschiedliche Leiden, die uns die Erzählerin anonymisiert teilt. "Frau A. brach in Tränen aus, kaum, dass sie Platz genommen hatte." 

So verschieden die Menschen sind, eint doch alle diese Tatsache: "Mit einem Bein in der Ukraine, mit dem anderen in Deutschland. In zwei Realitäten gleichzeitig." Das strengt auf Dauer an. Iryna Fingerova gibt den entwurzelten Menschen eine Stimme, ohne Pathos oder Schwere. Sicherlich zwickt das Herz, aber es knickt nie ganz in sich zusammen, denn die Autorin kommt rechtzeitig mit ihrer charmanten Leichtigkeit daher und schenkt mir einen Sonnenstrahl, der das Dunkle vertreibt. Übrigens stellt ihre Heldin auf der Verlagsseite des Rowohlt Verlags Rezepte gegen Zugwind-Beschwerden aus: 
https://www.rowohlt.de/zugwind

Auch Mira spürt diese Zerrissenheit. Obwohl sie sich mit ihrem Mann ein Leben in Deutschland aufgebaut hat, sehnt sie sich nach Odesa und ihrer Großmutter. Als es ganz schlimm wird, sagt ihr Mann, sie solle endlich fahren. Das macht Mira dann auch, und nimmt mich mit. Zeigt, wie ein normales Leben in einem Kriegsland weiterexistieren kann und muss.

"Zugwind" ist ein kluges, berührend schönes, luftig charmantes und wichtiges Buch über den noch andauernden Krieg in der Ukraine. StaywithUkraine!
 

Zugwind

von Iryna Fingerova

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Holly
Frank Menden

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„Glücklichsein war nie mein Ziel, das ist doch ein fürchterlicher Zustand, da hat man ja die ganze Zeit Angst, dass es gleich wieder vorbei ist.“

Die angebliche Sichtung eines seltenen Vogels auf einer kleinen Insel vor Finnland steht am Beginn dieser ungewöhnlichen Geschichte.
Die junge Journalistin Eva soll dieser Meldung nachgehen und trifft auf der Insel Holly, eine verwitwete Schauspielerin, die den Blauwangenspint, so der Name des normalerweise in Nordafrika vorkommenden Vogels, gesichtet haben will.

Was sich nun entspinnt ist die Konfrontation zweier Höchst unterschiedlicher Frauen. Ruhig und zurückhaltend trifft auf expressiv und extrovertiert. Doch bald verschwimmen die Grenzen - und als ein ehemaliger Liebhaber Hollys auf der Insel auftaucht, werden die Karten neu gemischt.
Und was hat es eigentlich mit dem gesichteten Vogel auf sich?

„Holly“ von Maisku Myllymäki , übersetzt von Elina Kritzokat, ist ein ungewöhnlicher Roman, der mich immer wieder an Ingmar Bergmans Film „Persona“ erinnert hat - und der doch ganz anders ist.
Raffiniert, spannend, mir der richtigen Dosis Unwägbarkeit, ist der finnischen Autorin ein Buch gelungen, das sicherlich polarisiert.
Mich haben diese beiden Frauen und die Dynamik ihrer Begegnung ungemein fasziniert - bis zum ungewöhnlichen und zwingenden Ende.
Von Maisku Myllymäki würde ich gern mehr lesen!

Holly

von Maisku Myllymäki

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Die Bäume streifen durch Alexandria
Frank Menden

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„Die Abbildungen der Mächtigen konnten wechseln, doch blieb das Artinos, was es immer gewesen war, nämlich ein erstklassiges Lokal.“

Die Haute Volee Alexandrias ist in den 1960er Jahren im „Artinos“ zuhause. Meist trifft sich die Gruppe von Intellektuellen und Freigeistern gegen Mitternacht, diskutiert und kommentiert sowohl die privaten Beziehungen und erotischen Verwicklungen, als auch die sich allmählich abzeichnenden politischen Veränderungen. Denn das von Multikulturalität geprägte Alexandria wird zunehmend geprägt von dem vom Geheimdienst gesäten Misstrauen. Und auch die Gruppe um die Buchhändlerin Chantal, Schokoladenfabrikant Tony und dem schillernden Carlo kann den Zeichen der Zeit bald nichts mehr entgegensetzen. Denn wie kann man in einer beginnenden Diktatur Widerstand leisten, wie in ihr leben, ohne sich und seine Freunde zu verraten?

„Die Bäume streifen durch Alexandria“ von Alaa al-Aswani , übersetzt von Markus Lemke, ist ein fesselndes Porträt einer Gesellschaft, eines Landes im Umbruch. Dabei ist der komplexe Roman dank der hervorragenden Figurenzeichnung, der vielen Perspektiven und kurzen Kapiteln absolut mitreißend zu lesen. Man wähnt sich wie in einer packenden Fernsehserie, ohne dass die Kernaussage verloren geht: die Warnung vor der Vereinheitlichung des Denkens.
Dieser Roman aus dem letzten Herbst sollte noch unbedingt von vielen Menschen gelesen werden, ist er doch leider allzu aktuell.

Die Bäume streifen durch Alexandria

von Alaa al-Aswani

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Die Sonne und die Mond
Simone Finkenwirth

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Wenn ein geliebter Mensch von uns geht, tut das sehr weh. Genauso schmerzhaft sind die Wellen der Trauer, die einen immer wieder erfassen. Chris Kraus findet dafür die passenden Worte: "Auch das Vergehen von Menschen heißt nicht, dass sie nicht überdauern. Alles Bedeutende existiert nur in der Erinnerung." Das schreibt jemand, der seinen Lebensmensch verloren hat. "Die Sonne und die Mond" hat ihn durch die schwere Zeit getragen. Ich staune wieder einmal, wie viel Kraft in der Liebe steckt. 

Wobei das Gros der Geschichte alles anderes als ruhig ist. Denn hier treffen zwei gegensätzliche Pole aufeinander. Da ist die stille in sich gekehrte Sonne. Eigentlich heißt sie Sonja, aber ihr Vater hat sie immer Sonne genannt. Sonne betreibt in einer ehemaligen Bäckerei ein alternatives Berliner Bestattungsunternehmen. Als Mond ins ruhige Örtchen reinfällt, steht die Welt Kopf. Mond heißt Jana von Mond und erinnert mich an einen bunten Kanarienvogel dessen Schnabel nie stillsteht.

Sonne reagiert ziemlich kratzbürstig und wird von ihrem Angestellten zurechtgewiesen. Was Samuel und ich nicht wissen, ist der Konflikt, den die Freundschaft seinerzeit entzweit hat. Auch Monds aktuelles Problem ist alles andere als einfach: Ihr geliebter Mann ist mit seiner Freundin bei einem Verkehrsunfall in Italien ums Leben gekommen. Said hat in seinem Testament darüber verfügt, dass er mit Ying Shu zusammen beerdigt werden will.

Und jetzt? Sonne will Mond am liebsten rausschmeißen. Mond hingegen fleht, bettelt und wird schließlich von ihrer alten Freundin erstmal mit nach Hause genommen, in die kleine Wohnung, die Sonne mit ihrem Sohn Nicky bewohnt. Eine goldige Frohnatur, die ich sofort ins Herz schließe wie Nicky Jana.

Man merkt dem Autor sein erfahrenes Händchen für Figuren und Plots an. So fühlt sich die Lektüre wie ein wunderschöner Kinofilm an - mit dem Unterschied, dass sich neben schmissigen Dialogen und bizarren Momenten nachdenklich kluge Gedanken wie sanfter Schnee über das bunte Treiben legt.

"Überleben ist kein Wert von Dauer, auch unser Überleben nicht." Das ist einer der Sätze, der sich in mein Gedächtnis gebrannt hat wie die Figuren, die ich nur schwer loslassen möchte. Doch auch das gehört zum Leben dazu: Abschied zu nehmen, voller Dankbarkeit zu sein für die gemeinsame Zeit, reich gesegnet mit vielen Erinnerungen, die einem keiner nehmen kann. Ganz im Gegenteil: Sie sind der Ort, an dem wir immer wieder zu unseren Lieben zurückkehren können, und das zu jeder Sonnen- und Mondzeit!

Die Sonne und die Mond

von Chris Kraus

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Der andere Arthur
Frank Menden

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Arthur Opp, ehemaliger Literaturprofessor, 250kg schwer, hat sein Haus in Brooklyn seit über zehn Jahren nicht mehr verlassen. Seine einzige Freude ist das Essen und das Fernsehprogramm, Kontakte zur Aussenwelt sind schon seit längerer Zeit eingeschlafen.
Da meldet sich eine Stimme aus der Vergangenheit bei ihm. Charlene Turner, eine ehemalige Studentin, bittet Arthur um Hilfe. Ihr Sohn Kel kämpft mit seinem Schulabschluss und dem Leben an sich. Ob Arthur ihm evtl. etwas an die Hand nehmen könnte, ihm Ratschläge geben, neue Perspektiven zeigen könnte…

Es ist dem großen und verdienten Erfolg von „Der Gott des Waldes“ zu verdanken, dass dieser bereits 2012 im Original erschienene Roman nun in einer exzellenten Übersetzung ( Cornelius Hartz ) azf Deutsch vorliegt. Liz Morre erzählt hier eine gänzlich unsentimentale Geschichte über zwei Aussenseiter, über Einsamkeit und Perspektivlosigkeit, Armut, verpasste Chancen – und über einen kleinen Streifen Hoffnung am Horizont.
Nie droht ihr Roman in Pathos oder Kitsch abzudriften, immer bleibt sie nah bei ihren hervorragend gezeichneten Figuren.
Ruhig, unaufgeregt, legt sie Schicht um Schicht der beiden ungleichen Protagonisten frei – und beschert uns einen berührenden, unvergesslichen Roman.
 

Der andere Arthur

von Liz Moore

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Dämmerung
Frank Menden

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„Sie hatte sich fremde Identitäten ausgeliehen, um sich nicht für eine eigene entscheiden zu müssen. Nun hatte das Leben für sie die Entscheidung getroffen.“

„Dämmerung“ von Kjell Westö , übersetzt von Kristina Maidt - Zinke, stellt zwei Menschen ins Zentrum des „Romans aus Kriegszeiten“, so der Untertitel.
Molly, eine Schauspielerin, die vermehrt mit ihrem Beruf hadert, der ihr in den Wirren der Kriegszeit 1940/41 immer mehr abverlangt.
Und Henry, ein Journalist, den das an der Front erlebte Grauen nicht mehr loslässt und der gegen die Zensur seiner Redaktion kämpft, die seine realistischen Berichte nicht drucken wollen.

Zwei Menschen, die sich kennenlernen, sich verlieben, die der Krieg vor mannigfaltige Herausforderungen stellt, als Individuen, als Paar.
Was, wenn die gemachten Erfahrungen zu traumatisch sind, was, wenn die einsetzende Sprachlosigkeit zu Verletzungen führt, die nicht mehr zu kitten sind?

Kjell Westös preisgekrönter Roman verbindet seine Liebesgeschichte mit der Geschichte Finnlands und der Geschichte der Finnlandschweden.
Es ist ein Buch, das unter die Haut geht , Einblicke in das Theater- und Kulturleben gibt und über die Gräuel des Krieges an der Front und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dazu ist es ein Plädoyer für die Aufgabe des Journalismus in harten und schwierigen Zeiten.
Sehr zu empfehlen!

Dämmerung

von Kjell Westö

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Tage des Lichts
Simone Finkenwirth

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Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht nur bei Menschen. Auch zwischen Büchern und den Lesenden. Megan Hunter ist für mich der lebende Beweis dafür! Mit ihrem neuen Roman "Tage des Lichts" hat sie die Tür zu meinem Herzen sofort ganz weit aufgestoßen. Genau dort sitzt sie und ich verrate Ihnen nun warum.

Ivy ist die tragende Figur in dem Roman, der mich von der ersten Seite an bezirzt. Kein Wunder, ist Ivy in eine Künstlerfamilie hineingeboren und ich fühle mich diesen interessanten Menschen seit jeher verbunden. So falle ich federleicht in dieses flirrende Setting. Es ist Ostersonntag im Jahr 1938. In dem atmet die Kunst. Ivys Bruder Angus teilt sich das Atelier mit seiner Mutter. Joseph, Ivys anderer Bruder, singt indes schief. Er ist voller Vorfreude, denn heute soll seine Liebste endlich eintreffen: Frances. Alle sind gespannt. Nun passiert an diesem Tag etwas, das dem Leben und der Geschichte eine andere Wendung gibt. Plötzlich knallt mir eine Faust in den Bauch.

Aber wir bleiben tapfer, Ivy und ich. Gehen unsere Wege, viel mehr Ivy, und ich folge dieser Frau mit den zwei Gesichtern. Einerseits spürt sie die Freiheit und den Wunsch nach einem selbstbestimmten anderem Leben jenseits der Norm, andererseits geht sie doch die Ehe ein, wird Mutter, hat aber tiefschürfende Gedanken und den Wunsch nach einer überirdischen Transformation, denn das helle Licht aus dem Jahr 1938 in dem Fluss geht ihr nicht aus den Kopf. Wie Frances, die eines Tages wieder auftaucht und mehr in Ivy auslöst, als es eigentlich sollte und durfte zu dieser Zeit.

Der Roman wird getragen von einer wärmenden Zärtlichkeit. Elegant, stimmungsvoll und mit einer feinfühligen Hand zeichnet die Autorin ein Frauenleben mit all seinen Facetten. Ein Buch über das Verlangen und der weiblichen Urkraft. Still erzählt, aber mit einer wunderschönen Melodie, die sich um das helle Licht dieses feinen Romans legt wie eine Geliebte um ihren Herzensmenschen. Das ist Liebe!

Tage des Lichts

von Megan Hunter

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Das Lied von Storch und Dromedar
Frank Menden

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Dieser Roman wird mich noch lange begleiten. Und ganz ehrlich : es ist schon fast gemein gegenüber all den Novitäten in diesem Jahr, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass dies hier an Intensität, Spannung und literarischer Qualität noch groß zu übertreffen sein wird.

„Das Lied von Storch und Dromedar“ von Anjet Daanje , übersetzt von Ulrich Faure, ist ein literarisches Mosaik über die Wirkung, die ein Mensch und ein Werk noch über den Tod hinaus haben.

Im Zentrum steht die zu Beginn der 1847 in Yorkshire beginnenden Handlung die Schriftstellerin Eliza May Drayton - die ist da allerdings bereits verstorben. Hinterlassen hat sie den Roman „Haegar Mass“ - von ihren Zeitgenossen kritisiert, von der Nachwelt gefeiert .
Doch wer war diese Frau aus einem kleinen englischen Dorf?
Und warum wird ihr Nachruhm - und auch der ihrer Schwestern - von Jahr zu Jahr größer, der Kult um sie immer bedeutsamer?

Man darf nicht zu viel verraten, man muss sich einfach hineinfallen lassen in diese knapp 1.000 Seiten und sich ganz der Kunst Daanjes hingeben.
Denn dieses lose an der Biografie der Bronte Schwestern orientierte Buch ist einfach unfassbar gut.
Und wer es verpasst hat in diesem Falle WIRKLICH eins DER Leseerlebnisse und - vergnügen der letzten Jahre verpasst!

Das Lied von Storch und Dromedar

von Anjet Daanje

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Das gelbe Haus
Simone Finkenwirth

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Lange schon hat mich „Das gelbe Haus“ von Mieko Kawakami gezwickt. Seit ihrem Debüt „Brüste und Eier“ zählt die Japanerin zu den geschätzten Autorinnen meines Sehnsuchtlandes. Und das obwohl kein magischer Realismus am Wirken ist. Viel mehr zeigt Kawakami das wahre Leben. Dabei geht sie äußerst feinfühlig und mitreißend vor wie auch in ihrem neuen Roman, der 2025 das Feuilleton des Spiegels mehr als überzeugt, und ihm den 5. Platz des Spiegel Buchpreises verliehen hat.

Im Zentrum steht die vierzigjährige Hana. Als sie auf einen Zeitungsartikel über eine Freundin stößt, erwachen die Erinnerungen an ihre jüngeren Tage mit Kimiko - eine Freundin der Mutter, die sich in den Sommerferien dem Mädchen angenommen hat, nachdem die Mutter einfach verschwunden war.

Hana wächst in prekären Verhältnissen auf. Die Mutter hangelt sich von verschiedenen Jobs zum nächsten, wechselt ihre Partner. Da kommt Kimiko wie gerufen. Die beiden verleben eine wunderbare Sommerzeit. Doch als die Mutter wiederkehrt, bleibt Kimiko verschwunden. Erst als junge Frau trifft Hana diese zufällig wieder. Dieses Mal bleiben sie zusammen. Schöner noch: Sie übernehmen eine Bar und nennen sie „Lemon“. Denn die Farbe Gelb steht für Geld und Wohlstand. Feng-Shui spielt hier eine besondere Rolle.

Die beiden bleiben nicht allein, später gesellen sich noch Momoko und Ran dazu, weitere verlorene Seelen, die ein Haus beziehen. Als alles perfekt scheint, schlägt das Schicksal zu. Bämm!

Dieses Buch zeigt das andere Japan. Kawakami lichtet die eher verborgene Welt ab, die der Benachteiligten. „Geld ist Macht, Armut ist Gewalt“ heißt es an einer Stelle, so wahr, sind die nachfolgenden Worte. Bemerkenswert ist die Wandlung der Figur Hana wie die Geschichte. Also genießen Sie jede warme Seite, denn es könnte die letzte sein, und dies dafür Ihr erstes Highlight 2026 werden.

Das gelbe Haus

von Mieko Kawakami

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Meine Freunde
Frank Menden

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London 1984.
Eine Demonstration vor der Botschaft Libyens gegen Machthaber Gaddafi wird zum Wendepunkt im Leben dreier Männer. Aus dem Botschaftsgebäude wird auf die Demonstrierenden geschossen, eine Polizistin stirbt, mehrere Menschen werden verletzt.
Für die teilnehmenden Studenten Khaled und Mustafa wird klar: eine Rückkehr in ihre Heimat wird unmöglich. Fortan ist die Angst ihr ständiger Begleiter. Angst um sich, Angst um die Familien in Libyen.
So ergeht es auch Hosam, einem befreundeten Schriftsteller, der wie sie im Exil lebt. Eine seiner Kurzgeschichten wurde im libyschen Rundfunk vorgelesen, was den vortragenden Journalisten das Leben gekostet hat.

Ein Leben im Exil, Freundschaften auf dem Prüfstand, dazu der stetige politische Wandel sowohl in der alten wie auch der neuen Heimat - all dies stellt die drei Männer vor immer neue Herausforderungen: soll man bleiben oder zurück in die alte Heimat?

Hisham Matars Roman „Meine Freunde“ , ist ein durchaus komplex gestaltetet Roman, der uns auf Khaleds Spaziergängen durch London sowohl von der Vergangenheit als auch der Gegenwart seiner Protagonisten erzählt- und uns dadurch eine Geschichte über die Kraft und die Grenzen von Freundschaft und über den Zusammenhang von Literatur, Heimat und Identität aufzeigt.
Was das Exil bedeutet, was eine Diktatur , die man trotz Flucht nie hinter sich lassen kann, für ein Leben bedeutet : hier erfahren wir es. Hautnah, eindringlich, mit großer literarischer Intensität.
Chapeau!

Meine Freunde

von Hisham Matar

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Schatten der Gondeln
Frank Menden

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John Banville zu lesen ist immer ein Vergnügen.
In seinem neuesten Roman „Schatten der Gondeln“ , übersetzt von Elke Link, führt er uns in das Venedig des anbrechenden 20. Jahrhunderts.
Hierher kommt der Schriftsteller - oder Schreiberling, wir er sich selbst bezeichnet- Evelyn Dolman mit seiner Ehefrau Laura Rensselaer, nachdem sich ihre gemeinsame Hoffnung auf ein großes Erbe zerschlagen haben.
Laura, die Tochter eines Olbarons, zerstritt sich leider kurz vor dessen Tod mit ihrem Vater und wurde enterbt.
Der Aufenthalt in Venedig soll dazu dienen, sich über die weitere Zukunft Gedanken zu machen.
Doch für Evelyn scheint Venedig ein Ort voller Geheimnisse, Mysterien und Intrigen zu sein.
Oder bildet er sich die unheimlichen und unerklärlichen Begebenheiten nur ein?

Dieser Roman liest sich so, als hätten sich Henry James und Patricia Highsmith zusammen getan und davor Nicholas Roegs Klassiker „Don‘t look now - Wenn die Gondeln Trauer tragen“ zur Einstimmung gesehen.
Der Nebel wabert durch die Stadt, der Palazzo erscheint ebenso unheilvoll wie der Gastgeber verschlagen und am immer wieder aufblitzenden Suspense hätte auch Hitchcock seine Freude gehabt.
Vielleicht ist diese Hommage an den guten alten Schauerroman etwas zu glatt geraten, sprachlich unterhält dieser neue Banville aber wieder einmal auf hohem Niveau - und lotet dabei gewohnt gekonnt die dunklen Seiten der menschlichen Seele aus.
Ein Roman, nicht nur für Venedig Liebhaber.

Schatten der Gondeln

von John Banville

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Transit 64
Frank Menden

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Januar 1964.
Auf dem Weg zu einem Konzert in Warschau landet Marlene Dietrich auf dem Flughafen in Ostberlin.
Nicht nur die Presse wartet auf sie. In Westberlin warten zwei Männer auf sie, die ein besonderes Anliegen haben: Marlene Dietrich soll bei der Bundespräsidentenwahl als Gegenkandidatin zu Heinrich Lübke antreten.
Bei den beiden Männern mit dieser visionären Idee handelt es sich um Willy Brandt, den Regierenden Bürgermeister von Berlin, und seinen Sprecher Egon Bahr.

Das Personal ist real, der Zwischenstopp Marlene Dietrichs ebenso.
Der Rest könnte sich so zugetragen haben, ist allerdings ein reines Gedankenspiel.
Die Künstlerin Bettina Munk, Politikwissenschaftlerin Karin Wieland und der Soziologe Heinz Bude haben aus dieser Idee eine Mischung aus Roman und Graphic Novel geschaffen, die an alte SchwarzWeiss Filme erinnert.
Darüber hinaus bietet „Transit 64“ Einblicke in die Geschichte Ostberlins und erzählt mit leichter Melancholie von einem Star, der seinen Zenit überschritten hat und gegen das Vergessen werden kämpft. Und von einem Mann, der nach wie vor mit seiner Heimat fremdelt.

Ein wunderschön gestaltetes Buch, spannend, intelligent, fein beobachtet und eine willkommene Abwechslung auf dem deutschsprachigen Buchmarkt.

Transit 64

von Heinz Bude, Bettina Munk, Karin Wieland, BudeMunkWieland

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Neben Fremden
Frank Menden

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„Ich bin nicht unzufrieden, komme halbwegs mit mir zurecht. Mein Leben ist auch ein Leben.“

Eva Schmidts neuer Roman „Neben Fremden“ erzählt von Rosa. Früher war sie Krankenpflegerin, jetzt ist sie in Pension. Mit ihrer Umwelt hat sie wenig Kontakt .
Eine ehemalige Kollegin, die vielleicht nur deshalb so etwas wie eine Freundin ist, Nachbarn , die auf näheren Kontakt keinen sonderlich gesteigerten Wert legen, und eine Mutter, die sie mit zunehmender Hinfälligkeit immer mehr zu vereinnahmen sucht.
Rosa kommt zurecht.
Als der verheiratete Mann mit dem sie ein Verhältnis hatte überraschend stirbt und ihr einen Campingbus hinterlässt, scheint ihr dies als ein etwaiger Wink des Schicksals.
Ein gleichzeitig eintreffender Brief besiegelt ihre Entscheidung, eine Pause von ihrem bisherigen Leben zu nehmen und loszufahren….

Spät in diesem Jahr kam dieser Roman zu mir, aber genau zur richtigen Zeit, passt er doch hervorragend zur Stimmung in diesen herbstlich winterlichen Monaten.
Eva Schmidt erzählt nüchtern und präzise, beiläufig streut sie Sätze ein, die gerade deswegen eine ungemeine Wucht entfalten.
Ein stiller Roman, mit 192 Seiten recht kurz, aber mit einer enormen Wirkung . Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort ist genau überlegt.
Beeindruckend, berührend, unvergesslich.

„Wenn du erst einmal anfängst rückwärts zu denken geht’s dem Ende zu.“

Neben Fremden

von Eva Schmidt

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Die Unbußfertigen
Frank Menden

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„Sie haben einer App Ihre dunkelsten Geheimnisse verraten, Sie haben Dokumente und Fotos hochgeladen, ohne die allgemeinen Geschäftsbedingungen zu lesen?“

Na, fühlt sich jemand ertappt?
Dann „Herzlich Willkommen“ zu Elina Penners neuen Roman „Die Unbussfertigen“ .

Zehn Influencer haben auf der zur Zeit wichtigsten und somit mächtigsten App der Welt den begehrten „Rank 10“ erreicht. Ihre Belohnung: ein exclusives Wochenende in einem abgelegen Herrenhaus im Nirgendwo.
Doch schnell wird klar: der Gewinn entpuppt sich als Bestrafung. Eine anonyme Stimme wirft den versammelten Netzpersönlichkeiten ihre moralischen Verfehlungen vor, Verbrechen, die das „normale“ Strafrecht nicht ahndet.
Hier aber herrschen andere Regeln, dass wird spätestens nach dem Verschwinden des ersten Influencers klar…

Dieser Roman besitzt ein unglaubliches Tempo und absolut brillante, pointierte Dialoge. Diese Mischung aus Gesellschaftssatire, Dystopie und Thriller ( die Parallelen zu Agatha Christie’s „ And then there were none“ werden im Text direkt angesprochen) macht ungemein Spaß, verursacht aber auch durch ihre Nähe zur Realität eine gewisse Verstörung.
Unserer frauenverachtenden Gesellschaft wird hier der Spiegel vorgehalten, es geht um Einsamkeit, Generationskonflikte, Migration, Abhängigkeit und exzessiver Selbstdarstellung.
Das sind viele Themen, die aber durch die geschickte Auswahl der Charaktere gut verkörpert und verdeutlicht werden.
Nur im letzten Drittel gab es dann für meinen Geschmack zwei Wendungen zu viel, die den Impact dieses Romans für mich etwas geschmälert haben.
Dennoch kann ich ihn allen Fans von rasanter intelligenter Gesellschaftskritik empfehlen: ein mitreißendes Leseerlebnis mit Widerhaken.

Die Unbußfertigen

von Elina Penner

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Der brennende Garten
Simone Finkenwirth

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Ich kannte Sri Lanka bisher als beliebtes Reiseziel. Doch der Bürgerkrieg war mir weniger vertraut. Gut, ich war beim Beginn noch sehr klein, lebte in einem Land, das alles andere als frei war. Aber jetzt nach V.V. Ganeshananthans Roman bin ich schlauer. "Der brennende Garten" hat mir wieder gezeigt, warum ich lese. Nicht nur, um abzutauchen. Sondern, weil ich dabei fremde Lebenswelten kennenlernen kann.

Wir begleiten Sashi, eine junge Frau, die mit ihren vier Brüdern und Eltern in Jaffna auf Sri Lanka ein gutes Leben führt, bis der Bürgerkrieg ausbricht. Die Tigers, tamilistische Seperatisten, stehen den regierungsnahen Singhalesen gegenüber. Es gibt Überfälle, zahlreiche unschuldige junge Männer werden von der Regierung festgenommen, ohne, dass sie etwas gemacht haben. Tiger bildet in Indien Krieger aus, rächt sich, und tötet dann selbst.

In diesen Konflikt schlittert unsere Ich-Erzählerin mit ihren Brüdern, die sich teils den Tigern anschließen. Ich erlebe eine junge Frau, die hin- und hergerissen ist. Einerseits will sie Ärztin werden, und beginnt ihr Medizinstudium. Andererseits will sie helfen. Als ein guter Freund K. an sie herantritt, und fragt, ob sie im Tiger-Lazarett Verwundete, auch Zivilisten, verarzten will, braucht sie nicht lange für ihre Antwort. Und doch steht die junge Frau bald zwischen den Fronten. Denn ihr Studium leidet unter diesem Einsatz. Und überhaupt will sie keinen Krieg. Doch es ist nicht alles finster, denn Sashi trifft auf Menschen wie ihre Professorin Anjali Acca, die sie durch ihre Denkweise und Zuwendung auffangen wie gute Bücher. Gelesen wird hier übrigens viel.

V.V. Ganeshananthan schreibt in einem ruhigen Ton eine aufwühlende Geschichte. Manchen Lesenden war einiges zu ausführlich auserzählt, ich habe indes jede Seite verschlungen, und nichts überblättert. Die innere Zerrissenheit der Heldin habe ich mit jedem Atemzug so sehr gefühlt wie den Konflikt, der die Familie bis ans Äußerste führt. Für mich bleibt dieses eindringliche und preisgekrönte Buch noch lange im Herzen. Ja, viel mehr noch: Es ist ein Highlight in diesem Lesejahr, das ich meiner lieben Kollegin Sarah O'Connor zu verdanken habe. So hat meine Kollegin die Women's Prize for Fiction 2024 bereits im Original gelesen, bevor es Sophie Zeitz ins Deutsche übertragen hat.

Der brennende Garten

von V. V. Ganeshananthan

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Unsere Abende
Frank Menden

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„Einen berühmten Menschen zu kennen, macht einen vielleicht zum Teil seiner Geschichte, und man möchte, dass diejenigen, die diese Geschichte erzählen, deren Kern erkennen und sie richtig wiedergeben.“

In „Unsere Abende“ erzählt Alan Hollinghurst die Geschichte von Dave Win. Seinen burmesischen Vater hat er nie gekannt, seine Mutter verdient ihr Geld als Schneiderin.
Dank eines Stipendiums der wohlhabenden Familie Hollows kann er eine gute Schule besuchen, wenn er auch von deren fast gleichaltrigen Sohn Giles auf fieseste Weise malträtiert wird.
Dave wird Schauspieler, schlägt sich in London und auf Tourneen durch, während Giles eine steile Karriere in der Politik macht.
Doch auch das Leben von Daves Mutter Avril nimmt nach dessen Auszug eine ganz andere Wendung …

Ich bin ein großer Fan von Alan Hollinghurst, „Die Schwimmbadbibliothek“ und „Die Schönheitslinie“ ( Booker Prize 2004 ) gehören zu meinen prägendsten Leseerlebnissen.
Sein neuer Roman , hervorragend übersetzt von Joachim Bartholomae, zeigt wieder einmal seine literarische Meisterschaft.
Hollinghurst versteht es wie kein anderer wichtige Themen in einer ruhigen, unaufdringlichen Art und Weise zu erzählen, die diese umso eindringlicher machen.
Er vermeidet Klischees und Übertreibungen, und spickt seinen Roman mit Anspielungen, die die englische ( Klassen-) Gesellschaft genau porträtieren und entlarven.

Die „SZ“ hält „Unsere Abende“ für Alan Hollinghursts besten Roman, die „Literary Review“ nennt ihn einen packenden Bildungsroman.
Ich war 616 Seiten lang gefesselt von Daves Geschichte, von seinem nie einfachen Leben als schwuler halbburmesischer Mann, von seinen Kämpfen, Niederlagen und Siegen.
Ein Roman über Klasse und Kunst, Liebe und Gewalt , über Sehnsucht und Ankommen, wie gemacht für Leseabende im Herbst.

Unsere Abende

von Alan Hollinghurst

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Einer reist mit
Simone Finkenwirth

Simone Finkenwirth

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Heutzutage ist eine Fahrt mit der Deutschen Bahn fast aufregender als ein Trip durch Indien. Stets taucht das Wort Verspätung oder Ausfall auf. Aber verzagen Sie bei der nächsten Zugreise nicht, und haben Sie dieses Buch parat. Dann wird ihr Grummeln verstummen, das Lachen aus ihrem Rachen um so lauter.

Anne Serre ist "eine veritable Entdeckung" - schreibt Meike Feßmann über die mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Autorin. Dem kann ich nur zustimmen. Nachdem mich Anne Serrre mit den filmreifen "Governanten" tief beeindruckt hat, wurde sie für mich zu einer Wiederholungstäterin in Sachen herausragender Literatur. Bereits der Einstieg versetzt meine Glückshormone in Partystimmung. Die Erzählerin plaudert offenherzig: "Ich stehe nicht gern früh auf. Seit nunmehr zehn Jahren bleibe ich so lange liegen, wie ich möchte, gut und gern bis neun, aber vor allem schätze ich einen ruhigen Vormittag ohne jede Störung."

Ungünstigerweise muss die Autorin jetzt früh hoch, da sie eine Einladung zu einem Literaturfestival in Montauban erreicht hat. Die Ich-Erzählerin überlegt abzusagen, geht im Geiste verschiedene Ausreden durch, wie so oft bei Auftritten, aber unsere Heldin tritt die Reise mutig an. Und begegnet am Pariser Bahnhof eine Autorin-Freundin. Wiedersehensfreude einerseits, andererseits wird wohl jetzt wohl nichts mit der Ruhe. Trotzdem bleibt auf der siebenstündigen Fahrt ausreichend Zeit für Beoachtungen und Gedanken, und gerade Letztere haben es mitunter in sich. Sie werden sogar leicht magisch, als die Autorin plötzlich ihren spanischen Lieblingsautor Enrique Vila-Matas entdeckt, und mit ihm anfängt zu plaudern.

Gleichzeitig lässt uns die Autorin an ihrem Leben als Schriftstellerin teilhaben. Sie erzählt von den Anspannungen vor öffentlichen Auftreten, überlegt, wie ihr in Montauban der Zustand konzentriertem Präsens gelingen kann. Dafür müsse sie sich "umdrehen, umstülpen, als wäre man ein Handschuh."
Als ebenso bemerkenswert erweisen sich die Gedanken über Autoren wie Franz Kafka, Thomas Bernhard, Marcel Proust, Robert Walser, und andere. Hat man diese noch nicht gelesen oder lange nicht, nach dem Buch will man es unbedingt oder gern wieder.

"Einer reist mit" ist ein literarischer Glücksgriff - und ich stehe mit der Feststellung nicht allein da. Schauen Sie mal bei Perlentaucher vorbei. Hinreißend sind die Einfälle, erfrischend, charmant und erhellend die Sprache wie die Reflexionen zu so vielem. Das Buch ist eine große Liebeserklärung an die Literatur, ihre Schöpfer:innen, dem Zauber des Unterwegsseins und eine großartige wie fantastische Lektüre.

Übrigens passt das Buch perfekt in die Handtasche. Ist das Magie oder berechnet? Ich weiß es nicht. Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann: Dieser Roman ist ein großer Gewinn, herausgegeben von einem unabhängigen Verlag, der in den Ruhestand gegangen ist. Also kaufen Sie dieses Buch, so lange es noch lieferbar ist! Lesen Sie es mit Freude und verschenken Sie es. Man wird es Ihnen danken. Davon ist auszugehen wie die nächste Zugverspätung.

Einer reist mit

von Anne Serre

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Mit Liebe und Safran
Frank Menden

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Dieses Buch ist ein Seelenwärmer!

Am Anfang steht etwas Safran, per Post verschickt an Imogen Fortier, eine knapp 60jährige Kolumnistin, die zurückgezogen auf Cameo Island in der Nähe von Seattle mit ihrem Mann Francis wohnt.
Die Absenderin der ungewöhnlichen Gewürzsendung ( ein passendes Rezept wurde beigelegt ) ist die 27jährige Joan Bergstrom aus Los Angeles, ein Fan von Imogens Kolumne, die gerade versucht als Journalistin Fuß zu fassen.
Zwischen den beiden Frauen entsteht eine immer inniger und offener werdende Freundschaft, die beider Leben nicht nur kulinarisch bereichern und verändern wird…

„Mit Liebe und Safran“ von Kim Fay , übersetzt von Manfred Allie, ist ein wunderschöner, herzerwärmender Briefroman, der die Freundschaft und Solidarität von Frauen feiert, der uns zeigt, wie kochen Grenzen überwinden kann, und uns lehrt, sich der Welt gegenüber zu öffnen.
Nebenbei zeigt es die politischen und gesellschaftlichen Strömungen der 1960er auf und hinterlässt uns mit einer großen Portion Zuversicht und Hoffnung - und jeder Menge kulinarischer Anregungen.

Mit Liebe und Safran

von Kim Fay

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Mama & Sam
Simone Finkenwirth

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„Wie kann man nur so dämlich sein? Das ist doch offensichtlich!“ So oder ähnlich heißt es, wenn wir von Love Scammer-Opfern erfahren. Aber wie ist es überhaupt möglich, dass Menschen ihr gesamtes Vermögen an jemanden abtreten, den sie nie persönlich getroffen haben? Davon erzählt Sarah Kuttners neues autofiktionales Buch „Mama & Sam“.

Nach dem Tod der Mutter findet die Ich-Erzählerin heraus, dass ihre Mutter 104.000 Euro an einen Love Scammer abgegeben hat, meist unter enormen Aufwand, dieses aufzuspüren. Mir ist immer noch ganz schlecht, wenn ich daran zurückdenke.

Die Erzählerin bezeichnet sich selbst als Kinderdetektivin und versucht mit der Zeit im Rücken, dieses Unfassbare bis zur Bestattung aufzudecken. Dabei folge ich fassungslos dem Chatverlauf zwischen der Mutter und Sam Heughan, ein berühmter Schauspieler, so gibt er sich aus. 
An vielen Stellen denke ich, dass ist doch gelogen! Sieht sie das nicht?! Aber ich stecke nicht in der Haut der Frau, die lange schon einsam ist und in Sam ihre große Liebe findet.

„Mutter & Sam“ hat eine große Brisanz, zeigt das Ausmaß und damit verbunden die fatalen Verbrechen der Herzen. Obendrein enthält Sarahs Buch eine eine wichtige Botschaft: Nicht aufs Recht pochen, sondern mit den Betroffenen mitgehen, so schwer es auch sein mag. Es gibt im Anhang noch Adressen.

„Mama & Sam“ versprüht trotz aller Eindringlichkeit den fluffigen und liebenswerten Charme der Autorin. Zudem ist es ein aufrichtiges Buch über eine angespannte Mutter-Tochter-Beziehung, das Spuren hinterlässt.
 

Mama & Sam

von Sarah Kuttner

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Familiensache
Frank Menden

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„Fünfeinhalb Stunden nachdem man ihm gesagt hatte, dass er bald sterben würde, fuhr Heron zu seinem Lieblingssupermarkt.“

Mit diesem Satz beginnt Claire Lynchs Debütroman „Familiensache“. Es ist Juli 2022 und Heron wird wie jeden Donnerstag seinen Wocheneinkauf tätigen und abends seine Tochter Maggie anrufen. Er wird ihr nichts von seiner Krankheit erzählen, wie er ihr auch nie etwas davon erzählt hat, warum ihre Mutter sie vor vierzig Jahren verlassen hat.
Warum sie sich für ein anderes Leben entschieden hat , entscheiden musste.
Weil die Gesellschaft und die Gesetze es so vorschrieben und ihr Heron auch keine Hilfe war.
Unbequeme Wahrheiten lassen sich lange unterdrücken, aber nie ganz aus der Welt schaffen. Und so offenbart sich Maggie in diesem Juli die wahre Geschichte ihrer Eltern, ihrer Mutter….

Mich hat der Roman durch seine nüchterne, klare Sprache ( Übersetzung: Bernhard Robben ) überzeugt. Gerade weil die überaus dramatische und von Tatsachen inspirierte Handlung so unaufgeregt erzählt wird, und die Figuren so psychologisch fein ausgelotet werden, hat mich die Geschichte von Heron, Dawn, Maggie und Hazel so mitgenommen.
Es ist ein leiser Roman, ein eindringlicher Roman, über antiquierte Moralvorstellungen, über Bigotterie und Hilflosigkeit, über die Liebe und die Ehe , und darüber, dass auch wenn alle nur das Beste wollen, dies nicht unbedingt dabei herauskommt.

„Familiensache“ ist ein Roman über die verschiedenen Möglichkeiten von Familie und einer Gesellschaft, die diese verhindern will.
Eine klare Leseempfehlung!
 

Familiensache

von Claire Lynch

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Das Game
Frank Menden

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Es ist ein bescheidenes Leben, welches Anna mit ihrem 13jährigen Sohn Leo führt.
Aus einem alten Kastenwagen heraus verkauft sie Brathähnchen, Leo geht Wellenreiten, man schlägt sich so durch.
Doch dann summieren sich die Schicksalsschläge und Anna steht plötzlich vor dem Nichts.
Da kommt die Rettung in Gestalt der Reality Show „Das Game“, bei der man 50.000 Euro gewinnen kann - wenn man als letztes die Hand vom zusätzlich zu gewinnenden Auto nimmt.
Das „Spiel“ soll am französischen Nationalfeiertag enden, dem 14. Juli.

Schnell steigen Anna und Leo zu Helden auf, die Medien feiern sie, die Fans werden immer zahlreicher, selbst die Präsidentin fiebert mit Anna.
Doch ist „Das Game“ wirklich eine Chance oder nur ein Zirkus? Und sind 50.000 Euro wichtiger als die eigene Menschenwürde?

Joseph Incardonas „Das Game“ , übersetzt von Lydia Deweritsch, ist ein entlarvender Roman über zynische Macht- und Gesellschaftsstrukturen, in einer klaren, lakonischen Sprache erzählt und genau deshalb so wirkkräftig.

Wer „Squid Game“ mochte, ist bei diesem Roman goldrichtig, ebenso Fans von französischen Gesellschafts - und Sozialdramen.
Ein Buch , das definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient!
 

Das Game

von Joseph Incardona

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Haus zur Sonne
Simone Finkenwirth

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Das große Deutsche Buchpreis Finale längst Geschichte, doch die nominierten Bücher atmen weiter. Das ist gut und notwendig. So möchte ich Ihnen meinen Favoriten präsentieren: "Haus zur Sonne" von Thomas Melle. Das Buch hat mich tief beeindruckt, auch dank der grandionsen Hörbuchfassung, die von Jens Harzer brillant vorgetragen wurde. Nicht nur deshalb möchte ich es vorstellen. Sondern stellvertretend für die Menschen, die diese dunklen Phasen kennen. Es ist wichtig, dass seelische Krankheiten in unserer Gesellschaft gesehen und anerkannt werden. Wie viele scheuen sich noch davor, zuzugeben, dass sie an einer Depression leiden. Jeder hat mal schlechte Tage, sagen manche. Aber diese Krankheit geht tiefer. Schlimmer noch ist eine bipolare Störung.

Von der unser Ich-Erzähler betroffen ist. Er hat sich viel aufgebaut und wieder zerstört. Jetzt will er nicht mehr, und hat die Zusage für das "Haus zur Sonne" erhalten. Ein Ort, an dem Menschen, die sich für den Freitod entschieden haben, ihre letzten Wochen verbringen. Plötzlich ist unser Held nicht mehr isoliert, sondern eins mit den anderen: "Wirklich seltsam und unheimlich, in diesem Haus voller Zeit mit Menschen ohne Zukunft zu leben! Ich war nur einer von ihnen, und mein Schicksal war nicht wichtig."

Diese Institution ermöglicht seinen Klienten u.a. Reisen in Situationen, die sie gern wollen. Mal ein berühmter Star werden oder ein anderes Leben führen. Doch manchmal hakt selbst dieses System. Das sorgt für Unruhe, ebenfalls bei unserem Erzähler, der - je länger er dort ist - mehr bei sich ankommt, bis eines Tages ein Gedanke auftaucht...

"Haus zur Sonne" blickt in die dunklen Täler der Seele. Das erfordert eine Offenheit und gefestigte Stimmung. Trotz der Finsternis leuchtet der Roman durch äußerst lebenskluge, offenherzige Betrachtungen. Zudem ist er stilistisch fein justiert, zeigt das Innenleben eines bipolaren Menschen und fungiert als Sprachrohr für diejenigen, die nicht schlecht drauf, sondern ernsthaft erkrankt sind. Davor verneige ich mich. Ich wünsche dem Buch weitere mutige Lesende, und den Erkrankten alles erdenklich Gute!
 

Haus zur Sonne

von Thomas Melle

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Der Hase im Mond
Simone Finkenwirth

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Ich hatte das große Glück, Milena Michiko Flašar persönlich zu interviewen. Den Coffeetalk finden Sie auf unserer Startseite. Lange schon bewundere ich ihr literarisches Schreiben. "Ich nannte ihn Krawatte" habe ich seinerzeit mit so vielen anderen gefeiert. Das Debüt verkaufte sich über 100.000 Mal und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Danach folgten zwei weitere lesenswerte Romane "Herr Kato spielt Familie" und "Oben Erde, unten Himmel". Und jetzt "Der Hase im Mond".

Hier ist etwas anders. Zum einen hat sich die japanisch-österreichische Autorin für Erzählungen entschieden. Zum anderen blitzen sie durch eine von mir geschätzte japanische Zutat in meinen Augäpfeln hervor: magischer Realismus. Jede Geschichte hat es wahrlich in sich. Sie kommen ruhig daher, und plötzlich reißt etwas auf und ich schlage die Hände über die Augen. Kann nicht sein!? Oder doch?

Ich denke an die erste Geschichte "Die Füchsin". Ein angesehender Autor trifft auf seinem Heimweg auf eine weinende Frau. Der bescheidene kleine Fukuda kommt gerade angetrunken von einer Verlagsparty, als er das traurige Etwas aufsammelt und mit sich nach Hause nimmt. "Zum Weinen", schreibt die Autorin, "braucht es ein Dach über dem Kopf." Tut das gut? Oh ja!

Zwischen den beiden passiert natürlich mehr. Dann ereignen sich seltsame Dinge... die ich hier nicht ausführen möchte. Ebenso bemerkenswert ist die Erzählung über den ruhigen Kalligraphie-Meister, der stets auf Achtsamkeit, gutes Essen und Zen bedacht ist. Doch dann eines Abends macht ein Schüler von ihm eine unglaubliche Entdeckung und stürzt ihn in eine Krise.

Unwirklich ist "Hawaiian Dreams". Hier begegnen wir einem Ehepaar, das kurz vor der Trennung steht. Akiko und Nubo haben sich auseinandergelebt, schlafen sogar in getrennten Betten. Aber als Nobu auf dem Balkon durch sein Fernrohr in dem gegenüberliegenden Haus das Spiegelbild seiner Frau entdeckt, gerät das Leben der beiden aus den Fugen. Wer ist diese Frau? Akiko selbst?

Für mich ist "Der Hase im Mond" ein Buch der Wandlungen und das in vielfältiger Form. Absolut fantastisch und beeindruckend schön!

Der Hase im Mond

von Milena Michiko Flašar

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Hotel Love
Frank Menden

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„Er schiebt liebenswert, lebensfroh, leidenschaftlich und treu nach rechts, schiebt feministisch und politisch aktiv nach links, zu ihrem eigenen Schutz. Er wählt die Interessengebiete Kuscheln, Restaurantbesuche, romantische Netflix-Serien, Crosstrainer und All-Inclusive-Urlaube aus.“

Willkommen im Hotel Love. Hier können Männer ihre ideale Frau zusammenstellen, d.h. ihren persönlichen FemBot herstellen lassen: optisch und charakterlich ganz auf ihre Bedürfnisse abgestimmt.
Denn seit die Männerpartei an der Macht ist, stehen die Bedürfnisse der Männer ganz weit oben auf der Prioritätenliste. Frauenrechte? Wurden abgeschafft, schließlich haben Männer ein Anrecht auf Frauen, die ihnen völlig ergeben sind.
Deswegen gibt es das „Hotel Love“. Es bietet den Express Service, Heirat nach wenigen Tagen inclusive.

Roman, seines Zeichens Reality Star, checkt im Hotel ein, mit dem Ziel, das perfektionierte Abbild seiner großen Liebe Julia nachzubilden und zu heiraten. Der Optimierungsprozess läuft jedoch nicht ganz rund, Roman hat immer wieder Änderungswünsche. Aber auch bei schwierigen Fällen lässt das „Hotel Love“ nicht locker, bis alle zufrieden sind…

„Toni und Moni“ ist eines meiner allerliebsten Bücher . Verständlich, dass ich dem neuen Roman von Petra Piuk entgegengefiebert habe. Und „Hotel Love“ hat mich nicht enttäuscht.

Gewohnt bitterböse und entlarvend, ganz auf der Höhe der Zeit , knallig und subtil, mit einem ungeheuren Sog und einer Struktur, die zwischen „Black Mirror“, Reality-Soap incl. Werbeeinblendungen und überdrehtem Liebesroman changiert.

Dieser Roman ist so beeindruckend wie sein Cover. Die Geschichte von Roman & Julia & Julia 2.0 ist beste Satire mit Widerhaken, bei dem einem das Lachen im Halse steckenbleibt und das seine Ideen konsequent zum Ende führt.

Ein absolutes Highlight!

Hotel Love

von Petra Piuk

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Lázár
Simone Finkenwirth

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Es ist wirklich unglaublich, was Nelio Biedermann in seinem zweiten Roman erzählt und vor allem wie. In einer derart schönen, klugen, bildreichen wie rhythmischen Sprache. Das Feuilleton spricht vom neuen Wunderkind am Literaturhimmel. Da ist verdammt viel dran. Auch der Buchhandel jubelt. Ich kenne niemanden, die oder der bei diesen fünf Buchstaben keine leuchtende Augen hat und glücklich grinst. Selbst mein Kollege Frank Menden und ich sind uns hier so was von einig. Daher ist es kein Wunder, dass "Lázár" auf der Shortlist für den Preis Lieblingsbuch der Unabhängigen steht.

Mit 16 Jahren begann der Autor während der Corona Epidemie mit dem Schreiben. 2023 erschien sein Debüt "Anton will bleiben". Es war gewissermaßen die Ouvertüre zu seinem Kunstwerk "Lázár", das wahrlich formvollendet die Geschichte der wohlhabenden ungarischen Familie Lázár über drei Generationen hinweg erzählt. Sie setzt ein, als Lajos, "das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen" das Licht der Welt erblickt. Die Lázárs residieren in einem Waldschloss, abgeschottet von der Welt. Doch die bricht bald bei ihnen ein und auseinander wie das Ende des Habsburgerreichs, der sich breitmachende Nationalsozialismus, der Stalinismus, Krieg, Enteignung, Flucht. Und dazwischen jede Menge Liebe, mystische Momente, Natur, Alkohol, Kunst, Verluste und Hoffnung auf ein helles Ende.

Dieser Roman berauscht alle Sinne! Wenn Sie jetzt nur noch ein Buch lesen können, dann bitte diesen fulminanten, berührenden, packenden und wunderschönen Roman. Der zu Herzen geht, sich an große Namen der schreibenden Zunft anlehnt, sie zitiert und uns im nächsten Moment vollkommen atemlos macht. Weil wir nicht glauben können, was wir lesen oder hören. Das Hörbuch hat Max von Pufendorf kongenial eingesprochen. Es ist beim Argon Verlag erschienen und verspricht allerfeinsten Hochgenuss!

Lázár

von Nelio Biedermann

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Die Rheinreise
Frank Menden

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Sommer 1851. Charlotte Morrison macht mit ihrem Bruder Reverend James Morrison und dessen Frau Marion und Tochter Ellie eine Dampfschifffahrt von Koblenz nach Köln .
Für Charlotte, die als Gouvernante, Gesellschafterin und Zofe in Personalunion von ihrer Familie in Anspruch genommen wird, wird diese Reise vor allem eine Reise zu sich selbst werden.
Nicht nur wegen des kürzlich geerbten kleinen Vermögens könnte sie die familiären Fesseln abstreifen. Auch die Begegnung mit einem Mitreisenden, der sie an ihre einstige große Liebe erinnert ( die der Familie nicht standesgemäß genug war ), wühlt Charlotte auf. Langsam aber stetig wächst Widerstand in Charlotte heran…

Ann Schlees „Die Rheinreise“ , übersetzt von Werner Löcher-Lawrence , ist eine willkommene Wiederentdeckung.
Schon vor über 40 Jahren erschienenen erlebt der Roman nun seine überfällige Renaissance.

Dabei verwebt der Roman geschickt die Selbstermächtigung der Mitte 50jährigen Charlotte aus dem viktorianischen England subtil mit der politischen Lage in Deutschland, in der Misstrauen und Zensur herrschen..

Mich hat dieser wunderbar geschriebene und übersetzte Roman durch seine klare Sprache überzeugt, durch die präzise Charakterisierung seiner Figuren - und durch die überaus zeitgenössische Botschaft.
Dieser moderne Klassiker - ein Kritiker nannte ihn sehr treffend „eine Kreuzung aus Heine und Henry James“ - ist übrigens mit einem sehr klugen Nachwort von Lauren Groff versehen.
Die Lektüre lohnt also in mehrfacher Hinsicht.

Die Rheinreise

von Ann Schlee

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Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt
Katja Schneider

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Eine Frau (und ihr Körper) kann nur verlieren: Für die einen ist sie zu dick, für die anderen zu dünn, zu stark geschminkt oder zu wenig, zu jung oder zu alt, einfach immer falsch. So ergeht es auch der jungen Jegana in dieser Geschichte, einer jungen Aserbaidschanerin, die sich ihre Augenbrauen erst zupfen darf, wenn sie verheiratet ist, die sich ihre langen Haare nur schneiden darf, wenn der Vater es erlaubt und dergleichen mehr, was es an Ritualen und Regeln zu befolgen gibt. Anhand ihrer Körperteile erzählt sie ihre Geschichte, was sie und die Frauen in ihrem Umfeld als Ehefrauen oder als Töchter und Dank des Schönheitsdiktats erdulden müssen. Und eines Tages wird Jeganas Körper außer Kontrolle geraten, Muskeln kontrahieren unkontrolliert, Körperteile werden und bleiben gelähmt die Verzweiflung ist groß. Was folgt, sind lange und deprimierende Krankenhausaufenthalte, in denen versucht wird, das alte Leben und den alten Körper wiederzuerlangen oder zumindest ein wenig Kontrolle über den Ausnahmezustand. Eine traurige Geschichte, könnte man meinen, doch gibt es immer wieder lichte Momente: Wenn sich Jeganas Klassenkameradinnen ganz selbstbewusst trotzdem die Augenbrauen zupfen oder die junge Frau beschließt, ihre Haare nach dem Krankenhausaufenthalt auch ohne Erlaubnis schneiden zu lassen - kleine und wichtige Momente der Selbstermächtigung.

Der Debütroman „Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ von Jegana Dschabbarowa ist ein fantastisches Kleinod, das Lust auf mehr macht!

 

Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt

von Jegana Dschabbarowa

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Alle unsere Leben
Frank Menden

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„Bald würde das Jahr 1980 beginnen.(…) Aber vorerst war dies ihr Zuhause. Alles, was sie nur irgend brauchen könnte, war in diesem Zimmer. Die kommenden paar Tage konnte sie alles andere wegschieben.“

Milly ist 18 als sie von Irland nach London kommt, auf der Suche nach Arbeit und einer Bleibe. Im Pub von Mrs Oaks findet sie beides, bald ist dies ihr Zuhause, ihre Zuflucht. Aus Kolleginnen und Arbeitgeberin werden Freunde, aus dem Zimmer über dem Pub ein Heim. Und dann ist da noch der junge Boxer Pip, Ire wie sie, nur etwas älter, charismatisch, attraktiv.
Doch die sich anbahnende Liebesgeschichte ist fast so schnell vorbei wie sie begonnen hat…

Über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren begleiten wir Milly und Pip durch ein sich stetig wandelndes London. Sie leben ihr Leben, treffen Entscheidungen, driften in verschiedene Richtungen. Aber immer wieder kreuzen sich ihre Wege, ist da eine Verbundenheit zu spüren, die evtl. einen Weg aus der Einsamkeit bietet…

Christine Dwyer Hickeys neuer Roman „Alle unsere Leben“ , übersetzt von Kathrin Razum, hat mir bei der Lektüre das Herz gebrochen und stückweise wieder zusammengesetzt. Milly und Pip sind eindringliche Charaktere, die jeder für sich mit den Dämonen der Vergangenheit kämpfen, die sich immer wieder erneut dem Leben stellen, ihren manchmal holprigen Weg gehen, die man ab und zu schütteln möchte und die mir nach 556 Seiten sehr ans Herz gewachsen sind .

Dieser Roman, der an Claire Keegan und Douglas Stuart erinnert, ist so viel mehr als „nur“ eine Liebesgeschichte. Es ist ein Roman über Fremdheit und Einsamkeit, über Sehnsucht und Freundschaft, über Klasse und Herkunft und über das Unvermögen Glück zu erkennen, wenn es einem begegnet.
Ein Buch wie der langsam beginnende Herbst, voller Melancholie und Schönheit. Und mit einem unvergesslichen Ende!

Alle unsere Leben

von Christine Dwyer Hickey

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Karen W.
Frank Menden

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„Was war das bloß für eine Zeit und ein Land um mich rum? Immer blieb ich für oder gegen was verwickelt, und immer traf jede Wahl die ungewählte Kehrseite mit. Gab‘s denn nie ein vollkommenes rundes Ja? Nicht mal in der Liebe?“

Eines Nachts beschließt die 29jährige Karen Waldau ihren Mann, mit dem sie mehr nebeneinander als zusammen gelebt hat,zu verlassen. Sie nimmt mit Tochter Bettina den ersten Zug von Leipzig nach Osthausen, dem kleinen Dorf in Thüringen, in dem sie aufgewachsen ist. Vor zwölf Jahren hat sie die ländliche Enge verlassen, jetzt sucht sie hier , ja was? Einen Neuanfang, Selbstbestimmung? Das wirkliche Leben ?

„Karen W“ von Gerti Tetzner erzählt eine auf den ersten Blick einfache Geschichte - und doch ist sie komplizierter als es der erste Blick erscheinen lässt. Kritisches Denken, die Suche nach der eigenen Identität und weibliche Selbstbestimmung sind in diesem Land nicht vorgesehen.
1974 erschien der Roman zum ersten Mal, und es ist ein großes Glück, das er nun wieder aufgelegt wurde.
Zum einen, weil der Text absolut zeitlos ist und auch heute noch aktuelle Fragen erörtert.
Und zum anderen, weil wir Gerti Tetzner entdecken können, eine studierte Juristin, die durch Christa Wolf zum Schreiben ermutigt wurde, die am Leipziger Literaturinstitut exmatrikuliert wurde, weil sie den Einmarsch russischer Truppen in Prag nicht gutheißen konnte.

Dieser unbedingt zu empfehlende Roman enthält ein Interview mit der Autorin. Danach möchte man unbedingt mehr von ihr lesen. Hoffentlich bald.

Karen W.

von Gerti Tetzner

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Death Valley
Frank Menden

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„Ohne es mir einzugestehen, wollte ich eine echte Katharsis, die ganze Welt sollte ein großes, wahres Drama sein, das nur dazu diente, mich aus meinem Leben zu befreien und mir ein neues zu schenken.“

Man möchte dem Protagonisten von Steven Uhlys neuen Roman „Death Valley“ , einem gewissen Steven Uhly, zurufen „be careful what you wish for“… Doch da ist man schon mittendrin.
Mittendrin in dieser Geschichte um einen Mann, der die Asche seiner im Death Valley zu Tode gekommenen Mutter in einen Krater am besagten Ort verstreuen soll. Und der dies zusammen mit Hans machen soll, dem Sohn des dort gleichzeitig zu Tode gekommenen Lebensgefährten seiner Mutter.

Wie hier Lebenswelten aufeinander prallen, die von Steven und Hans, aber auch die von Steven und den Menschen, denen er in Trumps Amerika begegnet, was eine zufällige Begegnung im Flugzeug auslösen kann und was dies mit Goldbarren und einem Haus in der Eifel zu tun hat - nun, das sollte man unbedingt selbst lesen!

Denn dieser Roman ist „ein wilder Roadtrip, grell und zärtlich, intim und larger than life, politisch, mit einem tollen Ende, voller Humor und Melancholie.“
So mein „Blurb“ auf dem Cover dieses mitreißenden Buches über Wahrheit und Lüge, über allzu schnell gefällte Urteile, vollgepackt mit unvergesslichen Szenen.

Ein absoluter Hochgenuss, erfrischend und klug, ein bisschen verrückt und doch sehr real - ich habe jede Zeile genossen.
Ein Instant Lieblingsbuch !

Death Valley

von Steven Uhly

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Onigiri
Simone Finkenwirth

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Yuko Kuhn erzählt im sanften Ton einer Zen-Meisterin eine deutsch-japanische Familiengeschichte. Nach dem Tod ihrer Großmutter will Aki in die Heimat ihrer Mutter reisen. Diese ist an Demenz erkrankt. Trotzdem geht die junge Frau das Wagnis ein. Die Reise nach Japan wird für alle Beteiligten in vielerlei Hinsicht eine ganz besondere. Wer einen demenzkranken Menschen kennt, weiß, was passieren kann, diesen aus gewohnten Bahnen zu ziehen. Aber Akis japanische Familie ist so gütig und aufmerksam, dass sich die Anspannung der Reise recht bald legt.

In wechselnden Zeitzonen reflektiert Aki die Familiengeschichte. Ihre Mutter Keiko ist nach Deutschland gegangen, um so den traditionellen Hochzeitsriten zu entkommen und sich ein eigenes Leben aufzubauen. Aber das dies nicht einfach war, kann man sich gut vorstellen. Die Musik war stets eine Konstantante, sie trägt ihre Mutter: "Meine langjährige Gesangserfahrung ist, ohne, dass es mir bewusst war, eine Kraftquelle hier für mich in Deutschland geworden." 

Sie verliebt sich in der neuen Heimat des Öfteren, wird jedoch nie zurückgeliebt, bis sie auf Karl trifft. Die beiden heiraten, bekommen zwei Kinder: Aki und Kento. Dies ist jetzt kein Happy End, denn das Leben bleibt für Keiko angespannt. Eine vollkommen andere Welt eröffnet sich für Aki und Kento bei den recht eigenwilligen wie wohlhabenden Großeltern väterlicher Seite. 

Irgendwann fängt Akis Mutter an, sich zurückziehen. Sie legt öfter die Hände über ihre Augen, um vieles auszublenden. Ist die Demenz womöglich eine selbst gewählte Flucht? 

Das Buch geht zu Herzen, ohne kitschig zu sein und einen herunterzuziehen. Das ist dem Feingespür der Autorin zu verdanken, die liebevoll erzählt, wie Aki, den Spagat versucht, als junge Mutter und fürsorgliche Tochter für alle da zu sein. Yuko Kuhn streut charmante und mitunter verrückt-schöne Momente ein, die mich häufig schmunzeln lassen. Große Empfehlung nicht nur für Japan-Fans!

Onigiri

von Yuko Kuhn

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Sein Name ist Donner
Simone Finkenwirth

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Ich gebe offen zu: Zuerst war da dieses hinreißende Cover. Danach folgte eine hymnische Besprechung bei Deutschlandradio Kultur. Als ich schließlich Tommy Orange auf dem Buchrücken las, wusste ich: Das vielfach ausgezeichnete Werk muss ich lesen! Was Tommy Orange schreibt? "Es steckt so viel rohe und schöne Kraft in diesem Buch." So wahr!

Das Buch beginnt auf bizarre Weise: Der Ich-Erzähler will Drogen kaufen, findet sein Geld nicht mehr. Doch der Dealer will Kohle, und lässt den jungen Mann leer ausgehen. Dieser läuft zurück und hört plötzlich im Wald ein Stöhnen. Als David dem nachgeht, entdeckt er seinen Freund, der mit seinen langen Haaren festgefroren ist. Als David das Haar vom Eis mit seinem Messer befreien will, sagt Fellis: "Geh zu mir nach Hause und hol kochendes Wasser." Geht natürlich nicht im Winter. Also schneidet er das Haar ab. Doch sie müssen es verbrennen, damit die Geister nicht auf Fellis Nacken auftauchen. Willkommen in der Welt der Native Americans!

Dieses Buch ist in Amerika als Sammlung von Short Stories erschienen. Bei uns als Roman, was ich nur begrüßen kann. Obwohl es zwischen den Kapiteln kurze Breaks gibt, erschließt sich das Erzählte als fundierte Geschichte. Wir erleben den kleinen David, der mit seiner Mutter und hohem Fieber ins Reservat auf eine Insel flüchtet. Dort angekommen, findet der Junge ein Glas mit Zähnen und Haaren. Sofort wird Frick gerufen, der Medizinmann. Der räuchert das Haus mit Salbei aus, David und seine Mutter gleich mit. Danach bleibt Frick. Irgendwann taucht Davids ältere Schwester Paige auf.

In verschiedenen Episoden bin ich beim kleinen David, ein anderes Mal beim Herwanwachsenden, der mit einer labilen Mutter groß wird, und später zu Drogen greift, sich keine stabile Zukunft aufbaut. An einer Stelle sagt er über seine Mutter: "Sie ist indigen, und sie hat ein Trauma. Ich vielleicht auch - ich bin nämlich derjenige, der alles hautnah mitbekommen hat - , aber sie denkt, sie sei schlimmer betroffen."

Der Ton ist unbeschwert, ironisch, doch dunkle zu Herzen gehende Nuancen bleiben nicht aus. Sollen sie auch nicht. Dafür haben wir andere Bücher. Dieses hier bleibt bei mir. Dank auch der famosen Übersetzung von Thomas Überhoff!

Sein Name ist Donner

von Morgan Talty

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Jacaranda
Frank Menden

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Für den in Versailles aufwachsenden Milan ist Ruanda nur ein weit entferntes Land in Afrika - obwohl seine Mutter von dort kommt. Doch die scheint all ihre Verbindungen in ihre Heimat gekappt zu haben, ist völlig assimiliert.
Der Krieg in Ruanda bleibt für Milan bloßes Hintergrundrauschen aus dem Fernseher.
Dies ändert sich jedoch, als eines Tages Claude auftaucht, der ihm als Cousin vorgestellt wird, und dessen lange Narbe auf dem Schädel und das nächtliche Wimmern im Schlaf auf unvorstellbare erlebte Gewalt hinweisen.

Die Begegnung mit Claude, mit einem Teil der Vergangenheit seiner Mutter, ist der Beginn von Milans Interesse für Ruanda, er wird Jahre später dort hinreisen, auf den Spuren seiner Mutter, seiner Familie…

„Jacaranda“ , übersetzt von Andrea Alvermann und Brigitte Große, ist ein Roman, der schon im Titel auf die Verästelungen zwischen verschiedenen Generationen hinweist.
Milan durchlebt während der Erkundung seiner Wurzeln eine Identitätskrise, die Landesgeschichte und die damit verbundenen Kriegstraumata werden ihn nachhaltig verändern - und auch uns, die wir dieses schonungslose und stellenweise schwer auszuhaltende Buch lesen.
Dabei ist es Gael Faye hoch anzurechnen, dass er die geschilderte Gewalt nie zum Selbstzweck benutzt, sondern immer beide Seiten sieht, die Chancen auf eine friedliche Zukunft nur gemeinsam erreicht werden können.
Ausgezeichnet mit dem Prix Renaudot, wünsche ich diesem schnörkellosen, beeindruckenden Roman eine große Leserschaft.

Jacaranda

von Gaël Faye

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Girls
Frank Menden

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„Girls“ ist eines dieser Werke der modernen Kunstgeschichte, das nahezu jeder kennt.
Und nahezu jeder hat eine Meinung zu der exzentrischen und berüchtigten Künstlerin Ingrid Olssen, die auf diesem Selbstporträt zusammen mit ihren Töchtern Matilda und Nora zu sehen ist.
Doch was steckt hinter diesem Bild, wie lebte es sich mit einer Mutter, die der Welt mit ihren Eskapaden stetig neue Schlagzeilen lieferte?

Zwei Jahre nach Ingrid Olssens Tod nimmt ein Biograf Kontakt zu Matilda auf. Er möchte ein Buch über die Künstlerin schreiben, ehrlich und aus der Sicht derer, die sie wirklich kannten.
Matilda muss sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, mit dem komplizierten Verhältnis zu ihrer Schwester, die in ihren Selbstzweifeln und künstlerischen Ambitionen gefangen scheint, ihrer Tante, die das Werk entgegen dem ausdrücklichen Wunsch Ingrids ausstellen will - und mit ihrer eigenen Tochter Beanie, der sie eine andere Jugend wünscht als die, die selbst durchlebt hat.
Ein Roadtrip durch Amerika, der den letzten Wunsch Ingrids - ihre Asche soll in einem Canyon verstreut werden - erfüllen soll, wird zu einer Chance für beide Schwestern. Eine Chance der Annäherung und der Aussöhnung mit der Vergangenheit….

„Girls“ ,übersetzt von Judith Schwaab, ist ein facettenreicher Roman über die Komplexität von Familien, über die Auswirkungen der Kindheit auf das Leben als Erwachsene, über Kunst, Ruhm und Selbstzerstörung.
Dabei ist dieser Roman bei aller Melancholie und Tragik auch stellenweise voller Humor und bittersüßer unvergesslicher Szenen.
Die Erzählstruktur erinnert an „Daisy Jones & The Six“, wechseln sich hier Interviewpassagen und Auszüge aus der Biografie über Ingrid Olssen mit Matildas Erzählperspektive ab.
Dies verdeutlicht zum einen die Widersprüche in den Biografien aller Beteiligten, ihre verschiedene Sichtweise und Deutungsversuche. Zum anderen wird dieser Roman dadurch unglaublich lebendig und abwechslungsreich.
Leseempfehlung!

Girls

von Kirsty Capes

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Der Engel von Rom
Frank Menden

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„Ich begegnete dem Engel von Rom im Jahr meiner Neuerfindung, 1993.“

So beginnt der wunderbare Kurzroman „Der Engel von Rom“ .
Hauptfigur ist Jack Riegel, ein unerfahrener Student aus Nebraska, der ein Stipendium für einen Studienaufenthalt im Vatikan erhält und in der Heiligen Stadt die Orientierung zu verlieren droht, als ihm der titelgebende Engel erscheint - ganz aus Fleisch und Blut.
Was durch diese Begegnung ausgelöst wird, welche Weichen diese Begegnung stellt, nun, das sollte selbst gelesen werden.
Als Entscheidungshilfe seien noch der frühe John Irving, die Filmbranche und natürlich Rom genannt.
Denn: „Immer wieder krempelt Rom das Leben von Menschen um, indem die Stadt sich für jede Generation neu erfindet. Genau wie wir, nehme ich an, wenn wir nur den Mut dazu finden und Menschen haben, die uns an die Hand nehmen.“

Ein wirklich hinreißender kleiner Roman von einem Romancier, der hierzulande aufs Neue zu entdecken ist.
Sehr zu empfehlen!

Der Engel von Rom

von Jess Walter

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Gym
Simone Finkenwirth

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Verena Keßler hat mich mit "Gym" aus einem Lesetief gezogen, das ich gar nicht hatte. Aber hätte ich eins, dann wäre dieses grandiose Buch die beste Medizin zum Aufbau von Lesemasse.

Apropos. Um Muskelaufbau geht es hier. Aber im zweiten Step. Im ersten stehe ich neben der Ich-Erzählerin und denke: Ich müsste sie dringend mit Marisa aus "Geht so" von Beatriz Serrano verkuppeln. Zwei völlig andere Geschichten, aber die beiden Frauen könnten gut miteinander. Denn auch unsere Heldin des Romans ist eine Lügnerin. So hat sie im Vorstellungsgespräch im Fitnessstudio MEGA GYM angegeben, eine junge Mutter zu sein. Warum sie das gemacht hat? Ist sie gewieft? Am Ende des Romans erahne ich den Grund. Nach dem Finale muss ich mich übrigens erstmal sammeln. Denn die Autorin hat mir da ganz schön zugesetzt.

Zwischendurch habe ich viel gegrinst, spürte meinen Puls wie auf einer Autobahn rasen. Doch zurück zum Anfang. Unsere namenlose Frau beginnt am Tresen des MEGA GYM an Millis Seite, hält den Schein der Mutter clever aufrecht. Irgendwann hat sie neben Milli eine Art Offenbarung und danach wendet sich das Blatt. Fortan beginnt die Erzählerin mit einem straffen Fitnessprogramm, besorgt sich figurbetonte Kleidung. Als sie eines Tages auf die Profi-Bodybuilderin trifft, gibt's einen weiteren Kick.

Was hat die junge Frau ins Fitness-Studio gebracht? Sie hatte ein Vorleben als erfolgreiche Businessfrau. Bis es zu einem Bruch kam. Und noch etwas ist passiert. Genau diesen Trumpf zieht Verena Keßler hervor, und zwingt mich zu Boden.

Die Autorin ist bekannt für ihre eindringlichen Bücher. Keins gleicht dem anderen. Aber alle sind Garanten für High-End-Reading-Feelings! Auch dieses hinterlässt Spuren in meinem Geist. Ich brodele, weiß nach dem Ende nicht, wohin mit mir und schreie: Verdammt, wie gut bist du bitteschön?!

Rasant, bewegend, witzig und mit einem extrem coolen Rhythmus erzählt die Autorin die Geschichte einer gefallenen Frau und einer Obsession, die mich umhaut. Danke, liebe Verena! Weiter so!
 

Gym

von Verena Keßler

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Die Schwestern
Frank Menden

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Nach der Lektüre von „Die Schwestern“ von Jonas Hassen Khemiri bin ich in eine veritable Lesekrise gestürzt, so überwältigend ist dieser Roman, so unfassbar gut, so brillant von Ursel Allenstein übersetzt, so mitreißend, so komplex und faszinierend.

Die titelgebenden Schwestern sind Ina, Evelyn und Anastasia. Sie wachsen bei ihrer tunesischen alleinerziehenden Mutter auf, und schnell sind sie wie sie Anlass für wilde Gerüchte und Spekulationen in der schwedischen Drakenbergsiedlung. Hier lebt auch Jonas, wie die Schwestern tunesischer Herkunft, der fasziniert ist von den Mikkola-Schwestern, immer wieder ihre Nähe sucht, und aus dessen Perspektive wir das Geschehen über dreißig Jahre lang verfolgen - in Schweden, den USA, in Tunesien, Stockholm, New York, Tunis und Berlin .
Die Lebensgeschichte dieser vier Menschen ist unwiederbringlich miteinander verflochten, sie durchleben die grossen weltumspannenden Geschehnisse ihrer Zeit, erleben Krisen und Triumphe - und sind sich immer ihres Fluches bewusst : dass man verliert, was man liebt.

Ich bin sehr widerwillig nach 736 Seiten ( die sich angefühlt haben wie höchstens 200 ) aus diesem prallen, immer rasanter werdenden Roman wieder aufgetaucht.
Seit über zwei Wochen ringe ich um die richtigen Worte , seit über zwei Wochen kam keins der nach diesem fulminanten Leseerlebnis begonnenen Bücher auch nur annähernd an diesen bittersüßen, an Cliffhangern reichen, spannenden, lebensnahen, furiosen Roman heran ( dessen einziges Manko das für mich leider null ansprechende Cover ist ).

Die SZ spricht von einem „postmodernen Meisterwerk“, Deutschlandfunk Kultur nennt den Roman „ein berauschendes Leseerlebnis“, die NZZ schreibt „ große Literatur“.
Und ich kann nur sagen: Wer sich diesen Roman entgegen lässt, ist selbst Schuld.

Die Schwestern

von Jonas Hassen Khemiri

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Wir sehen uns wieder am Meer
Simone Finkenwirth

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Mit ihrem Roman "Als Großmutter im Regen tanzte" eroberte die norwegische Erfolgsautorin auch hierzulande die Herzen vieler Leserinnen und Leser im Sturm. Danach folgte "Und Großvater atmete mit den Wellen" und jetzt ganz neu: "Wir sehen uns wieder am Meer". 

Für gewöhnlich beuge ich mich ja vornehmlich über eher unbekannte Stimmen in der Literatur. Die anderen gehen ja auch so. Hin und wieder piekst mich dann aber doch die Neugier und ich frage mich: "Was ist eigentlich dran an dieser Begeisterungswelle?" So lese ich gerade antizyklisch: Ich habe mit dem 3. Band begonnen und möchte die anderen beiden auch noch lesen. Die Bände bauen nicht aufeinander auf, jeder steht für sich. Einzig die Figuren kreuzen unsere Leselinien.

In "Wir sehen wieder uns am Meer" stehen wir an der Seite von Birgit. Eine junge Krankenschwester, die im Jahr 1944 die Besetzung deutscher Soldaten in Norwegen miterlebt. Birgit spricht Russisch, die Sprache hat sie durch ihren Klavierlehrer erworben. Als ihr geliebter Iwan plötzlich verstirbt, entscheidet sich die junge Frau für einen Neuanfang und tritt eine Stelle im Bodoer Krankenhaus an. 

Im Küstenort beschäftigt eine Fischerfabrik Zwangsarbeiter:innen aus Osteuropa. Nadia ist eine von ihnen. Als die junge Frau einen entzündeten Blinddarm hat, kreuzen sich die Wege der beiden Frauen. Eine Verbindung, die bleiben wird, trotz der Fallstricke und Gefahren. Und das ist nicht nur die eine Gefahr, in die sich Birgit mit ihrer Zimmergenossin und ihrem Klinikarzt begibt. 

Trude Teige schickt uns von Norwegen bis nach Moskau und begeistert mich vor allem durch die große menschliche Note und ihre mutigen Heldinnen. Sie verknüpft Lebensschicksale mit dem Weltgeschehen. Und baut einen unglaublichen Spannungsbogen auf, dem man nicht entkommt. Also, der Hype ist so was von berechtigt. 
 

Wir sehen uns wieder am Meer

von Trude Teige

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Reality
Simone Finkenwirth

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Wer fühlt sich nicht manchmal verloren in dieser lauten und hektischen Welt? Sollte es Ihnen mal so ergehen, dann haben Sie für solche Momente Jasmin Ramadan im Regal zu stehen. Allein schon die Aufmachung von „Reality“ weckt das müde Herz. Und der charmante wie kluge Text sowieso.

Ums Herz geht’s hier übrigens. Vornehmlich um die Liebe. Die sucht die Ich-Erzählerin Lilith Innocenta West, kurz Lit genannt. Allerdings nicht aus einer romantischen Laune heraus, sondern als Auftrag. Vorher hat unsere Ich-Erzählerin mit ihrer ungeduldigen Vermieterin Viktoria zu kämpfen. Lit ist mit ihren Zahlungen im Rückstand. Es wäre so einfach, das Geld aufzutreiben. Die Künstlerin könnte ihre bekannte Mutter anrufen. Wanda ist Psychologin, die einen erfolgreichen Podcast hat. Auch Lits Vater könnte helfen. Aber nein! Stattdessen trifft sie sich mit ihrer Affäre Junius, der sie mit einem Galeristen bekanntmachen will. Bei einem sündhaft teuren Abendessen, läuft alles aus dem Ruder. Lit flüchtet zum Bahnhof, setzt sich in den nächsten Zug und landet schließlich auf einer Insel. Dort kümmert sie sich um die menschenscheue Frau Auve. Dafür kann sie umsonst in einer kleinen Villa wohnen. Als die Dame verstirbt, winkt ein großes Erbe, das sie nur bekommt, wenn sie die Liebe findet. Das eröffnet ihr ein gewisser Plü.

Eben dieses fremde Gefühl, was Lit bisher nicht gefunden hat. Alle Spuren führen zurück in ihr kindliches Wesen. Mit 11 Jahren ist offenbar etwas Traumatisches passiert. Lits Eltern waren mit ihr auf der Loveparade und haben sie dort verloren. 

Dieses Buch ist ein irrer Ritt! Nichts für Leser:innen geradliniger Romane. Wer die Bücher von Tamar Noort oder Mariana Leky schätzt, sollte sich diese außerordentliche Hamburger Autorin mal genauer anschauen. Mein Kollege Frank Menden schwört auf ihren Roman "Auf Wiedersehen". Mit einem Auszug daraus wurde sie 2020 zum Ingeborg Bachmann Preis eingeladen. Und auch Fatih Akin ist Fan. Er hat ihr Debüt "Soul Kitchen" kongenial verfilmt. Genau den beiden Männern habe ich diese literarische Entdeckung übrigens erst zu verdanken.

Reality

von Jasmin Ramadan

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Der Krabbenfischer
Simone Finkenwirth

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Benjamin Wood braucht nicht lange, um mich an die Angel zu bekommen. Ich beiße sofort ins Buch. Viel mehr sind es meine Augen, die darin hängenbleiben. Je weiter ich in die Geschichte eintauche, um so wärmer wird mir, obwohl es die ganze Zeit kalt ist. Das liegt an den beiden Hauptfiguren: Edgar und Thomas.

Zunächst erlebe ich Thomas bei seiner Arbeit. Der 20jährige ist Krabbenfischer und führt das Erbe seines Großvaters fort. Täglich fährt er mit seinem Pferd und dem Karren ins Watt, sammelt bei Ebbe Krabben ein. Früher waren es mehr Männer, jetzt ist er der Einzige. Es ist nass, meistens tröpfelt es oder Nebel hängt über der Landschaft. Genau dieses Setting hat den amerikanischen Regisseur Edgar Acheson zu Thomas' Mutter geführt. Die beiden erwarten Thomas nach seiner Arbeit zu Hause.

Dort eröffnet ihm Edgar, dass er ihm einen Job anbietet: Er könne ihm bei den Dreharbeiten zur Hand gehen. Edgar will einen bekannten Roman verfilmen, von dem der Vielleser Thomas bisher nichts gehört hat. Thomas wird der Mann zunehmend symphatischer und 100 Pfund sind 'ne Stange Geld. Immerhin befinden wir uns in den 60er Jahren. Thomas bekommt für seinen täglichen Fang bei seinem Abnehmer lediglich zwei Pfund und vier Schilling.

Also werden sie Geschäftspartner und relativ schnell Freunde. Es sind mitunter tiefsinnige Gespräche gewürzt mit Charme und einer wohltuenden Herzenswärme. Thomas schaut zum ersten Mal über seine kleine Welt in Longferry hinaus, ahnt, was alles möglich sein könnte. So vertraut er Edgar sein großes Geheimnis an: Sehr lange schon spielt Thomas Gitarre. Er solle damit rausgehen und es allen zeigen. Aber Thomas in seiner Bescheidenheit wiegelt ab. Dann ist Edgar plötzlich im Nebel verschwunden und seltsame Dinge ziehen uns den Boden unter den Füßen weg...

Wow, was für eine Lektüre! Sie lebt von wunderschönen atmosphärischen Naturbeschreibungen wie von den liebenswerten Figuren und den unerwarteten Wendungen, die leise ins Geschehen schleichen und mich am Ende umgehaut haben. "Der Krabbenfischer" ist ein Buch, das mit einer stillen Wucht ein nachklingendes Echo erzeugt, und die Booker Prize Jury überzeugt hat. Daher steht der Titel aktuell auf der Longlist.

Der Krabbenfischer

von Benjamin Wood

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Das Geschenk
Frank Menden

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„Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich entschlossen, Deutschland 20.000 Elefanten zu schenken.“

Plötzlich sind sie da, die Elefanten aus Botswana, als Reaktion auf einen politischen Schachzug, der Deutschland gut aussehen lässt, Botswanas Probleme jedoch gewaltig vergrößern.
Da ist das Geschenk des afrikanischen Präsidenten eine gelungene Retourkutsche.
Was Gaea Schoeters in „Das Geschenk“ daraus macht, ist eine intelligente Satire auf den Politikbetrieb. Bissig und überraschend zeigt sie unser aller Doppelmoral, unser ambivalentes Verhältnis zu Umwelt und Integration.
Dabei sind die Elefanten in Berlin - und ganz Deutschland ( bis auf die sich zurückhaltenden Bayern) nicht nur eine Metapher, geht es doch auch um Artenschutz und die Frage: was ist wichtiger , Mensch oder Tier / Natur ?
Wer muss sich wem unterordnen? Wie weit geht unsere Verantwortung der Natur gegenüber?
Wie weit reicht unsere Bevormundung anderer Staaten? Was macht den Unterschied aus zwischen dem verwalten von Prinzipien und dem leben dergleichen?

Für mich ist dieser Roman, übersetzt von Lisa Mensing, nach dem außerordentlichen Vorgänger „Trophäe“, deutlich zugänglicher, aber genauso einprägsam.
Er trifft genau den Ton zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit und erzählt eindringlich von Populismus und Macht um der Macht willen.
Bei aller Absurdität der Ausgangssituation ist „Das Geschenk“ ein ebensolches: 138 pointierte Seiten, bei denen einem das Lachen durchaus im Hals stecken bleiben kann.

Ich bin gespannt womit uns Gaea Schoeters demnächst überraschen wird.

Das Geschenk

von Gaea Schoeters

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Durch das Raue zu den Sternen
Frank Menden

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„Eines Tages werde ich zu den überragenden Persönlichkeiten der Musikgeschichte zählen. Das wissen die nicht, aber irgendwie wissen sie es doch.“

Wer da so von sich überzeugt ist, das ist Arkadia Fink, 13 Jahre, graublaue Augen, von den meisten Leuten in ihrem kleinen bayerischen Dorf Moll genannt.
Molls Mutter ist vor acht Monaten, drei Wochen und sechs Tagen kurz weggegangen. Mit einer geradezu überbordenden Fantasie und ungebündelter Energie kämpft Moll gegen die Leerstelle in ihrem Leben an, ordnet ihre Gefühle einem großen Ziel unter: sie wird in einem weltberühmten Knabenchor singen und auf der Bühne stehen. Und dann, und das weiß Moll mit absoluter Gewissheit, dann wird ihre Mutter wiederkommen.
Nur ist Moll eben ein Mädchen. Und Mädchen singen nicht in einem Knabenchor. Doch Moll stemmt sich mit atemberaubender Vehemenz gegen dies in ihren Augen eher unerheblichen Problems…

„Durch das Raue zu den Sternen“ besticht zum einen durch seine unvergessliche, in wahrsten Sinne eigenartige und merkwürdige Protagonistin und durch seinen unverwechselbaren Ton, der ebenso eigen ist wie Moll und so voller Musik wie sie. Kraftvoll, poetisch, mit einem wunderbaren Humor und eindrucksvollen Bildern führt uns Kloeble durch Molls Welt, an deren Seite ihre beste Freundin Bernhardina steht, eine ehemalige Musiklehrerin, die jetzt in einer Seniorenresidenz lebt, nicht mehr gut hört, aber dafür umso besser zuhören kann, und ihr Vater, ein Schreiner, der nicht mehr schreinert, obwohl seine Hände für Holz gemacht sind.
Moll auf ihrem Weg gegen alle Widerstände und Regeln der Gesellschaft zu begleiten ist ein besonderes Leseerlebnis. Und auch wenn einem Moll durchaus mitunter auf die Nerven geht , bleibt man doch gern bei ihr, tief beeindruckt und berührt, mit einem leisen Lächeln. Denn : „Man kann nur richtig laut sein, wenn man das Leise versteht.“
 

Durch das Raue zu den Sternen

von Christopher Kloeble

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Gesellschaftsspiel
Frank Menden

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Dass ein Milliardär eine Stadt als Kulisse für eine mehrtägige private Feier quasi mietet haben wir gerade erleben können.
Was aber wäre, wenn ein Tech-Milliardär per App der Demokratie, dem demokratischen Leben ein Update verpassen würde. Und dies in Deutschland, in Weimar genauer gesagt. Wäre das nicht eine Chance für unsere sich immer mehr auseinander dividierende Gesellschaft? Eine kleine Revolution, die uns alle fern von parteipolitischen Schachzügen wieder enger zusammenbringt, echte Diskussionen und ein wahres Miteinander ermöglicht?
Oder wäre dies eher das Ende als ein wirklicher Neustart ?

Dies ist die Ausgangssituation in „Gesellschaftsspiel“ .
Im Mittelpunkt des Romans stehen die entfremdeten Schwestern Isabelle und Annika, die am Sterbebett ihrer Mutter zusammen mit deren Schwester Dagmar aufeinandertreffen.
Während sie mit dem privaten Schicksalsschlag fertig werden müssen und ihre Beziehungen untereinander aufarbeiten, schreitet die öffentliche Debatte immer weiter fort - mit einschneidenden Folgen für die drei Frauen.

Für mich ist dieser Roman ein sehr intelligentes Gedankenspiel, das zum nachdenken anregt und über den man sich nach der Lektüre austauschen muss.
Und der seit meiner Lektüre vor einigen Wochen immer noch sehr in mir arbeitet .
Ich bin äußerst gespannt, wie dieses „Gesellschaftsspiel“ aufgenommen werden wird, welche Diskussionen er auslösen wird.
Kalt lässt dieser Roman bestimmt niemanden.

Gesellschaftsspiel

von Dora Zwickau

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Herzgrube
Frank Menden

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„Das Dorf, das sie jetzt links liegen lassen, schläft noch, keiner sieht die Wanderung der müden Leiber. (…) Und unter ihren Füßen, eine Meile tief, Geschichte. Die darauf wartet, dass man sie in Stücke hackt und herauszieht.“

Das Dorf heißt Barnsley und liegt in England. Der Bergbau ist Vergangenheit, hat den Ort geprägt, seine Bewohner.
Alex hat Jahrzehnte in den Minen verbracht, in der Dunkelheit. Das Licht, das nun sein Leben prägt, bringt lange Verdrängtes an den Tag.
Sein Sohn Simon arbeitet tagsüber in einem Callcenter und abends als Dragqueen , bedient nebenbei einen „Only Fans“- Account.
Während sein Vater von den Geistern der Vergangenheit eingeholt wird, steht Simon sein bislang größter Auftritt bevor, der sein Durchbruch sein könnte…

„Herzgrube“, das Romandebüt des Lyrikers Andrew McMillan , übersetzt von Robin Detje, ist ein Roman über Klassenbewusstsein und Homosexualität, über Sichtbarkeit und Herkunft .
McMillan erzählt nicht nur die Identitätssuche seiner Protagonisten, er erzählt auch von der Arbeit in den Bergwerken, davon, wie prägend die Arbeit für die Menschen, die Region ist.
Wie lebt es sich als queerer Mensch in einer Umgebung, in der dies unmöglich scheint? Wie einsam kann man in einer Gemeinschaft sein?

Ein sprachlich wie inhaltlich äußerst beeindruckender Roman, vielschichtig und ungemein berührend.
Bitte mehr davon.

Herzgrube

von Andrew McMillan

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Der Schlaf der Anderen
Simone Finkenwirth

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Tamar Noort konnte mich vor drei Jahren mit ihrem Debüt "Die Ewigkeit ist ein guter Ort" als großen Fan für sich gewinnen. Mit ihrem neuen Roman hat mir die Autorin ein Herzensbuch geschenkt. Das Annerose Beurich genauso begeistert hat wie den NDR. Dieser hat "Der Schlaf der Anderen" zum Buch des Monats Juni gekürt. Das ist so schön und natürlich mehr als verdient!

Tamar Noort hat mich mit ihrem Debüt auch deshalb beeindruckt, weil sie ein Händchen für eigensinnige und doch liebenswerte Menschen hat. Sina und Janis führen das fort. Sina ist Lehrerin, Mutter zweier Kinder und hat ein ernstes Problem: Sie kann nicht mehr schlafen. Ihr neuer Hausarzt will ihr aber kein Schlafmittel verschreiben, sondern schickt sie ins Schlaflabor an. Diagnose: Verdacht auf Schlafapnoe.

Im Schlaflabor überwacht Janis seit Jahren die Patienten. Als sie Sina begegnet, duzt sie die neue Patientin sofort, spürt eine innige Verbundenheit. Weil beide am gleichen Tag Geburtstag haben? Nein, es ist etwas anderes, wie sich später herausstellt.

Sina braucht etwas Zeit, aber dann gelingt es ihr tatsächlich, in die warmen Arme des Schlafs zu sinken. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für eine SMS ihres Ehemannes. Janis sieht das auf ihrem Bildschirm und will verhindern, dass Sina aufwacht. Sie eilt in ihr Zimmer und erreicht genau das Gegenteil, indem sie Sina unabsichtlich anstößt.

Danach gewinnt der Roman an Geschwindigkeit, unerwartete und bisweilen urkomische Szenen spielen sich in abwechselnden Erzählperspektiven ab. Aus Patientin und Betreuerin werden Ausbrecherinnen, die die Nacht zum Tag machen. Eine Nacht, die alles ändert. Den beiden zu folgen, ist komisch und rührend zugleich.

„Der Schlaf der Anderen“ macht in vielerlei Hinsicht Schluss. Schluss mit den scheinbar richtigen und sicheren Lebensläufen. Schluss mit den Schubladen eines vermeintlich geordneten Lebens. Das Buch stimmt nachdenklich und brilliert mit unglaublich tollen, berührenden und skurrilen Szenen. 

Der Sound wechselt zwischen Melancholie und Witz. Man seufzt, schweigt und lacht mit. Das Buch richtet sich an Lesende von guten Romanen und vor allem an alle, die sich im sogenannten richtigen Leben manchmal an der falschen Stelle fühlen. Und natürlich an alle, denen Schlaflosigkeit nicht fremd ist. Ich verspreche euch: Nach diesem Buch fühlen Sie sich in einer schlaflosen Nacht weniger allein.

Der Schlaf der Anderen

von Tamar Noort

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Die Rettung
Simone Finkenwirth

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Stürmisch, dunkel, unheimlich, anarchisch und unglaublich anziehend ist der neue Roman von Charlotte McConaghy. „Die Rettung“ hat mich förmlich mitgerissen. Immer noch stehe ich auf Shearwater Island und kann nicht fassen, was ich da aufgelesen habe. 

Die Insel liegt mitten im Südpolarmeer, ist „fünfzehnhundert Kilometer entfernt vom nächsten Land.“ Dort leben Dominic und seine drei Kinder: Raff, Fen und der jüngste Spross Orly. Sie sind die Hüter der wichtigsten Samen der Welt, die sie bewahren und retten müssen. Bevor die Insel vom Wasser überschwemmt wird. In wenigen Wochen sollen sie abgeholt werden. Doch jetzt spült das Meer ein lebendiges Wesen an den Strand. Die mit dem Wasser verbundene und ausgezeichnete Schwimmerin Fen fischt das menschliche Treibgut an. Und welch Wunder: Der Mensch lebt noch! Wie ist das möglich? Wunder gibt es immer wieder. 

Rowan heißt die Überlebende, die nicht zufällig an diesem Ort. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, denn das würde den Spannungsbogen zersprengen. 

Weshalb ich Charlotte McConaghy derart schätze, ist einerseits ihr erzählerisches Talent. Mitreißend und spannend waren auch ihre vorangegenen Werke: „Zugvögel“ und „Wo die Wölfe wohnen“. Andererseits ist sie Botschafterin der Natur- und Tierwelt. Kaum eine versteht es, auf die wichtigen wie existenziellen Themen wie Klimawandel, Artenschutz anzugehen, fundierte Sätze über den Zustand der Welt darzulegen. Trauma und psychische Erkrankungen begleiten ihre Werke wie das Rauschen des Meeres, das Rascheln der Blätter und die Stimmen der Tiere. 

„Die Rettung“ gräbt sich erneut tief in die Seelen der Lesenden, indem sie obendren über den Tod, Verlust, die allumfassende Liebe, Familie, Elternschaft und die Hoffnung schreibt. Ob am Ende alles gut wird?

Die Rettung

von Charlotte McConaghy

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Die Chance unseres Lebens
Simone Finkenwirth

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Alles richtig gemacht, lieber Fischer Verlag! Genau einem Jahr nach dem wundervollen Debüt „Helle Sommer“ gibt’s zum nahenden Sommer von Sophie Astrabie das zweite Buch, das perfekt in die Urlaubstasche passt. Wie schon in ihrem Erstling konnte mich die Französin erneut von der ersten Zeile an für sich gewinnen.

„Man muss an das Glück glauben. Nur so kann es existieren.“ Das sagt Sara ihrem guten Freund Stanislas. Wahre und gute Worte von einer unsteten Frau. Die beiden haben sich in der Schule kennengelernt und ein inneres Band geknüpft. Das aber je unterbrochen wurde. Und jetzt viele Jahre später schreibt Sara Stanislas, nachdem sie eine Todesanzeige von seinem Namensvetter in der Zeitung gesehen hat. „Ich hoffe, ich höre von dir“, schreibt sie. Dieser Satz versetzt Stanislas in Aufruhr, raubt ihm den Schlaf.

Er antwortet. Natürlich. Was dann passiert, ist aufregend schön. Nicht glatt und weder kongruent. Doch Stanislas kann nicht anders, als Sara zu folgen. Was seinem guten Freund Laurent so gar nicht gefällt. Er hat für den 39jährigen eine andere Frau entdeckt.

Ich weiß nicht, wie sie das machen, die Franzosen. Aber es gelingt ihnen stets mit einem ganz eigenen Ton flirrende Liebesgeschichten zu erzählen, ohne kitschig zu werden.

An Sophie Austrabie liebe ich besonders die rotzige Melancholie. Wenn es die so überhaupt gibt, aber die Umschreibung fiel mir nach der Lektüre ein. Astrabies Ton
ist witzig, würzig und absolut miteißend. Doch bei aller Überheblichkeit baut die Autorin nachdenkliche Gedanken ein. Obendrein ist sie eine Meisterin von spannenden Plots, quirligen Dialogen und abstrusen Momenten. C'est très bien!

Die Chance unseres Lebens

von Sophie Astrabie

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Der Kaiser der Freude
Simone Finkenwirth

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Wie soll ich Ihnen in wenigen Worten dieses unglaublich reichhaltige und beeindruckende Buch nur schmackhaft machen? Maike Albath hat für ihre wohwollende Besprechung im Deutschlandfunk 19 Minuten in Anspruch genommen. Okay, I'll try it shorter.

Vielen von Ihnen ist Ocean Vuong sicherlich mit seinem beliebten Debüt „Auf Erden sind wir kurz grandios“ vertraut. Ganze fünf Jahre mussten alle Vuong-Fans nun warten. Aber hier trifft der Spruch voll zu: „Wer warten kann, der wird belohnt.“ Für mich zählt „Der Kaiser der Freude“ schon jetzt zu meinen Jahreshighlights.

Warum? Nun, ich bin eine Freundin von bildstark erzählten Geschichten und habe ein großes Herz für alle Menschen, auch für die, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren sind, kämpfen und täglich ihre Tapferkeit unter Beweis stellen müssen. Davon gibt es hier einige wie Hai, er ist die Hauptfigur. Der 19jährige hat seinen College-Abschluss in New York versemmelt. Er hat sich durch die exzessive Einnahme von Tabletten, und einen sehr guten Freund verloren. Nun weiß er nicht mehr weiter. Will sich in den Fluss stürzen, der sich durch das freudlose Städtchen East Gladness, in New England, bewegt. Doch kurz vor seinem Sprung flattern ihm Kleider ins Blickfeld. Die kommen von Grazina. Eine alte Dame aus Litauen, die wohl ahnt, was der Knabe vorhat. Sie nimmt ihn kurzerhand bei sich auf, bis es ihm wieder besser geht. Doch als Erstes soll er erstmal auf Brötchen treten, das helfe in Krisen. Und reichlich Möhren knabbern: „Karotten sind Wurzeln. Und Wurzeln verhindern, dass man trübsinnig wird.“ So besagt es eine Tradition aus Litauen. Möhren gedeihen in der dunklen Erde, doch trotzdem sind sie voller Farbe und Licht.

Sie einigen sich darauf, dass sich Hai um Grazina kümmert, denn die Dame lebt allein in einem verfallenen Haus, hat Demenz und immer wieder kleine Aussetzer. Wie Hai diesen begegnet, rührt mein Herz. 
Als das Geld ausgeht, sucht sich Hai einen Job, und strandet im HomeMarket, einem Schnellimbiss, in dem auch sein Cousin Sony arbeitet. Die Chefin ist eine große Erscheinung und außerdem Wrestlerin. Dort findet Hai eine zweite Wahlfamilie, alle haben ihre Päckchen zu tragen, sind liebenswert. Was Voung aus diesem Schnellimbiss macht, ist umwerfend. Und ein Statement, ein Denkmal.

Ocean Vuong wollte viel in seinem zweiten Roman. Er hat nicht nur Operah Winfrey berührt, er hat mich ebenso tief getroffen und gefüllt wie eine Weihnachtsgans. „Der Kaiser der Freude“ atmet und lebt durch so vieles: Skurrile Momente, Lebensklugheit, Solidarität, formschöne Sätze, tröstliche Gedanken, eine starke Gemeinschaft und eine große Menschlichkeit. Sie leuchtet. Und ist das tragende Element. Das immer noch bei mir ist wie dieses umwerfend famose Buch, das ich einfach noch nicht loslassen will.

Der Kaiser der Freude

von Ocean Vuong

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Auf der Kippe
Frank Menden

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Wie betrachten wir unser Leben angesichts einer großen Katastrophe?

Annie hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Eine große Dramatikerin wollte sie werden, Pulitzerpreis inklusive. Doch nach dem ersten vielversprechenden Stück passierte … nichts. Das Geld wurde knapp, Kompromisse wurden gemacht, die Jahre zogen vorbei, die Notizbücher blieben leer. Ehemann Dom wartet seit Ewigkeiten auf den Durchbruch als Schauspieler, hangelt sich von Vorsprechen zu Vorsprechen.
Nicht die besten Vorraussetzungen, um auch noch ein Kind in die Welt zu setzen .

Aber nun steht Annie schwanger bei IKEA in Portland. Es ist heiß, die Verkäuferin nur mäßig gewillt zu helfen und das gewünschte Babybett scheint ausverkauft zu sein.
Da beginnt die Erde zu beben : das seit Jahrzehnten befürchtete große Erdbeben verwüstet die Westküste der USA.
Wie durch ein Wunder überlebt Annie - und kennt nur ein Ziel: sie muss ihren Mann finden.
Während sie durch das zerstörte Portland irrt, Fremden hilft und Hilfe erfährt, lässt sie ihr Leben Revue passieren - und versucht im Angesicht des Schreckens für ihr Kind zu überleben….

„Auf der Kippe“ von Emma Pattee hat mich überrascht. Überrascht wegen der vielen Themen, die sehr ernsthaft, aber auch mit unerschrockenen Witz aufbereitet werden.
Vor allem aber hat mich Annie von den ersten Sätzen an „gehabt“: eine Protagonistin, der ich gerne durch das äußerliche und innere Chaos gefolgt bin, deren Cheerleader ich während der 249 Seiten geworden bin und die ich nur ungern habe gehen lassen.
Ein nicht nur durch das Setting ungewöhnlicher Debütroman der Journalistin Emma Pattee.
Es wird hoffentlich nicht ihr letzter sein.

Auf der Kippe

von Emma Pattee

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Drei Sommer lang Paris
Frank Menden

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Ich wollte so viel, am liebsten alles auf einmal.“

Im Sommer 1989 wird der Ausreiseantrag der 21jährigen Ulrike bewilligt. Ihr Weg aus der DDR führt sie nach Paris, zu Mutter und Stiefvater. Ohne Französischkenntnisse stürzt sie sich in die Stadt, die sie bislang nur aus Büchern und von Bildern her kannte. Bewaffnet mit ihrer Kamera und einer jugendlichen Unbedarftheit schafft Ulrike sich eigene Bilder der Metropole, erschließt sich die Sprache und, erst zaghaft, dann immer bestimmter, ein Leben in Paris.
Doch während sie sich von ihrer Herkunft, ihrem alten Leben emanzipiert, bricht ihre alte Heimat zusammen. Wer ist man, wenn man kein Land mehr hat, in das man zurückkehren kann? Erkennt man Geschichte während sie passiert? Und ist ein Sehnsuchtsort der richtige Platz für ein neues Leben?

2021 erschien „Kassbergen“ von Patricia Holland Moritz, ebenfalls im Aufbau Verlag, und hat mich sehr begeistert. Jetzt erzählt die Autorin Ulrikes Geschichte weiter, und auch „Drei Sommer lang Paris“ habe ich wieder mit großer Freude gelesen ( man kann die Romane auch gut unabhängig voneinander lesen ).
Zwar ist dieser Roman konventioneller erzählt, aber die Autorin schafft auch hier eine neue Perspektive, einen neuen Blick auf die DDR zu werfen und eine Vielzahl von Themen aufzubereiten.
Vor allem aber schafft sie es hervorragend das Zeitgefühl der damaligen Zeit zu vermitteln. Und Patricia Holland Moritz gelingt das Kunststück, die schon vielfach beschriebene Stadt Paris neu erlebbar zu machen, sie mit ihrer Protagonistin neu zu entdecken.

Ein wunderbarer Paris Roman, eine mitreißende Entwicklungsgeschichte, ein erfrischender Sommerroman und ein Buch über die DDR.
Liebe Patricia Holland Moritz: ich würde Ulrike auch in einem dritten Roman folgen.

Drei Sommer lang Paris

von Patricia Holland Moritz

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Das Echo der Sommer
Simone Finkenwirth

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Elin Anna Labba ist eine schwedisch-sámische Journalistin und Autorin. Bereits ausgezeichnet mit dem wichtigsten schwedischen Buchpreis sowie den renommierten Norrlands-Literaturpreis für ihr Sachbuch über die Zwangsumsiedlung der Samen.

Rávdná ist eine von drei samischen Frauen, die Elina Anna Labba in ihre Familiengeschichte eingewoben hat. Sie lebt mit ihrer Schwester Ánne und ihrer Tochter Ingá im Wechsel der Jahreszeiten zwischen dem sogenannten Sommer- und Winterland.

Als die Frauen in ihr Sommerland zurückkehren, ist alles überflutet. Der Grund ist der Staudamm, der ein neues Zeitalter der Energieversorgung einläuten soll, aber ausgerechnet den Lebensraum der Samen entscheidend einschränken würde. So kollidieren zwei Welten: Die Samen wollen weiterhin ihr traditionelles Leben am See führen, Fische fangen und in ihren Häusern bleiben. All das sollen sie opfern, um den Weg freizumachen für eine sogenannte neue, ökologische Produktion von Wasserkraft. 

Die Geschichte erstreckt sich über 30 Jahre, ich begleite die kleine Ingá, die zur erwachsenen Frau wird. Erlebe Ànnes Krankheit, eine von tiefer Trauer getragenen Frau, die sich immer mehr zurückzieht, bald nicht mehr zu sehen ist, bis sie ganz verschwindet. In den Armen des Sees. Überhaupt der See! Eigentlich der vierte Protagonist, spricht er doch zu uns und ist das bindende Glied zwischen den Kapiteln.

Und er bleibt in meinem Gedächtnis. Wie ein Echo. Und all die mutigen und tapferen Menschen, die für ihre Selbstbestimmung kämpfen. Für die Verbundenheit von Mensch und Natur. Ohne die es bald keine Sommer mehr geben wird.

Das Echo der Sommer

von Elin Anna Labba

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Good Girl
Simone Finkenwirth

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Lügen als Fundament der Freiheit. Geht das? Und wenn ja, wie lange kann man darauf laufen, ohne einzubrechen? Diese Frage ploppt bei der Lektüre von „Good Girl“ von Aria Aber immer wieder in meinem Kopf auf. Ich kann sie nicht zähmen ebenso wenig wie ihre Heldin Nila.

Aria Aber steht mit ihrem Buch auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction 2025. Und ich freue mich so sehr über die Nominierung! Fatma Aydemir, Raven Leilani und Garth Greenwell sind begeistert von diesem außergewöhnlichen Buch, bei dem ständig mein Puls pocht.

Das hat natürlich mit Nila und ihrem Leben zu tun. Sie ist die Tochter von afghanischen Einwanderern, was sie jedoch vertuscht. Nilas Mutter ist verstorben. Sie lebt immer noch zu Hause bei ihrem Vater und ihrer Großmutter in einem Plattenbau, den sie Marlowe verschweigt. In einer ihrer nächtlichen Fluchtaktionen ins Berliner Nachtleben trifft sie auf den Autor.

Sie nehmen zusammen nicht wenige Drogen und haben Sex. Aber die beiden führen mitunter tiefsinnige Gespräche, an denen ich länger hängenbleibe. Dabei offenbart Nila ihrem Geliebten ihre große Sehnsucht: Sie möchte Fotografin werden wie die Künstlerin Nan Goldin. Als Marlowe ihr eine Kamera schenkt, fängt sie an. Parallel erzählt Aria Aber aus dem Leben der Familie, zeigt die Zwänge und Vorstellungen auf, denen die junge Frau entkommen will. Wird es ihr am Ende gelingen?

Was für ein Ritt! Nila ist alles andere als brav. Und gut? Nun lest selbst! Das Buch versprüht einen ganz eigenen Sound und man spürt, dass hier eine Lyrikerin am Werk ist. So wurde Aria Aber für ihren Lyrikband „Hard Damage“ mit dem Prairie Schooner Prize ausgezeichnet.

„Good Girl“ ist eins der pulsierendsten Bücher der letzten Zeit! Doch sie hat es mir nicht immer leicht gemacht. Am Ende siegt allerdings dann doch die Begeisterung. Wild, einnehmend, unberechenbar und mitunter sehr weise wie menschlich ist diese funkelnde Lektüre. Ein Buch, das dem Schrecken mutig ins Gesicht schaut und standhält. Komme, was da wolle!
 

Good Girl

von Aria Aber

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Wie Zugvögel
Frank Menden

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Yellowknife, eine kleine, heruntergekommene Stadt im hohen Norden Kanadas, ist der Schauplatz von „Wie Zugvögel“ von Elizabeth Hay, übersetzt von Anke Carolin Burger.
Hier treffen 1975 die unterschiedlichsten Menschen in einem lokalen Radiosender aufeinander.
Da ist zum Beispiel Harry, der ehemalige Radiostar, der nach einem missglückten Versuch im Fernsehen zu reüssieren, wieder zurückgekehrt ist .
Dido, deren Stimme wie gemacht ist für das Radio, der alles zuzufallen scheint und die schwer greifbar ist, vor allem für sich selbst .
Gwen, die über 5.000 Meilen gefahren ist um hier ihren Traum vom Leben als Hörspielproduzentin zu verwirklichen - und an der Realität ihres Unvermögens als Sprecherin zu scheitern droht.
Sie und ihre KollegInnen versuchen sich am Leben, an der Liebe, an der Flucht vor der Einsamkeit, mal mit mehr und oft mit wenig Erfolg.

Der geplante Bau einer Gaspipeline durch das Gebiet der indigenen Bevölkerung sorgt für zusätzliche Dynamik , wie auch die geplante Expedition auf den Spuren John Hornbys, der vor 50 Jahren auf genau dieser Tour mit seinen Begleitern zu Tode kam…

2010 ist dieser Roman unter dem Titel „Nachtradio“ schon einmal erschienen, leider ohne Erfolg, trotz durchgehend positiver Kritiken.
Ich wünsche diesem Buch beim zweiten Versuch eine wesentlich größere Resonanz.
Denn dieser ruhige und überaus eindringliche Roman über Einsamkeit und das Ringen mit dem Leben und der Natur ist einfach zu gut, um nicht gelesen zu werden und Elizabeth Hay eine Stimme, die entdeckt werden muss!

Wie Zugvögel

von Elizabeth Hay

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Das Schwarz an den Händen meines Vaters
Simone Finkenwirth

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Lena Schätte erzählt Mottes Geschichte, und die fühlt sich an wie ein Faustschlag in den Bauch. So zeigt die Autorin sehr authentisch, wie es ist, in einer dysfunktionalen Familie großzuwerden. Der Vater ist ein Spieler und Alkoholiker.

„Als ich noch Kind bin, denke ich oft, ich habe zwei Väter. Den einen nüchternen, der schnell rennen kann. […] Und dann gibt es noch den anderen Vater. Der sich darüber legt und ihn verschwinden lässt.“ 

Der Vater arbeitet in einer Fabrik, wird wegen seines unsteten Zustands versetzt und verliert später seinen Job. Auch die Mutter erkrankt, wird depressiv. An einer Stelle heißt es: „Wir denken nicht nach in dieser Familie, über die Reihenfolge der Dinge oder darüber, wer wen aufhebt.“ Diese Aussage ist so exemplarisch für den Kern der Geschichte. Zeigt sie das Verantwortungsgefühl der Kinder wie die bedingungslose Liebe. Das geht wahrlich unter die Haut.

Lena Schätte holt ihre Ich-Erzählerin ganz nah an uns Lesende heran, und das in einem dichten wie klaren Erzählton, der seinesgleichen sucht. Ich folge der jungen Frau, die später selbst im gefährlichen Sumpf des Alkohols fällt, sich verliert und gleichwohl ihren Platz finden will. Wir bewegen uns zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, zwischen dem Kind und der jungen Frau. Als der Vater erkrankt, bleibt das nicht ohne Folgen auch für unsere Ich-Erzählerin.

Die Autorin hat als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet, und ist in einem Arbeitermilieu groß geworden. All das strömt hier glasklar hinein, entlädt sich in einer unaufgeregten Form, denn die Autorin wollte keine klassische Täter-Opfer-Kategorien einnehmen. Das hat sie mir in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse erzählt, das Sie auf meinem Instagram-Kanal "Klappentexterin" jetzt sehen können. Ebenso bemerkenswert ist, dass die 1993 geborene Autorin sehr lange an ihrem Wunsch des Schreibens festgehalten hat und schließlich am renommierten Literaturinstitut Leipzig weiterentwickeln konnte. Der Roman sei schon seit 15 Jahren in ihr gewesen, geschrieben hat sie diesen im Café eines Baumarktes.

Das Buch ist ein Leichtgewicht, und doch sind die 187 Seiten unglaublich füllend und hinterlassen einen bleibenden Abdruck bei allen Lesenden. Der Roman hat das Feuilleton und Blogger:innen gleichermaßen beeindruckt. Und wenn das der Fall ist, soll das viel heißen. Denn wie oft sind sich beide Formen der Literaturkritik schon einig? Eben!

Das Schwarz an den Händen meines Vaters

von Lena Schätte

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Nachtglimmen
Frank Menden

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„Ich schreibe eine Geschichte der Welt.“.
Dies sagt die todkranke ehemalige Kriegsreporterin und Historikerin Claudia Hampton.
Viel Zeit wird ihr nicht bleiben, um all das Erlebte niederzuschreiben. Von der Kindheit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der ständigen Rivalität mit ihrem Bruder Gordon. Oder von ihrer schwierigen Beziehung zu ihrer Tochter Lisa, ihrer großen Liebe Tom.
Von den zahlreichen politischen Ränkespielen, bei denen sie mal mehr oder weniger beteiligt war.

Claudia Hampton ist keine einfache Protagonistin. Sie ist selbstbezogen und durchaus bösartig, trotzdem kommt man nicht umhin ihrem Leben gebannt zu folgen, während sie durch das 20. Jahrhundert jagt. Dabei ist sie voller spröder Energie, immer stilsicher und hat dabei für alle ( und sich selbst) immer eine Prise verächtlichen Humor übrig.

1987 gewann Dame Penelope Lively für „Nachtglimmen“ den Booker Prize. Jetzt liegt der früher auch unter seinem Originaltitel „Moon Tiger“ in Deutschland erhältliche Romanim Doerlemann Verlag in einer Neuübersetzung von Ulrike Müller und einem Vorwort von Elif Shafak vor.
Es ist ein zeitloser Roman, der viele Themen verhandelt, politisch ist, literarisch ambitioniert und dabei doch immer gut lesbar ist.
Der Roman zeigt auf anschauliche und eindrucksvolle Art und Weise, dass „Wenn alles aus dem Gleis ist, dann wird man unangenehm darauf gestoßen, dass Geschichte wahr ist und dass man selbst leider ein Teil von ihr ist.“
Ein geradezu prophetischer Satz aus einem zeitlosen Roman von großer Aktualität!

Nachtglimmen

von Penelope Lively

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Beeren pflücken
Simone Finkenwirth

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Bereits vor Erscheinen der deutschen Ausgabe ging ein Leuchten aus unserer englischen Abteilung aus. Denn meine geschätzte Kollegin Sarah O'Connor hat „The Berry Pickers“ längst mit großer Begeisterung gelesen. Nun liegt die von Brigitte Jakobeit übersetzte Fassung auf unserer Eingangspyramide, strahlt allen entgegen und ich mit. 

Die Autorin ist eine Native American und zählt zum Stamm der Mi'kmaq, ein indigenes Volk, das im östlichen Nordamerika angesiedelt ist wie die Familie, um die es hier geht. Sie hilft zur Saison auf einer Farm aus und pflückt Beeren. Alle packen mit an: Die Eltern und ihre vier Kinder. Eines Tages verschwindet die Jüngste, Ruthie. Alle suchen nach dem fünfjährigen Mädchen, doch Ruthie wird nicht gefunden. Der ältere Bruder Joe zerbricht an diesem Verlust, fühlt die Schuld auf seiner Schulter. Die Wut nagt an ihm wie ein Geschwür und treibt ihn zu schrecklichen Handlungen, vor denen wir alle zurückschrecken. 

An einer Stelle heißt es: „Manche Wunden sind nicht zu heilen. Manche Wunden schließen sich nie, desto einfacher wurde es zu lächeln.“ Das sind nur zwei von zahlreichen bemerkenswerten Sätzen, an denen ich anhalte und innehalte. 

Was mit Ruthie passiert ist, davon erzählt Amanda Peters auf wirklich berührende Weise. Wir Lesende wissen mehr als alle zusammen, bleiben dennoch still, neugierig und hören unsere eigenen Herzen ganz laut klopfen. Denn diese Geschichte, die in den 1960er Jahren beginnt, geht einem unglaublich nah. 

„Beeren pflücken“ ist ein vielschichtiger Roman über Ethnie, Familienbande, Traumata und Wunden - manche bleiben, andere dürfen heilen. Und lassen etwas Neues entstehen. 

Ich liebe jede Faser des Romans, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Und ich hoffe, Sie finden die leuchtenden Beeren, die meine Kollegin und ich aufgepickt haben. 

Bevor ich schließe, möchte ich noch erwähnen, dass wir die Übersetzerin am 13. Juni zusammen mit dem Übersetzer Cornelius Hartz bei uns zu Gast haben werden. Sie können sich schon jetzt unter anmeldungen@stories-hamburg.de einen Platz sichern.

Beeren pflücken

von Amanda Peters

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Letzte zärtliche Augenblicke
Frank Menden

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Ein Highlight aus dem diesjährigen Gastland der Leipziger Buchmesse ist Kjersti Anfinnsens Roman „Letzte zärtliche Augenblicke“.

Der Titel mag einen leicht verkitschten Blick auf die letzten Lebensjahre suggerieren, doch sehr schnell wird bei der Lektüre klar, dass dies mitnichten so ist.
Dafür ist die Protagonistin viel zu eigen, zu sarkastisch - und zu ehrlich.
Denn die einst enorm erfolgreiche norwegische Herzchirurgin Brigitte Solheim weiß um ihre sozialen Defizite, ihre Unfähigkeit Freundschaften zu pflegen, dauerhafte Liebesbeziehungen einzugehen. Sie ist allein, auf die Hilfe und Freundlichkeit von Fremden angewiesen.
Sie räsoniert über ihr Leben, die schwierige Kindheit, das Verhältnis zu ihrer Schwester, über den Betrug ihres Kollegen, der die Lorbeeren für die von ihr entwickelte revolutionäre OP-Technik eingestrichen hat.
Und doch schleicht sich etwas Hoffnung in ihr Leben, und zwar in Gestalt des Architekten Javier, mit dem sie erst chattet, sich dann trifft , Wein trinkt , Sex hat, sich streitet und versöhnt. Doch im hohen Alter ist das Ende nah.

Kjersti Anfinnsen erzählt konsequent aus Brigittes Perspektive und das ist ein großer Pluspunkt dieses ungewöhnlichen Romans. Der Ton ist nüchtern, auch wenn sich ab und an Selbstmitleid in den sarkastischen Betrachtungen findet. Brigitte ist keine Sympathieträgerin, eine Frau, die trotz ihres Geldes und der damit einhergehenden Privilegien weiß, dass diese ihr auch nur bedingt helfen. Denn gegen Einsamkeit und Ängste kommt kein Geld der Welt an.
Und trotzdem gibt es immer wieder unerwartete Lichtblicke, wie der Roman überhaupt ein Licht wirft auf Dinge, die in der Literatur gern verschwiegen werden -und die doch zu jedem Leben gehören.

„Man sagt, das Leben verlaufe zyklisch, doch der Vergleich hinkt. Irgendwas fehlt. Jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, fehlt etwas. (…) Ich weiß genau, was da fehlt: Mir fehlt eine Zukunft.“
 

Letzte zärtliche Augenblicke

von Kjersti Anfinnsen

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Frühlingsnacht
Simone Finkenwirth

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Pünktlich zum Buchmesse-Schwerpunkt hat Sebastian Guggolz einen norwegischen Klassiker zum ersten Mal auf Deutsch herausgebracht: „Frühlingsnacht" von Tarjei Vesaas, erneut kongenial übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Vesaas hat zeitgenössische Schriftsteller wie Tomas Espedal und Karl Ove-Knausgard inspiriert wie begeistert.

Mit seiner klaren wie atmosphärischen Sprache zieht mich der Autor atemlos in seine Geschichte. Sissel und ihr jüngerer Bruder Hallstein sind die Hauptfiguren. Hallstein erinnert mich an Mattis aus Vessas´ ebenfalls lesenswerten Roman „Die Vögel". Ist er doch ein recht seltsamer Junge mit großer Fantasie und eigentümlichen Gedanken. So sucht er Gudrun auf, eine Freundin, die er in einem leerstehenden Haus entdeckt hat und mit der er spricht. Aber es gibt sie nicht wirklich, sie ist lediglich eine imaginäre Bewohnerin seiner ganz eigenen Fanatsiewelt. Aber vor ihm liegt eine freie, wunderbare Zeit ohne Eltern.

Seine Schwester nutzt diese, um mit ihrem Verehrer Tore anzubandeln, was Hallstein neugierig beobachtet. Als sich die beiden Geschwister auf einen ruhigen Abend vorbereiten, klopft es plötzlich an der Tür. Wer kann das sein? Tore? Nein, eine ganze Familie, die sofort hektisch auf die beiden einredet. Das Auto sei kaputt, und bei der hochschwangeren Grete haben die Wehen eingesetzt. Eine Hebamme muss her! Sofort!

So radelt Hallstein mit Gretes Mann Karl in den Ort, um eine Hebamme zu besorgen. Fahren vorbei am kaputten Auto der Familie, in der noch Kristine sitzt, die nicht mehr laufen kann und auch nicht spricht, außer mit Hallstein. Sie ist zudem mit Karls Vater liiert. Und dann ist da noch Gudrun, ja, Gudrun, leibhaftig und aus Fleisch und Blut. Hallstein verliebt sich augenblicklich.

Waren die vorherigen Werke vor allem von Innenansichten geprägt, öffnet der Autor hier eine Wundertüte aus Dialogen und Aktionen, gleich einem mitreißenden Theaterstück. Obgleich viel gesprochen wird, erweist sich Vesaas als Meister der Auslassung. Einiges hängt in der Schwebe wie Tautropfen an Blumen. So schafft er eine ganz besondere, geradezu zauberhafte Stimmung. Und er beweist erneut auf beeindruckend schöne Weise, dass er ein Freund von eigentümlichen Figuren und Geschichten ist.

Tarjei Vesaas ist einer der großen literarischen Stimmen aus Norwegen, die es lohnt, entdeckt zu werden. Findet übrigens auch Siri Hustvedt, die den Autor sehr schätzt. Dem möchte ich an diesem Vorfrühlingstag nicht widersprechen.

Frühlingsnacht

von Tarjei Vesaas

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Vermissen auf Japanisch
Simone Finkenwirth

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Nur wenige Atemzüge und ich bin im Buch angekommen. Yukiko Tominaga verströmt eine umarmende Wärme, die mich sofort wie ein Kokon umhüllt. 

Kyoko ist die Ich-Erzählerin in „Vermissen auf Japanisch“. Ihre familiären Wurzeln liegen in Japan, aber in Amerika hat sie eine liebevolle Wahlfamilie gefunden. Vor allem ihre Schwiegermutter Bubbe ist ihr eine besondere Seelentrösterin. Gemeinsam trauern sie um Kyokos verstorbenen Mann Levi. Ich folge der Erzählerin, die Mutter eines Sohnes ist. Als Levi stirbt, ist Alex vier Jahre alt. Wie mit der Lücke leben?

Davon erzählt die Autorin mit einer Sanftheit, die mich derart berührt. Um sie herum sind liebenswerte Figuren wie Bubbe und ihre Mitbewohnerin Mi Cha. Die Südkoreanerin ist mit ihrer Familie in Kyokos Haus eingezogen, weil der Witwe das Geld fehlt. Sie sagt ihrer Freundin aber auch wahre Dinge wie: „Lauf nicht vor der Liebe davon, Kyoko. Lauf nicht vor ihr davon. Und selbst wenn die ganze Welt gegen dich wäre, du selbst eingeschlossen, ich bin es nicht.“

Ich folge der Romanheldin mit Ruhe und Besonnenheit. Die Geschichte fühlt sich so typisch Japanisch an. Für mich ist sie eine Meditation für die Augen und den Geist. Es sind kleine Puzzleteile, Rückblenden und gegenwärtige Momente, die Yukiko Tominaga elegant aneinandersetzt. Wer geradlinig erzählte und schnelle Plots bevorzugt, könnte enttäuscht werden. Fans von japanischer werden bei der Lektüre Sterne in ihren Augen haben.

„Vermissen auf Japanisch“ ist ein Buch übers Abschiednehmen, Trauer – und der tapfere Weg von dort weg in ein neues Kapitel mit mehr Leichtigkeit und wohltuender Hoffnung.

Vermissen auf Japanisch

von Yukiko Tominaga

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Eine Zeit, zu leben
Frank Menden

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„Hedda ist Hedda“!
Nur eine der Schlagzeilen, die der großen Premiere auf Norwegens bedeutendster Bühne entgegenfiebern.
Hedda - das ist Hedda Christine Foss, eine der berühmtesten Schauspielerinnen des Landes. Das Stück : „Hedda Gabler“ von Hendrik Ibsen.

Doch nicht alle sind ausschließlich der doppelten Hedda wegen bei der Premiere anwesend .
Da ist zum Beispiel der junge Mann, der seine ( Vielleicht) Freundin nicht enttäuschen will, ist sie doch wesentlich weltgewandter als er.
Oder die bekannte Influencerin „Stalking Stine“, die wie der dem jungen Colin Firth verblüffend ähnlich sehende britische Diplomat ganz eigene Interessen verfolgt .
Die Anwesenheit des gefürchtetsten Theaterkritikers Norwegens ist selbstverständlich, aber was macht der preisgekrönte Autor im Saal , in dem die Ministerpräsidentin ganz prominent in der Mitte der ersten Reihe sitzt?
Vor allem aber: warum ist die Pistole, die im Stück zum Einsatz kommen soll, mit scharfer Munition geladen?

Ich verehre Jan Kjaerstad schon sehr lange, jeden Roman habe ich mit Spannung erwartet und wurde selten enttäuscht.
„Eine Zeit, zu leben“, wie immer im Septime Verlag erschienen, ist wie für mich gemacht : eine Gesellschaftsstudie, multiperspektivisch erzählt, nah am Puls der Zeit. Ein Roman über das Theater, das auf der Bühne und das des Lebens, über die Macht der Aufmerksamkeit und die Sucht nach eben dieser, über Sinn und Unsinn von Begegnungen, über Liebe und Hass, Trauer und Freude , und und und ….
Und natürlich auch über Hedda Gabler.

Ein lebenspraller Roman ist dies, den man auch Dank der Übersetzung von Bernhard Strobel nicht mehr aus der Hand legen kann.
Wer Jan Kjaerstad noch nicht für sich entdeckt hat sollte dies schleunigst ändern. Und wer bereits ein Fan ist wird auch an seinem neuesten Werk großen Gefallen finden.
Was für ein intelligent komponiertes, überraschendes und stilsicheres Lesevergnügen!

Eine Zeit, zu leben

von Jan Kjaerstad

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Für Polina
Simone Finkenwirth

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Der Roman lebt vor allem durch seine besonderen und liebenswerten Figuren. Fritzi ist die Erste. Das Mädchen reist vor ihrem Abitur ins sonnenreiche Land der Genüsse. Dort hat sie ein kurzes Intermezzo mit einem Geschäftsmann. Leider nicht ohne Folgen: Fritzi wird schwanger. Ihr großes Ziel nach München zu gehen, um Jura zu studieren, rückt erstmal in weite Ferne.

Im Krankenhaus lernt Fritzi Günes kennen, die zeitgleich mit ihr gebärt. Ein Mädchen, das den Namen Polina trägt. Ein untypischer Name für ein türkisches Mädchen. Aber Günes verehrt Dostojewski, und Polina ist eine Figur aus einem ihrer liebsten Romane des Russen. Die beiden Frauen bleiben auch nach der Entbindung in Kontakt, folglich auch ihre Kinder. Wann aus dieser Freundschaft mehr geworden ist, mag niemand so genau sagen. Aber es leuchtet, brennt zwischen Polina und Hannes und sorgt für mehr Unruhe, als allen lieb ist.

Fritzi zieht aber zunächst mit Hannes in eine alte Villa nach Kananohe, ein Naturschutzgebiet bei Hannover, umgeben von einer Moorlandschaft. Dort treffen sie auf den 60jährigen Heinrich Hildebrand. Als junger Mann hat Heinrich am Wiener Konservatorium Klavier studiert, und so findet sich in der Villa auch ein Klavier. Das Instrument wird für Hannes noch eine bedeutende Rolle spielen.

Der Roman besticht nicht nur mit seiner einzigartigen Familien- und Liebesgeschichte. Takis Würger gelingt es quasi spielend, dass ich mich als Leserin wieder sehr zur klassischen Musik hingezogen fühle. Mit ihr zu fühlen, Taste für Taste, Ton für Ton.

Takis Würger öffnet wahrlich eine große Palette an leichten wie schwerwiegenden Themen, verarbeitet sie mit leichter Hand, baut unerwartete Wendungen ein, und ist voller Empathie für das bunte Figurenensemble. Allen zu folgen, bereitet mir derartig große Freude, dass ich am liebsten selbst ein Stück komponieren möchte. Zahlreiche Momente lassen mich lächeln, filmische Szenen gehen vor meinem inneren Auge auf. Und ich denke: Das ist die Art von Geschichten, die wir gerade brauchen. Warm, berührend, charmant und voller sensibler Herzlichkeit. Ein Buch wie eine sehnsuchtsvolle Klaviersonate, die lange nachklingt.

Für Polina

von Takis Würger

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Wildhof
Simone Finkenwirth

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Darf ich vorstellen? Mein 2. Herzensbuch des Jahres, das ich bereits mit so vielen Buchhändler-Kolleg:innen teile. Obwohl ich nach dem ersten Blick auf dem Klappentext dachte: „Die Handlung ist nicht neu.“ Doch wie viele Geschichten hat es so noch nie gegeben? Zählt nicht, wie die Schreibenden ihre Ideen zu Papier bringen? Und Eva Strasser macht dies derart einschlagend gut.

Die fast 30jährige Lina kehrt nach Hause zurück. Kürzlich sind ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall verstorben. Nun will sie diese beerdigen und das Haus verkaufen. Nicht ohne Grund ist sie seinerzeit nach der Schule ausgebüxt. In die Anonymität. Doch die Schatten der Vergangenheit und ihre Wut sind ihr geblieben. Ihr Temperament führt sie im Job zu einer Handlung mit gerichtlichen Folgen. Nur auf Bewährung, aber die Strafe ist da. Ploppt im Hintergrund auf wie die zahlreichen Nachrichten der Firma. Denn Lina ist gefragt in ihrem Business als App-Entwicklerin. So öffnet Lina öffnet diese und knurrt dabei, wie so oft.

Nun ist sie in Wildhof. Da passieren mitunter seltsame Dinge: Die Kuckucksuhr geht plötzlich wieder, der platte Spielball der Kindheit liegt frisch auf dem Rasen. Ein Lachen huscht durch die Luft, immer wieder sieht sie ihren geliebten längst verstorbenen Hund. Wesentlich realistischer und wärmend sind die Begegnungen mit alten Freunden die ihr zur Seite stehen wie damals als ihre Zwillingsschwester verschwunden ist. Wenn Lina mal wieder vollkommen außer sich ist, bleibt sie allein, und rettet sich in den Wald.

Was für eine einzigartige Schreibe! Voller Sinnlichkeit, Poesie, Witz und Tiefe, temporeich, überraschend erzählt Eva Strasser ihre Geschichte. Die sehr grün ist, denn sie geht oft mit uns raus, taucht in die raschelnde Natur, lässt die Lungen beim Lesen ganz automatisch weiten. Dass die Autorin studierte Philosophin ist und Drehbücher verfasst, spürt man mit jedem Satz. So sause ich lächelnd durch die Seiten und am Ende ist einiges anders als erst vermutet.

Wildhof

von Eva Strasser

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Die Kolonie
Simone Finkenwirth

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Audrey Magee erzählt auf höchst erfrischende wie poetische Weise die Geschichte einer kleinen Inselgemeinschaft. Alles beginnt mit einem Inselbesucher, dem Londoner Maler Mr. Lloyd. Allein schon die Überfahrt entzückt mich. 

Auf der Insel wird er bereits von zwei Frauen erwartet: Bean Uí Néill – Großmutter des Bootsmannes James, der Irisch und Englisch spricht, und auch seine Mutter Mairéad ist zur Stelle. Mr. Lloyd möchte nur schnell ins angemietete Cottage und dann – bitteschön – seine Ruhe haben. Die er dringend braucht, um aus seiner Schaffens- und Ehekrise herauszukommen.

Doch daraus wird leider nichts, schon am nächsten Tag trifft Masson, kurz JP genannt, ein. Ein französischer Linguist, der die irische Sprache erforscht und bewahren möchte. JP will Stimmen um sich haben und ist zu Lloyds Ärgernis sein Nachbar. Als der Maler weiter draußen einen heruntergekommenen Schuppen entdeckt, nistet er sich dort ein. Endlich Ruhe!

Aber nein, James besucht ihn immer wieder. Er ist unglaublich neugierig, fühlt sich von der Kunst des Malers angezogen. Und fängt bald selbst an, den Pinsel zu schwingen. Kann das gut gehen?

Ich bin den vielen Stimmen gefolgt, und erfahre auch den Grund der gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Irland lange in Unruhe versetzt haben.Der schwelende Konflikt wirkt selbst in diese scheinbar friedliche Gemeinschaft hinein. Das macht die Autorin auf drastische Art, denn sie setzt jedem neuen Kapitel einen Bericht über grausame Attentate an verschiedenen Menschen voran. 

Audrey Magee lässt mit großer Empathie ihr vielschichtiges Figurenensemble über die kleinen Dinge des Lebens laufen, ohne den Blick aufs Große zu vergessen. Einzigartig sind die kleinen poetischen Einschübe, die Versen eines Gedichts sehr nahekommen.

„Die Kolonie“ ist ein Juwel, das lange noch in meinem Herzen funkeln wird. Ein Buch über die Kunst, die Sprache und das, was Menschen eint oder entzweit. Mit einem unglaublichen Finale!

Die Kolonie

von Audrey Magee

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Jones
Frank Menden

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Wenn einen etwas sehr berührt, geradezu erschüttert, dann fällt es ungemein schwerer Worte zu finden, die die hervorgerufenen Gefühle auch nur annähernd adäquat beschreiben können.

„Jones“ , übersetzt von Brigitte Walitzek, ist ein Buch, das mich dermaßen begeistert, berührt und durchgerüttelt hat, das es mir schwer fällt darüber zu schreiben.
Über die Geschwister Abi und Eli, die nur sich haben, weil ihre Eltern nur „Elterneinheiten“ sind, und nicht fürsorglich oder liebevoll oder wenigstens funktional. Über ihre Versuche, Wege aus dieser Misere, die sich Leben nennt, herauszufinden. Weg von all den schrecklichen Dingen, die ihnen widerfahren, die irgendwie überstanden werden. Und über die Liebe zwischen den beiden, die allumfassend ist und doch nicht genug ist.

Es ist dies kein einfaches Buch, die erkennbare Autofiktionalität unterstreicht dies noch. Und doch kann man nicht lassen von diesem Buch, von dieser Sprache, die derb und einfühlsam, humorvoll und schockierend, berührend und ja, auch das, unterhaltsam ist .
Und dann dieses Ende!

Wer Referenzen benötigt: „Shuggie Bain“ und „Demon Copperhead“ werden gern genannt.
Für mich thront „Jones“ jedoch weit über ihnen.

WAS FÜR EIN BUCH!

Jones

von Neil Smith

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Was du kriegen kannst
Frank Menden

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Die Jury des Literaturpreises der Jürgen Ponto Stiftung hat immer ein gutes Händchen .
So auch in diesem Jahr mit Clemens Böckmanns Roman „Was du kriegen kannst“ .
Ein Roman, für den Elke Schlinsog bei Deutschlandfunk Kultur den zutreffenden Begriff „Rechercheroman“ verwendet.
Erzählt wird die Geschichte der Uta Krahl, einer Möbelverkäuferin im Zwickau der 1970er Jahre, die ins Visier der Stasi gerät und von diesem Ministerium gezielt auf Männer, gerne auch aus dem Westen, angesetzt wird.
Aufgefallen ist Uta, weil sie der Tristesse des DDR-Alltags etwas Freude abgewinnen will, Farbe ins Grau bringen will. Sie geht gerne aus, raucht und trinkt mit Genuss, und ist in den Augen der sie beobachtenden Männer „ sehr raffiniert und intelligent und mannstoll ( welch furchtbares Wort ! ).
Prostitution war ja offiziell in der DDR verboten - es sei denn sie wird quasi vom Staat befohlen. Wie im Fall von Uta Krahl.
Was das mit einem Menschen macht, das zeigt Clemens Böckmann anhand der Berichte Utas, ihrer heutigen Sicht auf ihre Tätigkeit und Auszügen aus den Stasi Akten - und seiner eigenen Sicht auf das Leben Utas.
Durch diese wechselhafte Art des erzählens wirkt der Text zwar mitunter etwas sperrig, man wird aber mit einem ungewöhnlichen und sehr bereichernden Leseerlebnis belohnt.

Dieser Lebensroman ist erschütternd und berührend zugleich und geht der Frage nach, ob Uta Klahr Opfer oder/ und Täterin war.

Eine große Leseempfehlung!

Was du kriegen kannst

von Clemens Böckmann

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Sag mir, was ich bin
Frank Menden

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2004 verschwindet Deena Garvey spurlos. Sie erscheint nicht bei der Arbeit , holt ihre vierjährige Tochter Ruby nicht bei ihrem Ex Lucas ab, meldet sich nicht bei ihrer Familie.
Für Deenas Schwester Nessa ist klar: Lucas hat ihrer Schwester etwas angetan.
Doch die Polizei hat keine Beweise , trotz einer Anzeige wegen häuslicher Gewalt. Und dass Dreena an Depresssionen leidet und schon einen Suizidversuch hinter sich hat trägt auch nicht gerade dazu bei, dass sich die Polizei bei der Suche übermäßig ins Zeug legt .

Als Lucas mit seiner Tochter nach Vermont in die ländliche Abgeschiedenheit der Inseln im Lake Champlain zieht , bricht für Nessa eine Welt zusammen.
Ruby indessen liebt die Natur und die Unterweisungen ihres Vaters . An ihre Kindheit in Philadelphia hat sie keinerlei Erinnerungen.
Doch je älter sie wird, um so merkwürdiger findet sie das Verhalten ihres Vaters. Warum darf sie das Internet nicht nutzen? Was sollen all die Kameras auf ihrem Grundstück? Und warum darf sie die regelmäßig an sie adressierten großen gelben Briefe nie lesen? Warum versteckt Lucas sie vor ihr?
Rubys Weltbild gerät zunehmend ins Wanken und all ihre vermeintliche Sicherheit löst sich zunehmend auf….

Una Mannion hat mich schon mit „Licht zwischen den Bäumen“ begeistert. Ihr neuer Roman „Sag mir, was ich bin“, übersetzt von Tanja Handels und wie der Vorgänger hat dies noch untermauert.
Die Autorin entwickelt ihre Geschichte langsam und geduldig, setzt jedoch direkt am Anfang Akzente, die uns Lesenden bis zum Ende nicht mehr vom Haken lassen.
Meisterhaft strukturiert sie ihre Geschichte um Manipulation und Verlust, über Traumata und Hoffnung und zieht zum Ende hin das Tempo merklich an.
Für mich ist diese Autorin eine grandiose Erzählerin, die unbedingt noch von einer breiteren Öffentlichkeit entdeckt werden muss!
Wie Sie Familiengeschichte(n), psychologisch nuancierte Charaktere und Elemente der Krimininalliteratur verknüpft ( und hier noch eine gehörige Portion „Gesang der Flusskrebse“ hinzufügt) sollte man unbedingt gelesen haben.

Sag mir, was ich bin

von Una Mannion

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Fluchtnovelle
Frank Menden

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Die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst .
Wie diese hier .
1965 lernen sich in Erfurt eine Studentin ( 21 ) aus der DDR und ein Student ( 23 ) aus der Schweiz kennen - und lieben. Ein gemeinsames Leben, das ist beiden schnell klar, wollen sie fortan führen, allerdings nicht in der DDR.
Doch wie soll die Ausreise der jungen Frau gelingen?
Bald reift ein so ausgeklügelter wie waghalsiger Plan heran…

Aberwitzig. So könnte man die Geschichte nennen, die Thomas Strässle in „Fluchtnovelle“ erzählt. Wenn man nicht wüsste, dass sie wahr ist , denn der Autor ist der Sohn der beiden Studenten.
Die Geschichte seiner Eltern ist eine große Liebesgeschichte, die gleichzeitig auch eine Fluchtgeschichte und Geschichte über das Rechts - ( oder Unrechts-) System der DDR erzählt - und das in einer Vermengung aus Erzähltem, Recherche und sprödem Amtsdeutsch.
„Eine Fluchtgeschichte, wie man sie noch nie gelesen hat“ titelt der Verlag auf der Rückseite.
Und da diese Geschichte nur 117 Seiten hat muss ich dies dabei belassen .
Nur soviel: der Verlag hat absolut recht!

Fluchtnovelle

von Thomas Strässle

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Draußen die Welt
Frank Menden

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Mary Perrault bewirtschaftet mit ihrem Mann einen kleinen Hof in South Enzian, in der Nähe der Pazifikküste und San Francisco. Sie haben vier Kinder, die 15jährige Melanie und drei jüngere Söhne. Das Leben ist beschaulich, auch wenn ein Vorfall zu Beginn zeigt, dass jede Idylle von jetzt auf gleich zerstört werden kann: Marys Jugendfreundin Agnes kommt bei einem Autounfall ums Leben, Mary hätte eigentlich auch in dem Auto sitzen sollen. Das Zufällige daran beuunruhigt Mary, die sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt. Sie ist der Fels in der Brandung für ihre Familie, Freunde und Nachbarn, hat für jeden ein offenes Ohr, Gäste sind immer willkommen. 
Die Finanzkrise von 1929 macht jedoch auch vor dem kleinen Ort und dessen Bewohnern nicht halt. Allmählich wird das Geld knapper, Existenzen drohen vernichtet zu werden. Dazu verändern Neuerungen wie Automobile oder Luftschiffe die Möglichkeiten der Fortbewegung, bergen aber auch Gefahren. Mary versucht ihr humanistisches Weltbild und ihre Werte trotz aller Unwägbarkeiten aufrecht zu erhalten und gleichzeitig mit der Zeit zu gehen. Vor allem ihrer Tochter , die nach einem anderen Leben als Model in San Francisco strebt, ist sie eine moralische Instanz… Es ist eine große Freude die lange in Vergessenheit geratene Schriftstellerin Janet Lewis wieder zu entdecken. Nur vier Romane hat sie geschrieben, dieser ist ihr bester. Lewis schreibt klar und präzise, gefühlvoll, aber nie sentimental. Ihre Landschaftsbeschreibungen korrespondieren mit den Handlungen und Entwicklungen der Personen, man taucht völlig ein in diese Welt. Zeitlos und entschleunigend ist ihr Stil, der so beiläufig die Dinge auf den Punkt bringt, dass man bei der Lektüre schon nach wenigen Seiten weiß: dies ist ein großer Klassiker, ein Buch, das bleibt.
 

Draußen die Welt

von Janet Lewis

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Wellengang
Simone Finkenwirth

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Als sich der graue Herbsthimmel in meiner Seele spiegelt, greife ich zu „Wellengang“ von Anne Griffin. Das Buch hatte ich mich für genau solche Momente aufgehoben. Als ich sah, dass Anne Griffin von der grünen Insel kommt, weitete sich meine irische Seele und wurde wärmend umarmt. Ja, es funkt sofort zwischen uns und ich lese das Buch an einem Tag durch. 

Rosie steht vorm Scherbenhaufen ihres Lebens. Die Ehe mit Hugh zerbröselt zunehmend, da Rosie den Schmerz über den Verlust ihrer Tochter bis heute nicht überwunden hat. Immer noch lebt die Hoffnung in ihrem Herzen, dass Saoirse doch wieder auftaucht. Ihre damalige 17jährigen Tochter ist verschwunden und wurde bislang nicht gefunden. Als nun Rosies Vater sie darum bittet, für eine Zeit lang erneut als Skipperin das Steuer der Familienfähre zu übernehmen, sagt sie schließlich zu. Und reist auf die Insel ihrer Kindheit. Dort trifft sie auf alte bekannte Menschen und sie findet in Iggy einen neuen Freund, mit dem sie morgens immer schwimmen geht und seinen hochwertigen Kaffee genießt. Doch es gibt auch alte Fehden, die aufflammen, wie die zwischen Rosie und Liam. Als dann Rosie erfahren muss, dass die familiäre Fähre in Gefahr schwebt, wird es für uns alle extrem aufregend, die Flut setzt ein und wir versuchen in den Wellen zu schwimmen, und nicht unterzugehen. 

„Wellengang“ lebt von Rosie und den Menschen um sie herum, aber auch von der Kraft des Meeres und der Natur, in die ich komplett versinke. Plötzlich bricht der Himmel in meiner Seele auf, die Sonne geht in mir auf. Bald schon lächeln wir und strecken dem grauen Herbsthimmel über uns die Zunge raus. 

"Wellengang" ist ein berührendes Buch über großen Schmerz, aber auch darüber, mit ihm zu gehen und mit ihm Frieden zu schließen. Tröstlich, lebensklug und hoffnungsvoll!

Wir haben jetzt übrigens das englische Original vorrätig.

Wellengang

von Anne Griffin

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Brown Girls
Simone Finkenwirth

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Brown Girls brown Girls brown Girls, die sich aus Kellertüren schleichen und in Autos steigen, die mit laufendem Motor an der Straßenecke auf sie warten.“ 

Wäre ich nochmal richtig jung, wie gern hätte ich da „Brown Girls“ in meiner Hosentasche. Es ist die Art von Literatur, die ich jungen Heranwachsenden aus tiefstem Herzen wünsche. Einerseits bedient sich Daphne Palasi Andreades eines außergewöhnlichen Sounds. So habe ich die ganze Zeit das Gefühl, einen Rapsong zu hören, derart melodisch lesen sich ihre Sätze. Andererseits schreibt die New Yorkerin über die Themen unserer Gegenwart: Erwachsenwerden, Rassismus, Klassismus, Zusammenhalt, Abenteuerlust, Träume und Freundschaft. Bei allem Übermut, den die Mädels verströmen, sind sie natürlich Menschen mit feinfühligen Sensoren, die schon früh spüren: „Aber unsere Wut siegt nicht über das Gefühl der Erniedrigung und Angst, das wir nie loswerden, egal, wie sehr wir uns bemühen.“ 

Und das machen sie wirklich. Mit unerschütterlichem Eifer lernen sie zielstrebig, damit sie an den angesagten High Schools New York angenommen werden. Denn sie wollen hinaus - hoch hinaus. Ihnen dabei zu folgen ist eine unglaubliche Freude. Wenngleich sie immer wieder spüren, wo sie herkommen, und dass sie nicht weiß sind. Wie anders es sich anfühlt, wenn alle um sie herum genauso dunkel sind, erfahren sie viele Jahre später als erwachsene Frauen, als sie in die Heimatländer ihrer Familien reisen.

„Brown Girls“ verscheucht den Herbstblues, beschwingt und küsst die junge Seite in mir wach. Dem Zauber und der Power der Brown Girls nicht zu entgehen, ist schier unmöglich.

Brown Girls

von Daphne Palasi Andreades

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Da waren Tage
Frank Menden

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Aras Familie ist nach dem Verschwinden des in der politischen Opposition aktiven Vaters aus Syrien nach Deutschland geflohen.
Mittlerweile ist er gut integriert, studiert Jura, hat eine Freundin.
Doch als am 15.03.2011 die Revolution in Syrien beginnt, ändert sich sein Leben nachhaltig.
Aras beginnt Demonstration zu organisieren, er sucht jede neue Information über die Situation im seinem Heimatland, verkörpert in politischen Talkshows das Klischee des gut integrierten Geflüchteten und kämpft gegen den Sumpf der Bürokratie in Sachen Familiennachzug.
Dies alles führt dank der immer präsenter werdenden Erinnerungen an das syrische Schreckensregime zu immer größer werdenden Angstzuständen….

Luna Ali hat mit „Da waren Tage“ ein auch sprachlich beeindruckendes Debüt vorgelegt. Sie zeigt auf eindrückliche Art und Weise, was Flucht und Gewalt bei Menschen anrichten kann, auch wenn sie sich mittlerweile in einem anderen, einem sicheren Land befinden.
Das Leben zwischen zwei Kulturen bildet Luna Ali auch sprachlich dicht und experimentell ab , jedes Kapitel beginnt zudem an einem weiteren Jahrestag der Revolution und strukturiert so diesen eindringlichen Roman, mit dem die Autorin viel gewagt und viel gewonnen hat !

Da waren Tage

von Luna Ali

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Der längste Schlaf
Simone Finkenwirth

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Schlaflose Nächte? Kennen viele von uns. Und damit verbunden dieses unhagliche Gefühl, wenn alles schläft, aber man selbst allein in der Stille der Nacht hockt. Auch die Ich-Erzählerin in Melanie Raabes neuen Roman kennt das zu gut. Interessanterweise ist die junge Frau Schlafforscherin. Doch die Schlaflosigkeit hat bei Mara eine andere Ursache. 

Eines Tages erreicht Mara in London die Nachricht, dass sie ein altes Herrenhaus in Deutschland geerbt hat. Von einem ihr bis dahin fremden Mann. Klingt seltsam. Ist es auch. Und doch begibt sich die Wahl-Londonerin auf den Weg in diesen kleinen Ort. Als sie in Limmerfeldt ankommt, ist sie sofort hingerissen von diesem besonderen Haus. Weniger bezaubernd ist hingegen die erste Nacht, so passieren seltsame Dinge...

Melanie Raabe vereint ihr Talent, das sie als Krimiautorin bekanntgemacht hat, mit dem des Romanerzählens auf allerbeste Art. 
„Der längste Schlaf“ ist eine spannende Lektüre mit übersinnlichen Einschlag, die man erst aus der Hand legen kann, wenn der ganze Spuk vorbei ist. Matt Haig und Murakami-Leser:innen sollten jetzt bitte hellhörig werden. 
 

Der längste Schlaf

von Melanie Raabe

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Die Nachzüglerin
Frank Menden

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Die Oppenheimers, das ist eine jüdische amerikanische Erfolgsgeschichte. Man lebt in einem großen Haus in Brooklyn, den Sommer verbringt man selbstverständlich auf Martha‘s Vineyard.
Salo führt das alteingesessene und enorm erfolgreiche Familiengeschäft, die Investment Firma Wurttemberg Holding, während seine Frau Johanna sich um alle Belange der Familie kümmert.
Beide überlassen dem anderen seinen Lebensbereich, eine Tatsache, die gerade dem durch eine Tragödie früh gezeichneten Salo richtig erscheint , vor allem auch , weil seine Frau ihn seine Kunst- und Sammlerleidenschaft ausleben lässt, inklusive extra angemieteten Lagerräumen für die angehäuften Bilder und Objekte.

Der durch eine langwierige Fruchtbarkeitsbehandlung ermöglichte und von Johanna ersehnte Nachwuchs entpuppt sich jedoch als besondere Herausforderung: die Drillinge Harrison, Sally und Lewyn gehen von Kindheit an ihre eigenen Wege - und sich möglichst aus dem Weg.
Für die auf familiären Zusammenhalt bedachte Johanna eine Katastrophe - doch die wahren katastrophalen Ereignisse werden die Familie vor ganz andere Herausforderungen stellen….

„Die Nachzüglerin“ von Jean Hanff Korelitz , übersetzt von Sabine Lehmann, ist ein ungemein erfrischender und mitreißender Roman, der nicht von ungefähr an die große Edith Wharton erinnert. Zu gleichen Teilen „altmodisch und modern, satirisch und weise“ ( so die New York Times ) erzählt die Autorin in ihrer prallen Familien - und Gesellschaftsgeschichte von sozialen und politischen Umbrüchen, von der Aneignung von Kunst und Literatur, Rivalitäten und Konflikten und und und…
492 Seiten hat dieser Roman, der mich völlig in den Bann gezogen hat und mich alles um mich herum hat vergessen lassen.
Die Oppenheimers sind keine einfachen ProtagonistInnen, nicht immer sympathisch - aber eben auch ungemein faszinierend.

Wer große amerikanische Generationen und Schicksale umspannende literarische Romane mag, liegt mit diesem Buch goldrichtig!

Die Nachzüglerin

von Jean Hanff Korelitz

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Stay True
Simone Finkenwirth

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„Stay true“ von Hua Hsu ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Buch. Allein schon die Gestaltung innen wie außen und der Papierduft haben mich verführt. Aber auch die geschriebenen Worte – für die der Autor den Pulitzer Preis in der Kategorie Memoir erhalten hat – haben etwas Elementares in mir angeknipst.

20 Jahre hat der taiwanesisch-amerikanische Autor an diesem Buch gearbeitet. Seine Geschichte ist eng verknüpft mit einer besonderen Freundschaft, die viel zu früh endet. Denn sein bester Freund Ken wird brutal ermordet. Wie er den Tod und seine Schuldgefühle verarbeitet, davon erzählt er im zweiten Teil.

Ich gebe dem Lesenswert-Quartett Recht: die erste Hälfte unterscheidet sich von der hinteren, und doch habe ich alles mit großem Interesse gelesen. Denn Hsu erzählt von der taiwanesischen Gemeinschaft in Amerika, die in den 90er Jahren zurückgegangen ist, weil sie im Bereich der Halbleiter-Entwicklung führend wurde. Hua kommuniziert mit seinem Vater in Übersee mit einem Fax. Und natürlich sind mir die 90er Jahre mit Kurt Cobain noch vertraut.

Was Ken und Hua verbindet, ist eine liebevolle Freundschaft. Und das obwohl sie total verschieden sind. Doch das hält sie nicht davon ab, zusammen zu sein, über Bücher, Filme, Musik und das Leben zu sprechen. Ken wiederum ist japanischer Abstammung, anders als Hua sehr amerikanisiert, und an der Uni äußerst beliebt.

Hua Hsu erzählt voller Leichtigkeit von durchaus gewichtigen Themen wie das Zurechtfinden in der Welt, Identität, Jungsein, Ideale, öffnet manchmal zu viele Räume, aber das verzeihe ich ihm. So hat er mich festgehalten, weil er eine Zutat verwendet, auf die ich anspringe. Aber auch wegen Sätzen wie diesen - die so wahr sind, und mir zeigen, weshalb mir meine bunten Freundschaften so viel bedeuten:

„Es gibt viele Währungen für Freundschaft. Wir können uns zu jemanden hingezogen fühlen, der uns heiter und hoffnungsvoll macht, zu jemanden, der uns immer zum Lachen bringt. Es gibt Freundschaften, die instrumentell sind, bei denen die Verlockung konkret ist und die Attraktivität darin besteht, was der andere für uns tun kann. Es gibt Freunde, mit denen wir nur über ernste Dinge sprechen, andere sind für betrunkene Fröhlichkeit mitten in der Nacht zuständig.“

Stay True

von Hua Hsu

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Dating-Roman
Frank Menden

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Man könnte zu diesem Buch eine sehr lange Rezension schreiben. Darüber, wie genau @isobelmarkus die Menschen beobachtet, welchen Blick für Details sie hat und wie sie es schafft, selbst dem bittersten Moment noch etwas Humor abzugewinnen.
Oder darüber, wie wunderbar die Freundschaften ihrer Figuren sind, wie fest das Netz aus Vertrauen, Liebe, Ehrlichkeit und Zugewandtheit ist.

Unterm Strich würde dann aber trotzdem meine grenzenlose Freude und Begeisterung stehen.
Denn der „Dating-Roman“ ist ein außerordentlich gelungener, unterhaltsamer, trauriger, komischer, anführender und mit vielen Stellen, bei denen man einfach nur seufzen kann ( vor Glück ) autofiktionaler Roman über zwei Freundinnen in den Mittvierzigern, die sich in das moderne Dating Abenteuer wagen.
Sie durchleben alle Höhen und Tiefen, die sich aus allzu zwischenmenschlichen Begegnungen ergeben können.
Und man kann nur nicken, denn so oder so ähnlich hat man es selbst schon erlebt.

Dieses Buch zu lesen war beglückend und berührend und einfach ein wahres Leseerlebnis.
Vielen Dank Isobel Markus für die Offenheit und dieses unbedingt zu empfehlende Buch .

Dating-Roman

von Isobel Markus

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Freundschaft und Vergeltung
Frank Menden

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Anthony „Tony“ Brewer freundet sich im Abschlussjahrgang seines Internats „Raven Hall“ mit dem neuen Mitschüler Christian „Chris“ Bradshaw an.
Dieser ist mit 18 nicht nur ein Jahr älter als die anderen Mitschüler seines Jahrgangs, er ist auch der Sohn jenes Mannes, der das Internat durch eine großzügige Spende vor der Schließung bewahrt hat - und der auch eine Affäre mit einer der Lehrerinnen dort hatte.
Schnell entwickelt sich der charismatische Chris zu einem Anführer, der die Strukturen der Schule durch seine Provokationen durcheinanderbringt und hinterfragt.
Als sich die Ereignisse zu überschlagen drohen, verschwinden vier Menschen spurlos.
Alle Nachforschungen laufen ins Leere. Das „Raven Hall Mystery“ ist geboren…

1985, zwanzig Jahre später, versucht Tony Licht in das Dunkel zu bringen.
Doch erst nach weiteren dreißig Jahren beschäftigt sich der mittlerweile 71jährige ehemalige Anwalt erneut mit dem Fall - und seiner eigenen obsessiven Freundschaft mit Chris….

„Freundschaft und Vergeltung“ ist der neueste Roman von Helmut Krausser - und er ist ein großes Lesevergnügen.
Man pflügt geradezu durch die mit Testosteron und Rockmusik aufgeladenen Seiten, reibt sich am gleichermaßen faszinierenden wie enervierenden Chris Bradshaw und spürt mit Tony der Frage nach, was zum Henker sich zur Jahreswende 1965/66 wirklich in „Raven Hall“ zugetragen hat.
Mit Versatzstücken des Kriminalromans versehen entfaltet sich vor unseren Augen die Geschichte einer Obsession, nicht nur mit dem „Raven Hall Mystery“ sondern auch mit einer Freundschaft, deren Kern ebenso nebulös erscheint.
Warum kann Tony nicht von dieser Geschichte lassen, die zunehmend seine Ehe gefährdet? Warum nicht einfach den Ruhestand genießen? Warum dieser Drang unbedingt etwas zu hinterlassen? Wem und warum möchte er unbedingt etwas beweisen?
Fragen über Fragen in diesem ungemein mitreißenden Roman, den man kaum aus der Hand legen kann, voller Spannung , Tempo und Witz .

Freundschaft und Vergeltung

von Helmut Krausser

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Haus aus Wind
Simone Finkenwirth

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„Der Schmerz und ich, wir liegen da, und ich sage zu ihm: – Wenigstens seh ich dich jetzt mal.“ Bämm, das sitzt. Es bleibt nicht der einzige Schlag ins Herz in Laura Naumanns eindringlichen Debütroman „Haus aus Wind“.

Denn die Ich-Erzählerin Johanna durchlebt eine große Krise. Ihre langjährige Freundin Rosa hat sie verlassen. Johanna ist nach Portugal an die Algarve geflüchtet, und hat sich für einen Surfkurs angemeldet. Dort trifft sie auf die Trainerin Luz und ihre Freundin Robyn. Die beiden werden bald ein neuer Mittelpunkt in Johannas Leben, die nach den zwei Wochen nicht zurück in ihr altes Leben nach Berlin zurückkehrt, sondern bleibt. In einem Surfercamp ergattert sie einen Job, und schläft in einem alten Wohnwagen.

Die junge Frau wird an vielen Stellen hin und hergerissen. Die Geister der Vergangenheit rütteln an ihren inneren Fenstern, auch ihre Rosa kann Johanna nicht vergessen. Als wäre das nicht schon herausfordernd genug, fühlt sie sich zu Robyn und Luz hingezogen...

Wenngleich das Setting herrlich sommerlich ist, weht mir oft ein kalter Wind von Wut, Trauer und Verzweiflung entgegen. Leicht ist hier nur die Sprache, alles andere gräbt sich in die tiefen Täler der Seele und bleibt wie ein Sonnenabdruck.

Laura Naumann lichtet den Zeitgeist ihrer Generation feinfühlig und mit einem eigenen Sound perfekt ab. Was für ein aufwühlender, atmosphärischer und besonderer Surferroman, in dem die Surferboys komplett fehlen. Und das stört überhaupt nicht.

Haus aus Wind

von Laura Naumann

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Dünne Wände
Katja Schneider

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„Dünne Wände“ gibt es in der Banneker Terrace-Siedlung in Harlem, New York City zuhauf. Dort lebt ein bunter Strauß an Mieter_innen. Eine von ihnen ist Mimi, eine junge Frau und Mutter von Fortune, die beruflich Zöpfe flechtet und kellnert und nicht weiß, wie sie die nächste Miete stemmen soll. Fortunes Vater Swan wohnt ebenfalls in der Siedlung bei seiner Mutter Ms. Dallas und verbringt seine Zeit größtenteils mit zwielichtigen Freunden und ab und zu dann auch mit seinem Sohn. Ms. Dallas wiederum schuftet in zwei Jobs und hat wie ihre Schwiegertochter Probleme, die Miete zu bezahlen. Und Dary, der junge schwule Mann aus der 12H lernt bei Mimi das Zöpfe flechten und hofft auf finanziellen Erfolg durch Escort Service. Sie und noch ein paar andere Nachbar_innen erzählen mitunter ziemlich derb von ihrem Alltag und ihren Eskapaden im Wohnkomplex. Das ist häufig erschreckend und dabei immer sehr unterhaltsam.

Sidik Fofana hat ein tolles Gespür für Sprache und seine Held_innen sind ganz besondere Originale, die zwar selten auf der Gewinnerseite stehen und deren Leben im Appartement-Komplex häufig eine Herausforderung ist, doch wie Mimi es treffend zusammenfasst: „Die Banneker-Siedlung an der 129. Ecke Fred Doug ist nicht schön, aber sie ist dein Zuhause.“ Wenn Sie wie ich New York City Romane lieben, dann sollten Sie auf jeden Fall einen Blick in „Dünne Wände“ werfen!

Dünne Wände

von Sidik Fofana

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Das Loch
Simone Finkenwirth

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Sollten Ihre Augen wie meine beim Namen Haruki Murakami hell aufleuchten, dann bleiben Sie bitte kurz hier. Denn Hiroko Oyamada hat eine fantastische Geschichte geschrieben, die magischen Realismus verströmt und Murakami-san nicht ganz unähnlich ist. Für diesen Roman hat Oyamada Japans bedeutendsten Literaturpreis - den Akutagawa-Preis - erhalten. Auch hierzulande sind die Feuilletons zu Recht von diesem famosen Werk beeindruckt.

Die Ich-Erzählerin wechselt mit ihrem Mann von der Großstadt aufs Land zurück an den Ort seiner Kindheit. Er wurde versetzt. Da das Haus neben den Schwiegereltern unbewohnt ist, zieht das Paar dort ein. Asa war bisher noch berufstätig und jetzt breitet sich vor ihren Armen ein nicht zu füllendes Zeitfenster auf. Als sie eines Tages in den Nachbarort muss, passiert Asa etwas Seltsames: Plötzlich kreuzt ihr Weg ein seltsames anziehendes Tier. Sie folgt diesem, plumpst in ein Loch. Und danach wird einiges sehr anders sein. 

Es gibt tatsächlich gewisse Parallelen zu Murakami. Eine Romanheldin, die mit ihrem neuen Leben hadert. Mit ihrem Mann spricht sie nur noch abends, wenn er spät nach Hause kommt. Das klassische Rollenbild einer Familie strebt sie nicht an. Und irgendwie purzelt sie in eine Sache hinein, die die Grenzen zwischen dem normalen Leben und einer anderen Welt vermischen. Was ist wahr? Was nicht? 

„Das Loch“ ist ein ungewöhnlicher Sommerroman. Es ist auch hier heiß, der Gesang der Zikaden füllt die Luft, wir laufen durch die Natur und erleben wundersame Dinge. Am Ende sitze ich verdutzt da und weiß nicht, was ich denken soll. Nur so viel: Murakami hat eine gleichwertige Kollegin, die wir mit unseren leuchtenden Augen im Blick behalten sollten.

Das Loch

von Hiroko Oyamada

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Der Friedhofswärter
Frank Menden

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Für ihren Sohn hatten die Hamptons große Pläne. Doch Jacob hat seinen eigenen Kopf und heiratet eine Frau, mit der seine Eltern überhaupt nicht einverstanden sind.
Als der Koreakrieg ausbricht und Jacob eingezogen wird, überlässt er seine schwangere Frau Naomi der Obhut seines besten Freundes.
Blackburn Grant arbeitet als Friedhofswächter in dem beschaulichen Ort Blowing Rock. Ein Mann, der durch seine Polio Erkrankung körperlich gezeichnet und durch die Ausgrenzung und den Spott seiner Mitbewohner psychisch mitgenommen ist.

Was diesem Trio durch einen perfiden Plan widerfährt ist so schonungslos wie brillant erzählt, von einem „ der besten lebenden amerikanischen Autoren“ ( so die New York Times ).
Ich hatte bis dato noch nichts von Ron Rash gehört und ich hoffe sehr, dass „Der Friedhofswärter“ ( der Originaltitel „The Caretaker“ trifft in seiner Doppeldeutigkeit die Hauptfigur deutlich besser ) , übersetzt von Sigrun Arenz, nicht der letzte in Deutschland erscheinende Roman bleibt.
Denn dieser Roman über Liebe , Verrat, Freundschaft, Tod, Trauer und Bigotterie ist atmosphärisch dicht und poetisch, leise und eindringlich.
Eine echte Entdeckung!

Der Friedhofswärter

von Ron Rash

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Das Jahr der Veränderungen
Simone Finkenwirth

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Tessa Hadley habe ich länger nicht gelesen. So hat mich die Autorin 2020 mit „Zwei und zwei" höchst beglückt! Ich werde es nach diesem Buch vermehrt machen. Immer dann, wenn ich etwas Leichtes und Schönes brauche. Denn die britische Autorin zählt zu den Perlen der zeitgenössischen Schreibenden. Zadie Smith findet wertschätzende Worte: „Es gibt nur wenige Schriftsteller:innen, die zuverlässig solche Freude machen.“ Wie wahr! Tessa Hadley ist eine große Lesewonne! Dass der Kampa Verlag die Autorin in seiner Verlagstasche hat, passt so gut wie diese Neuerscheinung in diese Jahreszeit.

Dort begegne ich Kate. Sie hat sich ein Jahr Auszeit von der Uni genommen und ihre Londoner Wohnung vermietet, um ihrer Mutter in Wales beizustehen. Denn Billie wird immer vergesslicher. Schon der Einstieg ist herrlich bizarr. Da gerät Kate in eine Autokarambolage, nachdem offenbar ein Schwan vom Himmel gefallen ist. Sie sagt sich wie ein Mantra: „Das war kein Zeichen!" Wirklich? Nun, wir werden sehen.

Keiner ist verletzt, aber alle sind erschrocken. Unter den Betroffenen ist auch die Frau von Kates Jugendfreund David. Den trifft sie später auf einem Konzert wieder. Nachdem seine Frau Suzie wenig angetan von der Musik ist und in der Pause verschwindet. Alte Frundschaftsbeziehungen werden wieder belebt. Auch zwischen Kate und ihrer Freundin Carol, die die beiden Frauen so gern in der heruntergekommenen alten Villa besucht, wo sie gern musizieren. Und dann taucht eines Tages noch Davids ältester Sohn auf. Der 17jährige Jamie fühlt sich zu Kate hingezogen.

Kaum eine andere schreibt derart lebendig, voller Frohgemut und mit leichter Eleganz und Witz über Beziehungen in jeglicher Form. Ob die Familienbande oder Freundschaften und Liebe – bei Tessa Hadley sind sie in besten Händen. Nichts ist kitschig, überladen oder schwermütig, und dass obwohl sie durchaus ernste Themen in ihre Geschichten einarbeitet. Beste Unterhaltung mit Substanz und Raffinesse!

Das Jahr der Veränderungen

von Tessa Hadley

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Sei nicht so
Frank Menden

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Dieses Buch ist der Knaller!
Ja, das ist jetzt weder besonders eloquent noch in irgendeiner Weise eine literarisch vertiefte Aussage.
Aber „Sei nicht so“ von Kirstin Warnke, erschienen , ist so ein Buch , auf das man gewartet hat ohne zu wissen, dass man genau so einen Roman schon immer gebraucht hat.
Denn die Umsetzung hat mich einfach aus den Socken gehauen.

Aber vielleicht kurz ein paar Worte zum Inhalt, bevor ich mich hier vor Begeisterung überschlage.
Es geht um Alice, die mit einer hoch manipulativen und psychisch schwer gestörten Mutter aufwächst, und sich bemüht, den Absprung aus dieser ungesunden Beziehung zu schaffen - und in der Hoffnung auf ein halbwegs „normales“ Leben den Weg auf die Bretter, die die Welt bedeuten sucht und dies in einer besonderen Art und Weise findet.

Wie Kirstin Warnke dies erzählt, wie sie bei aller Tragik doch immer wieder die Komik in all dem findet, welch unglaublich passenden Bilder sie zaubert, wie pointiert sie ihre Figuren zeichnet, wie sehr einem Alice ans Herz wächst und wie man auf keinen Fall die letzte Seite erreichen will, weil man immer weiter und weiter lesen möchte…. Nun, das solltet ihr unbedingt selbst lesen.

Eines der interessantesten, bemerkenswertesten Debüts in diesem Jahr. Und, hatte ich es schon erwähnt?
Ein KNALLER Roman!
Chapeau

Sei nicht so

von Kirstin Warnke

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Spatriati
Simone Finkenwirth

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Ich bin in dieses Buch förmllich hineingeschlittert. An einem Juniabend bei einem wunderschönen Verlagsabend mit dem Wagenbach-Verlag. Der traditionsreiche Verlag feiert in diesem Jahr sein sein 60jähriges Bestehen. Wenn es einen Verlag hierzulande gibt, der sich mit italienischer Literatur auskennt, dann ist es Wagenbach. Klaus Wagenbach ist nach Kriegsende nach Italien gereist und hat damit den Grundstein für seine verlegerische Arbeit gelegt, die heute weiterlebt und atmet.

Mario Desiati wurde mit diesem Roman mit dem renommiertesten Verlagspreis Italiens ausgezeichnet. So verdient! Ein treuer und guter Stammkunde meinte: „Es ist gar nicht so leicht, dieses großartige Buch wiederzugeben.“ Okay, dann will ich es mal versuchen.

Als Spatriati bezeichnet man in Apulien diejenigen, die aus der Masse heraustreten wie die beiden Held:innen des Romans: Claudia und Francesco, kurz Frank. Sie sind erst Schulfreunde, werden bald zu Verbündeten, denn Franks Mutter hat eine Affäre mit Claudias Vater. Er ist Arzt im Krankenhaus, sie Krankenschwester. Kann das gut gehen? Claudia und Frank sind zwei absolute Gegenpole: Sie wagt Abenteuer und zieht nach ihrem Schulabschluss nach Mailand. Er ist eher fürs Beständige. Fühlt sich durchaus zu Dingen jenseits der Norm hingezogen. Doch wirklich ausleben, will oder kann Frank dies nicht. Irgendwann sagt Claudia: „Frank, du bist derjenige, der dort unten einfach stehen geblieben ist, der in seinem Schneckenhaus festsitzt, in das du dich zurückgezogen hast.“ Das lässt Frank nicht auf sich sitzen, und folgt Claudia später nach Berlin. Und das wird für uns alle ein abenteuerliche Reise.

„Spatriati“ ist eine Ode an Apulien, die Freundschaft, die Liebe und atmet la dolce vita mit all seinen Höhen und Tiefen. Es zeigt, Mutausbrüche sind möglich und absolut empfehlenswert. Dass der Autor auch Gedichte schreibt, spürt man in seinen Sätzen – sie sind bildreich, poetisch. Claudia und Frank sind liebenswerte Figuren, denen man automatisch verfällt.

Sollten Sie das Gastland der diesjährigen Buchmesse erkunden, dann vertrauen Sie Wagenbach und mir. Wir wissen, was gut ist!

Spatriati

von Mario Desiati

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Black Cake
Simone Finkenwirth

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Das Leben von Benny und Byron Bennett gerät aus den Fugen: Ihre Mutter ist verstorben. Das allein wäre schon tragisch genug. Doch wirklich Zeit zum Trauern haben die beiden Geschwister nicht. So erfahren sie einen Tag vor der Beerdigung von einem Erbe, das ihre Mutter, Eleanor, ihnen vermacht hat. Und das hat es wahrlich in sich.

Der Anwalt Mr. Mitch hat eine Sprachmessage, die er den beiden vorspielen soll. Und diese eröffnet den beiden ein Geheimnis – ach viel mehr, eine einnehmende und besondere Familiengeschichte, die mich ebenso aus dem Lesesessel hebt. Einzig der Kuchen aus dem Gefrierfach ist den beiden vertraut: der Black Cake - ein traditioneller karibischer Kuchen. Dieser wiederum ist eng mit Eleanors Lebensgeschichte verknüpft.

Was für ein fesselnder wie bewegender Roman! Charmaine Wilkerson ist eine Königin des Spannungsaufbaus. Stets webt sie neue Cliffhanger und Namen mit in die Geschichte, bei denen ich mir erst verwundert die Augen reime. Habe ich den Namen übersehen? Nein. Die Auflösung folgt mit einem Paukenschlag. Und ich staune, immer wieder.

Ich fließe förmlich durch dieses Buch, das ein breites Tuch aus Geheimnissen, Schicksalsschlägen und von starken Menschen offenlegt.

Alles beginnt auf einer Insel in der Karibik, so viel darf ich noch dazusetzen. Und wenn Sie das Buch verschlungen haben, dann schauen Sie sich die Serie auf Disney+ an. Dass der Roman verfilmt wurde, hat mich nicht überrascht.
 

Black Cake

von Charmaine Wilkerson

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Blue Ruin
Katja Schneider

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Up State New York, zu Beginn der Corona Epidemie. Jay fährt Lebensmittel aus und trifft unerwartet auf Alice, die in einem luxuriösen Anwesen tief im Wald residiert. Die beiden sind einander nicht unbekannt: In den 90ern waren die beiden in London ein Paar. Glücklich waren sie nicht, nach einiger Zeit kam sie mit Jays (ehemaligem) Freund Rob zusammen und die beiden zogen in die Staaten um. Viele Jahre schien Jay verschollen, ja tot zu sein. Während einer Performance (Jay war einmal ein aufstrebender Konzeptkünstler, dem es nie ums Geld ging) verschwand dieser, ohne Spuren zu hinterlassen, um nun, über 20 Jahre später, plötzlich wieder aufzutauchen. Alice und Rob sind noch immer zusammen: Sie haben eine Tochter, er war einmal ein erfolgreicher Maler, dem Geld wichtig ist und sie stehen vor den Scherben ihrer Beziehung. Nun treffen die drei also wieder auf einem anderen Kontinent während einer Epidemie aufeinander - eine explosive Mischung. Die Stimmung wird zusätzlich von Robs Galerist Marstall und von Nicole, einer Künstlerin und dessen Freundin, die ebenfalls vor Ort sind, aufgeheizt. Am Ende wird es zu einem Showdown kommen, bei dem es fast nut Verlierer geben wird.

Romane, die im Kunstmilieu angesiedelt sind, lese ich immer gern und der ehemalige Kunstkritiker Hari Kunzru ist ein wunderbarer Erzähler, der es versteht, interessante Figuren zu zeichnen und deren mitunter tragischen Geschichten miteinander zu verstricken, sowie gesellschaftsrelevante Themen geschickt einzuweben. „Blue Ruin“ ist beste Unterhaltung und ich glaube, dass ich Kunzrus anderen Romane „White Teams“ und „Red Pill“ auch noch lesen muss!

Blue Ruin

von Hari Kunzru

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Am Ende ist es ein Anfang
Frank Menden

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Mit 35 steht Andy an einem Punkt in seinem Leben, der so eigentlich nicht vorgesehen war.Überhaupt sollte sein Leben ganz anders sein. Seine Karriere als Stand-up Comedian sollte längst laufen, sein Freundeskreis sollte sich vergrößern als stetig zu schrumpfen und auch Social Media sollte ihn bereichern statt in eine Paranoia zu treiben. Tja, und dann macht auch noch Jen Schluß mit ihm.Jen, die einzige Frau, die er je geliebt hat.
Andy kämpft damit, das dramatische Ende dieser Liebe zu verarbeiten - und zu verstehen. Denn Jen hat eine ganz andere Sicht auf ihre Beziehung…

Warmherzig, witzig und Klug erzählt Dolly Alderton vom Schmerz einer Trennung, von den Mühen des Erwachsenwerdens und von den zwei Seiten, die jede Geschichte nun einmal hat. Und daß manchmal das Ende eben auch ein Anfang sein kann...

Ich entspreche so überhaupt nicht der Zielgruppe von Dolly Aldertons Büchern. Und doch hat sie mich nach „Gespenster“ auch mit „Am Ende ist es ein Anfang“ , hervorragend übersetzt von Zoe Beck , wieder überzeugt. Flockig leicht, aber nie seicht, mit Witz und Tiefgang: perfekte beste Unterhaltung. Genau das, was man manchmal einfach braucht - auch wenn man die 35 schon lange ( sehr lange) hinter sich gelassen hat.

PS: Das Cover trifft allerdings nicht meinen Geschmack, da wäre mir persönlich das des Originals lieber gewesen

Am Ende ist es ein Anfang

von Dolly Alderton

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Seltsame Blüten
Simone Finkenwirth

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Selbst eine Vielleserin kann die Bücherwelt überraschen. Und sie fragt sich erstaunt: Wie konnte ihr dieser irische Autor bisher entgehen? Donal Ryan ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit, er wird von Jonathan Franzen und vielen anderen bewundert. Sein Werk wurde ausgezeichnet und für namenhafte Preise wie den Man Booker Prize nominiert. 

Seltsame Blüten ist sein fünftes Werk, das kongenial von Anna-Nina Kroll ins Deutsche übertragen wurde, und es ist sein Meisterwerk. Klein, fein, aber mit unglaublichen Klängen. Darin geht es um die Gladneys, die ihre Tochter verlieren. Moll verschwindet eines Morgens einfach spurlos. Keiner hat etwas gesehen oder gehört. Paddy und seine Frau Kit versuchen mit dieser Ungewissheit und den Schmerz zu leben. Wie Donal Ryan Worte für diesen Zustand findet, berührt mein Herz. Voller Einfühlungsvermögen, als würde er ihnen eine Hand in die aufgeregten Seelen legen.

Fünf Jahre sind vergangen, als Moll plötzlich wieder auftaucht. Mittlerweile ist sie 25 Jahre. Sie erzählt nicht, was passiert ist. Die Eltern sind zu erleichtert, dass ihr geliebtes Kind zurückgekehrt ist, und stellen keine Fragen. Als kurze Zeit später der Pastor und der Detective bei ihnen anklopfen, dreht sich das Rad noch einmal neu. Und ich schnappe nach Luft.

Donal Ryan setzt unerwartete Cliffhanger, versetzt mich in großes Staunen und begeistert mich durch seine erstaunliche Erzählweise. Atmosphärisch dicht ist sie, herzenswarm, und derart lebensweise. The Guardian formuliert es treffend: „Er schreibt Sätze, die danach rufen, laut vorgelesen zu werden." 

Ebenfalls erwähnen, möchte ich Ryans Liebe zur Natur: So breitet sich die irische Landschaft vor meinem inneren Auge aus wie die Figuren, die er mit großer Empathie und Hingabe zeichnet.

Was die Lektüre obendrein herausragend leuchten lässt, ist neben dem unvergleichlichen Sound die Vielfalt an Themen, die sich hierin finden: Es geht um Lebensentwürfe, Identität, Religion, Familie, Liebe in vielfältiger Weise sowie das Schweigen über Gefühle. So wissen wir bis zum Schluss nicht, durch welche tiefe Täler Moll läuft. Wir können es nur erahnen. Das ist große Kunst. Oder wie Joseph O'Connor sagt: „Ein Triumph von stiller, aber umwerfender Kraft, mit Abstand der beste Roman, den ich in diesem Jahr gelesen habe.“

Wir haben das Buch auch in englischer Sprache vorrätig – Strange Flowers. Don't forget: Imagine a world where it’s Friday every day! For 30 days in a row! stories! – card holders (and applicants) can now live this dream: you will get a 20 % discount on English books - every day throughout June! (valid also for online purchases, to be collected in the shop!)

Seltsame Blüten

von Donal Ryan

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Die Arbeiter
Frank Menden

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„Mein Vater stirbt. Meine Mutter stirbt. Und dann auch noch eins von ihren Kindern. Das waren wir. Eine Familie aus der Vergangenheit. Aus der Kleinstadt, aus dem Reihenhaus. Das nie ganz uns gehörte. Wie alles. Ohne Geld, mit geringer Lebenserwartung. Arbeit taktet die Tage durch, bis sie stottern, bis sie gezählt sind.“

So endet der Prolog in Martin Beckers „Die Arbeiter".
In diesem autofiktionalen Roman erzählt er über den Alltag von Menschen aus dem Arbeitermilieu. Es ist erkennbar das Milieu, aus dem er selbst stammt. Beschönigt wird nichts. Nicht die prekären Verhältnisse und die engen Grenzen, finanziell und emotional.
Ja, es gibt auch die kleinen Glücksmomente, die kleinen Fluchten aus einem Leben, das geprägt ist von Scham, Demut und Wut.
Hier, in der Kleinstadt, im kleinen ärmlichen Reihenhaus, weiß jeder wo er hingehört.

Martin Becker verklärt nichts, bleibt stets loyal seiner Familie gegenüber. Er gestaltet die eigene Familiengeschichte auf literarisch zwingende Art und Weise neu, setzt ihr ein Denkmal.
Hinter jedem Leben steckt eine Geschichte, die es wert ist erzählt zu werden.
Dieser Roman, für mich einer der besten deutschsprachigen in diesem Frühjahr, muss unbedingt noch von einer breiteren Leserschaft entdeckt werden.

Die Arbeiter

von Martin Becker

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Die Schlafenden
Frank Menden

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In „Die Schlafenden“ erzählt Anthony Passeron zwei Geschichten.
Da ist zum einen die seines Onkels Desire. Der lebt wie die ganze Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Nizza, macht als erster der Metzgerfamilie das Abitur - und gehört dann auch mit zu den ersten „Schlafenden“ im Dorf: den Heroinabhängigen, deren Verwandte die Sucht so lange leugnen wie es nur geht.
Die Scham, die Angst vor der Ausgrenzung treibt Matriarchin Louise dazu - erst recht, als klar wird, dass sich ihr ältester Sohn mit AIDS infiziert hat.

Und dies ist der parallel erzählte zweite Erzählstrang. Die Familiengeschichte wechselt sich ab mit hervorragend recherchierten Passagen über die klinische Erforschung des Virus.
Bei einem Erzählstrang steht am Ende die Hoffnung, beim anderen….

Claudia Marquardt hat Anthony Passerons nüchternen Stil hervorragend übersetzt. Manche Passagen in beiden Geschichten sind schwer zu ertragen, gerade wenn man diese Zeit miterlebt hat.
Aber bei allem Schrecken ist dies auch ein tröstendes Buch , welches Zigtausenden eine Stimme gibt und voller Mitgefühl für diejenigen ist, die allein durch diese finstere Zeit gehen mussten.

Die Schlafenden

von Anthony Passeron

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Unter Frauen
Simone Finkenwirth

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Zugegeben das Thema ist nicht neu: Autorinnen schreiben über andere Schreibende, aber großes ABER, in dieser Form ist es mir noch nicht untergekommen. Und noch etwas Wunderbares möchte ich hiermit kundtun: Ich hatte nach der Lektüre sofort Lust, die Bücher der vorgestellten Autorinnen zu lesen wie Dorothy Parker. Simone Buchholz sei Dank! Die Hamburger Autorin erzählt, wie sehr sie Parkers Schreiben inspiriert hat. Obendrein findet sie in Parker eine Schwester im Geiste. Und damit verbunden eine Antwort auf ihr unruhiges Wesen sowie das Wissen darüber, dass sie nicht allein ist. Eine berührend schöne Liebeserklärung gibt’s am Ende zusätzlich: „Ich bin nicht besonders groß, aber ich stehe auf den Schultern einer zierlichen Riesin. Ohne sie würde ich jeden Tag aufs Neue den Überblick verlieren.“

Auch das ist besonders an dieser Anthologie: Sie öffnet die Tür in die Schreib-, Lebens-, und Denkzimmer der hier dreizehn versammelten Autorinnen. Das liest sich beglückend, erhellend und ist absolut mitreißend wie geistreich!

Meine Augen und mein Geist strahlen genauso über die Wertschätzung, die die Autorinnen ihren Kolleginnen entgegenbringen. So schreibt Gabriele von Arnim über Elizabeth Strout: „Wer Strout couragiert, liest sich selber mit.“ So wahr! Oder: „Wie frei, wie gefangen sind wir, wie lieben, wie verraten wir, wieviel Sehnsucht können wir ertragen und wie viele Enttäuschungen. Und wie Heiterkeit finden.“ Geradezu magisch finde ich bei ihr andere Lieblingsautorinnen, die von Arnim hier miteingewoben hat. 

Und wieder einmal denke ich bewundernd über die Verbundenheit von uns allen nach. Nicht selten bereiten uns die Bücher den Weg. Ich selbst wurde oft Zeugin dieser Magie! Wen habe ich nicht schon alles durch meine Lektüre kennengelernt. Alles ist offen. Für jeden. Von solch einer besonderen wie verbindenden Begegnung erzählt übrigens auch Mirrianne Mahn, die Autorin des wunderbaren Buches "Issa", das im Frühjahr bei Rowohlt erschienen ist. 

So sehe ich dieses Buch als eine Art Literarischen Garten, in dem wir uns begegnen. Fremde werden zu Vertrauten, bereits Vertraute zu wiedergetroffenen Weggefährtinnen.

„Unter Frauen – Geschichten vom Lesen und Verehren“ ist das ideale Geschenk für jede Lesende, bei der man denkt. Sie hat doch schon alles! Dieses Buch mit Sicherheit nicht, denn diese Anthologie ist druckfrisch und einzigartig.

Unter Frauen

von Gabriele von Arnim, Mareike Fallwickl, Mirrianne Mahn, Kathrin Weßling, Ruth-Maria Thomas

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Long Island
Frank Menden

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In „Brooklyn“ erzählte Colm Toibin die Geschichte der jungen Irin Eilis, die in den 1950ern nach New York auswandert, dort den Italiener Tony heiratet, aber dennoch ihre irische Liebe Jim nicht vergessen kann.

Der gerade erschienene Roman „Long Island“ spielt zwanzig Jahre nach „Brooklyn“ - und kommt gleich zur Sache: ein Mann klopft an Eilis Tür und erzählt ihr, ihr Mann Tony habe seine Frau geschwängert und er werde das Baby vor ihre Tür legen sobald es geboren sei.
Diese Szene erschüttert Eilis nachhaltig, stellt ihr Leben auf den Kopf und die Ehe mit Tony, der den Seitensprung nicht leugnet, in Frage. Und nicht nur dieses: ihr ganzes amerikanisches Leben steht plötzlich auf der Kippe, denn für ihre italienische Großfamilie, in die sie eingeheiratet hat, ist klar, dass das Baby zu seinem Vater gehört. Damit setzen sie sich über Eilis Willen, die das Kind unter keinen Umständen großziehen will, hinweg.

Eilis sieht nur einen Ausweg: Irland. Der 80. Geburtstag ihrer Mutter liefert den Anlass um für mehrere Wochen New York und ihren Mann hinter sich zu lassen. Die beinah erwachsenen Kinder werden nachkommen.

Doch in Irland wartet nicht nur Eilis Mutter, zu der sie ein eher schlechtes Verhältnis hat, sondern auch Jim….

Wie ein Echo wirkt Toibins neuer Roman, der nicht nur die Geschichte EINER nicht gelebten Liebe erzählt.
Multiperspektivisch erzählt, in alle Personen kann man sich hineinversetzen - und zum Glück umschifft Colm Toibin wie schon im Vorgängerroman ( übrigens hervorragend verfilmt mit Saoirse Ronan als Eilis) jegliche Klischees.
Dies macht die genau beobachtete und stringent geschriebene Geschichte über Liebe und Enttäuschung und Eifersucht so nachvollziehbar und zwingend.
Das mag konventionell sein, ist jedoch gerade deswegen umso mitreißender - eben weil er auch das Unausgesprochene mitschreibt und mitfühlt.
Eine würdige Fortschreibung von Eilis Geschichte.

Long Island

von Colm Tóibín

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Ferymont
Frank Menden

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Ferymont ist ein kleines Dorf im Schweizerischen Seeland. In den Betrieben vor Ort arbeiten jede Saison unzählige Saisonarbeiter, meist aus dem Osten Europas.
Dieses Jahr ist auch eine junge Frau aus Berlin dabei. Sie ist die Ich-Erzählerin dieser Geschichte: eine Studentin der Literaturwissenschaften, die hier Geld für ihr Studium verdient und bei ihrer Tante wohnt.
Völlig andere Vorraussetzungen als sie die anderen SaisonarbeiterInnen haben. Mit Daria freundet sie sich an und durch diese Freundschaft mit der Frau aus der Republik Moldau, die jährlich mit Mutter und den beiden Schwestern anreist um Geld zu verdienen, werden der Ich-Erzählerin die sozialen Disparitäten und ihre eigenen Privilegien auf eindrückliche Art und Weise klar.

„Ferymont“ von Lorena Simmel durchweht ein Hauch von „Bitterfelder Weg“.
Wer aber hier einen trockenen Thesenroman erwartet liegt falsch. Das Anliegen des Romans wird durch die Zwischentöne und die hervorragend gezeichneten Figuren deutlich . Dabei bedient sich Lorena Simmel einer präzisen Sprache, die sowohl lakonisch als auch in der Landschaftsbeschreibung poetisch und klar ist.
Hier wird eine Lebensrealität sichtbar, die für viele unsichtbar bleibt.

Ein wichtiger Roman, der völlig unaufgeregt daherkommt und gerade deswegen so eindrücklich ist und zum nachdenken anregt - und hervorragend in die gerade beginnende Erdbeerzeit passt.

Ferymont

von Lorena Simmel

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Jeanie und Julius
Simone Finkenwirth

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Wie so oft frage ich mich: Ist es Zufall, dass mir Bücher von bestimmten Übersetzerinnen und Übersetzer immer wieder gefallen? Oder passen die Bücher zu ihnen wie meine Hand in die meines geliebten Mannes?

Jedenfalls liebe ich jedes Buch, das Andrea O‘Brien bisher übersetzt hat, so auch „Jeanie und Julius“. Von Beginn an umarmen mich die Sätze, obwohl die Geschichte eher Kaltes erzählt: An einem Morgen stürzt Dot so ungünstig, dass sie stirbt. Ihre beiden erwachsenen Kinder, Jeanie und Julius, wachen davon auf.

Zeit zum Trauern und Abschiednehmen werden sie jedoch nicht haben, denn plötzlich ändert sich einiges. So wollen einige Dorfbewohner Geld von ihnen. Die Rawsons, denen das Cottage gehört, gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie drohen mit einer Räumungsklage. Aber wie kann das sein, wo die Familie ihr Leben lang kostenlos darin wohnen darf? Und warum hatte die Mutter an so vielen Stellen Schulden aufgebaut?

Die Lektüre berührt mich durch Jeanies und Jules Schicksal. Ihren verzweifelten Kampf atemlos zu folgen, macht mich unruhig. Beide sind 51 Jahre alt, und doch noch innerlich Kinder mit ihren Brüchen. Julius kann kein Auto fahren, erbricht sofort, versucht mit diversen Jobs, für die er kein Auto betreten muss, Geld an Land zu ziehen. Jeanie hat durch ihre Krankheit in der Schule gefehlt und kann bis heute nicht lesen und schreiben. Aber sie ist eine fabelhafte Gärtnerin, stets an ihrer Seite ist ihre Hündin Maude. Noch etwas beherrschen beide erstaunlich gut: musizieren und singen. Wird sie dieses Talent retten?

Claire Fullers Roman ist herzerwärmend, berührend schön, und geht gleichermaßen unter die Haut. Jeanie und Julius sind zwei sonderbare wie liebenswerte Figuren. Werden sie jetzt mit 51 Jahren ihre eigenen Wege gehen? Oder bleiben die Zwillinge weiterhin vereint? Mit großem Einfühlungsvermögen gibt Fuller den beiden Außenseitern eine würdevolle Stimme.

Jeanie und Julius

von Claire Fuller

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Freunde von Freunden
Frank Menden

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New York, Sommer 2015.
Roxy arbeitet im Büro des Bürgermeisters, lässt sich ansonsten durchs Leben treiben, das Handy immer in der Hand , jederzeit bereit etwas zu posten oder zu kommentieren.
Ihre neue Mitbewohnerin Alice will endlich ihrem Ziel, Ärztin zu werden ( oder sich wenigstens zum Medizinertest anzumelden) den entscheidenden Schritt näher kommen , wird aber von der jederzeit nach Ablenkung suchenden Roxy , nun ja, abgelenkt . Ihr Adoptivbruder Bill, durch die Erfindung einer App zum Millionär geworden, fühlt sich plötzlich zum Buddhisten berufen - was seine Frau Pitterpat erst mit milder Nachsicht und dann mit Panik erfüllt. Und dann gibt es da noch eine KI namens LEO…

Wie ein moderner Reigen mutet Carter Bays intelligenter und höchst vergnüglicher Roman „Freunde von Freunden“ , übersetzt von Britt Somann-Jung, an. Dabei kommt ihm seine Erfahrung als Drehbuchautor ( u.a. „How I met your mother“) zugute . Seine Figuren sind alle äußerst originell und charmant gezeichnet, und schon nach wenigen Seiten taucht man tief ein in das Leben dieser so chaotischen wie liebenswerten Charaktere, erfreut sich an ihren Schrullen, bangt mit ihnen und drückt die Daumen, dass sie ihre Träume , denen sie so zerstreut wie hartnäckig hinterherlaufen, einholen werden .
Für mich war dies der perfekte Unterhaltungsroman, noch dazu vor der perfekten Kulisse : NYC.
Und falls ihr Angst haben solltet ob der Fülle an Figuren den Überblick zu verlieren: Carter Bays hält die Zügel geschickt in der Hand und leitet die Leser*innen sicher und aufmerksam durch das vermeintliche Chaos . Ein Chaos, das uns übrigens auch augenzwinkernd den Spiegel vorhält.
Und nun : Handy weg, lesen! Sagt auch die „Kirkus Review“.
Viel Spaß bei der Lektüre

Freunde von Freunden

von Carter Bays

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Reichlich spät
Simone Finkenwirth

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Mit großer Erwartung habe ich dieser Neuerscheinung entgegengefiebert. Bereits die englische Ausgabe von Claire Keegans Erzählung erfreute sich bei uns hoher Beliebtheit. Alle, die lieber auf Deutsch lesen, empfehle ich diese wunderschöne bibliophile Ausgabe aus dem Steidl Verlag, dem König hochwertiger Buchgestaltung. Hans-Christian Oeser ist die deutsche Stimme von Claire Keegan und hat auch dieses Werk kongenial übersetzt. 

Bereits auf der ersten Seite trifft mich die Autorin mitten ins Herz: „So vieles im Leben verlief reibungs, ungeachtet des Gewirrs menschlicher Enttäuschungen und des Wissens, dass alles einmal enden muss.“ Der Satz klingt wie ein Omen für die Geschichte. Erst nach dem Ende der Lektüre erfassen mich die Worte nochmals neu mit dem Blick einer Wissenden.

Vorher folge ich Cathal, der Hauptfigur in diesem Liebesdrama. Er ist müde und hat eigentlich gar keine Lust zu arbeiten. Aber er bleibt tapfer. Als Cathal schließlich Feierabend macht, sich in den Bus setzt, beginnt sein Gedankenkino. Er erinnert sich an seine Liebste, Sabine. 

Cathal hatte sich von ihrem Parfum und Kleidungsstil betören und schließlich verführen lassen. Ihre grünen Augen schauen nicht gerade, sie schielt ein bisschen. Und dann sind da ihre Kochkünste, die leider immer ein großes Chaos hinterlassen. Die beiden Menschen fühlen sich zueinander hingezogen, und Cathal ist sofort klar: Er will Sabine heiraten. Das sagt er weniger romantisch, eher geschäftig. Doch sie sagt ja. Der Ehering, der noch angepasst werden muss, bringt erste Risse in die Beziehung. Und noch etwas treibt einen Keil in diese Liebe...

Ich habe die Geschichte viel zu schnell gelesen, und bin wieder einmal beeindruckt, wie es Claire Keegan mit wenigen, schlanken Sätzen gelingt, eine Stimmung zu erzeugen, der man sich nicht entziehen kann. Sommerlich leicht ist das Fenster, durch das wir schauen. Winterlich kalt hingegen die Essenz. Ein Buch, über das ich noch länger nachgedacht habe. Und das seitdem in meinem Regal funkelt.

Reichlich spät

von Claire Keegan

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Zeit der Geister
Simone Finkenwirth

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Ein unruhiges, instabiles und heißes Land in Afrika. Mittendrin ein Biotop, in dem Menschen aus unterschiedlichen Nationen friedlich zusammenleben. Trotz aller Differenzen gelingt ihnen ein Alltag ohne Hass und Gewalt. Dieses Glück, sofern man davon reden kann, ist spürbar. Doch die Basis ist fragil, alles kann schnell vorbei sein. Und das ist es dann auch. Als eines Tages eine verbrannte Leiche aufgefunden wird, gerät das Leben von Layla, Dena, William, Alex und Mustafa ins Wanken. Aber halt, bleiben Sie bei mir, bei uns, denn „Zeit der Geister" von Fatin Abbas ist mutig und bemerkenswert, absolut lesenswert wie schön. Trotz allem. Oder gerade deshalb?

Bei dem Biotop handelt es sich um ein Grundstück einer NGO – inmitten des Sudans, in der aufgepeitschten Stadt Saraaya. Layla, Dena, William, Alex und Mustafa sind die Figuren in diesem bewegenden wie mitreißend erzähltem Roman. Jeder hat dort seine Aufgabe. Der zwölfjährige Mustafa ist sozusagen Bursche für alles. Er versucht für seine Familie, die Mutter und Geschwister, Geld zu verdienen. Der kleine Junge mit der viel zu großen Sonnenbrille lässt sich wirklich einiges einfallen und begibt sich dabei nicht selten in große Gefahr.

Alex ist Kartograph und soll „topografische Varianten im Schwemmland des Delta des Weißen Nils" erstellen. Dena kommt wie Alex aus Amerika, sie trägt ihr Haar raspelkurz, sieht mehr wie ein Junge aus und hat ständig ihre Kamera bei sich. William hatte große Ziele nach seinem Bachelorabschluss, arbeitet aber erstmal als Übersetzer. Er verliebt sich in die Köchin Layla, doch diese Liebe darf es nicht geben, denn Layla ist eine Nomadin, Muslima, William dagegen katholisch und ein Nilot. Obendrein bleibt die verbrannte und unbekannte Leiche nicht der einzige Zwischenfall, der unser Biotop erschüttern wird.

Wir haben schon viel über den Sudan gelesen, gehört und gesehen. Zuletzt ist die Krise in dem afrikanischen Land jedoch durch die Kriege in der Ukraine und in Nahost nahezu aus den Nachrichten verschwunden. So ist es wieder einmal gut und wichtig, dass uns Literatur diese Orte nicht vergessen lässt.

Fatin Abbas gelingen gleich zwei Dinge mit ihrem Roman: Einerseits entsteht durch die verschworene Gemeinschaft eine ganz eigene Welt, in der sich mein Herz ausstrecken und weiten kann. Es gibt viele wunderbare, charmante und liebenswerte Szenen und Dialoge, die mich lächeln lassen. Andererseits blicke ich in das zerrüttete Land, werde Augenzeugin von kriegerischen Handlungen. Das ist nicht immer leicht auszuhalten, doch es überwiegt die Wärme, die trotz allem aus den Seiten hervorschimmert. Und dann ist da die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird.

Zeit der Geister

von Fatin Abbas

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Irre Wolken
Frank Menden

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1986. Der Zivildienst in der Psychiatrie wird für den 19jährigen Protagonisten in „Irre Wolken“ eine lebensverändernde Erfahrung .
Das liegt zum einen an der Umgebung , der Begegnung mit psychotischen Menschen und deren Therapien .
Vor allem aber liegt es an Anne.
Anne Schmidt ist Patientin, etwas älter als der Zivi - und in ihrer Unberechenbarkeit so charismatisch faszinierend wie gefährlich.
Als sie eines Tages ausbricht, kann der Erzähler sie zwar wieder einfangen - lässt sie aber dennoch gehen und brennt mit ihr durch….

Endlich gibt es einen neuen Roman von Markus Berges, dem Sänger von "Erdmöbel".
Ein Roman, der gespickt ist mit popkulturellen Bezügen , der darüber hinaus jedoch auch ein eindrückliches Bild der Psychiatrie und den dort arbeitenden und „lebenden“ Menschen zeichnet .
Dazu eine Liebesgeschichte, die zwischen himmelhoch jauchzenden Glück und abgrundtiefer Verzweiflung pendelt.
Kurzum: „Irre Wolken“ ist ein rundum gelungener Roman voller Selbstironie und Humor, der das Aufwachsen in den 1980ern so gut auf den Punkt bringt, dass ich mich in meine eigene Jugend zurückversetzt fühlte. Treffsicher in Atmosphäre und Stimmung ist dies ein sehr berührendes Porträt einer Generation, ein Stück Zeitgeschichte - und ein großartiger Roman über das Jungsein, über das „alles oder nichts“ und den Preis, den man auch für das größte Glück zahlen muss.
Klasse Buch !

Irre Wolken

von Markus Berges

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Play It As It Lays
Frank Menden

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„Play it as it lays“ von Joan Didion aus dem Jahr 1970 zählt laut „The Guardian“ zu den 1.000 Romanen, die man gelesen haben muss.
Das „Time Magazine“ wählte den Roman zu den besten englischsprachigen Büchern von 1923-2005.
Nun liegt Ullstein eine Neuübersetzung von Antje Ravik Strubel vor, die mich mit ihrem eigenen Sound sofort überzeugt hat.

Maria Wyeth ist ein ehemaliges Model und eine ehemalige, mehr berüchtigte als erfolgreiche, Schauspielerin, die sich zu Beginn des Romans in Kalifornien in einer exklusiven Nervenklinik befindet.
Langsam werden wir mit ihrer Geschichte vertraut gemacht, mit der ihrer Eltern , der eigenen Ehe mit dem Regisseur Carter Lang, dem geistig beeinträchtigten Töchterchen Kate und der großen Leere in Maria, die nur durch rasend schnelle Autofahrten den Highway entlang gefüllt werden bzw ihre innere Unruhe ausgleichen kann.

Warum dieser Roman, der gleichzeitig Hollywood und Anti-Hollywood Roman ist, ein moderner Klassiker ist wird einem sehr schnell klar.
Präzise schildert Joan Didion die Leere und Kälte der Filmindustrie, den Glanz, der vermeintlich Wärme vermittelt aber doch abweisend wirkt, die erbarmungslose Härte dieses Lifestyles , die resignative Hoffnungslosigkeit.

„…ich hatte noch nie im Leben irgendwelche Pläne, nichts hat Sinn, nichts stimmt.“

Auf minimalistische Art und Weise bringt Joan Didion die Dinge vortrefflich auf den Punkt. Ein Gesellschaftsporträt , das immer noch von hoher Aktualität ist .
Marias Leben erschließt sich langsam, in kurzen Kapiteln, deren Dialoge sich oft erst im Nachhinein entschlüsseln lassen. Aber gerade dies macht den Reiz dieses luziden Romans aus.
Eine lohnende Wiederentdeckung!

Play It As It Lays

von Joan Didion

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Der spanische Esel
Frank Menden

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Ein kleiner ( 88 Seiten) großer Roman über die Frage : was darf Kunst?

„Aber seine Filme sollen sich wirklich nicht den Regeln des Lebens unterordnen, sondern seinem Willen.“

Erzählt wird die Geschichte eines Regisseurs, der nach zwei Skandalerfolgen in den 1930ern in einer der ärmsten Regionen Spaniens einen Dokumentarfilm über die Lebensbedingungen der dort lebenden Menschen drehen möchte.
Der Eindringlichkeit wegen werden manche Szenen arrangiert, dem im Titel erwähnten Esel kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu.

Es sind „nur“ 88 Seiten, aber trotzdem hat man nach der Lektüre den Eindruck, einen gewaltigen Roman gelesen zu haben .
Einen Roman über Luis Bunuel und die Dreharbeiten zu seinem sehr sehenswerten Film „Las Hurdes - Land ohne Brot“.
Nicht nur für Filmfans interessant und relevant, denn die verhandelten Fragen sind sehr heutig: wo endet Dokumentation und wo beginnt die Fiktion? Wie darf man Geschichten erzählen? Und heiligt der Zweck die Mittel?

Am besten liest man diesen sehr lesenswerten Roman und schaut sich danach diesen auf einer großen Videoplattform frei verfügbaren Klassiker an.
Beides lohnt sich ! Versprochen!

Der spanische Esel

von Sebastian Guhr

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Tahara
Frank Menden

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Das Filmfestival in Cannes verspricht Stars und Glamour vor der sonnendurchfluteten glitzernden Kulisse der mondänen Côte d’Azur.
Für den Filmkritiker Marcel Klein, im Auftrag des Magazins „Hollywood“ unterwegs, ist es vor allem Arbeit. Er ist berühmt und berüchtigt, in seiner Branche so anerkannt wie gehasst und beneidet - und er mag seinen Status.
Als er am ersten Festivalmorgen bei einem Espresso die Bekanntschaft der faszinierenden Heloise macht, ahnt er noch nicht , dass diese Begegnung sein Leben auf ungeahnte Art und Weise beeinflussen wird…

Emmanuel Bergmanns Roman „Tahara“ ist eine gelungene Hommage ans Kino ( als Cineast erkennt man einige ikonische Filmszenen wieder ). Dazu kommt noch eine Prise Amour Fou, jede Menge Geheimnisse und Lebenslügen, schicke Autos und französisches Savoir Vivre.
Das ergibt eine Mischung , die hervorragend unterhält, reale Begebenheiten aufgreift ( auf die ich wegen Spoilergefahr nicht näher eingehen kann) und die sich alle, die bittersüße Liebes- und Lebensgeschichten mögen nicht entgehen lassen sollten.
Wie heißt es doch so treffend auf der Rückseite des Romans:
„Stell mir keine Fragen. Dann erzähle ich dir auch keine Lügen.“

Tahara

von Emanuel Bergmann

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Klarkommen
Frank Menden

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Es kommt der Zeitpunkt im Leben, da merkt man: für dieses Thema, diese Umsetzung, diese Sprache ( ich habe letztens einen Podcast abgebrochen, weil da ein Buch „krass abgefeiert“ wurde) - dafür bin ich jetzt zu alt.
Das ist einfach eine Feststellung, keine Wertung. Alles hat seine Zeit und die wenigsten Dinge sind zeitlos.

Weil ich Ilona Hartmanns Debütroman mochte , habe ich „Klarkommen“ zur Hand genommen, mit leichter Skepsis ( siehe oben).
Völlig unberechtigt, denn schon mit dem Einstieg „hatte“ mich das Buch .

„Ich wollte meine Jugend verschwenden, aber doch nicht so.“

Dieser Roman ist für alle, die dachten: nach dem Schulabschluss geht das „richtige Leben“ los.
Ein Umzug in eine Großstadt, viele Partys, jede Menge neuer , cooler Leute, Abenteurer, Liebesgeschichten, der Stoff für Anekdoten fürs Leben.
Doch es kann eben auch ganz anders kommen, man kann wie hinter den Kulissen einer Theaterbühne darauf warten, dass das Stichwort fällt - und dann will es einfach nicht fallen. Und dann muss man eben selber ran ….

Ilona Hartmann hat einen Roman über das „verhoffen“ geschrieben ( allein schon diese Wortschöpfung ist großartig), über unterlaufende Erwartungen und die alles entscheidende Frage : wo ist mein Platz im Leben und wie finde ich den?

Ein Roman, zum niederknien gut, bei dem man nicht genug Sätze anstreichen kann.

Klarkommen

von Ilona Hartmann

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An Rändern
Katja Schneider

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Es gibt Filme, Musik, Bilder und Bücher, die einen verschlingen, die einen durchrütteln und die einen besonders berühren. So ging es mir auch mit „Closed“, einem wunderschönen, zärtlichen, harten, traurigen und hoffnungsvollen Film und „An Rändern“, einem wunderschönen, zärtlichen, harten, traurigen und hoffnungsvollen Roman. Für beide zeichnet sich Angelo Tijssens als (Drehbuch)autor verantwortlich.

Im Buch reist der Erzähler in Schlaglichtern zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her und offenbart nach und nach seine Geschichte. Es handelt sich um einen jungen Mann, der nach Flandern in einen kleinen Ort seiner Kindheit zurückkehrt, in dem er die schrecklichsten und gleichzeitig schönsten Erfahrungen machen musste und durfte. Seine Mutter, unter anderem verantwortlich für alles Schreckliche, ist verstorben und ihr Sohn nun in der Pflicht, sich um den Nachlass zu kümmern. Seine Jugendliebe, verantwortlich für alles Schöne, lebt noch immer dort und nach einem Wiederfinden via Facebook kommt es auch zu einem echten Wiedersehen.

Eine Gewohnheit von mir ist es, zuerst bei einem Buch auf die letzte Seite zu blättern, aber nicht, um zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht, sondern auf wie viele Seiten ich mich (im besten Fall) freuen darf. Bei „An Rändern“ wurde bewusst auf Seitenzahlen verzichtet und so habe ich mich einfach auf die Geschichte eingelassen, wurde verschlungen, durchgerüttelt und besonders berührt.

An Rändern

von Angelo Tijssens

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Paare
Katja Schneider

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In „Paare. Eine Liebesgeschichte“ erzählt Maggie Miller von einer Frau, die scheinbar zufrieden mit ihrem Partner in Brooklyn, New York City wohnt. Schon ziemlich lange sind sie zusammen, gemeinsam von Kalifornien an die Ostküste gezogen und haben es gut miteinander. Doch dann lernt sie eine andere Frau bei einem arrangierten Treffen kennen, eine gemeinsame Freundin meinte, sie würden (platonisch) gut zusammen passen. Hals über Kopf verliebt sie sich in diese Frau und trennt sich von ihrem Freund, da dieser für eine Dreiecksbeziehung nichts übrig hat. Sie wiederum findet sich kurze Zeit später in einer polyamourösen Partnerschaft wieder und ist nicht besonders glücklich darüber. Und das Ende vom Lied? Scherben.

Die Geschichte ist natürlich nicht neu, aber Maggie Miller schreibt originell, klug und unterhaltsam entweder in Reimen oder in dichter Prosa und durchleuchtet Erwartungshaltungen und Gefühle, mit denen sich jede Art von amouröser Beziehung auseinandersetzen muss. Ein tolles Debüt, ich bin gespannt auf mehr!

Paare

von Maggie Millner

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Joy
Simone Finkenwirth

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Wenn Sie mal Lust und den Mut auf eine ganz andere Lektüre haben, dann greifen Sie zu „Joy“ von Jonthan Lee. Der Autor des gefeierten und beliebten Buches „Der große Fehler“ hat sich auch dieses Mal für einen außergewöhnlichen Erzählstil entschieden.

Gleich zu Beginn muss ich eine Warnung aussprechen: Der Titel führt in die Irre, denn strahlend ist hier vorrangig nur die Sprache. So steht die titelgebende Figur kurz davor, Partnerin in einer Kanzlei zu werden. Doch an einem Freitag passiert etwas. Ein Unfall, wurde sie vielleicht sogar von ihrem Kollegen in die Tiefe geschubst oder war es ein Selbstmordversuch? Denn Joy ist - anders als ihr Name vorgibt - nicht mehr leuchtend. Sie hadert mit ihrem herausfordernden Leben als Businessfrau. Und auch ihre Ehe ist nicht mehr das, was sie einst war, vor allem ihr Mann Dennis ist... nun ja, erleben Sie ihn selbst. 

Und was macht Jonathan Lee? Er präsentiert uns die Menschen, mit denen Joy in Verbindung steht wie ihrem Ehemann, ihrem Kollegen Peter, mit dem sie jahrelang eine Affäre hatte, und noch andere Kontakte aus Joys Leben. Bemerkenswert ist, dass Lee für jede Figur einen eigenen Stil findet, selbst für Joy, deren letzten Arbeitstag wir häppchenweise miterleben. 

Jonathan Lees Sprache ist facettenreich und gerade deshalb absolut anziehend: Mal schlägt sie witzige Töne an, manchmal ist sie überbordend und färbt sich im nächsten Kapitel melancholisch, wird nachdenklich.

„Joy“ hat mir viel Frische und oft ein verschmitztes Lächeln in diese trüben, nasskalten Zeiten gebracht. Was für ein packender Pageturner, den man viel zu schnell wegschnabuliert, der aber keineswegs nur an der Oberfläche kratzt, da er psychologisch feine wie eindringlich berührende Momente ausatmet, die das Lesetempo wohltuend drosseln.

Joy

von Jonathan Lee

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Der Jahrestag
Frank Menden

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Die Schriftstellerin J.B. Blackwood steht kurz vor dem Zenit ihrer Karriere: ihr soll in New York einer der wichtigsten Literaturpreise verliehen werden. Doch kurz vor der Verleihung geschieht ein furchtbares Unglück: auf einer Kreuzfahrt anlässlich ihres 14. Jahrestages - und zur Wiederbelebung ihrer etwas in Schieflage geratenen Ehe - fällt ihr Mann, der berühmte Regisseur Patrick, über Bord.
Für J.B. beginnt eine Odyssee in die Tiefen ihrer Erinnerung, die sie vor unangenehme Fragen stellt und lange verdrängte Ereignisse zutage fördert….

„Der Jahrestag“ von Stephanie Bishop , übersetzt von Kathrin Razum, ist eines jener Bücher , die sehr langsam und aufmerksam zu lesen sind, denn in der Flut der scheinbaren Nebensächlichkeiten und manchmal nahezu enervierende Details steckt die eigentliche Geschichte, vor der uns die Erzählerin offensichtlich bewahren will - oder dient es zu ihrem eigenen Schutz ? Was kann man dieser Frau glauben, was ist sie wirklich bereit mitzuteilen?
Das Spiel mit der Wahrheit funktioniert auf mehreren Ebenen, Dinge werden nach Belieben ver - und enthüllt.
Doch ist dies nicht nur ein auch sprachlich ausgereifter Roman über eine Erzählerin, die sich immer schon die Deutungshoheit ihres eigenen Werkes erobern musste , so sehr stand ihr Mann als „Übermensch“ im Fokus ihres Lebens und Schaffens.
Es ist auch und evtl. vor allem ein Roman über männlich dominierte Machtgefüge in der gesellschaftlichen Rezeption einer Frau .
Ein Roman, über den man vortrefflich diskutieren kann, der Raum für Spekulationen lässt und doch ganz in seiner Konzeption aufgeht .
Eine nachdrückliche Leseempfehlung!

Der Jahrestag

von Stephanie Bishop

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Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben
Simone Finkenwirth

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Wer kennt das nicht? Wenn der Kopf zu voll oder gerade nicht aufnahmefähig ist für Geschichten in Büchern. Wenn man Trost sucht in traurigen, herausfordernden Zeiten. Wenn man jemanden etwas Aufbauendes schreiben will, aber nicht weiß, wie. Dann nehmen Sie diesen besonderen Lyrikband in die Hand. Allein schon der Titel ist reine Poesie: „Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben“.

Nur ein Gedicht, und ich verspreche Ihnen, nur ein Gedicht, und es geht Ihnen gleich ein bisschen besser, Sie lächeln, und denken: „Ja, so kann es sein.“ Oder: „So ist es.“ Und ist es nicht auch das, was wir so oft in Büchern suchen?

Mary Oliver hat in der Natur Zuflucht gesucht und Kraft gefunden. Ihre Gedichte sind Momentaufnahmen, manche ganz verwunschen wie die über eine Heuschrecke, die Kuchenkrümel nascht. Oder der Anblick frischgeschlüpfter Küken. Manchmal zerlegt das lyrische-Ich Gedanken, und teilt sie offenherzig mit uns Fremden, die danach zu Vertrauten werden.

Über zwanzig Gedichtbände hat die Poetin verfasst, 1935 in Ohio geboren, verstarb sie 2019. Ihre Gedichte erden, beruhigen, verzaubern, streicheln unsere Seelen, und sie zeigen, was essenziell ist in unserem Leben.

Der Diogenes Verlag hat Mary Oliver jetzt mit dieser schönen Leinenausgabe ein würdiges Denkmal gesetzt. Doris Dörrie zitiert im Vorwort ihre liebsten Gedichte. „Ich sorgte mich“ hat Dörrie sogar auswendig gelernt, damit sie es stets bei sich hat. Hier ein Zitat:

„Am Ende erkannte ich, dass Sorgen nichts bringen.
Und ich gab sie auf. Und nahm meinen alten Körper, ging hinaus in den
Morgen und sang.“

Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben

von Mary Oliver, Doris Dörrie

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Das dritte Licht
Simone Finkenwirth

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Vor genau einem Jahr hat mich Claire Keegan mit ihrem eindringlichen Roman „Kleine Dinge wie diese“ begeistert. Kurz vor Weihnachten war diese kluge wie mutige Geschichte über einen Kohlehändler nicht mehr lieferbar. Sollte Ihnen das Buch seinerzeit entgangen sein, dann holen Sie die Lektüre bitte unbedingt nach. (Wir haben das Buch vorrätig.) Und legen bei Ihrem Einkauf „Das dritte Licht“ dazu. Auch dieser kleine feine Roman hat mich erneut begeistert.

Es ist vor allem Claire Keegans zarte Stil, wie feiner Sprühregen verteilt er sich, erzählt Großes ganz sanft. Diese Behutsamkeit überträgt der vielfach ausgezeichnete Übersetzer Hans-Christian Oeser kongenial.

In dieser Geschichte begleite ich ein kleines Mädchen, das im Sommer zu einer Pflegefamilie gebracht wird, da ihre Mutter hochschwanger ist. Bei dem kinderlosen Paar erfährt das Mädchen zum ersten Mal wirkliche Aufmerksamkeit und Zuneigung. Dinge, die in ihrer Familie bisher versäumt wurden. Wohl aus Mangel an Zeit und Überforderung. Doch Kinsella und seine Frau haben ein Geheimnis, dass das Mädchen eines Tages aufspürt…

Jeffrey Eugenidis schrieb über dieses Buch: „Herzzerreißend, jedes einzelne Wort steht am richtigen Platz, und ist voller Doppeldeutigkeit.“ Dem kann ich nichts hinzufügen. Außer vielleicht dieses: Lesen und verschenken! Denn wie immer hat der Steidl Verlag hier allerfeinste bibliophile Arbeit geleistet.

Die englische Ausgabe haben wir wieder vorrätig.

Das dritte Licht

von Claire Keegan

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Nur nicht zu den Löwen
Frank Menden

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Lizzie Dorons neuer Roman „Nur nicht zu den Löwen“ , übersetzt von Markus Lemke, entfaltet auf 192 Seiten das Leben von Rivi Greenfield.
Diese lebt in einer Wohnung in einem der angesagtesten Viertel Tel Avivs - und sie muss ausziehen, denn das Gebäude soll abgerissen und stattdessen ein schicker Neubau errichtet werden.
Rivi hat gekämpft, ist keinen Zentimeter gewichen , aber jetzt muss auch sie einsehen, dass all dies nichts nützen wird. Und so beginnt sie den Menschen zu schreiben , die ihr wichtig sind und lässt Stationen und Begebenheiten ihres bewegten Lebens Revue passieren…

Zugegeben, dies ist kein neues Sujet. Aber Lizzie Doron schafft es wie so oft eine Geschichte zu erzählen, die uns zum schmunzeln und nachdenken bringt. Dabei vermischt sie Rivis private Geschichte mit der Geschichte Israels ( einst verfielen Rivi bedeutende Männer des Landes ), was zusammen mit dem Witz ihrer Protagonistin dazu führt, dass dieses mäandernde Selbstgespräch immer wieder zu überraschen vermag - und ich den schmalen Band am Ende berührt und mit einem Lächeln auf den Lippen zugeklappt habe.
Wie man ein Leben neu erzählen und sich dadurch wiederfinden kann - davon erzählt Lizzie Doron ganz wunderbar.

Nur nicht zu den Löwen

von Lizzie Doron

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Die Resonanzen
Frank Menden

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Als Matildes Affäre mit ihrem Schüler Jakob auffliegt verliert sie nicht nur ihren Job : sie kehrt auch Oslo den Rücken und zieht ins ländliche Norwegen, nach Telemark.
Hier auf dem von den Brüdern Andres und Johs bewirtschaften Hof will sie sich neu sortieren und die Einfachheit auf dem Lande genießen.

Schnell muss sie jedoch erkennen, dass gerade diese Einfachheit sie zu einer Außenseiterin macht . Nicht nur auf dem Hof, im gesamten Dorf beäugt man „die“ aus der Hauptstadt argwöhnisch: die attraktive ungebundene Frau, die sich offensichtlich nicht darum schert, was man von ihr denkt.
Doch wenn zwei Welten aufeinander prallen bleibt selten alles beim Alten….

Helga Flatland hat mich auch mit ihrem dritten auf Deutsch erschienen Roman nicht enttäuscht.
„Die Resonanzen“ , übersetzt von Ina Kronenberger und Elke Ranzinger, überlässt es den LeserInnen, welcher von beiden Welten, welche der handelnden Figuren unsere Sympathien erhalten. Dabei beleuchtet sie beide Seiten genau, bleibt unparteiisch und lässt die Geschichte sich langsam aber unerbittlich zuspitzen.
Ein kluger und genau beobachteter Roman über Sehnsucht und Verlangen, über das vermeintlich einfache und idyllische Landleben und die Vorzüge der Urbanität. Und über die Vergeblichkeit, den Schatten der Eltern zu entkommen.
Eine feine Lektüre!

Die Resonanzen

von Helga Flatland

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Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones
Frank Menden

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Was für ein Spaß!
„Die wirklich wahren und außerordentlichen Lehrjahre des Teufelskerls Daniel Bones“ von Owen Booth hält was Titel und Cover versprechen.
Die Geschichte Daniels, der unter recht trostlosen Umständen mit seinem jüngeren Bruder und dem zu Gewaltausbrüchen neigenden Vater in der englischen Marsch des späten 19. Jahrhunderts lebt, und dem sich durch die Begegnung mit dem - selbstbetitelten - „furchtlosen Froschmann“ Captain Clarke B. ein völlig neues und abenteuerliches Leben bietet , ist beste intelligente Unterhaltung.
Als hätten sich Mark Twain, Charles Dickens und Alexandre Dumas zusammengetan entfaltet sich eine wahrlich rasante Abenteuer- und Entwicklungsgeschichte voller skurriler Nebenfiguren und fantastischen Begebenheiten, deren Ingredenzien Mut, Täuschung, List, Unverfrorenheit, Intrigen - und ein Schuss Erotik nahezu jeglicher Couleur sind.
Ein wilder Ritt, grandios übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, welches man sich als nächsten Tim Burton oder Terry Gilliam Film wunderbar vorstellen könnte und der Eskapismus pur bietet.
Ich bin begeistert

Die wirklich wahren Abenteuer (und außerordentlichen Lehrjahre) des Teufelskerls Daniel Bones

von Owen Booth

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Warum wir noch hier sind
Frank Menden

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Etty, 14, ermordet.
Eine grausame, unumstößliche Realität. Für Heide, Ettys Mutter, der dadurch all das abhanden gekommen ist , was man Leben nennt.
Und für Heides beste Freundinnen, die ihr versuchen zur Seite zu stehen bei dem Unmöglichen; mit dem man umgehen muss, aber nicht weiß , wie das gehen soll.
Eine dieser Freundinnen erzählt diese Geschichte über das Leben danach, das sich erst wieder anfühlen muss wie ein Leben.
Wie wird man je wieder das Fotoalbum betrachten können, Ettys Babybilder ansehen können, Worte finden können, gar verstehen können, was nicht zu verstehen ist …

„Warum wir noch hier sind“ ist ein erschütterndes Buch über ein dringliches Thema, ohne dass das Wort „Femizid“ fallen muss.
Es ist aber auch ein Roman, der eine gewisse Leichtigkeit neben diese Schwere stellt , denn die Erzählerin besucht ihre Großmutter regelmäßig und die gemeinsamen Besuche im Restaurant entbehren nicht einer gewissen Komik, auch wenn die Gespräche zwischen den Generationen immer ernster werden . Hier hält ein anderer Blick auf den Tod Einzug in den Roman und gerade diese Verknüpfung macht für mich dieses Buch so rund - und so bewegend .
Es ist ein Text, der schonungslos ehrlich ist , der kaum Trost bietet und der Wut eine Stimme gibt.
Und dessen Worte mich sicherlich noch sehr lange begleiten werden.

Warum wir noch hier sind

von Marlen Pelny

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Auf dem Nullmeridian
Sarah O'Connor

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Ein immigrierter Ägypter arbeitet bei der Londoner Wohnraumbehörde, versagt Suchenden mehr Wohnungen, als er vergibt. Hoffnung ist, was er schenkt. Wo ist der Sinn? Als eines Tages ein Freund aus Kairo anruft um ihn um einen gefallen zu bitten, öffnen sich, nach einer Phase des Widerstands, neue Möglichkeiten. Ein junger geflüchteter Syrer starb, augenscheinlich aus Schwäche, alleine in einer Unterkunft in der britischen Metropole. Er soll nun, seiner Flucht-Odyssee würdig, zur letzten Ruhe gebettet, sprich beerdigt werden. Auf dem Weg zur Erfüllung dieser Aufgabe gleiten die Gedanken des ägyptischen Flaneurs in die Vergangenheit, zu seiner Familie; er tastet die Konzepte von Diskriminierung, Rassismus und Klassismus ab, hat erschütternde wie erfüllende Begegnungen und steht, buchstäblich, mit einem Bein im (globalen) Westen und dem anderen im (globalen) Süden. Auf dem Nullmeridian.
Shady Lewis hat einen packenden, entlarvenden und äußerst wichtigen Roman geschrieben, in dem Leichtigkeit, Poesie und sogar Humor nicht zu kurz kommen.
 

Auf dem Nullmeridian

von Shady Lewis

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Rote Augen
Sarah O'Connor

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Was als harmlose Facebook Korrespondenz beginnt, entwickelt sich zu einer handfesten, realen Bedrohung. Eine junge Radiojournalistin, bekannt für ihre dezidierten Ansichten und polarisierenden Äußerungen, bekommt die Verachtung, die Boshaftigkeit eines „zurückgewiesenen“ Mannes zu spüren, die alsbald im blanken Hass einer (Chat-) Gruppe kulminiert. 
Das Buch ist ausschließlich in indirekter Rede verfasst, unser Bild der Geschädigten bildet sich aus den Aussagen verschiedener Menschen, unter anderem Denis‘, dem Hass-Initiator. Erschreckend ist vor allem, wie ihr Umfeld reagiert: von Relativierung bis Bagatellisierung, von Ungläubigkeit zu stell-dich-mal-nicht-so-an. Ernst fühlt sich die junge Frau auch von ihrer Ärztin und ihrem Anwalt nicht genommen, ihr Freund rät ihr zu entspannen, das würde auch dem unschönen Ausschlag in ihrem Gesicht guttun. 
Was passiert aber, wenn das Opfer sich nicht mehr opfern möchte? Zum Gegenschlag ausholt? Wird sie als Heldin gefeiert, die sich, phönixgleich, erhebt um sich ihre Handlungsfähigkeit, ihr Leben zurückzuerobern? Oder…
Miriam Leroy erzählt unglaublich beklemmend und auf formal hohem Niveau ihre Geschichte, die natürlich auch unsere Geschichte ist. Sie fordert uns auf, in den Spiegel zu schauen und zu überlegen wer wir sein und wie wir handeln möchten.
 

Rote Augen

von Myriam Leroy

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Prophet
Frank Menden

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Wenn Sie einmal etwas wirklich NEUES und AUSSERGEWÖHNLICHES lesen wollen, dann müssen Sie zu diesem Buch greifen!

"Prophet" ist eine äußerst gelungene Mischung aus Thriller, Science Fiction, Horror, Action - und Liebesgeschichte.

Elitesoldat Adam Rubinstein soll eine Reihe merwürdiger Erscheinungen untersuchen . Ihm wir der indische Agent Sunil Rao zur Seite gestellt, der die Fähigkeit hat zu erkennen, wann jemand lügt.

Bals müssen die beiden Mäner erkennen, daß sie einer großangelegten Verschwörung auf der Spur sind: irgenjemand hat es geschafft eine Substanz herzustellen, die bei den Menshen, die mit ihr in Berührug kommen, nostalgishe Gefühle auslöst - und die hervoregrufenen Sehnsuchtsobjekte manifestieren sich auf bedrohliche Art und Weise...

Nehmen Sie sich nichts vor und tauchen Sie in diesen wirklich besonderen Thriller ein. Die Handlungstränge greifen reibungslos ineinander, das Buch entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Ein wunderbar wendungsreicher und hospannender Roman , der einen nicht mehr losläßt.
Suchtgefahr!

Prophet

von Helen Macdonald, Sin Blaché

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Übertretung
Frank Menden

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Nordirland 1975.
Das Leben der 24jährigen Cushla Lavery bietet kaum Zerstreuungen. Neben ihrem Beruf als Lehrerin arbeitet sie an manchen Abenden in der von ihrem Bruder geführten elterlichen Bar, zuhause kümmert sie sich um ihre alkoholkranke Mutter.
Für einen Schüler, den kleinen Davy, der von seinen Mitschülern drangsaliert wird, setzt sie sich besonders ein. Vor allem, als dessen Vater in die Berufsunfähigkeit geprügelt wird.
Der Bürgerkrieg steht kurz vor der Eskalation, die katholischen Laverys müssen in ihrer protestantischen Umgebung sehr genau darauf achten was sie sagen und wie sie handeln .
Als Cushla mit dem wesentlich älteren verheirateten Anwalt Michael Agnew ein Verhältnis eingeht, gestaltet sich ihr Leben zunehmend wie ein Ritt auf einem Pulverfass….

Louise Kennedy schildert in ihrem Roman „Übertretung“ - ein wunderbar mehrdeutiger Titel - aufs eindringlichste die Allgegenwärtigkeit der Gewalt im Nordirland der 1970er. Der von Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel übersetzte Roman zeigt das Leben in einer polarisierten Gesellschaft, in der Alkohol, Gewalt und gedankenlos übernommene Vorurteile Hand in Hand gehen und eine Atmosphäre der Angst und Unfreiheit erzeugen. Sehr plastisch schildert Kennedy die zwischen Emanzipation und Misogynnie mäandernde Welt in der sich Cushla bewegt . Dabei spart sie trotz aller Trostlosigkeit nie an Humor und bewahrt auch in den emotionalen Passagen einen erfrischend unkitschigen Blick .
Ein eindringliches, berührendes Buch , welches immer noch erschreckend aktuell ist.

Übertretung

von Louise Kennedy

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Sommer
Frank Menden

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Der Sommer 1989 wird für Anna ein lebensentscheidender. Zusammen mit ihrem Cousin Martin verbringt die elfjährige die heissen Tage in einem ostdeutschen Ort an der Elbe. Sie ist Vollwaise und lebt bei ihrer Großmutter. Auch Martin wächst ohne Vater auf, der ist jedoch freiwillig gegangen. Freundschaft , Trennung und Verlust sind die Motive dieses Sommers, der für Anna den Abschied von ihrer Kindheit bedeutet.
Über einen Zeitraum von 26 Jahren begleiten wir Anna, unterteilt in drei Abschnitte: 1989, 2000 und 2015. Die Zeit dazwischen wird ausgespart, wir Leser*innen müssen uns manches zusammenreimen, einiges bleibt offen. Ganz wie im wirklichen Leben, wenn wir Menschen immer mal wieder über lange Zeitabstände hin begegnen. Aber gerade diese Leerstellen wirken wie ein Resonanzraum für die Ereignisse. Ein Hauch Melancholie weht durch die Seiten und obwohl Felicitas Geduhn große existenzielle Probleme behandelt, bleibt der Roman von einer zarten Poesie , verwandelt Trauer in Trost. Ein seltsam beglückender Roman, der dem Sommer eine neue Facette auf sein Gewand pinselt. Unaufgeregt, tiefgründig und wunderschön.
 

Sommer

von Felicitas Geduhn

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Bournville
Frank Menden

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Jonathan Coes Roman „Bournville“ , übersetzt von Catherine Hornung und Juliane Gräbener-Müller, spielt ebendort. In einer Kleinstadt, in der die Schokoladen von Cadbury hergestellt werden.
Hier lebt Mary Lambert, und an sieben Ereignissen, beginnend mit den Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 08.05. 1945, festmachend, erleben wir ihr Leben und das ihrer Familie. Wir begleiten sie durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens und erleben dabei britische ( und europäische) Zeitgeschichte, lieben, bangen und hoffen mit ihnen. Bis die Geschichte am 08.05.2020 mit den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa endet.
Bis dahin hat sich gezeigt , dass Mary das Kraftzentrum ihrer Familie, alle zusammengehalten hat, und dass Nationalismus, Rassismus und auch der europäische Schokoladenkrieg nicht vor ihr und den ihren Halt macht.

Jonathan Coe ist ein so unterhaltsamer wie lehrreicher Roman geglückt, ein Familienroman, der die Geschichte geschickt mit dem Schicksal einer Familie verknüpft. Voller Humor, Empathie und leiser Melancholie.
"TheGuardian" nennt den Roman „Ein bitter-süßeres Stück Britishness“ - und genauso ist es. Ein Roman wie aus einem (Schoko-) Guss.

Bournville

von Jonathan Coe

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Das Meer der endlosen Ruhe
Katja Schneider

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„Das Meer der endlosen Ruhe“ ist eines dieser klugen, besonderen und sprachlich wunderbaren Bücher, die man aufschlägt, hineinfällt und vom ersten bis zum letzten Wort genießt. Es ist außerdem eines dieser Bücher, deren Inhalt schwer in wenige Sätze zu fassen ist, weil er so komplex ist. Ich versuche es mit ein paar Häppchen: Es geht um Zeitreisen. Im Jahr 2401 lebt die Menschheit auf dem Mond und noch weiter von der Erde entfernten Gebieten. Gasperys Leben auf dem Erdtrabanten ist recht eintönig, bis er erfährt, dass im sogenannten „Zeitinstitut“ ein Apparat steht, mit dem Zeitreisen möglich sind. Das ist der Weckruf für den jungen Mann und er schafft es, rekrutiert zu werden und in die Vergangenheit zu gelangen. Sein Auftrag: Einer Art Datenverschiebung nachzuspüren, die sich durch aufblitzende Dunkelheit, Geigenklänge und einem „Wusch“-Geräusch sicht- und hörbar machen und in der Vergangenheit immer wieder auftritt. Zoey arbeitet ebenfalls beim Zeitinstitut und gesteht ihrem Bruder Gaspery, dass die Vermutung besteht, dass das menschliche Leben nur eine Idee, eine Simulation sein könnte.

Emily St. John Mandel verwebt die Handlung mit Geschehnissen aus ihren Romanen „Station 11“ (ehemals „Das Licht der letzten Tage“) und „Das Glashotel“. „Das Meer der endlosen Ruhe“ kann natürlich als Einzelwerk gelesen werden, aber noch mehr Freude bereitet es, im Anschluss oder vorher diese Bücher zu lesen, die ich ebenfalls liebe und auch Leser_innen, die sonst nie Dystopien lesen, sehr empfehlen kann.

Das Meer der endlosen Ruhe

von Emily St. John Mandel

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Unter Freunden
Frank Menden

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New York ist ein hartes Pflaster. Für Schauspieler wie Flora und Julian, die ihr Geld mühsam verdienen und zusammenhalten müssen, gilt dies auf jeden Fall. Denn nicht nur sie selbst und Tochter Ruby, sondern auch Julians Theaterensemble wollen finanziert sein. Als sie ein Angebot aus der Filmmetropole Los Angeles bekommen, das beiden gut dotierte und vor allem sichere Jobs bietet, fällt die Entscheidung nicht schwer: endlich durchatmen können, kürzer treten, mehr Zeit für Ruby haben - und der besten Freundin wieder nah sein, die dort die Hauptrolle in einer erfolgreichen Serie spielt.
Alles perfekt! Wäre da nur nicht der Ehering Julians, den Flora zufällig in der Garage findet - und den ihr Mann angeblich vor Jahren beim schwimmen verlor. Misstrauen macht sich breit und schon bald ist die vermeintliche Idylle vergiftet…..

Ich habe „Das Nest“ sehr geliebt und mit freudiger Erwartung Cynthia D‘Aprix Sweeneys neuen Roman „Unter Freunden“ gelesen. Ach was, verschlungen habe ich den wunderbar übersetzen Roman!
Mitreißend und intelligent gebaut bietet er beste Unterhaltung, schildert mitreißend und pointiert die Lebenswege der Figuren, und hat nur einen Nachteil : er ist viel zu schnell zu Ende. Ich hätte Flora, Julian, Ruby und die anderen noch viele 100 Seiten begleitet, jederzeit, überall.
Beste intelligente Unterhaltung!

Unter Freunden

von Cynthia D'Aprix Sweeney

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Hotel Silence
Frank Menden

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Hätte nicht Audur Ava Olufsdottir dieses Buch geschrieben ich hätte wohl bei der Beschreibung „Das einfühlsame Porträt eines Mannes, der weit reisen muss, um sich selbst zu finden“ die Flucht ergriffen, klingt es doch zu sehr nach „Erbauungsliteratur“ a la John Strelecky.
Aber da ich schon zwei Romane der isländischen Autorin gelesen habe und sie bis heute feier ( „ Schmetterlinge im November“ & „Miss Island“ ) wusste ich : „Hotel Silence“ , übersetzt von Tina Flecken, wird mich nicht enttäuschen!
Audur Ava Olafsdottir erzählt die Geschichte von Jonas, der auf einen Schlag die drei Frauen in seinem Leben verliert ( die Ehefrau verlässt ihn, seine Tochter ist nicht seine leibliche Tochter, die Mutter gleitet in die Demenz ab ), und dem das Leben generell mehr und mehr abhanden kommt, bis er sich entschließt, in einem fremden Land seinem Leben ein Ende zu setzen …
Diese Geschichte wird sehr ernsthaft und doch skurril, ironisch und charmant und ganz und gar eigen erzählt.
Natürlich kommt es anders als man denkt, und dann noch einmal anders und wiederum auch nicht , schlägt die Geschichte Haken, wird sehr sehr ernst und berührend und dann doch wieder heiter(er) - wie es eben einfach nur diese Autorin erzählen kann.

2018 wurde der Roman in Island preisgekrönt und endlich ist er in der deutschen Übersetzung erhältlich.
Ein Roman, der sich nicht zuordnen lässt, der nichts für jede(n) ist , ein Roman, der berührt, traurig und glücklich zugleich macht, von einer Autorin, die der große Sjon „als Kartographin der Herzen unübertroffen“ bezeichnet.
Und vor der ich mich wieder einmal verbeuge, beglückt und bereichert durch ein einzigartiges Stück Literatur.
 

Hotel Silence

von Auður Ava Ólafsdóttir

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Weiter Sehen
Katja Schneider

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Die namenlose Ich-Erzählerin, wohnhaft in Budapest, reist in den Südosten Ungarns, wo sie in einem der Dörfer dieser Gegend ein altes Kino entdeckt. Während sie es näher betrachtet, wird ihr von einem der Dorfbewohner angeboten, das alte Gebäude zu erwerben. Und sie, eine große Kinoliebhaberin, gibt sich dem Reiz hin, dem „Mozi“ (ungarisch für „Kino“) neues Leben einzuhauchen. Gesagt, getan, wird alles gründlich entstaubt, geflickt, gewienert und mit anderen Enthusiast_innen in cineastischen Erinnerungen geschwelgt und plötzlich hat das Dorf wieder ein funktionierendes Lichtspielhaus. Doch wird dieses Märchen länger als einen Sommer andauern?

Bereits an anderer Stelle erwähnte ich meine große Begeisterung für Esther Kinskys Schaffen als Autorin und Übersetzerin und auch „Weiter Sehen“ ist wieder einmal sprachlich wie inhaltlich famos geraten und ich möchte fragen: Wenn Sie ins Kino gehen, dieser Moment, wenn das Licht ausgeht und Sie erwartungsvoll auf die Leinwand schauen, Zuspätkommende mit geducktem Rücken und Handykamera versuchen, möglichst unauffällig ihren Platz zu erreichen, wenn um Sie herum das Popkorn raschelt, wenn Sie dann ganz und gar im Zugucken- und Zuhören aufgehen und nach dem Abspann benommen wieder in die Helligkeit taumeln, ist das nicht wunderbar und etwas ganz anderes als Heimkino à la Netflix, wo wir zwischendurch mal gucken, was bei Instagram los ist und dann spulen wir plötzlich eine Szene vor und dann folgt man der Handlung nur noch so semi und dann gar nicht mehr und warum dauert die eine Szene so lange? Und auch das ist ein ganz wichtiges Thema für die Autorin und ein sehr interessanter Exkurs im Buch: Nicht nur WAS, sondern vor allem WIE wir sehen, macht einen großen Unterschied. 

Sie haben es vielleicht schon geahnt: Dieses Buch empfehle ich dringend allen Leser_innen, die nicht nur Bücher sondern auch das Kino lieben!

Weiter Sehen

von Esther Kinsky

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Gratisessen für Millionäre
Simone Finkenwirth

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„Im Leben gab es so vieles, was man sich nicht leisten konnte, dennoch musste man sich zumindest die Hoffnung bewahren und von Zeit zu Zeit den Ort des Begehrens besuchen.“ Das könnte Caseys Lebensmotto sein. Sie ist die tragende Figur in Min Jin Lees Roman „Gratisessen für Millionäre“.

Die Koreanerin hat ihren Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an einer Eliteuniversität absolviert, doch einen Job hat sie noch keinen. So ist Casey wieder zu Hause eingezogen. Als Casey eines Abends ihre Stimme gegen den Vater erhebt, eskaliert die angespannte Familiensituation. Der Vater flippt aus, schlägt Casey. Sie flüchtet daraufhin zu ihrem Freund Jay. In seiner Wohnung angekommen, überrascht sie Jay bei einem Liebesspiel mit zwei Frauen. Casey macht also kehrt und sucht Unterschlupf im Hotel. Doch wie lange wird ihr Geld reichen? Anstatt es zu hüten, gibt sie es am nächsten Tag komplett für Klamotten aus. Casey hat ein Faible für schöne Kleidung. Aber hilft ihr das jetzt wirklich weiter?

Min Jin Lees Einstieg ist extrem spannungsgeladen. Danach ist es weniger laut, aber die Spannung reißt nicht ab. Atemlos folge ich der 22jährigen Frau, die versucht, in der teuren Stadt zu überleben, dabei ihren Platz in der Gesellschaft und der Businesswelt zu finden. Ich erlebe eine Frau, die zerrissen ist zwischen den traditionellen Ansichten ihrer Herkunft, ihren eigenen Wünschen und dem Wohlstand um sie herum. Das Leben ist hart, so sollte auch die Arbeitswelt sein, das haben ihr die Eltern vorgelebt. Warum sollte sie nach Selbstverwirklichung streben? Warum eigentlich nicht?

„Gratisessen für Millionäre“ ist ein universeller Großstadtroman mit vielen Kontrasten, Herausforderungen und einer großen Themenpalette, die die Autorin galant einwebt, ohne dass die Geschichte überladen wirkt. Absolut mitreißend erzählt, unterhaltend wie bewegend. Obwohl kein lang anhaltendes Echo zurückbleiben wird, werde ich mich dennoch lächelnd an diese eine Woche purer Lesefreude zurückerinnern. Manchmal reicht auch das, um einfach glücklich zu sein.

Gratisessen für Millionäre

von Min Jin Lee

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Sprich mit mir
Simone Finkenwirth

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Bella Italia! Wenn ich an Italien denke, sehe ich Espresso, aromatische Tomaten vor mir. Wein ebenso und natürlich Elena Ferrante! Eine weitere italienische Autorin blitzt jetzt bei mir auch auf: Lidia Ravera. Merken Sie sich bitte diesen Namen. Und ich verspreche Ihnen, Sie werden keine Minute bereuen, die Sie mit der Ich-Erzählerin verbringen.

Trotz ihrer gelassenen Art hat Giovanna Feuer in sich - wie der schlummernde Vesuv. Giovanna ist ist klug und sie trägt ein Geheimnis in ihrem Herzen. Seit nunmehr 20 Jahren lebt sie deshalb zurückgezogen in ihrer Wohnung am Stadtrand von Rom, direkt am Tiber. Doch eines Tages wird ihre Stille von neuen Nachbarn zerstört. Maria und Michele ziehen mit ihren Kindern Malvina und Malcolm in die Nachbarswohnung ein. Maria und Michele fassen bald Vertrauen in ihre ältere Nachbarin, die Maria "Silbermähne" nennt. Was die beiden nicht wissen, beide Schlafzimmer sind durch eine Rigipswand getrennt und Giovanna versteht die abendliche Gespräche der beiden, schreibt sie auf und wird zur Chronistin ihrer Beziehung.

Giovanna öffnet sich Malvina, es rührt sie (und mich), sie kümmert sich mit großer Liebe um die Kleine, wenn ihre Eltern nicht da sind. Das Verhältnis zu Malcom, der eine andere Mutter hat, ist zunächst etwas unterkühlt, doch bald schon verbindet die beiden ein Band. Malcom ist ein umweltbewusster Junge, den wir wohl alle kennen. Das Leben aller hätte so weiterlaufen können, wenn da nicht Marias gutaussehender und charmanter Vater Pietro aufgetaucht wäre. 

Was für ein einnehmender und großartiger Roman! Er ist literarisch ausgefeilt, spannungsgeladen und von tiefer Menschlichkeit durchzogen. 

Lidia Ravera legt ihrer Heldin zahlreiche kluge Beobachtungen und Gedanken in den Kopf, die ich wie Löschpapier aufgesogen habe. Sie spannt einen breiten Bogen von dem revolutionären Italien der 68er bis zur Gegenwart. Beeindruckend und unvergesslich!

Sprich mit mir

von Lidia Ravera

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Der Dreh von Inkarnation
Katja Schneider

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Noch nie ist es mir so schwer gefallen, einen Text über ein Buch zu schreiben. Mein Kopf schwirrt noch immer ob all der Ideen, der großartigen Sprache und der Geschichte, ach, ich will „Der Dreh von Inkarnation“ sofort noch einmal verschlingen!

Grundsätzlich geht es um Bewegung. Lilian Gilbreth hat im 20. Jahrhundert gelebt und hat zusammen mit ihrem Mann Arbeits- und Bewegungsstudien in Fabriken durchgeführt und gilt als Pionierin auf diesem Gebiet. Viele Jahrzehnte später wird ihr Werk in einem Archiv durchstöbert und es fällt auf, dass eine der vielen Schachteln mit Studien, die sie hinterlassen hat, fehlt. Und genau diese Schachtel ist nun auf einmal von großem Interesse. Schnitt. Plötzlich sind wir an einem Filmset, ein Weltraumabenteuer namens „Inkarnation“ wird gefilmt und damit alle Bewegungen im luftleeren Raum täuschend echt aussehen, wird eine Firma engagiert, die sich damit auskennt. Und dazwischen wechseln die Schauplätze zwischen Windkanälen, Anwaltskanzleien und dergleichen mehr, es entspinnt sich aus allem eine Geschichte, die sich plötzlich zum Krimi auswächst und in der viel Zeit und Raum ist, um zum Beispiel detailverliebte Berichte über die Beschaffenheit von Glas einzustreuen.

Ja, das Ganze ist nerdig und erfordert Muße, aber die Lektüre lohnt sich, denn man lernt unglaublich viel, quasi im Vorbeigehen, Tom McCarthys Sprache macht süchtig und obendrein hat mich dieser besondere Roman nicht nur bestens unterhalten sondern auch sehr berührt!

Der Dreh von Inkarnation

von Tom McCarthy

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Bevor der letzte Zug fährt
Frank Menden

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Die 37jährige Ruth Whiting hat alles und doch eigentlich nichts. Ihr Ehemann Rex verdient als Zahnarzt sehr gut und ist nur an den Wochenenden zuhause, die beiden jüngeren Söhne gehen aufs Internat , die älteste Tochter Angela studiert in Oxford.
Finanziell mangelt es an nichts , doch Ruth gleitet langsam in eine Depression ab. Sie ist gefangen in immer gleichen Haushaltsritualen und in einer lieblosen Ehe, in der ihr Mann nicht nur Kraft seines Geldes über sie bestimmt.
Als Ruth erfährt, dass Angela ungewollt schwanger wird, möchte sie ihrer Tochter ihr eigenes Schicksal ersparen. Denn Ruth wurde selbst mit 18 schwanger und musste deshalb Rex heiraten…

1958 erschien Penelope Mortimers Roman „Bevor der letzte Zug fährt“ zum ersten Mal. Der nun @doerlemannverlag neu aufgelegte und von Kristine Kress übersetzte Roman zeigt die entwürdigen Situationen, denen Mutter und Tochter ausgesetzt sind, um die verbotene Abtreibung vornehmen lassen zu können.
Er zeigt aber auch in bissigen Dialogen , wie sich unter der wohlfeilen Oberfläche der gutsituierten Nachbarschaft Abgründe auftun, wie sich die Freundschaft der Frauen blitzschnell in Feindschaft verwandeln kann und wie sehr die Ehe einem Minenfeld gleicht , durch das man sich steif vor Angst vor drohenden Detonationen bewegt .
Bildstark, schonungslos und mit bitterem Witz hat dieser unterhaltsame Roman seiner Zeit die Kritik verwirrt und düpiert, Jahre bevor die Frauenbewegung in den 1960ern für das Recht auf Abtreibung kämpfte.
Es bleibt zu hoffen , dass der Verlag bald weitere Romane Penelope Mortimers veröffentlichen wird, denn sie zu lesen ist eine wunderbare Entdeckung und willkommene Bereicherung der literarischen Landschaft.

Bevor der letzte Zug fährt

von Penelope Mortimer

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Aufstand
Katja Schneider

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Aitor ist Rundfunkjournalist und -moderator und führt ein unaufgeregtes Leben in Madrid. Es gibt einige Dinge, die in seinem Leben anders hätten laufen sollen, aber auf eine Sache ist er wirklich stolz und macht alle anderen mehr als wett: Seine Tochter Ana, für die er alles tun würde. Und Ana? Diese hat die Schnauze voll von ihrem Vater, der so angepasst durchs Leben läuft, während ihre Wut auf die spanische Politik und die gesellschaftliche Schieflage wächst. Für die fast Erwachsene ist klar, dass etwas passieren muss und sie beschließt, von zu Hause auszureißen und ihr Leben einem größeren Zweck zu widmen. Außer sich vor Sorge engagieren ihre Eltern Luis, einen Privatdetektiv, von dem sie erfahren, dass ihre Tochter in einem besetzten Haus lebt. Während Aitor versucht, seine Tochter zurück zu bekommen, plant Ana etwas Aufwühlendes und Luis hat eigene Pläne, mit denen er Vater und Tochter in die Quere kommen wird.

José Ovejero hat eine schnelle, schonungslose und aufrüttelnde Geschichte über Familie und Gesellschaft geschrieben und ich bin restlos begeistert!
 

Aufstand

von José Ovejero

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Über die Berechnung des Rauminhalts I
Katja Schneider

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Die Eheleute Tara und Thomas Selter betreiben gemeinsam im Norden Frankreichs ein Versandantiquariat. Währender sich um die administrativen Dinge kümmert, fährt sie mehrmals im Jahr in ganz Frankreich umher, um neue Buchschätze zu heben. Es ist November und Tara ist wieder einmal unterwegs. Und am 18. November, morgens beim Frühstück im Hotel, als einem anderen Gast ein Stück Brot herunterfällt, fällt Tara auf, dass sie diese Szene bereits gestern schon einmal erlebt hat. Ein unglaublicher Moment und spätestens seit „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ein beliebtes Motiv in Filmen und anderen Büchern, dennoch ist es immer wieder faszinierend, zu sehen, wie der oder die Protagonist_in versucht, aus dieser zeitlichen Gefangenschaft auszubrechen und welcher Grund hinter dem ganzen Mysterium steckt. Tara kehrt zurück nach Hause und versucht zunächst gemeinsam mit ihrem Mann einen Ausweg zu finden. Was nur hat diesen Umstand hervorgerufen und welcher ist der richtige Weg zurück in das gewohnte Leben? Schnell ist klar: Für Tara ändert sich alles, sie wird auch älter, während für die anderen jeder neue 18. November ein frischer, unverbrauchter Tag ist.

Die Dänin Solvej Balle hat ein faszinierendes und komplexes Gedankenexperiment geschrieben, in dem es nicht um eine spektakuläre Auflösung geht. Vielmehr ist es eine Einladung, sich gemeinsam mit Tara auf den Umstand des wieder und wieder erlebten Tages einzulassen, sein Zeitgefühl neu zu justieren und gar das hier und jetzt zu leben. „Über die Berechnung des Rauminhalts 1“ ist der Auftakt einer auf sieben Bände angelegten Reihe und ich kann es kaum erwarten, diese zu lesen und mich wieder von der ruhigen Sprache in den Bann ziehen zu lassen.

Über die Berechnung des Rauminhalts I

von Solvej Balle

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Die Sekretärinnen
Simone Finkenwirth

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Ob Irmgard Keun den Roman „Die Sekretärinnen“ von Elin Wägner gelesen hat? Auszuschließen ist es nicht, denn Wägner hat von 1882 bis 1949 gelebt und war nicht nur schriftstellerlisch äußerst aktiv. Die schwedische Journalistin hat sich seinerzeit für das Frauenwahlrecht stark gemacht und gehört zu den Gründerinnen von Save the Children. Das hätte der Keun ebenso gefallen wie auch die Literatur der schwedischen Autorin. Als große Keun-Freundin war ich jedenfalls sofort begeistert. 

In „Die Sekretärinnen“ folge ich der Ich-Erzählerin Elisabeth, die mit Anfang zwanzig nach Stockholm in eine Frauen-WG gezogen ist. Obwohl Elisabeth zu ihrer wohlhabenden Verwandtschaft hätte ziehen können, entscheidet sie sich für ein selbstbestimmtes Leben in der Großstadt. Dazu gehört auch ein unbeliebter Job – als Sekretärin.

Zusammen mit ihren drei Mitbewohnerinnen versucht sie irgendwie durchzukommen. Das Arbeitsleben ist hart, vor allem zu einer Zeit, in der man als Frau eigentlich nicht arbeiten, sondern heiraten und Kinder kriegen sollte. Aber Eva, Emmy, Elisabeth und Baby sind Kämpfernaturen. Und sie schätzen durchaus die kleinen Freuden des Lebens: Den Duft von frischaufgebrühtem Kaffee, die arbeitsfreien Sonntage, das Lachen und Scherzen untereinander. 

Der Roman ist ziemlich aufgedreht, es sprudelt förmlich vor mitreißender Lebensenergie. Er ist mit viel Witz und doch auch großem Ernst geschrieben, denn die Journalistin berichtet über sexuelle Belästigung, Armut und nachdenklich stimmende Themen, die uns Frauen bis in die Gegenwart beschäftigen. Wägner hält jedoch die Balance, die Lektüre ist nie erdrückend, aber stets berührend. Und obendrein ungemein kraftvoll.

Die Sekretärinnen

von Elin Wägner

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Adam im Paradies
Frank Menden

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Endlich habe ich dieses Buch gelesen! Lange stand es auf MEINER Leseliste ( im Unterschied zu der „sollte ich für den Job lesen“-Liste), jetzt habe ich einfach die Novitätenflut durchbrochen und mich ganz „Adam im Paradies“ hingegeben.

Der Roman behandelt das Leben des ( mir bis dato völlig unbekannten) dänischen Malers Kristian Zahrtmann ( 1843-1917) erzählt in neun Kapiteln , die nach Werken Zahrtmanns benannt sind.
Dabei bleibt die Autorin ganz bei dem Künstler und schildert gänzlich aus seiner Sicht die Welt, in der er und seine Freunde und Bekannte leben ( eine Ausnahme gibt es , als Zahrtmanns Haushälterin über ihre Wünsche und Ängste spricht).
Durchbrochen werden die nicht chronologisch erzählten Kapitel durch grau markierte Passagen, in denen Protokolle der sogenannten Sittlichkeitsprozesse gegen homosexuelle Männer wiedergegeben werden ( 1906/ 1907 ) und die die Unterdrückung queerer Menschen eindrücklichst belegen.
Kristian Zahrtmanns eigene Sexualität ist nicht belegt, seine Homosexualität bleibt vermutet, auch im Text wird sie nie benannt.
Gleichwohl ist sie allgegenwärtig, in diesem sprachlich so kunstvollen Roman , der voller überbordender Sätze ist, dann wieder nüchtern und humorvoll .

Meine Worte reichen nicht aus um diesen Lesegenuss und Erkenntnisgewinn adäquat wiederzugeben.
Und auch wenn ich erst mit halbjähriger Verspätung ein weiteres kleines Licht den zahlreichen positiven Rezensionen hinzufüge: dieses Buch verdient jede Lobeshymne und wäre ein hervorragender Kauf zum #indiebookday - oder überhaupt.
Lest und liebt dieses Buch ????

Adam im Paradies

von Rakel Haslund-Gjerrild

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Koller
Simone Finkenwirth

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Schon nach dem ersten Satz hatte mich Annika Büsing. Da war dieser Sog, der mich seinerzeit gleich zu Beginn in „Nordstadt“ trichterförmig hineingezogen hat: Wortschmeichler und Sätze wie dieser: „So ist das
Leben: Wir pulen mit einem Stock in der Erde herum, bis die Mutter kommt, uns den Stock wegnimmt und uns sagt, dass wir vor dem Essen die Hände waschen sollen.“

Nach ihrem gefeierten und ausgezeichneten Debüt „Nordstadt“ waren die Erwartungen hoch. Und soll ich Ihnen etwas verraten? Ich finde den zweiten Roman noch besser. Vielleicht weil ich anfällig für Roadnovels bin. Oder für Gegensätze, die sich anziehen.

In „Koller“ treffen wir auf Sonne und Mond. Chris und Koller sind grundverschieden und gerade deshalb besonders anziehend. Die beiden lernen sich in Leipzig kennen, spüren sofort eine innige Verbundenheit. 
Und dann? Lassen sie sich nicht mehr los. Ich folge ihnen neugierig. 
Lächelnd, seufzend.

Wir fahren in einem alten VW Polo von Leipzig nach Ludwigsburg, danach weiter zur überlaufenden Ahr und von dort an die Ostsee. Was für eine aufregende Lesetour! Es kracht, es brodelt und gleichsam wird es still.

„Koller“ versprüht eine belebende Frische und ist äußerst beglückend. 
Obwohl nicht alle Themen fröhlich stimmen. Doch die Autorin hat ein Gespür dafür, schwere Lasten mit einem mitreißenden Flow von Leichtigkeit miteinander ausgewogen zu verbinden, dass man am Ende mit einem wohligen Seufzer das Buch zuschlägt und ruft: Bitte mehr davon!

Koller

von Annika Büsing

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Einzeller
Simone Finkenwirth

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Spüren Sie wie ich den Winter in den Knochen? Sind sie müde? Dann habe ich das richtige Buch für Sie: „Einzeller“ von Gertraud Klemm. Die Lektüre hat ordentlich geistiges Feuer und macht putzmunter.

Auch mit ihrem neuen Roman hat mich die vielfach ausgezeichnete Wiener Autorin sofort an ihrer Seite. Liegt es an der Geschichte? Oder ihrem Erzählton? Nun zuerst ist da der Erzählton. Sehr forsch und direkt öffnet die Sprache die Geschichte. Gertraud Klemm erzählt von einer ungewöhnlichen Frauen WG. Fünf unterschiedliche Frauen aus ebenso verschiedenen Generationen beziehen eine alte Schule, die zügig und renovierungsbedürftig ist. Die WG nennt sich Bienenstock. Jede Frau hat ihr eigenen politischen Standpunkt und persönliche Einstellung.

Da ist Simone – eine alte Feministin, die sehr aktiv ist und immer wieder mit Hasstiraden beschimpft wird, die sehr darunter leidet. Oder das Küken – Lilly. Die 22jährige will nachhaltig leben, ist Veganerin, studiert und hat einen Freund. Aber auch Eleonora, Maren und Flora haben ihr Vorstellungen und Meinungen. Als wäre das nicht schon Zündstoff genug, arbeitet die Autorin noch einen weiteren Brennstoff mit ein. Denn der Bienenstock soll mit zwei anderen WGs – einer queeren WG und einer WG mit älteren Frauen - Teil einer Reality Show werden. Alle WGs bekommen Gesprächsgäste und werden dabei gefilmt.

Einzeller ist witzig, laut, politisch, klug, feministisch - links und rechts, hoch und runter, kreuz und queer - denn das Buch ist auch ein Weckruf, weil der Feminismus trotz aller aktiven Frauen in den großen Kerngebieten bislang nicht die Veränderung geschafft hat. Ein Buch mit viel Gesprächspotenzial und ungemein belebend!

Einzeller

von Gertraud Klemm

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Zeit der Schuld
Frank Menden

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Lust auf einen Pageturner?
Dann greift unbedingt zu „Zeit der Schuld“ von Deepti Kapoor , übersetzt von Astrid Finke.

„Shantaram“ trifft „Der Pate“ trifft „Rashomon“ und „Midnight Express“, mit einem Hauch von „Oliver Twist“ und einer Prise Bollywood ( allerdings ohne Windmaschine und Gesang und Tanz).

Schon lange bin ich nicht mehr so durch 677 Seiten geflogen wie hier ( keine zwei Tage habe ich dafür gebraucht ).
Aber die Geschichte von Ajay, Sunny und Neda ist von den ersten Sätzen an so mitreißend wie es nur gute Literatur sein kann.
Eine Geschichte über Macht, Gier und Korruption, über bedingungslose Loyalität und Verrat, über fatale Familienbanden ( wörtlich zu nehmen ), zerstörerische Liebe und zerbrochener Illusionen - man kann sich der epischen Wucht, mit der Deepti Kapoor dies erzählt unmöglich entziehen.
Lange schon bin ich nicht mehr literarisch nach Indien gereist , hier bin ich völlig versunken in der Dekadenz der Ultrareichen der Megacities, war erschüttert von der bitteren Armut, abgestoßen von der körperlichen und psychischen Brutalität, die manchmal kaum auszuhalten war.
Und doch ist dieser große Roman unputdownable, kann man den sich aus tiefster Armut hochgearbeiteten Diener Ajay und seinen Arbeitgeber Sunny, den Erben des Mannes, der alle Strippen zieht, und die ehrgeizige Journalistin Nada erst wieder verlassen wenn die letzte Seite erreicht ist .
Großes Kino, große Literatur, „episch, verrückt, schockierend, brutal, zärtlich, herzzerreißend“, so Marlon James.
Stimmt alles !
Hammerbuch!

Zeit der Schuld

von Deepti Kapoor

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Der gewöhnliche Mensch
Frank Menden

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„Freunde waren die Bestätigung, dass andere einen akzeptieren, dachte Ragnar, und Menschen hatten sich so zu verhalten, dass sie akzeptiert wurden. Sonst wurde Gesellschaft unmöglich und das Leben für den Einzelnen zu schwer.“

Schon mit „Widerrechtliche Inbesitznahme“ hat mich Lena Andersson 2015 begeistert Ihr neuer Roman „Der gewöhnliche Mensch“ , übersetzt von Antje Ravik Strubel, ist für mich ein literarisches Vergnügen, dass viel Stoff zum nachdenken bietet.
Anhand des Protagonisten Ragnar Johansson, der die Werte der schwedischen Sozialdemokratie vollkommen verinnerlicht hat und lebt, seziert die Autorin die Prägung der Gesellschaft durch diese „Volksheim-Politik“.
Warum Leistungsdenken, Gemeinwohl, Fleiß und Rationalität schon bei der nächsten Generation auf Ablehnung stoßen und warum der Glaube an Unverletzlichkeit durch Strebsamkeit und Unterordnung in sich zusammenfällt und das Gewöhnliche als unzeitgemäß gilt - dies schildert Lena Andersson mit scharfsinnigem Witz und pointieren Sätzen, die ich zuhauf unterstrichen haben.

Über Svea, Ragnars Mutter, heißt es zum Beispiel an einer Stelle, dass sie „das Pech hatte, in einer Epoche jung gewesen zu sein, die das Alter verehrte, und alt zu sein in einer Epoche, die der Jugend huldigte.“

Der Roman, obwohl überwiegend in der Vergangenheit spielend, hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt sehr genau die fast unbemerkten Risse in unserem Leben auf und hinterlässt uns mit der Frage : „Was ist die richtige Art zu leben?“

Ich verneige mich vor Lena Andersson für diesen so klugen wie hintergründig witzigen Roman.
Ein Lebens - und Lesehighlight.

Der gewöhnliche Mensch

von Lena Andersson

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Delphi
Frank Menden

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Scharfsinnig und oftmals bitterkomisch : willkommen zu „Delphi“ von Clare Pollard , übersetzt von Anke Caroline Burger.

Eine Frau, Professorin für Klassik, Übersetzerin aus dem deutschen, Mutter und Ehefrau, beschreibt ihr Leben während der Pandemie. Aber keine Bange. Dies ist nicht nur ein Roman über Corona sondern zeigt auch , wie ein erlebter historischer Moment uns mit der Vergangenheit verbinden kann und einen Weg in eine wie auch immer geartete Zukunft weisen kann.
Clare Pollard zieht viele Referenzen heran, vom Orakel von Delphi über das „I Ging“ hin zu Tarotkarten und Wahrsagerinnen. Aber auch Hilma af Klint oder Lizzo finden ihren berechtigten Platz, während die namenlose Erzählerin sich aufreibt zwischen Homeschooling und Zoom Meetings mit ihren Student*innen und sie mehr und mehr darüber nachdenkt, ob ihr das eigene Leben überhaupt noch gefällt - mit dem Ehemann Jason, früher erfolgreicher DJ, jetzt mehr und mehr Langweiler, oder dem von Allergien geplagten 10jährigen Sohn Xander, der lieber YouTube Videos von idiotischen Jungmännern schaut als sich mit substantielleren Dingen zu beschäftigen.

Mir hat anfangs bei den ganzen Zitaten und Bezügen etwas der Kopf geraucht , aber dann bin ich der Erzählerin vollkommen verfallen, hab geschmunzelt und laut aufgelacht ob der pointierten Beobachtungen, die so treffsicher zu Papier gebracht werden.
Wir alle kämpfen jeden Tag mit der Gegenwart, der Last der Vergangenheit, den Unwägbarkeiten der Zukunft . Aber das ist das Leben . Und solche Bücher wie diese werfen ein Licht auf die Dinge und erhellen sie und uns.

Delphi

von Clare Pollard

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Lukusch
Frank Menden

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Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl kommt der 13jährige Anton Lukusch zusammen mit seinem ein paar Jahre älteren Freund Igor nach Deutschland. Die beiden Jungen sind im wahrsten Wortsinn unzertrennlich: sobald sie sich mehrere Meter voneinander entfernen oder sich in verschiedenen Räumen befinden, vermindern sich ihre Vitalfunktionen. Dieses Phänomen bleibt trotz ausgiebiger medizinischer und psychologischer Untersuchungen rätselhaft…

Dafür wird durch Zufall Antons Talent als Schachspieler entdeckt. Er wird als neues Wunderkind gefeiert, tritt bei „Wetten, dass…?“ auf, spielt gegen Kanzler Kohl und wird von der Industrie umworben , die dieses Talent für ihre Zwecke nutzen wollen.

Jahre später trifft der investigative Dokumentarfilmer Simon Ritter, ein Schulfreund Antons, auf Igor, seines Zeichens Schachgrossmeister - allerdings ohne seinen Freund Anton. Der scheint spurlos verschwunden zu sein.
Simon macht sich auf die Suche und tritt dabei einem mächtigen Gegner auf die Füße …

Was für ein gelungenes großes Vergnügen ist diese literarische „Mockumentary“ ! Der Autor Benjamin Heisenberg ist Regisseur und bildender Künstler und er überträgt den amerikanischen Paranoia Thriller der 1970er gekonnt in die BRD der 1980er und 2010er. Rasche Szenenwechsel, Cliffhanger, FakeFotos und Dokumente, überlebensgroße Charaktere, eine unerwiderte Liebe …
„Lukusch“ ist ein Roman, dessen Fabulierlust und mitreißende Geschichte einen nicht mehr loslässt.
Großes Kino zwischen zwei Buchdeckeln!

Lukusch

von Benjamin Heisenberg

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Wellen
Katja Schneider

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Böse Zungen könnten behaupten, Heinz Helles neuer Roman wäre wieder einmal der literarische Erguss aus dem Leben und der Gedankenwelt eines heteronormativen Cis-Mannes. Ich habe trotzdem begierig nach diesem Buch gegriffen, schon allein, weil es das literarische Gegenstück zu Julia Webers (wunderschönem und besonderen) „Vermengung“ darstellt. 

Der Titel hält, was er verspricht: „Wellen“ ist eine emotionale Berg- und Talfahrt, mal philosophisch und weise, mal ratlos und überfordert und dabei immer schonungslos, ehrlich und unterhaltsam. In beiden autofiktionalen Werken wird ihre Partnerschaft und die Geburt und das Leben mit einem zweiten Kind thematisiert und begleitet. Das jeweilige Ergebnis ist sprachlich und formal so unterschiedlich und hervorragend gelungen, dass ich mich sehr freue, beide Bücher gelesen zu haben.

Wellen

von Heinz Helle

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Planet ohne Visum
Sarah O'Connor

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Man muss nicht lange in dem über 600 Seiten starken Buch „Planet ohne Visum“ von Jean Malaquais lesen um zu verstehen, dass man ein veritables Meisterwerk in den Händen hält. 75 Jahre nach der Veröffentlichung im französischen Original, ist es in der Edition Nautilus - erstmals - in deutscher Sprache erschienen. Schauplatz ist Marseille im Jahr 1942. Ein Ort der Verheißung und Freiheit für einige, für andere ein Weg in die Deportation und Gefangenschaft. Malaquais lässt ein Füllhorn an Charakteren auftreten, viele an Personen aus seinem Bekanntenkreis angelehnt: Anna Seghers, Hannah Arendt, Victor Serge, Lion Feuchtwanger und andere. Auch dem Amerikaner Varian Fry, der in Marseille ein Rettungsnetzwerk führte und unter anderem Malaquais selbst zur Ausreise verhalf, wird ein literarisches Denkmal gesetzt. Wir begegnen Resistancekämpfer:innen, Kollaborateuren, Opportunisten, Spitzeln, Denunzianten und Menschen, die darum kämpfen, ihre Menschlichkeit zu bewahren. 

Ein Buch des Erinnerns, gegen das Vergessen und für die Freiheit.

Planet ohne Visum

von Jean Malaquais

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All die Frauen, die du warst
Frank Menden

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Wenn einen die eigene Mutter darum bittet, die Trauerrede auf ihrer Beerdigung zu halten, da kann man nicht „Nein“ sagen.
Im Fall von Hülya und ihrer Mutter Esra sieht das allerdings ganz anders aus - und dies aus gutem Grund. Denn die inzwischen in Paris lebende Hülya, die sich mittlerweile Julya nennt, hält Esra, die Ikone des türkischen Films und Theaters, für mitschuldig am Verschwinden ihres Vaters…
Widerwillig begibt sich Hülya auf eine Reise in die Vergangenheit und lässt sich erneut auf ihre faszinierende, exzentrische und widersprüchliche Mutter ein…

Es erstaunt mich sehr, dass dieser furiose Roman bislang so unter dem Radar läuft . Für mich ist „All die Frauen, die du warst“ von Sedef Ecer , übersetzt von Sonja Finck eins meiner Jahreshighlights.
Eng verknüpft die Autorin das Schicksal ihrer Protagonistinnen mit der wechselhaften Geschichte der Türkei und zeigt die Verstrickungen von Kunst und Politik - und das das Private immer auch politisch ist, gerade bei Esra Zaman, der ( fiktiven ) Filmdiva und ihren Freundinnen, darunter auch die Transsexuelle Bahar.
Herausgekommen ist ein ungemein fesselnder Roman über eine ungewöhnliche Mutter - Tochter Beziehung, ein Roman über die Liebe und das Leben, über Schuld und Verdrängung, das Kino und das Theater - und über das Verzeihen.
Ein wirklich großer Wurf, dem viele, sehr viele Leser*innen zu wünschen sind. Es wäre hochverdient!

All die Frauen, die du warst

von Sedef Ecer

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Der Wind erhebt sich
Frank Menden

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Eine Novelle über die Liebe ist dieses schmale Buch. Über die Liebe zwischen einem jungen Mann und seiner Tuberkulose erkrankten Frau. Der Mann begleitet Setsuko in ein Sanatorium und um den fortschreitenden Verfall seiner Geliebten ertragen zu können, beginnt er zuschreiben: über das Wetter, die Natur. Darüber entwickeln sich feine Assoziationen, er erkennt, dass er so der Realität ein Stück weit entfliehen kann, denn der Tod seiner geliebten Frau ist nicht aufzuhalten…
Inspiriert von einem Gedicht Paul Valerys ( Der Friedhof am Meer ) hat Tatsuo Hort in dieser Novelle auch sein eigenes Schicksal miteinfliessen lassen. Er litt selbst an Tuberkulose und konnte die letzten fünf Jahre seines Lebens nichts mehr publizieren. 1953 starb der Autor mit gerade mal 48 Jahren.
Zum ersten Mal kann man diesen wichtigen und berührenden japanischen Klassiker auf Deutsch lesen. Greifen Sie zu, Sie werden es nicht bereuen.

Der Wind erhebt sich

von Tatsuo Hori

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Haha Heartbreak
Frank Menden

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Liebeskummer ist, ich kann es nicht anders sagen, kacke. Man geht durch die Hölle, leidet wie ein Hund und man hat das Gefühl, dass man nie wieder aus diesem Loch herauskommt.
So geht es auch der Protagonistin in „HaHa Heartbreak“. Der Ex hat ihr Herz gebrochen, nun will sie es sich panzern, aber das mag einfach nicht gelingen. Nicht durch die Liegestütze, die sie täglich absolviert. Nicht durch die unzähligen Dates und One Night Stands. Und dann kommt doch einer durch, verhakt sich in ihrem Herz und obwohl sie es nicht will bleibt er da. Und mit ihm das ganze Chaos aus Bedürftigkeit, Nähe und Distanz, Wünschen…
Dieser Roman ist ein Ereignis, denn selten wurde über die Liebe und den Liebeskummer so treffend erzählt. Olivia Kuderewski hat einen ganz eigenen Ton: schroff, laut und voller Tempo, dabei witzig, durchaus explizit , rau - und durch und durch wahrhaftig.
Gutes Buch!

Haha Heartbreak

von Olivia Kuderewski

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Kachelbads Erbe
Katja Schneider

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Dieser Roman ist absurd und trotzdem wahrhaftig, er ist traurig und tröstlich gleichermaßen. Einfach toll!: Wir begleiten H.G. Kachelbad als Teilhaber einer Firma, welche Menschen nach ihrem geplanten Tod für ein Leben zu einem späteren Zeitpunkt einfriert, bei seinem ungewöhnlichen Arbeitsalltag. Auch über die "kalten Mieter" genannten Kunden und ihre Beweggründe, ihrem Leben vorzeitig ein Ende zu setzen, lesen wir. Ein Buch, das nachdenklich macht und lange nachwirkt.

Kachelbads Erbe

von Hendrik Otremba

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Träume aus Beton
Katja Schneider

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„Wie lautet die Formel für die Vernunft? Warum hat es gerade uns getroffen?“ Fragen, die Curro seinem Vertrauten Plácido immer wieder stellt. Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Seit vielen Jahren leben die beiden in einer Psychiatrie und seit einer schicksalhaften Begegnung auf dem Dach dieser Anstalt sind beiden miteinander verbunden: Curro als stets etwas derangiert scheinender Herr und Gebieter, Plácido als sein Butler, stets wie aus dem Ei gepellt und mit Rat und Tat zur Seite stehend. Kiko Amat beleuchtet in vielen Rückblenden das Leben und Leid des jungen Curro, von durch Kriege gebeutelten Großeltern, von seiner psychisch labilen und adipösen Mutter, von einem zutiefst unzufriedenen Vater, von einer Familie, das das Unglück magisch anzuziehen scheint. 
Der spanische Autor erzählt ungeschönt und kraftvoll und gleichzeitig zärtlich und leise vom Leben hinter Beton, in dem einem nur die Träume (vom hoffentlich einmal gelingenden Ausbruch, von einem alternativen Leben in der Normalität) bleiben. Für mich ist dieser Roman eine großartige literarische Entdeckung und eines meiner Lieblingsbücher dieses Jahres.
 

Träume aus Beton

von Kiko Amat

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Sommerjungs
Frank Menden

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Sie scheinen vom Schicksal begünstigt: die Apothekerfamilie Chastaing lebt in einer Villa im mondänen Biarritz, die Ehe der Eltern ist glücklich, die drei Kinder sind wohlgeraten. Vor allem die beiden älteren Anfang 20jährigen Brüder Thadee und Zhachee sind wahre „Sommerjungs“: passionierte Surfer, blond, attraktiv, unwiderstehlich. Als Thadee beim Surfen durch den Angriff eines Hais ein Bein verliert, offenbaren sich sukzessive die Risse in der allzu glatten Fassade der Familie - und legen erschreckende Abgründe frei….

Wer einen leichten Sommerroman möchte lasse bitte die Finger von Emmanuelle Baymack-Tams neuen Roman. Denn „Sommerjungs“ ( übersetzt von Christian Ruzicska) ist alles andere als dies. Die Autorin zelebriert den Verfall einer vermeintlich glücklichen Familie, schildert diese aus verschiedenen Perspektiven in einer bissigen und unverblümten Sprache. Leicht und locker liest sich diese Studie über den Glanz und das Elend der Bourgeoisie, ich musste öfter schmunzeln und genauso oft schlucken.
Schon der Vorgängerroman „Arkadien“ , eine Satire über Alt 68er in einem Camp, dass der freien Liebe frönt, hat mich ( wenn auch nicht restlos) begeistert.
„Sommerjungs“ hat nochmals eindrücklich bewiesen, dass Emmanuelle Baymack-Tam zu den besten französischen Autor*innen der Gegenwart gehört.
Ein anderer Sommer- und Surferroman, der hoffentlich noch viele Leser*innen so begeistern wird wie mich .
Lesen!

Sommerjungs

von Emmanuelle Bayamack-Tam

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Was es braucht in der Nacht
Frank Menden

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„Was es braucht in der Nacht“ von Laurent Petitmangin, übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller, erzählt von einem Mann, der sich nach dem Tod seiner Frau um die beiden Söhne ( sieben und zehn Jahre alt) alleine kümmert.
Alles geht lange gut, bis Fus, der ältere der beiden, in der Schule abrutscht. Das Studium in Paris tritt sein jüngerer Bruder an.
Nicht so schlimm denkt der Vater, doch dann entdeckt er, dass Fus Clique aus Rechtsextremisten besteht….

Wie strapazierfähig ist die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, wie lange kann man die Augen verschließen - und was passiert, wenn dies nicht mehr geht?
157 Seiten hat dieser Roman. Kein Wort ist zu viel, jeder Satz sitzt. Die Tragödie bahnt sich unaufhaltsam ihren Weg - und das Ende vergisst man nicht .
Große Leseempfehlung für dieses beeindruckende, erschütternde Buch!

Was es braucht in der Nacht

von Laurent Petitmangin

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Fallstudie
Frank Menden

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2019 erhält der Autor einen Brief von einem ihm Unbekannten, der ihm die Tagebücher einer Verwandten als Grundlage für einen Roman anbietet. Seine Cousine habe sich nicht mit dem Selbstmord ihrer älteren Schwester abfinden können, und hatte sich in Therapie bei dem Therapeuten begeben, den sie für den Suizid ihrer Schwester verantwortlich machte. Mit der erdachten Persönlichkeit Rebecca Smyth habe sie sich bei dem im London der 1960s berüchtigten Therapeuten Collins Braithwaite als Patientin eingeschlichen und ihre Erfahrungen schriftlich festgehalten.

Der Autor studiert die ihm zugesandten fünf Notizbücher und setzt sie in Verbindung mit Braithwaites schillernder Biografie und seinem umstrittenen Werk….

„Fallstudien“ ist der neuste raffinierte Roman Graeme Macrae Burnets , übersetzt von Georg Deggerich.
Raffiniert insofern, weil Burnet es wie kaum ein anderer Autor versteht Fakten und Fiktion zu vermengen und somit eine ganz eigene Atmosphäre zwischen Wahrheit und Fantasie schafft.
Der Roman ist eine höchst vergnügliche Studie über instabile Persönlichkeiten, psychische Gesundheit und gesellschaftlicher Erwartungen vs innerer Realität. Mit trockener Ironie und britischem Humor ist dieses Buch , das sich so eingehend wie augenzwinkernd mit der Gegenkultur der 1960s beschäftigt, eine ebenso intelligente wie vergnügliche Lektüre, bei der man sich gern auf falsche Fährten locken lässt.
Ein Roman jenseits der Genregrenzen, dessen gelungenes Cover kongenial den Inhalt spiegelt.

Fallstudie

von Graeme Macrae Burnet

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Wenn niemand nach dir sucht
Frank Menden

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Madeline „Maddie“ Schwartz hat das Undenkbare getan: mit 37 Jahren trennt sie sich von ihrem erfolgreichen Ehemann und lässt ihn und den gemeinsamen Sohn in der großen Villa zurück. Sie will nicht mehr länger das Anhängsel eines wohlahabenden Mannes sein sondern auf eigenen Füssen stehen. Ihre eigenen Entscheidungen treffen und ja, sie will selbst Karriere machen , am besten als Journalistin.
Doch im Baltimore des Jahres 1967 ist dies nicht so einfach und niemand scheint auf Maddie gewartet zu haben. Durch ihre - geheime - Beziehung mit einem schwarten Polizisten bekommt sie Wind von einem Leichenfund in einem Brunnen. Sie wittert eine Story, doch die Zeitungen winken ab: eine tote Schwarze interessiert niemanden. Maddie ermittelt auf eigene Faust - und ahnt nicht, wie viel Ärger ihr ihre Geschichte einbringen wird. Denn die Geschichte der toten Cleo Sherwood ist eine Geschichte, die niemand hören will…
Laura Lippmann hat einen fesselnden Emanzipationsroman geschrieben, der gleichzeitig auch ein Gesellschaftsporträt der späten 1960er ist. Gewürzt mit einer Prise Detektivgeschichte zeigt dieser Roman anschaulich, wie und was Frauen in der damaligen Zeit sein hatten- und das war nicht besonders rosig.
Ein faszinierender Roman, der dazu noch mit einem ganz besonderen Twist aufwartet!

Wenn niemand nach dir sucht

von Laura Lippman

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Otmars Söhne
Sarah O'Connor

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Als zehnjähriger Junge lernt Dolf seinen zukünftigen Stiefvater Otmar Smit und damit, das erste Mal in seinem Leben, so etwas wie Väterlichkeit kennen. Otmars leibliche Kinder sind musikalische Genies, sie an der Violine, er am Klavier. Da der kleine Klaviervirtuose ebenfalls Dolf heißt, wird Stiefsohn-Dolf kurzerhand in Ludvig umgetauft; Beethovens Geist ist im verwinkelten Smit Haus in Venlo allgegenwärtig. Als Erwachsener reist Ludwig als Shell Angestellter auf die sibirische Insel Sachalin um sich dort mit dem CEO der Firma „Sakhalin Energy“ zu treffen und ist überzeugt: bei Johann Tromp handelt es sich um seinen, bisher als Leerstelle in Erscheinung getretenen, Erzeuger. Dies ist der Auftakt zum ersten Teil einer angekündigten Trilogie, die es mit 600 Seiten in sich hat und vor Lebendig – und Abgründigkeit überzuschäumen droht.

Otmars Söhne

von Peter Buwalda

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Ein schreckliches Land
Katja Schneider

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Ach, wie sehr ich dieses Buch mag! Je näher ich dem Ende kam, desto mehr versuchte ich, das Lesen in die Länge zu ziehen, dabei wollte ich doch auch wissen, wie die Geschichte ausgeht! Andrej Kaplan, der tragische Held dieses Romans, sagt von sich selbst: „Ich war nicht wirklich ein Idiot. Aber ich war auch nicht kein Idiot.“ Da kommt ihm der Anruf seines älteren Bruder Dima gerade Recht: Ob er nicht bitte an seiner statt auf die Großmutter aufpassen könne, er müsse beruflich fort. Andrej willigt ein und reist von New York, wo sein Leben vor sich hindümpelt (er arbeitet als wenig erfolgreicher, von seiner Freundin frisch verlassener Literaturwissenschaftler an der Uni) in seine Geburtsstadt Moskau, die seine Eltern viele Jahre zuvor mit ihren Söhnen verlassen hatten, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr (Lebens)glück zu (ver)suchen. Zurück in Russland muss sich Andrej erst einmal an sein neues und gleichzeitig altes Leben gewöhnen, auch an das WG-Leben mit seiner fürsorglichen und dementen „Omama“, die seit über 50 Jahren in ihrer Wohnung lebt und vom Leben genug hat, alle die sie liebt und kennt, sind fort. Und so begleiten wir das ungleiche Paar in urkomischen und schrecklich traurigen, oft herzzerreißenden Szenen und Andrej bei seinen Versuchen, in Moskau Fuß zu fassen, Freunde und gar die große Liebe zu finden. 
Keith Gessen, selbst in Moskau geboren und in die USA emigriert, hat nicht nur einen mit herrlichen Anekdoten gespickten warmherzigen Roman geschrieben, sondern gibt auch viele interessante Einblicke in das politische und gesellschaftliche Leben in Russland und lädt dazu ein, sich noch einmal mit frischem Blick diesem besonderen, auch schönem, „schrecklichen Land“ zu widmen.

Ein schreckliches Land

von Keith Gessen

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Sieben Tage Windstille
Frank Menden

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Nach sieben Jahren kehrt Huma nach Korsika zurück , ihren Geburtsort. Die Menschen begegnen ihr freundlich, stammt Huma doch aus einer bedeutenden und angesehenen Familie der Insel.
Doch die Rückkehr ist kein bloßes „Nachhause kommen“. Huma will sich ihrer mit der Geschichte der Insel verknüpften Familiengeschichte stellen und hinter das Geheimnis kommen , das ihre Angehörigen und Vorfahren begleitet und ihre Beziehungen zueinander nach und nach vergiftet hat....

Laure Limongis Debütroman „Sieben Tage Windstille“, übersetzt von Valerie Schneider, hat mich umgehauen und nachhaltig begeistert. Umgehauen, weil es sprachlich so elegant , so wunderschön und bei aller Poesie so klar und eindeutig ist. Begeistert, weil hier die Verknüpfung von Politik und Privatem so beiläufig wie stringent gelingt .
Ein überaus reifer Roman, der, so ruhig er auch erzählt ist, jede Menge Stürme freisetzt: in seinen Protagonist*innen und den Leser*innen.
Unbedingt lesen!!!

Sieben Tage Windstille

von Laure Limongi

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Wie die Gorillas
Frank Menden

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Einmal begonnen muß Esther Beckers Roman "Wie die Gorillas“ auch sofort inhaliert werden. Denn so pointiert, mit einem wunderbaren Humor und der gebotenen Drastik wird hier die Geschichte einer jungen Frau ( und ihren Freundinnen ) erzählt. Episodenhaft und stringent erfahren wir von den Verunsicherungen, den Selbstzweifeln in einer vermeintlich weltoffenen Gesellschaft, in der alles geht , in der jede selbst bestimmt , wie sie sein möchte. 
Esther Becker zeigt die Realität hinter dieser Theorie , das Unwohlsein im eigenen Körper, der als unpassend , hässlich empfunden wird, was sich als Gefühl des insgesamt Unvollkommenen manifestiert und in die soziale Isolation führt.
Mit viel Empathie wird dies erzählt, sehr direkt, und auch ich als schwuler Mann jenseits der 50 habe mich in vielen Dingen erkannt und verstanden gefühlt.

Wie die Gorillas

von Esther Becker

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Die Sanftmütigen
Katja Schneider

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Mit großer Begeisterung habe ich den sprachlich und inhaltlich umwerfenden Roman "Die Sanftmütigen" des bulgarischen Autors Angel Igov verschlungen, der zurecht aufgrund der herausragenden Übertragung ins Deutsche durch Andreas Tretner auf der Nominiertenliste für den Preis des Leipziger Buchpreis 2020 in der Sparte Übersetzung stand. In diesem Buch wird ein Tabuthema der bulgarischen Geschichte thematisiert: "Volksgerichte" urteilten 1944/45 über ehemalige Machtinhaber und unbequeme Zeitgenossen und räumten somit schnell und effektiv innerhalb weniger Monate vor allem in der bürgerlichen Elite auf. Ein sprachmächtiges und wichtiges Buch!

Die Sanftmütigen

von Angel Igov

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