Wir urteilen täglich, meistens unbewusst. Es sind vor allem unsere Vorstellungen und Prägungen, die uns dabei lenken. Nur wer gibt schon gern zu, dass er sich getäuscht hat in seiner Meinung? Elisa Hoven macht dies auf zutiefst menschliche Weise. Allein dafür möchte ich das Buch allen in die Hand drücken. Die Autorin ist Professorin für Strafrecht und Richterin im Sächsischen Verfassungsgerichtshof. Aber nicht nur deshalb ist die Lektüre lesenswert.
Elisa Hoven hat bereits Bücher geschrieben. Mein Kollege Frank Menden schwört sehr auf „Strafsachen“, das sie zusammen mit Thomas Weigend geschrieben hat. Während dieses ein Sachbuch ist, handelt es sich bei „Dunkle Momente“ um einen Roman. Allerdings ist es keiner mit einer stringenten Handlung, sondern eine Sammlung aus verschiedenen Geschichten um die Hauptfigur herum.
Neun Fälle sind es insgesamt und es ist wirklich alles dabei, was wir schon mal irgendwo gehört und gelesen haben. Oder es sind vollkommen neue Fälle und Einsichten. Manches scheint eingangs als ausweglos, entwickelt sich im Verlauf der Recherche als plausibel.
Wie die Geschichte des Kannibalen. Frank Schanzer wird angeklagt, einen Mann umgebracht zu haben. Und mehr noch: Körperteile gegessen zu haben. Dass Tobias Rennler diesen Tod aus freien Willen wollte, weil er in sich das Bedürfnis gespürt hat, scheint uns allen suspekt, aber: „Sexuelle Phantasien sind unsere intimsten Gedanken...“ Was sie herausfindet und belegt, ist bemerkenswert.
Die Geschichten gehen wirklich sehr nah, aber sie sind wichtig und alle eint: Eine tiefe Menschlichkeit seitens der Verteidigerin, die stets nach dem Warum sucht.
Einige denken jetzt vielleicht: Moment, das kenne ich doch von Ferdinand von Schirach. Stimmt! Doch beide haben ihren eigenen Ton. Dieses Buch empfinde ich anders. Vor allem durch die offenherzigen Einsichten und Denkimpulse. Vor allem Laien wie ich werden mit Staunen und Entsetzen durch das teilweise verzwickten Justizsystem geführt.
Was ebenfalls bemerkenswert ist, sind Hovens Töne für die Nebenfiguren: „Dabei geben sich die Anstaltsleiter meist große Mühe, das Leben der Inhaftierten erträglich zu machen. Viele, die dort arbeiten, haben Sozialpädagogik studiert, sie sind das Gegenteil dessen, was man aus amerikanischen Filmen kennt. […] Und es ist ein Kampf, denn die wenigsten Politiker wollen mehr Geld für Straftäter ausgeben, damit gewinnt man keine Wähler.“
Das sitzt. Und noch etwas passiert bei der Lektüre und dem fabelhaften Hörbuch - eingesprochen von der Schauspielerin Nina Kunzendorf: Einige Aussagen halten mich an, lassen mich länger über die Fälle nachdenken sowie über Elisa Hovens Worte: „So vieles erklärt sich aus der Kindheit des Menschen.“ Da haben wir sie: Unsere Prägungen.
Wenn ich also das nächste Mal urteile, werde ich mit Sicherheit länger innehalten. Denn jede, jeder hat seine Geschichte, handelt nicht ohne Grund.
Dunkle Momente
von Elisa Hoven
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