Dennis Lehane ist zurück! Und er ist wieder extrem gut. Daher überrascht es mich nicht, dass der Großmeister der Spannungsliteratur jüngst in die Krimibestenliste eingestiegen ist.
Die Story ist von Beginn an geladen, der Ton rau, also nichts für feinfühlige Geister. Mary Pat ist eine der Hauptfiguren, Mutter der 17jährigen Jules. Mary Pat hat ihren Sohn an einer Überdosis verloren, nachdem er aus dem Vietnam Krieg zurückgekehrt war. Und jetzt hat sie nur noch ihre Jules. Als die eines Morgens von ihrem nächtlichen Ausflug mit Freunden nicht nach Hause kommt, wird Mary Pat unruhig. Sie befragt in ihrem Viertel - Southie - alle, die sie kennt, mischt an Stellen auf, an denen sie eher ruhig bleiben sollte, und bekommt es dann mit den Bossen der Schattenwelt zu tun. Mary Pat ist verzweifelt, sie hat eine große Wut in sich und lässt all das nach draußen, wird gewalttätig. Während alle sagen, Jules sei nach Florida abgehauen, spürt sie, dass Jules etwas Schlimmes zugestoßen sein muss. Und noch eine Frage drängt sich auf: Hat Jules etwas mit dem Tod des Schwarzen zu tun, der in besagter Nacht umgebracht worden ist? Zeugen haben den Toten mit vier Jugendlichen zuletzt am Bahnhof gesehen...
Nicht nur Mary Pat ist geladen, auch der Stadtteil Southie in Boston ist es. Denn demnächst sollen dunkelhäutige Kinder in die Schulen der Weißen wechseln. Dagegen protestieren die Menschen – diesen Vorfall hat es tatsächlich gegeben. Dennis Lehane ist 1974 mit seinem Vater in den Protestzug in South Boston geraten und konnte diesen einschneidenden Moment bis heute nicht vergessen. Und bis heute ist der Rassismus nicht verschwunden. Das ist genauso erschreckend, wie die Geschichte, die hinter dem Mord des Schwarzen steht.
„Sekunden der Gnade“ lässt einen nicht los. Während der Lektüre nicht und auch danach bin ich bei der Geschichte und den vielen Figuren, die Dennis Lehane wieder grandios zeichnet. Dieses Buch ist spannend, wird mitunter befeuert von knallharten Dialogen, hat aber genauso weiche Stellen, die berühren und voller Weisheit sind: „Einmal blickt er zur Seite, als sie ihn gerade mit einem verstohlenen Lächeln ansieht, und erwägt die Möglichkeit, dass das Gegenteil von Hass nicht Liebe ist. Sondern Hoffnung. Denn Hass braucht Jahre, um sich zu entwickeln, aber Hoffnung kann um die Ecke gefegt kommen, wenn man nicht mal hinsieht.“
„Sekunden der Gnade“ zählt zum Besten, die der Krimimarkt derzeit zu bieten hat. Und ich weiß, warum ich diesen Autor so lange schon lese und bewundere.
Sekunden der Gnade
von Dennis Lehane
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